Mitarbeiter Thore Horch geht durch den leeren Premierensaal mit 551 Plätzen im Kino International in der Karl-Marx-Allee in Mitte (Bild: dpa/Jens Kalaene)
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Kommentar | Infektionsschutzgesetz - "Wahlen gewinnt man eben eher im Baumarkt als im Theater"

Katastrophale Aussichten für die Kultur mit dem Infektionsschutzgesetz? Ach was! Tonleitern in Hinterhöfen, Hamlet im Dänischen Bettenlager: Alles erlaubt. Maria Ossowski sieht mit der Gesetzesnovelle gravierende Folgen auf die Kulturbranche zukommen.

Es steht fest. Alle kulturellen Veranstaltungen werden mit dem neuen Infektionsschutzgesetz, mit der Bundesnotbremse verboten, wenn die Inzidenz drei Tage hintereinander 100 überschritten hat. Fünf Werktage muss sie unter 100 liegen, faktisch eine Woche, wenn Kinos, Konzerthäuser oder Theater danach wieder öffnen wollen.

Alle hervorragenden Hygienekonzepte, oft mit hohen Investitionen umgesetzt, sind nicht berücksichtigt worden. Die Pilotprojekte, die zeigten: Niemand steckt sich in der Philharmonie oder im Berliner Ensemble an, wenn alle sich an die Regeln halten - sie werden ignoriert. Die dringenden Appelle der Berliner und Hamburger Kultursenatoren, Klaus Lederer und Carsten Brosda, wenigstens Open Air zu erlauben, haben nicht gefruchtet.

Kein kulturelles Verantwortungsbewusstsein in der Politik

Beide Politiker sitzen im Bundesrat. Beide scheinen kein Gehör bei ihren Kolleginnen und Kollegen zu finden. Wahlen gewinnt man eben eher im Baumarkt als im Theater. Viele Politiker scheinen jedes kulturelle Verantwortungsbewusstsein verloren zu haben. Es ist ein Gesetz aus dem Kanzleramt. Dort angesiedelt ist auch die Funktion der Kulturstaatsministerin. Monika Grütters kann deshalb nicht gegen ein Gesetz aus dem eigenen Haus protestieren, selbst wenn sie vermutlich recht unglücklich damit ist. Spätestens jetzt zeigt sich: Ein vom Kanzleramt unabhängiges Kulturministerium ist dringend nötig.

Da das Gesetz auch die Gastronomie, die Hotellerie und die Veranstaltungswirtschaft in den Ruin treiben kann, ist die Kultur nur ein Problemfall unter vielen. So verzweifeln die hoch engagierten Kulturverbände, die seit Wochen Sturm laufen gegen die undifferenzierten Verbote. Die besondere Rolle der Kultur wird nicht gewürdigt, die Kunstfreiheit ist kein Thema. Die Kulturleute sollen sich nicht so anstellen, die empathiefreie Order der nordrhein-westfälischen Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Pönsgen wirkt noch nach.

Hamlet vor dem Keksregal

Ironie hilft bei der Frage, welche Alternativen dann für diesen Sommer bleiben, so nicht ein Wunder geschieht und die Zahlen mit den Impfungen sinken. Vielleicht eine kleine, intime Serenade im Hinterhof? Nein, verboten! Erlaubt nur, wenn ein Solo-Geiger dort übt. Auch Zuhören ist möglich, aber nur alleine, also nur, wenn Sie Unkraut zupfen, Fenster putzen oder den Müll runterbringen. Dann dürfen Sie genießen, aber Vorsicht, ab und zu muss ein falscher Ton dabei sein, sonst wird aus Etüden ein Konzert. Am besten sollten Künstlerinnen und Künstler nur Tonleitern spielen, dann sind alle auf der sicheren Seite.

Hamlets Monolog mit Maske im Supermarkt vor dem Regal mit den Prinzenrollen? Sein oder Nichtsein, es wäre skurillerweise erlaubt im korrekten Abstand der Einkaufswagen. Möglich wäre auch eine Premiere um Hamlet, den Prinzen vom Dänemark, im Dänischen Bettenlager, aber natürlich nur mit vorheriger Anmeldung und negativem Test.

"Wir sind nur noch erschüttert"

Ganz im Ernst: In diesem Gesetz ist leider nirgendwo zu spüren, dass sich unsere Volksvertreter besondere Mühe gegeben hätten, die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Kultur angemessen zu würdigen, etwa durch ein wenig Verständnis für aufführungspraktische Probleme. Verbote sind allerdings leichter zu ertragen, wenn sie weniger pauschal, sondern differenzierter daherkommen.

Kulturmacher und Kulturgenießer waren und sind zu allem bereit, Nibelungenring mit FFP2-Maske, Figaro-Chor ebenfalls maskiert, Massentests vor dem Konzerthaus. Wir achten die Sorge um die Gesundheit aller, wir sind das Gegenteil von Corona-Leugnern, aber wir sind ob dieses Rasenmäherprinzips in einem Gesetzestext nur noch erschüttert.

Sendung: Inforadio, 21.04.2021, 12:55 Uhr

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Beitrag von Maria Ossowski

24 Kommentare

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  1. 24.

    Selbiges gilt für Büros, Onlinehandel-Zustellungs-Fabriken etc. Was Arbeitsplatzsicherheit betrifft passiert aktuell viel zu wenig.

  2. 23.

    Wie immer geht es in solchen Diskussionen nur um die Sicherheit der Zuschauer. Es geht aber auch um die Sicherheit der Menschen im Orchestergraben, auf der Bühne und hinter der Bühne. Und da ist die Sicherheit einfach nicht zu gewährleisten. Und darum finde ich im Moment die Schließung zumindest der Opernhäuser logisch und konsequent.

  3. 22.

    Sie waren 45 Jahre nicht im Theater?
    Na, dann können wir diese ja getrost schließen.

    Sie waren 45 Jahre nicht im Theater?
    Ach so, das wollten Sie hier endlich mal loswerden.

    Sie waren 45 Jahre nicht im Theater?
    Dann haben Sie bestimmt vergessen, was das eigentlich ist.

    Sie waren 45 Jahre nicht im Theater?
    Wenn es Sie beruhigt - man hat Sie dort nicht vermisst.



  4. 21.

    Wie immer geht es in solchen Diskussionen nur um die Sicherheit der Zuschauer. Es geht aber auch um die Sicherheit der Menschen im Orchestergraben, auf der Bühne und hinter der Bühne. Und da ist die Sicherheit einfach nicht zu gewährleisten. Und darum finde ich im Moment die Schließung zumindest der Opernhäuser logisch und konsequent.

  5. 20.

    Einfach mal sagen, dass diesmal nicht der "blanke Hans" zu Besuch gekommen ist (wie 1962), sondern ein Virus, das noch größerflächiger verteilt ist.

  6. 19.

    Derweil hat Hamburg seit 2 Wochen schon eine Landesverordnung, die in weiten Teilen schärfer ist als das neue Infektionsschutzgesetz. Ergebnis - von 136 runter auf 109. Noch etwas durchhalten, und dann sind wir unter 100 und unabhängig von der Bundesbeschränkung.

    So muss es gehen. Liebe Hamburger, bitte den konsequenten Kurs beibehalten!

  7. 18.

    Über 100 bedeutet es gilt die Regelung des Bundes. Unter 100 gilt die Regelung der Länder.
    Eine Regelung was passiert unter welcher Zahl gibt es nicht (oder gilt das berühmte A4 Blatt das Müller präsentiert hat).
    Auch die Berliner Ampel hat keine Regelung .... was passiert wenn alles grün ist.
    Selbst das IFSG hat keine Regelung bei unter 35 festgelegt.

  8. 17.

    "Oder will jemand ernsthaft die Behauptung aufstellen, dass bei einem Rockkonzert nach einer Stunde alle gesittet auf ihren Stühlen sitzen und brav in die Hände klatschen?"
    Ähm - als Rockmusikfan - ehrlich - nein. Ist wie Autofahren ohne Motor, Kajak fahren ohne Paddel ;-).

    Ich habe so etwas nur ein einziges Mal erleben dürfen, nun gut, kein Rockkonzert in dem Sinne, das war eher eine Spitzendarbietung - und die liegt gefühlt Ewigkeiten zurück:
    https://www.rbb-online.de/unternehmen/presse/presseinformationen/pressearchiv/2007/radioeins_uebertraegt.html
    Kostprobe:
    https://www.youtube.com/watch?v=EMRJT2ebvAk&ab_channel=MarkKnopfler

    Solche Veranstaltungen würden aber problemlos gehen.

  9. 16.

    Ja, und Menschen unterscheiden sich gerade dadurch von Tieren, dass sich ihr Leben nicht auf Arbeiten, Fressen und noch ein anderes Wort mit "F" beschränkt.

    Allerdings ist es natürlich auch "schwer Arbeitenden" überlassen, ob sie den Feierabend in der Kneipe, vorm Fernseher, im Fitnessstudio oder im Theater oder Kino verbringen wollen. Hinsichtlich dessen, was man für entspannend und kraftspendend hält, sollten Sie vielleicht nicht von sich auf andere schließen.

    Kultur gibt es übrigens auch kostenlos oder für ein paar Euro, letzteres erst recht für sozial Bedürftige. In manche Kinos zum Beispiel kommt man für wenige Euro hinein. Teils muss man nach den entsprechenden Angeboten nur ein wenig suchen, in der Regel handelt es sich dann aber auch nicht um einmalige, sondern um ständige.

  10. 15.

    Ich wollte eigentlich darauf hinaus, dass ja seit Monaten u.a. von den Kulturbetrieben ein Öffnungsszenario, eine Perspektive gefordert wird.
    Ich bin jetzt noch nicht so vertraut mit den tatsächlichen Auswirkungen der neuen Beschlüsse der Bundespolitik, aber wenn ich das richtig verstehe, bedeutet doch eine Schließung ab Inzidenz 100 im Umkehrschluss auch eine Öffnung ab einer Inzidenz unter 100. Oder wie ist das auszulegen? Dies erschiene mir jedoch in absehbarer Zeit machbar.
    Dass man bis dahin in die Barbarei abrutschen wird, wage ich zu bezweifeln, da ist jetzt halt auch bei jedem Menschen die Pflege der ganz persönlichen Kultur gefragt.

  11. 14.

    Danke für diese offenen und klaren Worte!

  12. 13.

    Dieser Beschluss ist so arm und zeigt die ganze Verdorbenheit und Kulturlosigkeit dieser Regierung. Und ja, es wird sich immer eine Person von tausend finden lassen, die infiziert ist, damit ja nur keine Kultur stattfinden muss.
    Und ja, liebe Mitforisten, Kultur ist nicht dazu da, Gewinne oder Subventionen zu erwirtschaften, sondern spielt in einer anderen Liga: Emotionen, Menschlichkeit, Moral, Gewissen.
    Wir sind fassungslos über dieses Gesetz. Viel Spaß in der Barberei!

  13. 12.

    Das Konzept ausgesprochener Gegnerschaft ist ein sehr kurzsichtiges, was glaubt, durch gemachten Ärger längerfristige Änderungen zu erreichen. Eigentlich ja ein Paradox. Die Ökologiebewegung bspw. hat gezeigt, dass über das anfängliche Anti hinausgehend Veränderungen daraus resultieren, dass positive Anstöße gegeben werden, nicht zuletzt durch Institute und durch eine ausgefeilte Wissenschafts- und Forschungslandschaft, die besagten Umständen tatsächlich nachgeht, somit kein anderer daran vorbeikommt.

  14. 11.

    Ich bin meinem Kino seit über 20 Jahren treu und ging seit 24.08. wieder mindestens einmal wöchentlich hin und kann sagen: Das Konzept dort hat funktioniert. Wer sich im Kino über 10 Wochen nicht ansteckt, hat doch eigentlich die Pandemie durchgespielt, oder? Die echte Brutstätte ist noch immer der ÖPNV und vielleicht sind es auch noch diverse illegale private Veranstaltungen. Warum das keiner berücksichtigt, sondern weiter die bestraft, die sich so vielen Vorgaben gebeugt und gekämpft haben, ist mir schier unbegreiflich. Hauptsache realitätsfremde dürfen auf demokratisches Grundrecht pochen und hirnlos durch die Gegend rennen und andere anstecken. Um deren Leben kämpfen dann hingebungsvoll ausgebeutete Pflegekräfte.
    Die aktuellen Entscheidungsträger haben es sicher nicht leicht, aber ich kann mir nicht erklären, wieviel Hintergrundwissen uns vorenthalten bleibt,dass ein solches Verhalten rechtfertigt. Wenn es da nichts gibt, dann macht es die getroffenen Entscheidungen umso absurder

  15. 10.

    Ich finde es auch schlimm, dass man die Kultur in den Ruin treibt, allerdings rächt sich jetzt die jahrelange schier endlose Regierungstreue der Branche.
    Man ist kein ernstzunehmender Gegner mehr.

  16. 9.

    Wann war ich dasletztes mal im Baumarkt vor 2
    Wochen
    Wann war ich im Theater vor 45 Jahen in meiner Heimatstadt, da wurden Tickets noch gefördert. Fehlt mir heute also im Moment in Berlin auch nicht besonders. Gehoert nicht zum taeglichen Leben, der Einkauf, der Spaziergangund das Cafe schon.

  17. 8.

    Dann müssen wir jetzt eben zusehen, dass wir fünf Tage nacheinander die Inzidenz unter 100 bringen. Wenn ich es richtig verstehe, darf dann ja geöffnet werden. Das sollte doch schaffbar sein.

  18. 7.

    Das Rasenmäherprinzip verkörpert die Juristerei selbst, die unterschiedslos alle nach dem gleichen Ellen bemisst. Davor, dass differenziert wird und Ermessen herrscht, davor stehen Menschen wie Christian Lindner, die dann von "rechtsfreien Räumen" und Willkür dozieren. In anderen Ländern ist dies anders - in Portugal, in den Niederlanden, selbst in den USA, wo sich ansonsten gegenseitig mit Millionenklagen wegen Nichtigkeiten überzogen wird. In solchen Lagen stehen sie (allerdings) zusammen.

  19. 6.

    Ich denke einfach, die grundsätzliche Schwierigkeit besteht darin, dass zwischen Kultur und Kultur juristisch nicht unterschieden werden kann, ohne damit ein Einfallstor für Klagen angeblich vermeintlicher Benachteiligung zu schaffen. Die Öffnung von Theater, Oper, Schauspielhaus dürfte von den befürchteten Infektionen her kein Problem darstellen, weil sich die Kommenden zu 99 % an alle Regeln halten. Auch ist das Dargebotene dazu angetan, dass Menschen sich freuen, nicht aber, dass sie regelrecht "aus dem Häuschen geraten" und faktisch "neben sich" stehen. Das aber ist die Befürchtung bspw. bei Rockkonzerten, die mit gleicher Berechtigung Kultur sind. Kein noch so ausgefeiltes Konzept könnte dies verhindern. Oder will jemand ernsthaft die Behauptung aufstellen, dass bei einem Rockkonzert nach einer Stunde alle gesittet auf ihren Stühlen sitzen und brav in die Hände klatschen?

  20. 5.

    Kultur ist eben immer gaaaanz unten in der Rangliste der freiwilligen Leistungen bzw. Maßnahmen in der Politik und auch der Verwaltungen. Einkaufen gehen wesentlich mehr Menschen als ins Theater oder Kino. Muss man mal auch so feststellen. Andererseits ist Kultur auch immer das geistige Spiegelbild einer kreativen und pluralistischen Gesellschaft; das meistens ohne Profit. Da schauen wir mal, auf was derzeit mehr Wert gelegt wird ohne Nachfragen von machbaren Möglichkeiten...

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