Der Brite Noël Martin wurde 1996 Opfer eines rassistischen Übergriffs und ist seitdem querschnittsgelähmt. (Quelle: rbb / Boris Hermel, Heike Hartung)
Bild: rbb / Boris Hermel, Heike Hartung

Interview | Noël Martin 20 Jahre nach der Neonazi-Attacke - "Diese beiden Typen überlasse ich Gott"

1996 wurde Noël Martin von Neonazis in Mahlow verfolgt. Sein Wagen prallte gegen einen Baum, seither ist er querschnittsgelähmt. rbb-Reporter haben ihn in Birmingham besucht und mit ihm über Stärke und Zurückkommen gesprochen - und die Täter von damals.

Dieser Beitrag erschien erstmals am 15. Juni 2016

rbb: Mr. Martin, wir haben uns zum letzten Mal vor neun Jahren getroffen. Zwei große Dinge sind Ihnen seitdem passiert: Sie hatten einen Herzinfarkt und Sie sind ausgeraubt worden. Was haben diese beiden Ereignisse mit Ihnen gemacht?

Noël Martin: Der Herzinfarkt hat mich gebrochen, ich habe seither Gedächtnislücken. Ich konnte mich nicht mehr an die Menschen erinnern, die mich im Krankenhaus besuchten, Freunde und Familie. Ich konnte mich auch an bestimmte Dinge, die ich gemacht habe, nicht mehr erinnern. Ich musste kämpfen und kämpfen. Selbst jetzt kämpfe ich noch, um zu einer annähernden Normalität zurückzukehren. Zu der werde ich wahrscheinlich nie zurückkehren, aber doch zumindest so weit es mir möglich ist.

Und der Raubüberfall?

Der Überfall hat das ausgelöst, er hat seinen Tribut gefordert. Aber ich mache mir keine Sorgen um mich, sondern um die Pflegerinnen. Was sie angeht, bin ich sehr beschützend. Zu sehen, dass diese Leute einfach hier eindringen konnten, und dabei zu wissen, dass nur Frauen hier drin waren, hat mir das Herz gebrochen. Im Grunde sind sie Feiglinge, doch wer auch immer sie sind – sie werden ihre wohlverdiente Strafe bekommen.

Aber die Polizei hat sie noch nicht gefasst, oder?

Die Polizei hat mich vor zwei oder drei Monaten angerufen und mir gesagt, dass sie noch niemanden gefunden haben. Aber erst heute habe ich Informationen bekommen, wer es sein könnte. Aber was soll's - man verliert Freunde, Familie, alle verschwinden. Man kann es nicht erklären, aber das Leben geht weiter.

Wie oft gehen Sie noch raus?

Es ist wegen der Krankheit schwieriger geworden. Meine Füße brennen immer, ich brauche ständig Übungen. Und es geht nur, wenn es draußen warm ist. Ich muss sonst drinnen neben der Heizung sitzen. In einem Jahr war ich nur drei Mal draußen, der Rest war Krankenhaus. Zwei Jahre habe ich komplett im Krankenhaus verbracht. Wenn ich daran zurückdenke: So etwas sollte keinem Menschen oder Tier wiederfahren. Es ist traurig: Du schaust nur vier Wände an – eigentlich zwei, weil du die ganze Zeit auf dem Rücken liegst. Sogar im Gefängnis darf man eine Stunde am Tag herumlaufen. Seit zwanzig Jahren kann ich das nicht mehr. Mir ist mein Leben weggenommen worden.

Freunde nennen Sie das "comeback kid", weil Sie es immer wieder geschafft haben, zurück zu kommen ...

Im Krankenhaus dachten alle, ich wäre tot, aber ich bin zurückgekommen, viele Male. Sogar die Krankenschwester und Ärzte hatten mich aufgegeben - doch ich kam zurück. Woher ich die Kraft nehme, weiß ich nicht. Es muss wohl mein Überlebenswille sein.

Was war das wichtigste Ereignis Ihres Lebens hier in Birmingham in den vergangenen 20 Jahren?

Kinder um mich und Robin [Anm.: Robin Herrnfeld, Noel Martins langjährige Vertraute, die 2013 an den Folgen eines Unfalls starb] herum zu haben, weil sie mir ein Leben gaben, eine Existenz, etwas zu tun, etwas, um das ich mich kümmern konnte.

Welche Kinder meinen Sie?

Die Kinder vom Schüleraustausch. [Anm.: Die Noel-und Jacqueline-Martin-Stiftung organisiert einen Schüleraustausch zwischen Birmingham und Brandenburg.]

Machen Sie damit noch weiter?

Ja, es ist schwierig ohne Robin, aber ich habe ein paar gute Leute um mich, die dabei helfen, hier und in Deutschland: Michael Ferguson und Lincoln Moses.

Treffen Sie die Schüler noch, bevor sie zum Austausch nach Deutschland gehen?

Die Kinder kommen zu mir, ich unterhalte mich ein bisschen mit ihnen, sage ihnen, was sie erwartet. So weit so gut. Sie werden in Deutschland gut aufgenommen. Ich glaube, die Stiftung hat in Mahlow eine Menge Gutes gemacht. Möge es lange so weitergehen.

Können Sie sich vorstellen, nach Ihrem zehntägigen Besuch 2001, noch einmal nach Mahlow zurückzukehren?

Momentan bin ich zu schwach. Ich hatte eine Menge Probleme, meine Gesundheitszustand ist schlecht. Ich würde aber gern eines Tages zurückkehren um zu sehen, inwieweit es sich verbessert. Vielleicht in ein paar Jahren.

Wissen Sie, wie sehr Sie in Deutschland bewundert werden?

Das sagen Sie - aber ich habe sehr wenig Kontakt mit Mahlow. Es gab mal eine Zeit, als viele Leute mich anriefen und mir gute Besserung wünschten, aber diese Zeit ist vorbei. Die Leute sind zu beschäftigt, um zum Hörer zu greifen und an Noel Martin zu denken. Es ist 20 Jahre her. Kinder sind zu Männern und Frauen geworden und haben ihr eigenes Leben zu leben. Ich hoffe, die Jüngeren können von den Älteren lernen und Gutes tun.

Vor einigen Jahren haben Sie angekündigt, Ihrem Leben in der Schweiz ein Ende setzen zu wollen. Letztlich haben Sie sich aber gegen den Freitod entschieden. Warum?

Robin hat dabei eine große Rolle gespielt, und die Kinder, die Stiftung. Ich will nicht, dass die Stiftung am Ende nichts erreicht hat, wenn ich sterbe. Und ich wollte nicht, dass die Neonazis ihren Sieg erklären können.

Wie denken Sie heute über die Täter?

Ich kann mich noch nicht mal an ihre Namen erinnern. Denn das ist die Vergangenheit, in die Zukunft geht es aber hier entlang. Manchmal ist es wichtig, die Vergangenheit nicht zu vergessen, um vorwärts zu kommen. Aber das war sicherlich kein Tag, an den ich mich erinnern will, es gibt bessere Dinge in meinem Leben, an die ich mich erinnern möchte. Diese beiden Typen überlasse ich Gott. Sie werden eines Tages ihre Strafe bekommen, wenn sie alt sind. Irgendwann wird ihre Tochter oder ihre Enkeltochter oder Urenkelin mit einem schwarzen Menschen nach Hause kommen und sagen: "Papa, das ist der Mensch, den ich liebe – und du bist zu alt um etwas dagegen zu tun. Also find dich damit ab!" Das allein wird ihre Strafe sein.

Diese Textfassung des Interviews fußt auf Gesprächen mit Noël Martin im Juni 2016 in Birmingham für einen Beitrag des rbb-Magazins Klartext. Die Fragen stellten Boris Hermel und Heike Hartung.

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1 Kommentar

  1. 1.

    Habe noch eine Idee zum Andenken an Noel Martin: Die Mohrenstr und der U-Bahnhof wird umbenannt zu Noel-Martin-Straße. Und am U-Bahnschild steht das Zitat:
    Sie werden eines Tages ihre Strafe bekommen, wenn sie alt sind. Irgendwann wird ihre Tochter oder ihre Enkeltochter oder Urenkelin mit einem schwarzen Menschen nach Hause kommen und sagen: "Papa, das ist der Mensch, den ich liebe – und du bist zu alt um etwas dagegen zu tun. Also find dich damit ab!"

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