Archäologen und Grabungstechniker arbeiten am 25.02.2015 an einer Ausgrabungsstelle nahe Schmölln im Landkreis Uckermark (Brandenburg). (Quelle: dpa)
Video: Brandenburg aktuell | 25.02.2015 | Riccardo Wittig | Bild: dpa-Zentralbild

Urnen, Gräber und Skelette - Spektakuläres Gräberfeld in der Uckermark entdeckt

Riesige Steinkreise, unversehrte Urnen, aufwändige Feldsteinsetzungen und ein tonnenschwerer Kasten samt Skelett: Landesarchäologen haben bei Schmölln ein Gräberfeld von in Brandenburg nie gekannten Ausmaßen entdeckt. Für die Archäologen ist es eine Sensation, denn der Fund ist von Grabräubern komplett verschont geblieben. Damit das so bleibt, haben sie den Fundort bislang geheim gehalten. Von Alexander Goligowski

Es ist eine routinemäßige Voruntersuchung zu der die Archäologen im Juni 2014 an die Autobahn 11 nach Schmölln ausrücken. Das letzte Stück Reichsautobahn soll verschwinden und vor Ort ein sogenanntes Regenwasserrückhaltebecken errichtet werden. Monate vor Baubeginn blicken die Archäologen unter der Leitung von Rainer Bartel mit Hilfe der Geophysik ins Erdinnere.

Schnell ist Bartels und seinen Kollegen klar: In 10 bis 80 Zentimeter Tiefe schlummert ein hochspannender Fund. "Die anschließende Grabung wird keine normale sein. So etwas macht man nur einmal im Leben. Wir sind hier auf etwas Einmaliges gestoßen", erinnert sich Bartel an den Moment. Auf den Bildern, die das Georadar liefert, sind Feldsteinformationen riesigen Ausmaßes sichtbar und es besteht kein Zweifel, sie sind eindeutig von Menschenhand geschaffen.

Gräberfeld aus zehntausenden Feldsteinen

Steinsetzungen in Form von Kreisen und Wagenrädern mit bis zu acht Metern Durchmesser, Schiffsrümpfe, eine scheinbare Straße, zwei Meter breit und über einhundert Meter lang: Seit Grabungsbeginn Ende September 2014 haben sich die Archäologen um Rainer Bartels von einer steinernen Überraschung zur nächsten gegraben. Mittlerweile haben Sie über 6.600 Quadratmeter freigelegt und stehen vor einem Gräberfeld aus zehntausenden Feldsteinen, jeder einzelne ganz bewusst von Hand gesetzt.

Noch können die Archäologen über die Motivation der Erbauer und den Ort nur Vermutungen anstellen, aber Rainer Bartels ist sich sicher: "Für die Menschen, die das geschaffen haben, war dies ein besonderer Ort. Hier haben Menschen einen extremen Aufwand betrieben, um ihre Toten zu bestatten." Insgesamt konnten die Archäologen 39 Urnen unter den Steinsetzungen bergen.

Frühe Germanen am Werk

Wie alt sind die Funde? Welche Kultur hat hier ihre Spuren hinterlassen? Wie ist der Fund einzuordnen? Archäologen sind vorsichtige Menschen, sie neigen nicht zu Überschwang. Das trifft auch auf Rainer Bartels zu. Er ist seit über 20 Jahren Archäologe und wirkt beim Gespräch über die Schmöllner Grabung als habe er das Wort 'Sensation' bereits im Mund, über die Lippen kommt es ihm aber nicht. "Ich werde immer gefragt, ob der Fund eine Weltneuheit ist. Das könnte sein, aber derzeit können wir nur mit Sicherheit sagen, dass es etwas absolut Neues für Brandenburg ist."

500 v. Chr. bis Christi Geburt: Aus dieser Zeit stammen die Funde. Menschen der Eisenzeit haben demnach den Bestattungsplatz eingerichtet, und vermutlich war es keine unbekannte Kultur. Vieles deutet auf die sogenannte Jastorf-Kultur hin, benannt nach dem Jastorfer-Moor in Niedersachsen. Auch dort wurde ein Urnenfeld mit über 40 Urnen entdeckt. Für nicht wenige Archäologen ist es der erste nachweisliche Auftritt von Germanen in der Weltgeschichte. Ein früher Germanenstamm könnte also auch für die Gräber bei Schmölln gesorgt haben.

Auch die "Jastorfer" an der A11 haben ihre Toten in Urnen bestattet. Sowohl die Gefäß als auch deren Inhalt sind in den meisten Fällen vollständig erhalten. Letzterer ist aber vergleichsweise unspektakulär. Bei der Auswertung im Wünsdorfer Landesamt für Archäologie fanden die Experten die Asche der Verstorbenen und lediglich ein paar Alltagsgegenstände der Kleidung, Gürtelschnallen und Gewandnadeln zum Beispiel. Allem Anschein nach wurden die Toten samt Kleidung verbrannt.

Fund in Schmölln: "Steinkasten", eine Art Hühnengrab ohne Abdeckung (Quelle: BLDAM)
Nicht einfach nur Steine, sondern "Grabkästen"

Ehrung für die Toten, monumental und extravagant

Wertvolle Grabbeigaben sucht man vergebens. Die Wertschätzung der Toten spiegelt sich nicht in den Urnen wider, sondern an der Oberfläche, in den Grabbauten darüber. 58 solcher Bauten, in Form von Steinpflastern, hat Grabungsleiter Rainer Bartels mit bis zu 25 Helfern geborgen – und die Grenzen des Bestattungsareals sind noch nicht einmal bekannt.

Steinkreise gibt es, sie sind nicht neu – Steinsetzungen in Form von Speichenrädern schon. So etwas hat Bartels bis zur Grabung bei Schmölln noch nicht gesehen und vermutlich auch kein anderer Archäologe. Das Größte dieser Räder misst acht Meter im Durchmesser und besteht allein aus 2500 Steinen, jeder von Hand an seinen Platz gesetzt.

Das Areal durchschneidet eine über 100 Meter lange und zwei Meter breite "Pflasterstraße". Es sieht aus wie eine Straße, aber unmöglich konnten dort Menschen gehen, geschweige denn Wagen rollen. "Ist es eine Straße, kann sie allenfalls symbolische, vielleicht eine rituelle Funktion gehabt haben. Von Menschen wurde sie nicht genutzt, dafür ist sie viel zu uneben", meint Archäologe Bartels.

Ähnliche Funde kennen die Archäologen aus Schweden. Auch schiffsförmige Steinformationen sind nicht unbekannt. Der Fundplatz in Schmölln besticht da wieder einmal mit Größe. Drei solcher Schiffsrümpfe haben die Archäologen gefunden und der größte ist über 60 Meter lang. Nur unter einem wurde eine Urne gefunden. Welche Funktion die anderen "Schiffe" im Ensemble haben, bleibt noch zu erforschen.

Ein Ort mit Bestattungstradition

Über Monate, in denen die Archäologen per Hand einen Stein nach dem anderen freilegten, Steinkreise, Schiffsrümpfe, Speichenräder sichtbar machten, gilt es als sicher, dass sich die Ausgräber ausschließlich zwischen eisenzeitlichen Monumenten bewegen. Jetzt dauert die Grabung noch etwa zwei Wochen, da werfen Skelettfunde das Bild plötzlich durcheinander.

Sie passen nicht in die Eisenzeit. Einige Körpergräber stammen aus der Jungsteinzeit 4000 bis 3500 Jahre v. Chr. Menschen der sogenannten Trichterbecher-Kultur haben diesen Ort ebenfalls für geeignet gehalten, ihre Toten zu Grabe zu legen. Zuletzt finden die Archäologen einen riesigen Steinkasten. Zwei tonnenschwere Findlinge bilden die Wände. Im Inneren legten die Archäologen ein weiteres Skelett frei und vor dem Grab eine größere Sammlung von menschlichen Knochen.

Mangels schriftlicher Überlieferung benennen Archäologen entdeckte eigenständige Kulturen oft nach besonderen Merkmalen. Die Menschen, die 2500 v. Chr. in diesem Steinkasten Tote begruben, gehörten einer Kultur an, die besondere Tongefäße herstellte, Schnurkeramik genannt. Zu dieser Schnurkeramik-Kultur gehört es, dass die Steingräber immer wiederverwendet wurden. Kam ein neuer Toter dazu, musste sein Vorgänger den Platz räumen. Dessen Knochen wurden dann vor dem Steinkasten aufbewahrt.

Der Ort, an dem in Zukunft ein Regenwasserrückhaltebecken die A11 entwässern wird, ist demnach seit der Steinzeit immer wieder für Bestattungen genutzt worden. Was macht den Ort so besonders? Er dürfte auch ein beliebter Siedlungsplatz gewesen sein und wo gesiedelt wird, da wird auch bestattet. Beliebt war der Ort aufgrund seiner Lage im Quellgebiet der Randow. Es war die beste Stelle, um den Fluss zu überqueren und der Ort lag genau an einem alten Weg, der zwischen dem heutigen Schmölln und Grünz in Mecklenburg Vorpommern verlief.

Grabungsleiter Rainer Bartels, BLDAM (Quelle: BLDAM)
Rainer Bartels und seine Kollegen sind auf etwas Einmaliges gestoßen

Nach der Grabung ist vor der Grabung

Rainer Bartels wird immer dann gerufen, wenn es etwas zu retten gibt. Egal wie spektakulär, die Baumaßnahmen an der A11 werden den Fund zerstören. Ein Großteil der Steine ist bereits abtransportiert und wird entsorgt. Die Urnen landen im Landesamt für Archäologie oder im Landesmuseum in Brandenburg an der Havel.

Noch wenige Wochen, dann ist von dem Sensationsfund und der Grabung nichts mehr zu sehen. Dennoch ist Bartels nicht wehmütig. "Nach einer Grabung kommt immer die nächste Grabung und auch diese wird wieder Erstaunliches zu Tage fördern", sagt er. Archäologen vom Landesamt können sich Sentimentalitäten nicht leisten, denn ohne das Bauvorhaben an der A11 wäre das steinerne Gräberfeld vielleicht nie entdeckt worden.

Die letzten Monate haben trotzdem ihren Eindruck bei Rainer Bartels hinterlassen. Nach über 20 Jahren Arbeit als Archäologe will er jetzt seine Doktorarbeit schreiben. "So einen Fund hast du als Archäologe nur einmal. Es ist die Grabung meines Lebens. Wenn ich darüber nicht meinen Doktor mache, worüber dann?", sinniert er und die Suche nach der Siedlung zum Friedhof steht ja noch aus. Genug Stoff also für eine Promotion.

Beitrag von Alexander Goligowski

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