Vogelberingung bei einem Bartgeier (Quelle: Martin Kaiser, Tierpark)
Bild: Martin Kaiser, Tierpark

Bartgeier-Küken im Berliner Tierpark geschlüpft - Ab in den Süden!

Einst zu Tode gejagt, leiden Geier noch immer unter einem schlechten Image. Aber die Sicht auf die Vögel wandelt sich und Tiergärten lassen Vögel wieder frei. Im Tierpark ist das erste Bartgeierküken dieser Saison geschlüpft. Es könnte in Freiheit aufwachsen. Von Caroline Winkler

Im Tierpark ist am 15. März das erste Bartgeierküken dieses Jahres geschlüpft. Kurator Dr. Martin Kaiser ist gespannt: "Erstmals brütet auch das zweite Paar in der großen Voliere." In den nächsten Wochen könnte ein zweites Küken folgen. Potentiell könnten beide Küken zu den Bartgeiern gehören, welche der Tierpark seit knapp 30 Jahren auswildert.

"Als Vogelkurator ist eine Freilassung mit das Schönste, was ich erleben darf.", sagt Martin Kaiser in seinem Büro im Dachgeschoss des Schlosses Friedrichsfelde. "Wir Zoos stehen ja in der Kritik, dass wir Wildtiere aus der Wildnis nehmen, um sie in den Zoos zu zeigen, was ja heute nicht mehr stimmt. Wenn es sich dann umdreht und Wildtiere aus den Zoos in die Wildnis freigelassen werden und das noch bei einem so erfolgreichen Auswilderungsprogramm wie dem der Bartgeier, dann ist das schön."

Wo sie platziert oder wohin sie freigelassen werden sollen, koordiniert das zoo-übergreifende Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP). Es hat sich der Stärkung bedrohter Tierarten verschrieben und arbeitet eng mit der Vulture Conservation Foundation (VCF) zusammen.

Bartgeier im Nest (Quelle: Caroline Winkler)
Bild: Caroline Winkler

Der Knochenbrecher ist harmlos

Man war der Überzeugung, der 'Lämmergeier' oder 'Knochenbrecher' stoße Lämmer und manchmal auch Kleinkinder von Felsenklippen. Der Vogel mit dem feschen Ziegenbart, den 'Hosen' und den rot umrandeten Augen war zudem eine beliebte Trophäe und wurde zu Tode gejagt. 1913 starb er im Alpenraum restlos aus. 2017 ist er einer der seltensten Greifvögel Europas.

Der Bartgeier verspeist aber – mit Ausnahme von Schildkröten – in Wahrheit tote Tiere und hilft der Hygiene. Sein sehr säurehaltiger Magen erlaubt ihm die Spezialisierung auf Knochen. In spektakulären Aktionen lässt der geschickte Flieger sie aus großer Höhe auf Felsplatten fallen – so dass sie zerbrechen – und schluckt die Teile dann in großen Brocken herunter.

Kinder oder Schafe tötet der auch als 'Knochenbrecher' bezeichnete Bartgeier also nicht. Aber er ist eitel: Er 'schminkt' sein weißes Gefieder an Brust und Unterseite und badet dafür in rostrotem, eisenoxydhaltigen Schlamm.

Neue Heimat in Südfrankreich

Dank der Nachzucht der Zoos stehen Jungvögel für die Auswilderung zur Verfügung. Bartgeier finden sich im Vergleich zu anderen Zootieren leicht in freier Natur zurecht: Als Standvögel und Aasfresser sind sie weder darauf angewiesen, Flugrouten noch Jagen zu lernen. Der 2012 im Tierpark geschlüpfte 'Basalte' veranschaulicht, wie das jüngst geschlüpfte Küken aufwachsen könnte.

Er zählt zu den 17 direkt freigelassenen Bartgeiern des Tierparks. Die Kuratoren Martin Kaiser und Dr. Florian Sicks begleiteten ihn nach Südfrankreich. "Ob sie nun im Horst oder im Auto sitzen, macht für sie keinen Unterschied. Die Tiere sind es ja gewohnt, nicht jeden Tag Nahrung zu bekommen. Man bietet ihnen dann Wasser an, aber das nehmen sie kaum an", berichtet Martin Kaiser von der Fahrt.

Vor Ort unterlag 'Basalte' einer richtigen Prozedur. Einzelne Federn wurden gebleicht, er wurde untersucht und mit einem Sender versehen" Um ihren Sozialkontakt zu stärken, werden die in festen Partnerschaften lebenden Bartgeier stets zu zweit in einen Horst gesetzt.

Markierung der Fluegel bei einem Bartgeier (Quelle: Martin Kaiser, Tierpark)
Bild: Martin Kaiser, Tierpark

Erste Schritte in die Natur

Bartgeier werden ausschließlich an Orten ausgewildert, an denen sie vorher heimisch waren. Die südfranzösische Region der Causses und der Cevennen eignet sich bestens für eine Wiederansiedlung: Die Hochflächen sind dünn besiedelt, Schafe dienen als Futterquelle, Schluchten bieten Aufwinde und unzugängliche Felswände ideale Brutplätze.

Die Region wurde 2011 zum UNESCO Welterbe erklärt. "Die Wander- und Weidewirtschaft der Schafhirten hat hier seit Jahrhunderten Tradition", erklärt Katia Fersing, Ethnologin im Ort Roquefort. Mit den Schäfern wurde eine Vereinbarung getroffen, von der Geier und Schäfer gleichermaßen profitieren: "Verendete Tiere werden zu ausgewiesenen Futterplätzen gebracht."

Ein Team der französischen Vogelschutzorganisation LPO versorgte die freigelassenen Jungvögel in den ersten Wochen mit Nahrung und beobachtete sie. "Zunächst erkunden sie zu Fuß die Umgebung. Nach bereits drei bis vier Wochen machen sie erste Erkundungsflüge", so Martin Kaiser.

Im Frühjahr 2013 machte sich 'Basalte' auf den Weg in die Alpen und kehrte wiederholt an den Ort seiner Freilassung zurück. Zuletzt sichtete man ihn im März 2015 in den nahegelegenen Jonteschluchten. Mit Spannung wird erwartet, wann hier die erste Brut der inzwischen elf ausgewilderten Bartgeier stattfinden wird und Küken in freier Natur schlüpfen können.

Schutz zeigt Wirkung

Vergiftungen, Kollisionen und Stromschläge sind heute die Haupttodesursachen von Geiern. Stromleitungen, insbesondere nahe der Futterstellen, stellen für die Vögel immer wieder ein mörderisches Hindernis dar. Ein Problem ist auch das in der Tiermedizin verwendete entzündungshemmende Diclofenac. Bartgeier nehmen Diclofenac über Tierkadaver auf und verenden daran qualvoll. Auch Abschüsse sind wieder zu verzeichnen.

Die Wiederansiedlungsbemühungen in der südfranzösischen Region tragen dennoch Früchte. Bereits 1981 und 1992 begann man, Gänsegeier und Mönchsgeier auszuwildern, Schmutzgeier gesellten sich 1997 dazu. Auch dank des Verbots von Diclofenac und der steten Gefahrenbeseitigung durch die LPO sind die vier europäischen Geierarten hier vollständig.

Auch im Alpenraum haben sich die Bartgeier dank der Wiederansiedlung mittlerweile erholt. Mit Sorgfalt und Geduld unterstützen Vogelschützer und Zoos die Bartgeier dabei, dass sie ihre Flügel wieder dauerhaft ausbreiten können. Es lohnt sich, das Küken im Tierpark bei seiner raschen Entwicklung zu beobachten, bevor es vielleicht schon bald – davonfliegt.

Schild Bartgeier im Tierpark (Quelle: Caroline Winkler)
Bild: Caroline Winkler

Beitrag von Caroline Winkler

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren