Der an den Rollstuhl gefesselte Brite Noel Martin sitzt am Donnerstag (14.06.2001) kurz nach seiner Ankunft auf dem Berliner Airport Tempelhof in einem Shuttle-Bus. (Quelle: dpa/Torsten Leukert)
Video: Klartext | 15.06.2016 | Heike Hartung, Boris Hermel | Bild: dpa/Torsten Leukert

Chronologie | Anschlagsopfer - Das Leiden und Überleben des Noël Martin

Der 16. Juni 1996 war ein brutaler Einschnitt im Leben des Briten Noël Martin: Er wurde im brandenburgischen Mahlow von Neonazis verfolgt, raste gegen einen Baum - und ist seither querschnittsgelähmt. Auch später gab es zahlreiche Tiefschläge in seinem Leben.

Die Chronologie erschien erstmals am 15. Juni 2016

16. Juni 1996
: Noël Martin ist mit zwei Arbeitskollegen zusammen in seinem Auto unterwegs. Der britische Bauunternehmer, gebürtig aus Jamaika, hat einen Auftrag in Mahlow, einer Gemeinde im Landkreis Teltow-Fläming, gleich hinter der südlichen Berliner Stadtgrenze. Am Bahnhof hält er an um zu telefonieren. Er wird von einer Gruppe Rechtsradikaler angepöbelt. Zwei von ihnen klauen ein Auto und verfolgen ihn. Der 24-jährige Mario P. sitzt am Steuer, der 17-jährige Sandro R. wirft schließlich einen schweren Stein auf Martins Auto. Der verliert die Kontrolle über sein Auto und rast gegen einen Baum. Seit diesem Tag ist Noël Martin vom Hals an querschnittsgelähmt.

Ein knappes halbes Jahr später, Anfang Dezember 1996, ergeht das Urteil gegen die beiden Rechtsradikalen: Sandro R. muss für fünf Jahre in Haft (er wird nach dreieinhalb Jahren vorzeitig entlassen), Mario P. für acht Jahre.

Noël Martin kehrt nach Birmingham zurück. Das Leben, das er dort nun führt, hat mit seinem Leben vor dem Unfall nur noch wenig gemein. Martin ist auf Pflege rund um die Uhr angewiesen. Er braucht Hilfe bei jeder Kleinigkeit des Alltags: aufstehen, Toilette, waschen, essen, trinken – all das kann er nicht mehr allein. Selbst beim Husten braucht er Unterstützung. Seine Freundin Jacqueline übernimmt die Pflege.

Im April 2000 stirbt Jacqueline an einer Krebserkrankung. Kurz vor ihrem Tod haben sie sich noch an ihrem Krankenbett das Ja-Wort gegeben, nach 18 Jahren als unverheiratetes Paar. "Wir hatten nach der Trauung 36 Sekunden zusammen. Dann ist sie ins Koma gefallen", wird Martin dem "Spiegel" einige Jahre später über diesen Tag erzählen. "Ich vermisse sie jeden Tag."

Im August 2000 entscheidet das Potsdamer Landgericht: Mario P. und Sandro R. müssen Martin eine halbe Million DM Schmerzensgeld zahlen, darüber hinaus eine monatliche Rente von 1.000 Mark, rückwirkend ab dem 1. Juli 1996. Ob die beiden jemals so viel Geld verdienen werden, um davon auch nur einen Bruchteil zu zahlen, ist unklar. Noël Martin lebt derweil größtenteils von dem Geld, dass er nach dem Opferentschädigungsgesetz vom Land Brandenburg bekommt.

2001 kehrt Martin für zehn Tage nach Mahlow zurück. Er trifft unter anderem auf Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD), redet mit Kindern und Jugendlichen vor Ort – und er mahnt an, dass die Gemeinde Mahlow die rechte Jugendzene immer noch nicht im Griff habe.

2006 kündigt Martin seinen Freitod an: Mit der Unterstützung der Sterbehilfeorganisation Dignitas wolle er am 23. Juli 2007, seinem 48. Geburtstag, aus dem Leben scheiden. Auch in seiner Autobiographie "Nenn es: mein Leben", die im April 2007 erscheint, bekräftigt er sein Vorhaben.

Doch dazu kommt es nicht. Martin reist nicht in die Schweiz. Als einen Grund dafür nennt er 2016 im rbb-Interview seine karitative Arbeit. Seit 2002 finden, gefördert vom Noël-und-Jacqueline-Martin-Fonds (beziehungsweise seit 2008 von der Noël-und-Jacqueline-Martin-Stiftung), Schüleraustauschfahrten zwischen Mahlow und Umgebung und Birmingham statt.

In den folgenden drei Jahren muss Martin drei weitere Schicksalsschläge hinnehmen: 2012 wird er in seinem Haus in Birmingham Opfer eines Raubüberfalls. 2013 stirbt seine enge Vertraute Robin Herrnfeld bei einem Bootsunfall. 2014 erleidet er einen Herzinfarkt. Er leidet seither unter Gedächtnisverlust und ist gesundheitlich noch schwerer angeschlagen.

Am 14. Juli 2020 stirbt Martin in einem Krankenhaus seiner Heimatstadt Birmingham.

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