Frostschutz durch Beregnung: Apfelblüten mit Eispanzer in Niedersachsen (Quelle: dpa/Ulrich Perrey)
Bild: dpa

Obstbauern bangen um die Ernte - Anstelle des Frühlings kommt der Frost

Wer auf den Frühling hofft, muss sich gedulden: In der Nacht zu Mittwoch gab es Minusgrade. Die Gärtner der IGA in Berlin machen sich auf das Schlimmste gefasst und die Obstbauern in Brandenburgs setzen auf heiße Luft. Nur die Spargelbauern zeigen sich entspannt.

Kälte, Wind und Regen zu Ostern - das hat bei vielen Menschen auf die Stimmung gedrückt, schließlich warten die meisten sehnlichst auf wärmere Temperaturen. Andererseits ist der April für sein wechselhaftes und zum Teil recht kühles Wetter bekannt. "Wenn sich die Wolken zurückziehen, sind Minusgrade auch im April durchaus möglich", sagt Maria Frädrich, Meteorologin beim Wetterdienst "Meteogroup". Doch worauf sich der Mensch noch halbwegs einstellen kann - notfalls auch mit Schal und Handschuhen -, das kann für Pflanzen mitten in der Blütezeit durchaus gefährlich werden.

IGA-Team sorgt sich um Frühjahrsblüher

Bereits am ersten Wochenende der am Donnerstag eröffneten Internationalen Gartenausstellung (IGA) in Marzahn-Hellersdorf beherrschten kühle Temperaturen, Regen- und Hagelschauer die Parklandschaft. Wenn es jetzt noch einmal richtig kalt wird, ist die dortige Blütenpracht in Gefahr. Immerhin gibt es auf der IGA hunderttausende von Frühjahrsblühern.

Für eine kurze Zeit würden die in Blüte stehenden Pflanzen frostige Temperaturen noch vertragen, teilte die IGA am Dienstag mit. Sollten die Temperaturen aber dauerhaft unter minus fünf Grad fallen, werde das Team aus Gärtnerinnen und Gärtnern entsprechende Maßnahmen ergreifen, sagte Julia Rommel vom IGA-Presseteam rbb|24. "Dafür halten sie Vlies zum Abdecken bereit, um im Bedarfsfall schnell handeln zu können." Gehölze, Rosen und Stauden dagegen würden auch niedrige Temperaturen vertragen.

"Peter" und "Querida" lassen polare Luft nach Brandenburg strömen

Schuld an den frostigen Temperaturen sind die beiden Tiefdruckgebiete, die den Südosten Europas beherrschen. Nach Tief "Otto", das inzwischen weiter nach Osten gezogen ist, folgt nun das Tief "Peter". Es bildet den Gegenpart zum Hochdruckgebiet "Querida", das vom Atlantik über die britischen Inseln bis nach Süd-Skandinavien reicht. Zwischen den beiden Wetterfronten hat sich eine nordöstliche Strömung aufgebaut, die Luft polaren Ursprungs nach Mitteleuropa bringt. "Bereits in einer Höhe von 5.000 Metern haben wir derzeit minus 35 Grad", sagt Wetter-Expertin Frädrich. So kommt es auch, dass die Temperaturen in der Region noch einmal richtig in den Keller gehen.

Vier Grad minus in der Nacht zu Mittwoch

In der Nacht zu Mittwoch  kam es in Berlin und Brandenburg zu Minusgraden; am Mittwochmorgen wurden noch Tiefstwerte von minus zwei Grad gemessen.

Für wetterfühlige Menschen können die Minusgrade ein echtes Problem darstellen. Kopfschmerzen, aber auch Verdauungsprobleme oder Gliederschmerzen könnten die Folge sein, sagt Frädrich. "Nicht gerade ideal" sei der Kälteeinbruch auch für die Vegetation, so die Meteorologin - der Frühling werde dadurch um viele Tage zurückgeworfen. Aussicht auf Besserung bestehe leider nicht. Zwar werde es zum Wochenende hin wieder etwas milder, aber bis Ende April "bleiben wir auf der kalten Schiene". Richtig Frühling wird es bis dahin nicht.

Obstbauern machen sich aufs Schlimmste gefasst

Wie gefährlich Frost mitten im Frühjahr werden kann, weiß der Obstbauer Thomas Bröcker aus eigener Erfahrung zu berichten. "2011 haben wir die komplette Ernte verloren", sagt Bröcker, der in Markendorf, einem Ortsteil von Frankfurt (Oder), einen eigenen Obstbau-Betrieb unterhält. "Damals hatten wir Anfang Mai drei Nächte lang hintereinander zwischen minus drei und minus vier Grad - da war nichts mehr zu retten", erklärte er am Dienstag rbb|24. Der Landwirt leitet beim Gartenbauverband Berlin-Brandenburg die Fachgruppe Obst. 90 Prozent der Süßkirschen und bis zu 80 Prozent der Apfel-Ernte seien damals verloren gegangen.

Spargel trotzt der Kälte

Die Spargelernte jedenfalls scheint nicht in Gefahr zu sein: Die Stangen wüchsen nun zwar langsamer, sagte Jürgen Schulz, Geschäftsführer des Verbandes der Spargel- und Beerenanbauer, am Mittwoch in Teltow. Aber der Boden habe durch die Wärme zu Beginn der Saison noch genügend Wärme gespeichert, damit der Spargel trotz der frostigen Temperaturen weiter gedeihen könne.   

Eine Erdbeerpflanze, die mit Raureif überzogen ist. (Quelle: imago/ Chromorange)Erdbeer-Pflanze, mit Raureif bedeckt

Vlies und Beregnungsanlagen als Frostschutzmittel

Jetzt, Mitte April, seien vor allem die Erdbeeren, aber auch die Kirschen in Gefahr, denn bei beiden Obstsorten entwickelten sich gerade die Blütenstände. Viele Erdbeer-Betriebe hätten die Felder daher mit dickem Vlies abgedeckt, berichtet Bröcker. Und er hofft, dass es hilft: "Bis zu minus zweieinhalb Grad können die Pflanzen verkraften."

Statt dicke Vlies-Bahnen über die Erdbeerfelder zu rollen, wäre es allerdings besser, mit Beregnungsanlagen zu arbeiten (siehe Bild ganz oben), denn: Wenn die Pflanzen erst einmal mit einer Eisschicht überzogen sind, werde eine "Kerntemperatur von um die null Grad" gehalten, sagt Bröcker, was die Pflanzen gut vertragen könnten, das gelte auch für Kirsch- und Apfelbäume. Leider gebe es in ganz Brandenburg nur eine solche Anlage - während in den Hamburger Obstbaugebieten rund 70 Prozent der Betriebe ihre Pflanzen durch Beregnung vor Frost schützen.

Mit Heißluft-Gebläse über die Süßkirschen-Plantage

Schwieriger werde es mit den Kirschen,  wobei sich Bröcker nicht auf den normalen Wetterbericht verlässt, sondern - wie viele Obstbauern in der Region - mit einem speziellen Vorhersage-Programm aus Norwegen arbeitet. Wirklich riskante Temperaturen erwartet er daher auch erst in der Nacht zu Donnerstag, dann aber wird der Frost mit allen Mitteln bekämpft.

Dazu wird sich der Frankfurter Obstbauer um Mitternacht auf seinen Trecker setzen und nach einem speziell ausgeklügelten Plan über die Süßkirschen-Plantage fahren. Hinten am Trecker wird dann ein Gestell mit acht voll beladenen Gasflaschen hängen. Mithilfe von Brenner und Gebläse wird den Kirschen ordentlich eingeheizt, und das die ganze Nacht hindurch. "Zwischen sechs und sieben Uhr wird es nochmal kälter", sagt Bröcker, "deshalb komme ich vor acht Uhr nicht wieder rein." Damit auch wirklich nichts erfriert, muss der Obstbauer spätestens alle acht Minuten an einem Baum vorbeifahren - bei über 2.000 Süßkirschen ist dazu eine generalstabsmäßige Planung erforderlich.

Sendung: rbb aktuell, 18.04.2017, 21:45 Uhr

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 3.

    Es handelt sich genau genommen dabei um kein spezielles "Programm." Es sind die hochgenaue Wetterdaten des norwegischen Wetterdienstes, der diese als einzige Institution in Europa für Privatleute im Internet unter der "YR" Website freigegeben hat. Die Daten für Berlin (Mitte) sind z.B. unter folgendem Link abrufbar:
    https://www.yr.no/place/Germany/Berlin/Berlin/hour_by_hour_detailed.html
    wobei es allein für Berlin schon mehrere Vorhersagepunkte gibt! Außerdem gibt es eine "YR" Handy-App. die auch Meteogramme für den ermittelten Standort darstellen kann. Den Hintergrund dazu kann man hier nachlesen:
    http://www.zeit.de/digital/internet/2009-10/wetter-norwegen-daten/komplettansicht

  2. 1.

    Mich würde ja interessieren, mit welchem "speziellen Vorhersage-Programm aus Norwegen" die Obstbauern arbeiten?

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