Archivbild: An der Feinstaubmessstelle Silbersteinstraße/Ecke Karl-Marx-Straße drängt sich am 15.04.2014 der Verkehr. (Quelle: imago/Bernd Friedel)
Bild: imago/Bernd Friedel

Datenanalyse von Berliner Messstationen - In Berlin werden ständig NO₂-Grenzwerte überschritten

Berlin bekommt das Problem mit der Luftverschmutzung offenbar nicht in den Griff. Im Jahr 2016 wurden an mehreren Messstellen die EU-Grenzwerte für das Reizgas Stickstoffdioxid überschritten. Das ergab eine rbb|24-Analyse der Daten von verschiedenen Messstellen. Von Götz Gringmuth und Dominik Wurnig

Dicht reihen sich die Autos, Busse und LKW an der Kreuzung Silbersteinstraße/Karl-Marx-Straße in Neukölln. Die Stadtautobahn A100 ist nicht weit und dementsprechend herrscht fast immer viel Verkehr. Neben der Kreuzung steht eine unscheinbare Box auf dem Bürgersteig, kaum höher als ein Mensch, freundlich mit Blumen bemalt. Es ist eine von 16 BLUME-Messboxen, die an verschiedenen Standorten in Berlin verteilt sind. Sie messen, wie sauber oder dreckig an diesen Stellen die Berliner Luft ist.

Hier, neben der Hauptverkehrsader, ist die Luft besonders dreckig: Nirgendwo sonst in Berlin gab es eine höhere Belastung mit Stickstoffdioxiden. 51,8 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter wurden im Jahresschnitt gemessen, wie eine Berechnung von rbb|24 zeigt. Die Europäische Union erlaubt eigentlich nur 40 µg/m³.

Über dem erlaubten Grenzwert lagen auch der Hardenbergplatz in Charlottenburg, die Karl-Marx-Straße (in Höhe Rathaus Neukölln), der Mariendorfer Damm, die Schildhornstraße in Steglitz und die Frankfurter Allee in Friedrichshain (siehe Karte). Damit wurden an sechs von 16 Messboxen laut den vorläufigen Daten vom Umweltbundesamt der gesundheitsgefährdende Grenzwert überschritten. Die endgültigen Daten sollen laut Senatsverwaltung Umwelt, Verkehr und Klimaschutz erst in einigen Wochen vorliegen.

Grenzwerte Stickstoffsdioxid

Gesundheitsgefährdendes Reizgas

"Stickstoffdioxid ist ein ätzendes Reizgas, es schädigt das Schleimhautgewebe im gesamten Atemtrakt und reizt die Augen," warnt das Umweltbundesamt auf seiner Homepage. Anders als Feinstaubpartikel, die zum Teil schon die Nase filtert, kann das Gas bis in die Bronchien eindringen.

Besonders Menschen mit Atemwegserkrankungen wie COPD oder Asthma leiden unter der NO2-Belastung. Eine höhere Konzentration des Reizgases führt nachweislich dazu, dass in solchen Gebieten vermehrt Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten und die Lebenserwartung niedriger ist.

Akut ist die Gefahr, wenn die Belastung über 200 µg/m³ beträgt. In desem Jahr ist das in Berlin nur zu vier Zeitpunkten vorgekommen. Der höchste Wert wurde am 7. September 2016 um 18 Uhr am Hardenbergplatz mit 268 µg/m³ gemessen.

Dieselmotoren müssen verschwinden

Eine hohe Stickstoffdioxidbelastung tritt in der Regel in der Nähe dicht befahrener Straßen auf. Denn die Emissionsquelle Nummer eins für Stickstoffverbindungen wie NO2 sind die Dieselmotoren. Benziner stoßen dank des Katalysators weit weniger von diesem Gas aus. Besonders hoch ist die Belastung außerdem in engen Straßenschluchten, wo Luft wenig zirkuliert.

Als Einzelner kann man kaum etwas unternehmen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Selbst Atemschutzmasken und Filter können die Stickstoffdioxidbelastung für den Menschen nicht reduzieren. Gesenkt werden kann die NO2-Belastung nur, wenn Dieselmotoren sauberer werden oder ganz von den Straßen verschwinden.

Sollte die Karte nicht dargestellt werden, klicken Sie bitte hier!

Stickstoffdioxid (NO2) tritt örtlich in der Nähe von Verkehrsadern auf. Deshalb ist die Belastung in der Stadt ungleich verteilt. Die detailierte Karte zeigt die Entwicklung der mittleren Tagesbelastung an den verschiedenen Messboxen über das Jahr.

Beitrag von Götz Gringmuth und Dominik Wurnig

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13 Kommentare

  1. 13.

    Kann ich nur bestätigen,die ganzen Überlegungen müssen sensibel und mit Sachverstand angegangen werden.Es fängt bei Firmen Handwerker und Auslieferungsdienste an Auch die Polizei und Feuerwehren wären da betroffen,also wirklich nicht so einfach Dann kommen bei den vielen Baustellen auch die ganzen Werte in überdimensional in die Höhe,selbst Benzinfahrzeuge sind genausoviel an der Verschmutzung mit Schuldig.Lasse man sich die Untersuchungen bei den Abgasuntersuchungen vorlegen dann kommt man auf verblüffende Werte.Ist ja auch ganz einfach die Dieselschuldigen abzustrafen !!!

  2. 12.

    Wo wird denn hier geräumt? Elektrofahrzeuge sind frei von Schadstoffen? Seit wann ist das so? Die Stromhersteller liefern Strom ohne die Umwelt zu belasten? Alle heutigen Elektrofahrzeuge haben bisher ihren Auspuff nur auf die GRÜNE WIESE verlegt und schleudern dort ihre Abgase in die Luft. So ist es nun einmal, auch wenn immer wieder etwas anderes berichtet wird. 1.000.000 Elektrofahrzeuge fordert die Politik bis zum Jahr 2030, nur woher der Strom für diese Fahrzeuge kommt, ist völlig offen. Die alternativen Energieerzeuger schaffen das nicht alleine und wieder Kernkraft - nein Danke.

  3. 11.

    Natürlich Elektro-Autos ausgenommen! Diese müssten defintiv in die Förderung sinnvoller Alternativen einbezogen werden... Wäre doch mal eine Überlegung wert, ob Pendler für die Pendelstrecken nicht aufs E-Auto umsteigen wollen...
    (Dann hätte der "trendige" Zweitwagen wenigstens einen positiveren Beigeschmack... )
    In Punkto Güterbahnhöfe bin ich auch ganz bei Ihnen und sehe hier auch ein sehr weitgreifendes, wie Sie sagten, politisch erzeugtes Problem, siehe endlose LKW-Schlangen auf Autobahnen...
    Ein konkretes Bsp. für Verteilzentren gab mir eine Bäckereifachverkäuferin. Sämtliche Filialen ihrer Kette werden täglich! in ganz Berlin mit Transportern aus Hoppegarten beliefert. Unvorstellbar, was sich auf unseren Straßen von außerhalb nach überall bewegt, um gößere und kleinere Mengen für unseren täglich frischen und vielfältigen Bedarf zu liefern... das ist schließlich nur EIN Beispiel...

  4. 10.

    Fahrverbote auf Basis der geraden/ungeraden Kennzeichen gehen aber nur dann in Ordnung, wenn Fahrzeuge mit einem E am Ende des Kennzeichens davon ausgenommen sind.

    Ansonsten möchte ich noch folgenden Gedanken in den Raum werfen: Die Politik hat in den vergangenen 15 Jahren tatenlos zugesehen, wie die Bahn ihre ganzen innerstädtischen Güterbahnhöfe (z.B. Spandau, Moabit, Wilmersdorf, Pankow, HuL, Schöneweide) abgebaut hat. Dafür fallen nun täglich noch mehr Lkw in Berlin ein, weil die Verteilzentren jetzt außerhalb liegen. Eine vernünftige Verkehrspolitik sieht anders aus.

    Bei mir würden die Güterzüge direkt in die Einkaufszentren fahren.

  5. 9.

    @Mike und isso
    In Neukölln habe ich so viele Kinder kennen gelernt, die Astham haben. Woher mag es wohl kommen? Einerseits von daheim qualmenden Eltern, andererseits vom Wohnen an o.g. dicht befahrenen Straßen.
    Wer wachen Auges in Berlin lebt sieht, dass der Verkehr stetig zunimmt. Auch der LKW-Verkehr. Wie Ketten ziehen an manchen Tagen/ zu bestimmten Zeiten an Wohnhäusern, mitten durch Wohngebiete, vorbei. Abgase und Lärm ... der Stress wächst. Und mein Frust auch!
    Hoch mit den Benzinpreisen für Priavtautos, die die Stadt aufsuchen, autofreie Zonen, von mir aus eintägige Fahrverbote an Nummernschildern ausgerichtet und positive Kampagnen, um das Umsteigen auf Alternativen zu fördern. Berlins Verkehr kollabiert irgendwann, denn die Stadt wächst. Mehr Zuzügler bringen mehr private PKWs, auch durch mehr Pendler, die im Grünen wohnen und die Abgase in die Stadt bringen. So viel Zeit für Langfristigkeit sehe ich nicht. Denn die Probleme wachsen rasant, siehe Staus.

  6. 8.

    Eine stadt mit sauberer Luft ist schon eine schöne Vorstellung. Ob man das Problem allerdings kurzfristig lösen kann,bezweifle ich.

    @Der Zuschauer
    Ich wette,deutsche Ingenieure wären dazu locker in der Lage. Wenn sie denn nur müssten. Leider bekommt die Autoindustrie viel zu wenig Druck oder sie entledigt sich von diesem mittels der Politik. Ist ja alles bekannt.
    Von selbst scheinen sie zu Veränderungen allerdings auch nicht fähig zu sein. Warum auch immer. Vielleicht sind sie zu groß und somit zu behäbig dafür.
    Die Kunden scheinen jedenfalls dafür bereit zu sein.

    Wenn man als Konzern die Zeichen der Zeit veschläft oder sie einfach nur verdrängt,kann das böse enden. Man denke nur an Nokia. Hätte jemand vor 15 Jahren behauptet,Nokia wird heutzutage keine Mobiltelefone herstellen,man hätte ihn für verrückt erklärt. So schnell kann es gehen.

  7. 7.

    Ja. Autofahrer als Minderheit in Berlin schaden der Mehrheit: 1. Fußgänger 2. ÖPNV Nutzer 3. Radfahrer, ... Zu Fuß und mit Transportfahrrädern kann ich fast alles im Kiez erledigen. Umwelt-TAXIs (letztlich ein neuer Prius:) helfen bei größeren Transporten wie etwa einem Schrank. Mein Dank gilt auch der BVG und ihren Nutzern! Ein Umstieg auf noch sauberere Motoren bei den Bussen würde zur Luftqualität in der Stadt beitragen. In anderen Städten sehe ich gasbetriebene Busse oder mit Oberleitungen. Gerne auch wieder mehr Straßenbahnen in West-Berlin. Doch kurzfristig brauchen wir ein Fahrverbot für PRIVATE PKW im Zentrum oder an allen Hauptstraßen Luftfilter (für die Technikgläubigen), die für gesunde Atemluft für alle sorgen. Gerne mit Fahrverboten im Umfeld von Kitas und Schulen anfangen zwecks Einhalten der Luftqualitätsstandards (EU). Ohne radikale Veränderungen ist das leider nicht zu schaffen mangels Gemeinwohlorientierung vieler.

  8. 6.

    Ich ärgere mich jeden Morgen, wenn ich die B96a quere, um zur S-Bahn zu gehen. In den meisten Fahrzeugen auf dieser stark befahrenen Straße sitzt nur eine einzige Person drin - morgens im Berufsverkehr dasselbe, wie abends. So eine Ressourcenverschwendung!
    Ich habe keine eigenes Auto, nutze immer die Öffentlichen. Auch wenn das oftmals stressig ist, so sind innerhalb Berlins auf diese Weise die meisten Ziele gut erreichbar. Für mein Empfinden spielt das Auto noch immer eine viel zu große Rolle als Statussymbol und Funfaktor. Und ich verstehe auch nicht, warum Eltern ihre Kinder bis auf den Schulhof fahren müssen, wo wir früher doch auch locker 2km zur Schule gelaufen sind. Ich wünsche mir mehr Menschen wie meine Mutter oder meinen Kollegen, die nach jahrzehnten als Autofahrer ihre Autos abgeschafft und auf Rad und Öffis umgestiegen sind. Und da die wenigsten Menschen ohne Zwang ihr Verhalten ändern, bin ich dafür, dass das Problem gesetzlich geregelt wird.

  9. 5.

    Also ich fahre privat überwiegend mit den Öffentlichen, muss beruflich aber mehr als 30.000 km im Jahr fahren, weil ich viel schwere Technik quer durch Berlin und ganz Deutschland zu transportieren habe und das nicht immer auf der Schiene geht. Von daher wäre ich von einem Dieselverbot auch selbst betroffen.

    Aber ich habe für mich durchaus den Anspruch, mich vorbildlich zu verhalten, und würde umgehend das Fahrzeug wechseln, wenn es denn eine vernünftige Alternative gäbe. Und da hat die deutsche Autoindustrie derzeit nichts zu bieten. Effiziente Vollhybridfahrzeuge ohne Direkteinspritzung bekommt man derzeit nur von Toyota und Lexus, aber ein Prius ist nun mal kein Langstreckenfahrzeug, und vor allem bekommt man schon schlechte Laune, wenn man die Tür des Fahrzeuges öffnet, weil man da fast nichts in der Hand hat. Ein Auto soll ja auch irgendwie solide sein.

    Sobald Audi einen A4 als Vollhybrid ohne Direkteinspritzung liefern kann, steige ich um. Plugin-Hybrid bleibt Unfug.

  10. 4.

    Bis jetzt habe ich hier nur Kommentare gelesen, die von vermeintlichhen nicht Autofahrern stammen. Plalkative Stammtischpparolen, wie Auto Verbot, Diesel Verbot, usw. rauszupoltern
    Ist zwar sehr einfach, zeugt aber nicht gerade von Weitsicht. Man kann nicht so einfach zu über 2Mio Autofahrern sagen, "ihr müsst leider draußen bleiben". Es muss schon Kompromisse für alle gefunden werden. Wenn Verkehr fließt, dann stößt ein Auto weniger Dreck raus, als wenn es ständig anfährt und beschleunigt. Wäre doch also interessant darüber zu reden, wenn der Verkehr in Berlin endlich Mal fließt und man nicht von eine in die nächste Baustelle fährt.

  11. 3.

    "Als Einzelner kann man kaum etwas unternehmen, um das Problem in den Griff zu bekommen". - Na ja, man das Fahrrad nehmen und nicht für jeden kleinen Weg das Auto. Im Winter wäre das einfacher wenn die Radwege ordentlich geräumt würden, aber leider sind sie oft Wochen lang vereist und unbefahrbar.

  12. 2.

    Wieso gibt es so wenige Meßboxen in den Innenstadtbezirken? Sofortiges Fahrverbot für private Diesel PKW in der Innenstadt und belasteten Orten! Schützt endlich unsere Gesundheit! Ich brauche Luft zum Atmen!

  13. 1.

    Was ich nach wie vor nicht verstehe: Im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag findet sich kein einziger Satz über ein Dieselverbot in der Innenstadt. Da hätte man doch wirklich mal echte Maßstäbe setzen können. Falls es tatsächlich Dieselfahrzeuge gibt, welche durch technische Maßnahmen die Feinstaub- und Stickoxidproblematik im Griff haben, könnten diese ja vom Verbot ausgenommen werden. Ansonsten wird es Zeit, über alternative Antriebe nachzudenken. Direkteinspritzer-Benziner sind keine Lösung, weil sie ebenfalls ein Feinstaubproblem haben, noch heftiger als der Diesel. Plugin-Hybride sind ineffiziente Mogelpackungen. Bleibt beispielsweise der Erdgasantrieb. Oder für Leute, die nur in der Stadt fahren, ein vollelektrisches Fahrzeug. An erster Stelle sollte aber die Nutzung unserer hervorragenden öffentlichen Verkehrsmittel stehen.

    Dass die Zeit der Dieselfahrzeuge abgelaufen ist, sollte inzwischen aber jedem klar sein.

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