Symbolbild: Ein Läufer watet bei einem Tough Mudder-Event durch den Schlamm (Quelle: imago/Beautiful Sports)
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Extrem-Parcours im Selbstversuch - Tough, tougher - tough Mudder

Sie brüllen, kämpfen und wühlen sich durch den Schlamm: Tausende quälen sich an diesem Wochenende am Lausitzring durch den "Tough Mudder"-Lauf. Tom Garus hat die spektakulärsten Hindernisse selbst ausprobiert.

Kurz nach neun Uhr morgens irgendwo im Süden Brandenburgs: Hunderte Männer und Frauen brüllen sich warm. Es hat etwas Furchteinflößendes, gar Soldatisches - doch die Kleidung der Teilnehmer macht deutlich, dass wir hier nicht beim Militär sind: Selbstironisch erscheinen viele Teilnehmer in witzigen Team-Trikots. Ich sehe Superhelden, Schottenröcke samt blauer Brave-Heart-Schminke im Gesicht und Männer in viel zu kleinen Ballett-Röckchen.

Sie alle machen begeistert Hockstrecksprünge und schaukeln sich hoch in eine Art kollektive Begeisterung. Das Warm-up verpasst den Athleten schon vor dem Startschuss die erste Ladung Adrenalin und erzeugt so den besonderen Spirit des "Tough Mudder." Als wir zur Startlinie laufen, nimmt das Ritual dann fast Züge einer religiösen Messe an.

"Ich muss kein egoistischer Idiot sein"

Wie ein Geistlicher beschwört der Start-Schiedsrichter die Massen: "Ich weiß, dass dieses Event ein Rennen ist. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich auf der Strecke ein egoistischer Idiot sein muss." Diese Ansage sitzt. Neben mir lächelt mich Eva an, eine Teilnehmerin, die schon zum zweiten Mal dabei ist: "Lauf einfach mit der Menge mit. Es hilft dir eh jeder wie in einer großen Familie! Das ist wirklich kein Rennen, sondern eine Teamveranstaltung", sagt sie.

Zum Antworten bleibt mir kaum Zeit, denn schon brüllen hunderte Kehlen den Countdown zum Start herunter.

Unten Schlamm, oben Stacheldraht

Die Idee zu dem extremen Hindernislauf hatte 2009 ein britischer Elitesoldat. Seither haben sich bereits rund zweieinhalb Millionen Menschen durch den Parcour gequält und die neue Sportart groß gemacht. Allein am Lausitzerring starten dieses Wochenende rund 8.000 Menschen in die 18 bis 20 Kilometer lange Matsch-Odyssee – manche davon extra angereist aus Bayern, Thüringen und Nordrhein-Westfalen.

Der Hindernislauf beginnt entspannt. Locker joggen wir durch den Wald. Doch schon das zweite Hindernis hat es in sich. "Kiss of Mud": Schlammküssen, haben die Macher diese Matschgrube getauft. Unter einem kniehohen Stacheldrahtzaun müssen wir durch den Schlamm robben. Am Rand steht Helferin Katja und instruiert ihre Rekruten: "Alle mal ein bisschen mit Spaß! Ihr müsst euch hinlegen, damit ihr da durchrutscht!" Spätestens nach einem tieferen Wasserloch in der Mitte der Pampe sind alle "Mudders" durchgeweicht bis auf die Knochen.  

"Bei manchen macht der Kreislauf nicht mehr mit"

Doch das war erst der Anfang. Wenige Kilometer weiter höre ich schon von weitem, wie die Teilnehmer in ein Eisbecken platschen. Das Wasser ist vier Grad kalt, der "Arctic Enema" das für mich heftigste Hindernis. Durch eine Röhrenrutsche schlittern die Extremsportler in die kalte Eiswürfel-Brühe. Schnappatmung. Schock. Noch einmal Abtauchen in eine benachbarte Eiswanne. Ich bin wie von Sinnen, zum Glück hilft mir jemand da raus.

Es ist Sanitäter Detlef Kraus. Er achtet darauf, dass alle, die abtauchen auch wieder nach oben kommen: "Die Leute können einen Schock bekommen durch das kalte Wasser. Auch psychisch haben manche Probleme, gerade bei dem erneuten Runtertauchen. Und bei manchen macht schließlich der Kreislauf nicht mehr mit." Eine gesamte Lkw-Ladung Eis verbrauchen die Helfer allein an diesem Wochenende, um die Temperatur auf vier Grad zu halten.

Wer den Ego-Trip heraushängt, wird hängengelassen

Es geht auf den Schlussspurt zu. Nächste Station: Mount Everest. Ich muss eine halbrunde, glitschige Rampe empor rennen und versuchen, mich oben irgendwie festzuklammern. Ohne Teamwork ist das fast unmöglich, bestätigt mir Clemens, ein muskulöser Mittzwanziger aus Berlin: "Teamwork ist alles hier. Wenn du versuchst, deinen Ego-Trip heraushängen zu lassen, wirst du hängen gelassen. Im wahrsten Sinne des Wortes."

Mehrere Teilnehmer packen mir unter die Arme und ziehen mich weiter, nur dadurch schaffe es bis zum Ende der Rampe. Ich verstehe: Jedes weitere Hindernis macht die Gruppe nicht schwächer, sondern stärker. Einer für alle und alle für Einen. Hier wird niemand zurückgelassen, schießt es mir durch den Kopf. Es ist die Gemeinschaft, die hier heute ins Ziel kommt, nicht der Einzelne.

Wo ist meine Grenze?

Wie weit darf ein "Tough Mudder" Event gehen? Wo ist meine Grenze? Ich suche eine Antwort auf die Frage, als ich aufgefordert werde, in ein Lianen-Dickicht zu laufen, das mit bis zu 10.000 Volt geladen sein soll. Es ist das letzte Hindernis auf dem "Tough Mudder" am Lausitzring. Ich beantworte die Frage mit "Scheiß drauf" und renne im Vollsprint auf den "Electroshock Kong" zu.

Ein Stromschlag am Bein wirft mich fast aus der Bahn. Doch sobald jemand stolpert oder sogar fällt, helfen die anderen ihm hoch und laufen anschließend gemeinsam ins Ziel. Viele Teilnehmer des "Tough Mudder" kommen nicht nur für den Sport hierher, sondern weil es eben genau diese Gruppendynamik ist, die sie feiern wollen.

Sendung: Inforadio, 10.09.2017, 9.10 Uhr  

Beitrag von Tom Garus

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Bezogen auf alle an dieser "Veranstaltung" Beteiligten sagte mein Nachbar(Facharzt für Neurologie und Psychologie) --> medizinisch SEHR interessant.

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