Wandbemalung an der Bernauer Straße (Quelle: Katrin Müller)
Bild: Katrin Müller

Street Art an der Bernauer Straße - Die Wand aus Fleisch feiert Geburtstag

In diesen Tagen feiert es einjähriges Bestehen: ein überdimensionales Stück rohes Fleisch auf einer Brandwand in der Bernauer Straße. Dabei verstößt das Kunstprojekt zur Teilung Berlins eigentlich gegen die stadtplanerischen Vorschriften an der Mauergedenkstätte.

Ein überdimensionales Steak, angeschnitten von einem Messer – ein nicht gerade gewöhnliches Mauerdenkmal. Das Bild prangt dieser Tage seit mittlerweile einem Jahr an einer Häuserwand an der Bernauer Straße und soll an den Mauerbau im Jahr 1961 erinnern. Die Idee dahinter: Der Bau der Mauer verbildlicht als Schnitt in das Fleisch Berlins.

"Wenn diese Hauswand sprechen könnte, würde sie mit Sicherheit vom einschneidendsten Ereignis der Stadt erzählen: Dem Mauerbau ab 1961 und der Trennung Berlins bis 1989", hatte Marcus Haas damals erklärt. Er hat das Mural, das riesige Wandbild, entworfen.

Bei der Wandbemalung an der Bernauer Straße (Quelle: Katrin Müller)
Seit einem Jahr ziert das Fleisch-Mural die Hausfassade an der Bernauer Straße | Bild: Katrin Müller

Kunst versus Verschattungsstudie

"Wenn Wände sprechen könnten" hatte das Unternehmen für urbane Kommunikation Xi-Design zum Thema erklärt, als sie vor über einem Jahr Künstler aus aller Welt aufriefen ein Mural zu entwerfen. 396 Designs aus 59 Ländern wurden eingereicht. Die Jury aus Jörni, Bolle und Kimo von der Kreativschmiede entschied sich schließlich für das rohe Stuck Fleisch. In Absprache mit dem Eigentümer sprayten sie das überdimensionale Steak auf die Fassade eines Wohnhauses in der Bernauer Straße. "Wir haben das einfach gemacht, ohne das beim Amt anzumelden. Wir dachten, das muss nur der Eigentümer wissen", erzählt Kimo von Rekowski heute.

Dann, vor einem halben Jahr, flatterte eine Anordnung des Bezirks ins Haus: Das Gemälde müsse entfernt werden.

Denn was die Künstler nicht wussten ist, dass es für den Standort in der Rosenthaler Vorstadt rund um die Mauergedenkstätte ganz bestimmte stadtplanerische Vorschriften gibt. Bei der Fassadengestaltung dürfen ausschließlich helle Farbtöne verwendet werden, heißt es in dem Beschluss des Abgeordnetenhauses zum Bebauungsplan des Geländes – um "gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse" zu schaffen. Das lege auch eine gewisse Verschattungsstudie nahe. Das Votum der Hauseigentümer bei der Fassadengestaltung  ist also nicht ausschlaggebend.

Das Fleisch ruht

Die Beseitigungsanordnung von der Senatsverwaltung war deshalb obligatorisch – auch wenn den Verantwortlichen das Werk offenbar selbst gut gefiel. "Wir hatten ein längeres Gespräch beim Amt", erzählt Kimo von Rekowski. "Die haben gesagt, dass sie das Kunstwerk auch gut fänden, aber die Anordnung musste eben geschickt werden."

Mittlerweile haben die Künstler schon seit einem halben Jahr nichts mehr in Sachen Beseitigung gehört. Seither liegt das Stück Fleisch offenbar unangetastet beim Amt auf dem Tisch – und hängt nach wie vor an der Hauswand in der Bernauer Straße.

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Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Hoffentlich ist es leckeres Schweinefleisch, das mag ich - viele andere nicht. Schade oder gut? Keine Ahnung, bleibt mehr für mich übrig!

  2. 3.

    Hier wird doch gar nichts verschattet, sowohl zu den gegenüberliegenden als auch den benachbarten Häusern ist doch so viel Abstand - es ist eine immens breite Straße dazwischen, so dass sich die dunkle Wandfarbe keinesfalls negativ auf andere Wohnungen auswirken dürfte.

  3. 2.

    Dieses Fassadenbild spricht eine sehr deutliche und für viele Menschen verständliche Sprache und zeigt damit auch eine wichtige Funktion von Kunst. Ich finde Kunst sollte nicht nur abstrakt, ästhetisch und vom Politikern aus Steuermitteln subventioniert sein. Sondern auch spontan und provokativ!

    Danke an die Macher unbedingt erhaltenswert.

  4. 1.

    Natürlich ist eine Stadt immer auch ein Organismus und der ist mehr als ein bloßes verkehrstechnisches Räderwerk einer Marke Überall & Nirgends. Die rein technischen Verbindungen sind größtenteils wiederhergestellt, die rein menschlichen brauchen noch Jahrzehnte. Nur die Jungen, die Berlin aus eigener Anschauung zu Mauerzeiten nicht kennen, haben damit keine Probleme, während bei den Älteren die Umzugswagen größtenteils in der vormaligen Stadthälfte verbleiben.

    Lässt sich etwas auf Geheiß herstellen?
    Ich glaube nicht.

    Berlin ist ohne Mauer und kann doch ohne Mauer nicht gedacht werden. In diesem Zusammenhang kann ein Sinnbild wie das "Mural" sehr sinnvoll sein. Das ist für mich etwas anderes, als die Mauer nur als spektakuläres, skurriles Bauwerk anzusehen. Wirken tat sie vielmehr in ihrer Alltäglichkeit. Deshalb auch die Generationenaufgabe ihrer Überwindung.

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