Anke Stein, neue Leiterin der Justizvollzugsanstalt Moabit
Audio: 07.09.2017 | radioBerlin | Anke Stein | Bild: dpa

Interview | Innenansichten einer Knastchefin - "Gefängnisse sind super Arbeitsplätze"

Sie führt seit einer Woche Berlins zweitgrößtes Gefängnis: Regierungsdirektorin Anke Stein. Seit ihrem Amtsantritt in der JVA Moabit ist die gelernte Juristin als einzige Frau Chefin einer Haftanstalt in Berlin. Was sind ihre Pläne?

Frau Stein, in anderen Firmen machen die Chefs am ersten Arbeitstag einen Antrittsbesuch. Haben Sie sich auch bei den knapp 1.000 Insassen in Moabit vorgestellt?

Nein, das habe ich nicht, und das werde ich auch niemals tun. Dafür sind die zum Teil viel zu kurz da, das schaffe ich gar nicht. Ich werde mich aber bei allen Bediensteten vorstellen.

Wann kamen Sie auf die Idee, Gefängnisdirektorin zu werden?

Ich habe Jura studiert. Was mich schon immer interessierte, war Jugendstrafrecht, Kriminologie, Strafvollzug. Das fand und finde ich total spannend. Dass es eine Möglichkeit gibt, auch wirklich in Gefängnissen zu arbeiten, habe ich erst später begriffen. Gefängnisse sind super Arbeitsplätze, ich mach das total gerne.

Was ist für Sie ein erfolgreicher Arbeitstag?

In Moabit ist der Schwerpunkt Untersuchungshaft. Das heißt, wir wissen nicht, ob die Insassen jemals verurteilt werden. Das ist ein bisschen anders als in der Strafhaft, da ist nix mit Resozialisierung. Erfolgreich ist, wenn ich das Gefühl habe, dass dieser Tag für die Bediensteten und die Gefangenen dieser Anstalt besser war als der davor.

Gibt es auch Gangs in deutschen Gefängnissen, so wie man sie aus amerikanischen Fernsehserien kennt?

Gangs ist ein amerikanisches Wort, und es passt auch besser dorthin. Subkulturen, die gibt es natürlich in jedem Gefängnis. Vielleicht in Strafgefängnissen noch mehr als in der Untersuchungshaft, weil die Menschen dort länger untergebracht sind. Wenn wir Menschen hier haben, die vielleicht mit ihrer Familie oder anderen Täterkreisen Rauschgiftgeschäfte gemacht haben, dann kommen sie mit dieser Vita zu uns. Und darum werden wir uns kümmern müssen.

Sie haben früher die JVA Heidering vor der Türen Berlins geleitet, ein sehr modernes Gefängnis. Jetzt sind sie in einem Knast, der 1892 gebaut wurde und heute architektonisch völlig antiquiert ist. Stört Sie das?

Nein. Es ist anders, aber ich bin ja altbausozialisiert (lacht). Ich arbeite nicht erst seit 2013 für den Vollzug, sondern schon seit 1999. Damals habe ich auch das erste Mal in der JVA Moabit gearbeitet. Sie ist mir auch ein Stückchen vertraut. Heidering ist deshalb so neu, weil es eben ein Neubau ist. Aber die Arbeit gleich, ob Altbau oder Neubau. Vor 130 Jahren war Moabit sehr modern. Dafür ist sogar der Kaiser nach England gereist, um sich zu informieren, wie Untersuchungshaftvollzug in Deutschland aussehen soll.

Sind Sie stolz, in dieser traditionsreichen Anstalt zu arbeiten? Erich Honecker saß ein, Egon Krenz, jeder Berliner kennt die JVA Moabit.

Ja, die Rückmeldungen war schon so – "oh, Moabit", das war ganz beeindruckend. Ich freu mich total, dass ich das machen darf, aber ich hab' da Respekt vor. Ich bin gespannt, wohin es mich in Moabit führt.

Wie fühlt es sich an, wenn Sie abends nach Hause gehen und von außen den Schlüssel rumdrehen dürfen?

Das Gute ist, dass in Gefängnissen niemand den Schlüssel von außen rumdreht, ich also auch nicht. Ich gehe von der Arbeit nach Hause, ich fühle mich in Gefängnissen nicht unfrei, es ist ein ganz normaler Arbeitsplatz.

Alle Berliner Gefängnisse werden multikultureller, es gibt etwa viele arabischstämmige oder nordafrikanische Gefangene. Wie gehen Sie mit Sprach- und Kulturproblemen um?

Wir sind zuständig für die Menschen, die zu uns kommen. Wir suchen uns die nicht aus. Gerade in der Unterschungshaft gibt es mehr Gefangene, die kein Deutsch können. Dann ist es unsere Aufgabe, ihnen Deutsch beibringen zu lassen, damit wir uns überhaupt verständigen können.

Müssen die Justizbeamten selbst etwas Arabisch drauf haben?

Wir lernen für den Vollzug keine Fremdsprachen. Die sind auch wechselhaft, bist du sie gelernt hast, ändert sich die Gefangenenklientel, das bringt ja nix. Aber wir können nicht so tun, als ob uns nur unser Deutsches, unser Gewohntes, weiterführt. Wir lassen uns in gewisser Weise auf andere Kulturen ein, wir müssen die Menschen erreichen, das ist selbstverständlich. Aber wir verraten unsere Werte nicht.

Justizbeamter ist nicht gerade ein Traumjob. Es ist Schichtdienst, nicht sehr gut bezahlt, vielleicht auch noch gefährlich. Wie finden Sie Nachwuchs?

In der Ausbildung bezahlt Berlin sehr gut im Justizvollzug. Das finde ich wichtig und gut. Und na ja, was ist nicht gefährlich … Gefahren sind nicht unser Alltag. Im Justizvollzug zu arbeiten ist total spannend. Es ist Arbeit mit Menschen. Es ist für diese Stadt. Ich möchte nichts anderes tun.

Was ist das Spannende daran?

Es ist nicht so feststehend. Man weiß morgens nicht, was abends ist. Wer gerne einen ganz geregelten Arbeitsalltag hat, der ist im Vollzug falsch. Aber wer gerne mit unterschiedlichsten Menschen auf der Bediensteten-Seite zusammenarbeitet, mit verschiedensten Ausbildungen, und wer sich dafür interessiert, was sein Gegenüber als Gefangener an Problemen und Fähigkeiten mitbringt, der hat Abwechslung, Aufregung im positiven Sinne und ein tolles Arbeiten.

Was sind Ihre Pläne bis Ende des Jahres, was wollen Sie Positives bewegen?

Ich guck mir erstmal an, wie sich die JVA Moabit in den 17 Jahren, in denen ich da nicht gearbeitet hab', weiterentwickelt hat. Und ich möchte unbedingt mit allen Bediensteten sprechen, um mir einen Einblick zu verschaffen, was der Alltag in der Anstalt bedeutet. Wie wir das zum Wohle der Bediensteten und auch zum Wohle der Gefangenen so gestalten können, dass wir alle entspannt nach Hause gehen.

Das Gespräch führte Alexander Schurig, radioBerlin

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10 Kommentare

  1. 10.

    Und ich finde es (als Ex Insasse diverser JVAen in Berlin) gut wie Sie es machen! Den Spagat hinzubekommen, trotz allem Menschlich und freundlich zu sein bekommt ein Großteil der Berliner Justizvollzugsbeamten ganz gut hin. Ich finde, die meisten sind recht freundlich, und natürlich hat dieser Job seine Tücken und seinen Schreibkram, dennoch bleibt die Menschlichkeit und auch die “Sozial/Seelentrösterarbeit“ nicht auf der Strecke! Das darf man ruhig auch mal sagen.

    Ein Ex-Gefangener

  2. 9.

    Sie entschuldigen bitte, dass ich lediglich in der "freien Wirtschaft" tätig war und aus dieser Perspektive an die dortigen Gepflogenheiten, u.a. das Arbeitsgericht, dachte. ... Im übrigen habe ich von Ihnen den Eindruck, Sie gehören zur Kategorie >> auf den blanken Haken beißen <<.

  3. 8.

    Sie sollten es unterlassen, irgendwelche Anschuldigungen zu stellen, wenn sie keine Ahnung von der Sache haben. Erstens, ein Beamter " landet" nicht vor dem Arbeitsgericht, sondern vor dem Verwaltungsgericht, wenn er sich was zu schulden kommen lässt. Zweitens, glauben Sie im Ernst, dass die Gefangenen, die eine Weile oder auch zum wiederholten Male bei uns sind, nicht ganz genau wissen, wieviele Beamte ungefähr im Spätdienst im Dienst sind und für wieviele Stationen ein Beamter zuständig ist? Welche geheimen Betriebsinterna werden also "ausgeplaudert"?

  4. 7.

    Ich hoffe für Sie, dass Sie mit Ihrem "ausplaudern" von Betriebsinterna nicht vor dem Arbeitsgericht landen. Denn dort hätten Sie arbeitsrechtlich "schlechte Karten". ... Dagegen sind die "verklärenden Siegesmeldungen" Ihrer Vorgesetzten für die eher karrierefördernd, weil systemkonform.

  5. 6.

    Es ist wieder mal interessant, wie die Situation in der JVA Moabit schön geredet wird von unserer Obrigkeit. Wir haben seit Jahren zu wenig Personal ( selbst wenn jetzt wieder ausgebildet wird, werden überwiegend die Kollegen ersetzt, die in den Ruhestand gehen), wir haben schon länger stark vermehrt Übergriffe auf Kollegen, wir haben immer mehr Gefangene, die kein Deutsch können, Psychisch krank sind. Die Gefangenen bekommen immer mehr Freiheiten, wie Aufschlusszeiten etc. bei weniger Personal. Sie sind diskutierfreudig, folgen Anweisungen teilweise erst nach mehrmaliger Aufforderung, haben eine Anspruchshaltung etc. Man hat oft das Gefühl, dass das Wohl der Gefangenen wichtiger ist, als das der Bediensteten. In einer Teilanstalt sind nachmittags mehr als 40 Gefangene offen, obwohl nur 8 oder sogar weniger Bedienstete dort Dienst machen. Wo bleibt da die Sicherheit?? Man kann nur jeden Tag hoffen, als Justizvollzugsbeamter gesund wieder nach Hause zu kommen.

  6. 5.

    Könnt ihr bitte die Kommentarfunktion deaktivieren? Das erträgt ja kein Mensch. Diese undifferenzierten Kurzmeinungen sind schädlich für unsere Demokratie.

  7. 4.

    Ein ehemaliger Häftling sagte einmal zu mir, die einzigen die ihm im Gefängnis leid taten waren die Schließer - sie hatten lebenslänglich, schlechter Dienst und das bei schlechter Bezahlung.
    Laut der Regierungsdirektorin scheint aber doch alles in Ordnung!
    Oder reden Beamte ab einer bestimmten Besoldungsgruppe schon wie kleine Politiker?

  8. 3.

    .... Ich mach' mir die Welt, wie sie mir gefällt!.... In der Untersuchungshaft ist die Anzahl der Gefangenen von Hause aus höher als in der Strafhaft, da das Fehlen eines festen Wohnsitzes ein Haftgrund ist. Deutsche mit festem Wohnsitz werden einfach selten bzw. seltener in U-Haft genommen.

  9. 2.

    Hierzulande mögen Gefängnisse aus der Sicht von Frau Regierungsdirektorin Anke Stein super Arbeitsplätze sein, doch diese Verallgemeinerung trifft mit Sicherheit nicht für alle Staaten dieser Erde und auch nicht für das gesamte deutsche Gefängnispersonal mit wohlwollender Empathie zu. Denn super Arbeitsplätze bei Überbelegung an Insassen und deutlich geringen Sozialisierungsmöglichkeiten ergibt keine schlüssige Logik und erscheint unglaubwürdig. Das ist meine Meinung.

  10. 1.

    >> Gerade in der Unterschungshaft gibt es mehr Gefangene, die kein Deutsch können. <<
    In der Tat, eine aufschlussreiche Info !!! ... Kommt rechtzeitig vor der BT-Wahl.

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