Flugzeuge stehen am 01.08.2013 auf Parkpositionen des Flughafens Berlin Tegel (Quelle: dpa).
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Flughafen Tegel wird 40 Jahre alt - Wunderbare Wabe

Kurze Wege, kühnes Design, bei seiner Eröffnung galt der Flughafen Tegel als einer der modernsten Europas. Am Donnerstag wurde das ehemalige Westberliner Tor zur Welt 40 Jahre alt. Es hätte längst geschlossen sein sollen – aber solange der BER nicht fertig ist, ist TXL der Meister der Improvisation. Von Sebastian Schneider

Mit dem Taxi vor das Gate rollen, 70 Schritte bis zur Maschine – und ab über die Wolken. Berlin-Tegel, der erste "Drive-In-Airport" der Welt: Vor 40 Jahren, am 23. Oktober 1974 wurde er eröffnet. Der "TXL" war seiner Zeit voraus.

"Fliegen ist das Scheußlichste was es gibt", bemerkte ein Mitglied der Jury, die den Entwurf für den neuen Westberliner Flughafen aus 68 eingereichten Modellen wählte. Der Gedanke: Wenn es schon so scheußlich ist, will man das ganze Bohei drumherum so kurz und vergnüglich halten wie möglich. Berlin brauche deshalb einen "modernen, auf bequemes Reisen zugeschnittenen Flughafen".

"Der tollste Flughafen der Welt"

Modern also, eine gewaltige Wabe aus Stahl, Beton und Glas, auf der Innenseite halten Autos und Busse, auf der Außenseite parken ringsum die Flugzeuge. Sechseckige Sitzgruppen, Check-In-Schalter aus gelbem Fiberglas, die Decke ein Stahlgerippe - ein Bau wie ein Raumschiff. Für den damals 31-jährigen Hamburger Architekten Meinhard von Gerkan und seinen Partner Volkwin Marg war Tegel das erste Großprojekt ihrer Karriere. "Wir dachten, es wird ein weltweites Vorbild", hat von Gerkan einmal dem "Zeit-Magazin" gesagt.

Für ihn war Tegel nur der Anfang, er plante auch die Flughäfen in Moskau, Stuttgart, Hamburg - und den unseligen BER. An seiner Westberliner Wabe kann sich von Gerkan noch heute berauschen: "Das Gefühl zu haben, dass der Flughafen im Herzen der Stadt ist. Auch in seinem Ambiente, diesem geschlossenen Ring, übersichtlich, und wenn man ein bisschen Zeit hat, läuft man einmal rum und kommt wieder an der gleichen Stelle an", sagte von Gerkan dem rbb. Tegel habe seit seiner Eröffnung bewiesen, ein hochfunktionaler Flughafen zu sein. "Ich kenne keinen einzigen Fluggast, der nicht sagt, dass es der tollste Flughafen der Welt ist", verkündet der 79-Jährige. Und von Gerkan, das darf man ihm glauben, ist in seinem Leben viel geflogen.

Raketentests und Rosinenbomber

Als er Mitte der sechziger Jahre seinen ersten großen Coup plant, ist Westberlin eine abgeschnittene Insel im Osten. Der Flughafen Tempelhof ist durch die steigenden Passagierzahlen überlastet. Für ihr neues Tor zur westlichen Welt wählen die Alliierten und die Berliner Regierung ein Gelände im Norden der Stadt - in Tegel haben sie bereits Erfahrung mit der Fliegerei.

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts werden hier Luftschiffe getestet, 1930 eröffnet der erste Raketenflugplatz der Welt. Wernher von Braun startet mit seinen Versuchen in Tegel seine Karriere - später forscht er im Auftrag Hitlers an der Vernichtungswaffe V2 und für die NASA.

Nach dem Kriegsende übernehmen die französischen Alliierten das Kommando in Tegel und bauen einen Militärflugplatz. Während der Blockade Westberlins landen hier die ersten "Rosinenbomber", zehntausende Berliner haben die Start- und Landebahn in nur 90 Tagen zusammengezimmert.

Am 2. Januar 1960 kommt die erste zivile Maschine nach Tegel, kurz darauf schwebt Marlene Dietrich ein, in einer "Caravelle" der Air France - zum ersten Mal seit 30 Jahren besucht sie ihre Geburtsstadt. Tempelhof können viele der neu entwickelten Düsenmaschinen nicht mehr anfliegen, die Landebahn ist zu kurz. Der Flughafen inmitten Berlins kann nicht erweitert werden - also beginnen 1969 die Bauarbeiten auf dem 466 Hektar großen Gelände in Tegel.

Seinen ersten Berliner Flughafen lobpreist er bis heute - auf seinen zweiten, den BER, spricht man ihn besser nicht an: Tegel-Architekt Meinhard von Gerkan Bild: dpa-Bildfunk

Für sechs Millionen Gäste pro Jahr ausgelegt

Die meisten Flüge verlassen Westberlin damals Richtung Bundesrepublik und sind entsprechend kurz. "So war eines der Hauptkriterien, einen Flughafen zu haben, wo die Wege am Boden so kurz wie möglich sind, damit nicht ein Missverhältnis entsteht zwischen der Reisezeit und der Zeit, die man am Boden zubringt", sagt der ehemalige Tegeler Flughafendirektor Robert Grosch dem rbb. Von den zwei Waben, die von Gerkan und Marg geplant haben, wird zunächst nur eine gebaut.

Trotzdem erscheint der Plan bei der Eröffnung 1974 mutig, hier sechs Millionen Fluggäste pro Jahr abzufertigen. Das Transitabkommen hat den Auto- und Zugverkehr zwischen der BRD und Westberlin inzwischen vereinfacht. Nur die Air France ist bereit, nach Tegel umzuziehen - British Airways und Pan Am wollen in Tempelhof bleiben.

"Der Flughafen wurde völlig verbaut"

40 Jahre später hat Tegel fast viermal soviele Passagiere wie geplant - die Hauptstadt und ihr ewig unfertiger Großflughafen BER sind der Wabe im Westen über den Kopf gewachsen. Die Moderne hat von Gerkans Konzept überholt, Tegel wirkt heute provinziell. Kurze Wege sind nicht mehr in Mode: Stattdessen sollen es Fluggäste möglichst weit haben und sich lange im Terminal aufhalten - damit sie an vielen Geschäften vorbeikommen und Geld ausgeben. "Mir gefällt nicht, was mit Tegel geschehen ist", ätzte von Gerkan. Überall seien Läden und Schnellrestaurants eingerichtet worden. "Der Flughafen wurde völlig verbaut."

Auch das Sicherheitskonzept mit den Kontrollen an jedem einzelnen Gate ist heute veraltet: Als der Flughafen geplant wurde, gab es in Europa keine Flugzeugentführungen. Heute sind die Bestimmungen schärfer - es ist wesentlich einfacher, Passagiere durch einen "Flaschenhals" zu leiten, um sie gemeinsam zu kontrollieren.  

Noch mindestens vier Jahre am Leben

Seit der Entscheidung für den Großflughafen BER 1996 schienen die Tage Tegels gezählt, mit dem Ende vor Augen sparten die Gesellschafter an nötigen Investitionen. Eigentlich sollte der Flughafen schon seit mehr als zwei Jahren geschlossen sein. Das Desaster in Schönefeld aber hält Tegel noch eine Weile am Leben, mindestens zwei weitere Jahre. Bis dahin wird hier jeden Tag improvisiert.

Im September kamen fast zwei Millionen Fluggäste, mehr als je zuvor, bis zu 52 Maschinen starten und landen hier jede Stunde. Es gibt keinen Bahnanschluss, die einzige Zufahrtsstraße ist regelmäßig verstopft. Die Wege im Sechseck sind inzwischen nicht nur zu kurz für Warteschlangen, sondern auch viel zu eng. "Ob die Security zusammenbricht, weil es zu lange dauert, ob die Gäste ihren Flieger verpassen obwohl sie zwei Stunden vorher da waren, wenn sie am Terminal C abfliegen - es ist hart", sagt Daniela Probst, die sich als Ramp-Agent für die Abfertigung der Flugzeuge am Boden kümmert.

Draußen auf dem Feld, direkt neben den Kleingartenkolonien, drängen sich die Maschinen. "Wenn hier ein Flugzeug Verspätung hat, weil ein Passagier nicht beim Gate erschienen ist und der Koffer wieder ausgeladen wird, führt das häufig dazu, dass ein anderes Flugzeug warten muss hier am Flughafen. Weil es mittlerweile so wenig Parkpositionen gibt", sagt der Fluglotse Philipp Anders. Der Bienenstock aus Beton, er surrt jetzt fast ununterbrochen.

Kurz vor Beginn des Lufthansa Streiks am 20.10.2014 hat sich eine lange Schlange vor dem Schalter im Flughafen Tegel gebildet (Quelle: rbb/Miriam Keuter)
Fast viermal soviele Passagiere pro Jahr wie geplant - in Stoßzeiten stehen sich die Fluggäste in Tegel auf den Füßen.Bild:

Geliebtes Betonmonster

Das Erstaunliche bei alldem aber ist: Gemessen daran, dass der Flughafen heute zu mehr als 300 Prozent ausgelastet ist, funktioniert er überraschend ungestört. "Wenn hier nur die Lotsen gut arbeiten, wenn nur das Bodenpersonal sein Letztes geben würde, würde das nicht funktionieren. Es funktioniert, weil alle sich anstrengen, weil alle wissen, dass es von ihnen persönlich abhängt", sagt Philipp Anders.

Und schimpfen hilft ja nicht - solange der BER nicht mehr als eine Ruine ist, hängen die Berlinerinnen und Berliner buchstäblich an diesem eigenartigen Monster der Moderne. Im Rückblick wirkt es wie das Hauptquartier eines Filmbösewichts: Curd Jürgens sitzt im Tower und streichelt eine weiße Katze, Sean Connery schießt sich den Weg frei. Tegel mag funktional erdacht worden sein, aber kitzelt die Phantasie.

Inzwischen kann man seine Liebe zum Flughafen mit Hipster-kompatiblen T-Shirts, Tassen und Jutebeuteln ausdrücken, "I love TXL" steht darauf gedruckt, statt einem Herzen prangt eine rote Wabe auf dem Logo. Auch Meinhard von Gerkan hat sich bereits eingedeckt, bei einem Termin trug er seinen TXL-Beutel spazieren. Und es gibt eine eigene Fan-Seite auf Facebook. Dort hat einer geschrieben: "Kein Mensch braucht BER."

Mit Informationen von Franziska Schulz und Karin Reiss