Die Hände eines Paares und eines Kindes liegen auf einem Tisch in Berlin (Jens Kalaene / dpa)
Bild: dpa-Zentralbild

Bewerberzahlen drastisch gesunken - Warum immer weniger Paare ein Kind adoptieren wollen

Die Zahl der Berliner Paare, die ein Kind adoptieren möchten, ist seit 2007 um rund 75 Prozent gesunken. Das liegt auch daran, dass die Jugendämter viel zu lange den Trend der späteren Familiengründung ignorierten - und ältere Paare von der Adoption ausschlossen. Von Robin Avram

Als Sophia und ihr Mann Ben beschlossen, ein Kind zu bekommen, war sie 34, er 37 Jahre alt - nichts ungewöhnliches in ihrem Akademiker-Freundeskreis. Sophia wusste, dass es nicht einfach werden würde, schwanger zu werden. Über den Grund möchte sie ungern reden. Ein Jahr lang versuchten sie es auf natürlichem Weg - erfolglos. Anschließend die Kinderwunschbehandlung. Zwei erfolglose In-Vitro-Fertilisationen, zur Hälfte bezahlt aus eigener Tasche. Zwei Fehlgeburten.  Dann war die Kraft aufgebraucht, um mit den wiederkehrenden Enttäuschungen fertig zu werden.

Jetzt kam noch eine Adoption in Frage. Doch Sophia und Ben brauchten einige Zeit, die Trauer über den unerfüllten Kinderwunsch zu verarbeiten. Als sie im Jahr 2012 soweit waren, sich bei der Adoptionsvermittlungsstelle des Berliner Senats registrieren zu lassen, eröffnete ihnen eine Mitarbeiterin: Sie sind zu alt, wir können ihnen leider kein Kind vermitteln. Da war Sophia 37, Ben 40 Jahre.

Reproduktionsmedizin hilft immer mehr Paaren

Sophia und Ben heißen eigentlich anders. Ihre Geschichte liefert die wahrscheinlichste Erklärung für einen erstaunlichen Befund: Im Jahr 2007 kamen in Berlin auf ein zur Adoption freigegebenes Kind 28 Bewerber. Im vergangenen Jahr waren es nur noch fünf Bewerber. Die Folge: Kinder mit "Risikofaktoren" - also ältere Kinder oder Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft Alkohol tranken  -  waren zunehmend schwer zu vermitteln.

Monika Castronari hat diese Entwicklung mitverfolgen können. Seit 2004 arbeitet sie beim Adoptionsdienst der Berliner Caritas und der Immanuel Diakonie. "Ich vermute, dass der Rückgang der Bewerberzahlen mit den Erfolgen der Reproduktionsmedizin zusammen hängt", sagt sie rbb|24. Zahlen des In-Vitro-Fertilisations-Registers geben ihr Recht. Es sammelt die Daten von fast allen deutschen reproduktionsmedizinischen Zentren. Demnach stieg die Zahl der Kinderwunsch-Behandlungen seit 2007 um ein Drittel, die Zahl der geborenen Kinder sogar um die Hälfte. Über 19.000 Kinder erblickten durch medizinische Hilfe im Jahr 2015 das Licht der Welt. Die meisten ihrer Eltern verzichteten anschließend auf eine Adoption.

Nach der Kinderwunschbehandlung zu alt für eine Adoption

Die Kehrseite der Medaille ist jedoch: Paare wie Sophia und Ben, bei denen die Kinderwunschbehandlung nicht zum Erfolg führte, waren anschließend oft zu alt für die Adoption. Das Durchschnittsalter der Patientinnen in den Kinderwunsch-Zentren lag zuletzt bei 35 Jahren, die Männer an ihrer Seite waren 38,6 Jahre alt.

"Wir hatten doch keine Ahnung, dass wir danach nicht mehr über das Jugendamt ein Kind adoptieren können", sagt Sophia. Sie kennt mehrere Frauen, die jenseits der 40 noch ein eigenes Kind bekommen haben. Auch das ein gesellschaftlicher Trend, den die Jugendämter lange Zeit ignorierten.

Erst Ende 2014 änderten die Jugendämter ihre Alters-Empfehlung

Dabei stand die Altersgrenze für Adoptiveltern, die Paare wie Sophia und Ben damals ausschloss, nie im Gesetz. Sie leitete sich aus einer Empfehlung der Landesjugendämter zum Thema Adoption ab. Lange Zeit stand in diesen Empfehlungen. "Dem Wohl des Kindes wird es nicht dienen, wenn der Altersabstand größer als 40 Jahre ist." Erst in der jüngsten Überarbeitung, die Ende 2014 veröffentlicht wurde, änderte das Gremium seine Empfehlung. Nun ist die Rede davon, dass das Alter der Adoptiveltern im Verhältnis zu den Kindern einem "natürlichen Altersabstand" entsprechen soll.

Darauf weist eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums auf rbb|24-Anfrage hin. Immerhin hatten Fachpolitiker von SPD und CDU zuvor den Missstand erkannt. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung von 2013 ist festgehalten, dass das Adoptionsrecht geändert werden und die Tendenz zur späteren Familiengründung dabei berücksichtigt werden soll. Zwar ist das Adoptionsrecht immer noch nicht geändert, aber zumindest die Landesjugendämter haben reagiert.

Legte Senat Altersregelung besonders streng aus?

"Seitdem die neue Empfehlung da ist, vermitteln wir auch Paaren bis Mitte 40 ein Kind", sagt Monika Castronari von der kirchlichen Adoptionsstelle. Das Resultat: Die Bewerberzahlen in Berlin sind 2015 und 2016 wieder gestiegen. Das könnte ein versöhnliches Ende für diese Geschichte sein.

Doch für Paare wie Sophia und Ben bleibt noch eine Frage offen: Warum sanken die Bewerberzahlen im Berlin so viel stärker als im Bundesdurchschnitt? Zur Erinnerung: In Berlin gab es 2016 rund 75 Prozent weniger Bewerber als noch eine Dekade zuvor. Im Bund wares es nur 30 Prozent weniger - der Bewerberschwund in der Haupstadt war also mehr als doppelt so heftig.

Legte Jugendamt Altersregelung besonders streng aus?

Dieser drastische Rückgang könnte damit zu tun haben, dass die Adoptionsvermittlungsstelle des Berliner Senats die Altersregelung strenger auslegte als andere Bundesländer. Denn es gab laut Monika Castronari auch vor dem Wegfall der Altersgrenzenempfehlung einen Ermessensspielraum. "Wir haben im Laufe der Jahre immer mal wieder Paare betreut, die zuvor vom Jugendamt aufgrund ihres Alters abgelehnt wurden", berichtet Castronari rbb|24. Was für ein Motiv könnte dahinter stecken, dass das Jugendamt offenbar mehr älteren Paaren ein Kind verwehrte als die kirchliche Stelle es tat?

Es habe im Laufe der Jahre einen Personalabbau bei der Adoptionsvermittlungsstelle des Senats gegeben, sagt Castronari. Wurden also ältere Paare kategorisch abgelehnt, weil sonst die Arbeit nicht zu schaffen war? Der Pressesprecher der zuständigen Senatsverwaltung für Familie bestreitet das auf Anfrage. In den vergangenen fünf Jahren habe es keine Reduzierung beim Personal gegeben. Es treffe zudem nicht zu, dass in Bezug auf das Alter der Bewerber andere Kriterien angelegt wurden als bei der kirchlichen Vermittlungsstelle.

In offizieller Broschüre ist immer noch von 40 Jahren die Rede

In der Broschüre für Adoptionsbewerber auf der Homepage (Link als PDF) des Senats spiegelt sich das jedoch nicht wieder. Darin ist weiterhin die Rede davon, dass ein Altersabstand von 40 Jahren nicht überschritten werden sollte. "Der Passus wird in der Neuauflage angepasst", heißt es auf Nachfrage seitens des Sprechers der zuständigen Senatsverwaltung.

Für Sophia und Ben kommt die Änderung der Vermittlungspraxis allerdings zu spät. Sie entschlossen sich nach der Absage des Berliner Jugendamts zu einer Auslandsadoption über eine private Vermittlungsagentur. Bis sie ihr Kind nach Hause nehmen konnten, dauerte es anderthalb Jahre, die viel Geld, Tränen und Nerven gekostet haben. Aber heute sind sie glücklich und zufrieden mit ihrem Adoptivkind.

Beitrag von Robin Avram

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