Neun Fakten zur Berliner Ringbahn - Hundekopf, Geisterbahnhöfe und die längste Brücke Europas

Fahrgäste der Berliner S-Bahn warten am Donnerstag (02.07.2009) an den Bahnsteigen des Bahnhofes Ostkreuz in Berlin auf den Nahverkehrszug. (Quelle: dpa/Gabbert)
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Über sie wird geflucht und gemotzt, in ihr wird gefeiert, aber auch gekotzt: Die Berliner Ringbahn, das berühmt-berüchtigte Verkehrsmittel der Hauptstadt, feiert ihre Wiedereröffnung vor 15 Jahren. Neun Fakten gesammelt, die Sie vielleicht noch nicht kennen.

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Der Hundekopf

"Waschmaschine", "Goldelse", "Schwangere Auster": Touristenführer behaupten, dass Berliner solche Ausdrücke gebrauchen. Angeblich sagen die Berliner auch, dass der Umriss der Ringbahn-Strecke aussieht wie eine Hundekopf. Spätestens jetzt wissen Sie also, was ein Tourist meint, wenn er sie nach der Hundekopf-Bahn fragt.

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Rund 400.000 Fahrgäste fahren täglich auf dem Hundekopf. Der Rekord stammt aus dem Jahr 1943: 700 Millionen Menschen sollen sie damals genutzt haben, also rund 1,9 Millionen Menschen täglich. Eine Fahrt auf der 37 Kilometer langen Strecke dauert exakt 60 Minuten (wenn alle Stellwerke mitmachen).

Die Ringbahn ist auch Abgas-Zonen-Grenze und begrenzt die Tarifzone A. Wichtig: Die S41 fährt im Uhrzeigersinn, die S42 entgegen - also von der Hundeschnauze an den Ohren vorbei bis zur Nase.

Bahnhof Jungfernheide 1992 (Quelle: dpa)
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Keine Bahn im Westen

In West-Berlin fuhr ab 1961 nur noch ein Dreiviertelring (Gesundbrunnen bis Sonnenallee), doch der wurde immer unpopulärer. Nur noch 30.000 Menschen waren - auch wegen der Boykottaufrufe ("Fahr nicht S-Bahn – Du bezahlst sonst Ulbrichts Stacheldraht!") - auf ihm unterwegs.

Und das kam so: Die S-Bahn gehörte zur Deutschen Reichsbahn, der Staatsbahn der DDR. Die Fahrgastzahlen brachen ein, denn die U-Bahn, neue Buslinien und die Stadtautobahn machten der S-Bahn Konkurrenz. Die S-Bahn wurde zum teuren Zuschussgeschäft für die Reichsbahn - sie musste Geld sparen. 1980 wurden Mitarbeiter gekündigt, viele Bahnen sollten nur noch im 40-Minuten-Takt fahren und auch nur von 5 bis 21 Uhr. Es wurde gestreikt, im September 1980 wurde der neue Fahrplan veröffentlicht, die Ringbahn ganz und gar eingestellt. Über 70 Kilometer Strecke wurden aufgegeben.

Bahnhöfe vergammelten oder wurden zerstört, Unkraut wucherte auf den Gleisen. Nach der Wende wurden Teile des Rings(Westend bis Baumschulenweg) wieder aufgenommen. Erst am 15. Juni 2002 - also vor 15 Jahren - gab es den "Wedding-Day", bei dem beide Strecken nach über 40 Jahren Trennung wieder verheiratet wurden.

Stadtbahngleise am Westkreuz 1988 (Quelle: imago/Jürgen Heinrich)
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Der Fehler mit dem Westkreuz

Der Name war eine klassische Fehlentscheidung: "Ausstellung" wurde der Bahnhof 1928 getauft. Die Bezeichnung hielt allerdings nur vier Jahre lang. Denn die "Ausstellung" sollte der zentrale Ausgang zum Messegelände werden, dabei lagen die Bahnhöfe Witzleben (heute Messe Nord) und Eichkamp (Messe Süd) einfach deutlich näher an der Messe. Also benannte man ihn 1932 in "Westkreuz" um. Angeblich gibt es hier sogar einen Ausgang - hat den schon mal jemand benutzt?  

Innsbrucker Platz (Quelle: imago/Schöning)
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Ein Bahnhof in zwei Ortsteilen

Der S-Bahnhof Innsbrucker Platz liegt im Ortsteil Friedenau, der U-Bahnhof im Ortsteil Schöneberg. Der Innsbrucker Platz ist zudem die jüngste Station der Ringbahn, selbst die U-Bahn war früher da: Viele Bahnhöfe auf dem Ring wurden zwischen 1871 und den 1920ern eröffnet, der Innsbrucker Platz erst 1933.

Fußgängerüberführung Storkower Straße (Quelle: imago/Lem)
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Gestank und lange Brücken

Was muss das früher für ein Gestank gewesen sein: 1881 wurde zwischen Greifswalder Straße und Frankfurter Allee der Zentralvieh- und Schlachthof eröffnet.

Über 120.000 Rinder, fast 400.000 Schweine, mehr als 100.000 Kälber und rund 650.000 Hammel wurden im ersten Jahr hier verarbeitet.

1881 wurde auch die Ringbahn-Station Central-Viehhof eröffnet, eine 100 Meter lange Fußgängerbrücke gebaut – praktisch für die Arbeiter, doch viele Anwohner mussten gefühlt stundenlang über das Viehgelände laufen.

1940 wurde deshalb eine 400 Meter lange Brücke über das Gelände gebaut. Es war die längste Fußgängerbrücke Berlins.

Im Krieg wurde sie beschädigt, mehrmals repariert und in den 1970er Jahren sogar auf über 500 Meter verlängert – die Storkower Straße (ab 1977) hatte damit die längste Fußgängerbrücke Europas.

Schönhauser Allee (Quelle: imago/Seeliger)
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Unglück an der Schönhauser Allee

Es war einer der schwersten Bahnkatastrophen Deutschlands: Bei einem Unfall an der Schönhauser Allee am 27. Juni 1922 starben mindestens 45 Menschen. An diesem Tag fuhren wegen der Beisetzung Walter Rathenaus keine U-Bahnen, Straßenbahnen oder Busse. Nur die Ringbahnen waren unterwegs und hoffnungslos überfüllt. Viele Fahrgäste standen auf den Trittbrettern der Bahnen. Ein Mann hatte eine lange Stange in seinem Rucksack - dann öffnete sich die Tür, an der er sich festhielt, bei voller Fahrt Richtung Gesundbrunnen. Die Stange riss zahlreiche Trittbrettfahrer des entgegenkommenden Zuges herunter. 18 Menschen waren sofort tot, die Zahl der Toten stieg in den kommenden Tagen immer weiter. Der Unfallverursacher kam mit dem Schrecken davon. Unklar ist noch immer, wo der Unfall genau geschah: Die Schönfließer Brücke und die Swinemünder Brücke werden immer wieder genannt.

Straßenschild Beusselstraße (Quelle: imago/STPP)
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Der Nullpunkt

Die Station Beusselstraße hieß früher "Moabit" und lag ganz woanders. "Moabit" ist bei der Inbetriebnahme des ersten Ringbahnabschnittes 1871 der Kilometer Null (von 36,9km), der "Nullmeridian", das Jahr 0. Hier startete der erste Abschnitt im Uhrzeigersinn Moabit bis Schöneberg.

Doch 1894 wurde der Bahnhof geschlossen und der Bahnhof Beusselstraße wenige Meter weiter westlich eröffnet. Ein echter Ring wurde die Ringbahn übrigens erst 1877, als unter anderem der Bahnhof Charlottenburg (heute Westend) verbunden wurde.

Gesundbrunnen (Quelle: imago/Jürgen Schwarz)
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Dieser Zug endet hier. Wir bitte alle Fahrgäste auszusteigen.

Die Gleise des Bahnhofs Gesundbrunnen bildeten früher auf zweiten Seiten die Begrenzung zum Stadion – dort wurde Hertha 1930 und 1931 Deutscher Meister, unter anderem mit Hanne Sobek, der in der Gegend aufgewachsen war. Heute heißt der Vorplatz des Gesundbrunnens (am Taxi-Stand) "Hanne-Sobek-Platz". Wo früher das Stadion stand (Behmstraße/Swinewünder Brücke), stehen heute Wohnhäuser.

Der Bau der Mauer hatte bekanntlich auch Auswirkungen auf die Ringbahn – zwischen Gesundbrunnen und Schönhauser Allee sowie zwischen Sonnenallee und Treptower Park wurden Schienen auseinandergebogen, Eisenpfähle eingerammt. Der Bahnhof Gesundbrunnen wurde zum Endbahnhof des Dreiviertelrings. Im Osten wurde gependelt.

Ostkreuz 2009 (Quelle: dpa)
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Trubel am Ostkreuz

Nirgendwo ist mehr los: Der S-Bahnhof Ostkreuz ist der meistfrequentierte Nahverkehrsbahnhof Berlins, 140.000 Menschen steigen hier am Tag in neun verschiedene Linien um. Weil der marode Charme des "Rostkreuzes" dann doch in die Jahre gekommen ist, und der Bahnhof künftig auch Regionalbahnen abfertigen soll, wird er seit gut zehn Jahren umgebaut. Ein Ende ist absehbar – 2018 soll alles fertig sein.

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