Protestplakate und Demonstrationen begleiten den Prozess um die getötete Mutter und Eheftrau Yeter P. (Quelle:rbb/ Ulf Morling)
Bild: rbb/ Ulf Morling)

Mordprozess nach arrangierter Ehe - "Außer sich vor Wut und voll grenzenloser Eifersucht"

Nach 17 Jahren arrangierter Ehe wurde Yeter P. von ihrem Mann mit kochendem Wasser übergossen und mit Messerstichen so schwer verletzt, dass sie starb. Der Prozess gegen den Ehemann wird von Demonstrationen begleitet. Von Ulf Morling

"Ehrloser Teufel" ruft eine Schwester der Getöteten dem Angeklagten im Gerichtssaal zu. Eine andere Schwester des Opfers bricht zusammen und sinkt zu Boden. Auch Vater und Mutter von Yeter P. treten im Prozess als Nebenkläger auf.

Der wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen angeklagte Mehmet P. (44) sitzt hinter Panzerglas und senkt den Kopf. Selten ist ein Prozess im Berliner Landgericht emotional derart aufgeladen. Selten prallen prowestlicher Lebensstil und mutmaßlich konservativster Islam in Moabit so brutal - und tödlich - aufeinander.

17 Stiche nach 17 Ehejahren

Am 5. Dezember des vergangenen Jahres hatte die Ehefrau des Angeklagten ihren schwer krebskranken 16-jährigen Neffen im Krankenhaus besucht. Dabei soll sie "der strikten Anweisung ihres Mannes zuwider" das Haus allein verlassen haben. Mehmet P. soll "außer sich vor Wut und voller grenzenloser Eifersucht" gewesen sein, so die Staatsanwaltschaft. Er habe seine Ehefrau als "sein Eigentum betrachtet".

Als sie nach Hause kam, soll er sie in der Küche mit kochendem Wasser übergossen haben. Dann stach er laut Anklage mit einem 18 Zentimeter langen Küchenmesser 17 Mal auf sie ein. Nach der Tat klingelte er beim Nachbarn und bat um Hilfe. Der Nachbar rief die Feuerwehr, während P. flüchtete. Zehn Tage später stellte er sich der Polizei.

Ein junger Polizist war als erster in der Weddinger Wohnung vor Ort. Die Küche sei ein Ort des Grauens gewesen. Yeter P. habe am Boden gelegen und zu diesem Zeitpunkt noch gelebt. Eine Beamtin habe sich zu der schwer Verletzten gebeugt und sie gefragt, wer der Täter gewesen sei. "Mein Mann", soll die 34-Jährige mit letzter Kraft geantwortet haben und dann ohnmächtig geworden sei.

Im Kinderzimmer entdeckten die Streifenpolizisten eines der fünf Kinder des Ehepaares. Der 15-jährige Junge hatte offenbar alles miterlebt und war in die hinterste Ecke des Zimmers geflüchtet. Er saß an der Heizung und bewegte seinen Oberkörper immer wieder vor und zurück. "Das Kind war schwerst traumatisiert", so der Polizist, der als erster am Tatort eingetroffen war. Im Laufe des Tattages seien alle fünf Kinder zur Wache gebracht worden. Dort hätten sich Polizisten um sie gekümmert. Gleichzeitig begannen die Ärzte im Krankenhaus um das Leben von Yeter P. zu kämpfen. Elf Tage später erlag sie ihren schweren Verletzungen.

Jahrelange Tyrannei

1999 hatten Täter und Opfer geheiratet. Der angeklagte ungelernte Gelegenheitsarbeiter war bereits einige Jahre zuvor aus der Türkei nach Berlin gekommen. Er hatte 1994 einen Asylantrag gestellt. In seiner Weddinger Moschee soll er viel gesehen worden sein und galt dort als streng gläubiger Muslim, wie Bekannte berichten.

Aufgrund seiner konservativen Ansichten hat er aber womöglich in Berlin keine Frau gefunden. In einem kleinen kurdischen Dorf in der Türkei wurde die Familie des Angeklagten schließlich fündig. "Über die Verwandtschaft der Frau ist die Ehe arrangiert und vermittelt worden", so Staatsanwalt Dieter Horstmann. Yeter wurde von ihrer Familie auserkoren, Mehmet P. zu heiraten und kam so nach Berlin. Sie waren Cousin und Cousine.

Nach der Heirat soll es in der gemeinsamen 3-Zimmer-Wohnung immer wieder zu Drohungen und Gewalt gekommen sei, auch wenn Mehmet P. niemals dafür bestraft wurde. Auch die fünf Kinder hatten unter dem Diktat des Vaters zu leiden, soll Yeter P. immer wieder ihrer Familie und Freunden berichtet haben. Schulmitarbeiter hatten das Jugendamt wegen möglicher Gewalt alarmiert. Die Sozialarbeiter machten Hausbesuche. Doch bis zuletzt lebte sie mit den Kindern bei ihrem Mann, ohne das Ämter oder ihre Familie wirksam einschritten.

Angeklagter wollte sich nach der Tat selbst töten

Psychiater Alexander Böhle soll den Angeklagten begutachten. Sechs Mal besuchte er Mehmet P. in der Untersuchungshaft. Es sei "extrem mühsam, alles zusammenzusetzen", beschreibt Böhle auf Seite 78 seines Gutachtens den Inhalt der Gespräche.

Die Situation, die zur Tat führte, soll P. danach folgendermaßen beschrieben haben: Über Monate habe es Probleme mit dem Vermieter gegeben, weil die Familie angeblich keine Miete gezahlt habe. Außerdem habe er am Morgen des Tattages eine Tochter zur Kieferorthopädie begleitet und deshalb einen wichtigen Termin beim Jobcenter vergessen. Als der Ehemann nach Hause kam, habe ihn seine Frau beschimpft und beleidigt. Er kümmere sich nicht und die Familie würde bald auf der Straße sitzen, warf sie ihm vor. "Du Ehrloser bist keine fünf Cent wert", soll sie geschimpft haben. "Ich habe mich dann verloren", also einen Blackout gehabt, soll P. die Tat erklärt haben. "Ich hatte Yeter nie zuvor geschlagen, auch nicht im Streit!", beteuerte er vor dem Psychiater.

Nach dem Übergriff sei er geflüchtet, um sich selbst zu töten, so Mehmet P. Er habe sich unter ein Auto werfen wollen, sei dazu auf ein Baugerüst in Spandau gestiegen, um herunter zu springen. Als er an die Kinder dachte, habe er seinen Plan jedoch aufgegeben. Er könne nicht verstehen, warum seine "Sahara", wie der Angeklagte seine Frau wegen ihrer warmen Haut nannte, am Tattag so anders gewesen sei. "Was habe ich bloß getan?", so der Angeklagte zu seinem Bruder, den er nach den tödlichen Messerstichen noch vom Tatort aus anrief.

Ein Plakat mit den Bild der getöteten Yeter P. (Quelle: rbb/ Ulf Morling)
Bild: rbb/ Ulf Morling)

Totschlag oder Mord?

Die Ermittlungen der Mordkommission ergaben allerdings ein anderes Bild: Demnach habe sich die später getötete Ehefrau von ihrem Mann trennen wollen. Die ständigen Reglementieren der Frauen und Mädchen in der Familie durch Mehmet P. habe sie nicht mehr ausgehalten. So habe sich die 15-jährige Tochter mit Unterstützung der Mutter erfolgreich gegen das Tragen einer Burka gewehrt.

Zudem soll Yeter P. eine deutsche Freundin über ihre Angst vor dem Ehemann eingeweiht haben. "Irgendwann bringt er mich um", soll sie zu ihr gesagt haben. Darauf habe sie Yeter Hilfe und Zuflucht angeboten, sagte die Freundin gegenüber den Ermittlern. Dass die Familienangehörigen der Getöteten sie immer wieder zu ihrem Mann zurück geschickt haben sollen, statt ihr beizustehen, soll unter den Beamten für Entsetzen gesorgt haben.

Die ersten beiden Prozesstage wurden von Demonstrationen vor dem Gerichtsgebäude in der Turmstraße begleitet. "Stoppt den Feminizid!" und "Wir sind hier für Yeter" war am Montag auf den Plakaten zu lesen. Flugblätter wurden verteilt, die Hintergründe der Tat erklären sollen: "Sie ist ein Opfer in der langen Liste der Verbrechen gegen Frauen", steht darauf über Veter P. zu lesen. An den noch angesetzten zwölf Verhandlungstagen soll ebenfalls protestiert werden.

Die Staatsanwaltschaft klagte Mehmet P. wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen an. Eine Verurteilung würde eine lebenslange Gefängnisstrafe für den Angeklagten bedeuten. Allerdings hat der vorsitzende Richter bereits darauf hingewiesen, dass Mehmet P. auch wegen Totschlags verurteilt werden könne. Im Allgemeinen bedeutet das einen Strafrahmen von 5 bis 15 Jahren. Voraussichtlich Ende November soll das Urteil gesprochen werden.   

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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10 Kommentare

  1. 10.

    Offensichtlich besitzen Sie eine juristische Ausbildung.

    Dann lassen Sie uns doch an ihren Erkenntnissen teilhaben.

  2. 8.

    Und das im 21. Jahrhundert. Frauen als Eigentum zu behandeln, diese als Menschen 2. Klasse zu sehen, ist nicht das Verständnis unseres Landes. Dies ist nicht mit der Auslegung des Islams zu rechtfertigen. Ich möchte mir nicht vorstellen, wieviel häusliche Gewalt in solchen Ehen, tagtäglich geschieht.
    Ist vielleicht auch ein Thema zur gelebten und mißlungenen Integration!

  3. 7.

    Wer solchen Beweggründen seine Frau umbringt gehörtlebenslang in den Knast und anschließender Sicherungsverwahrung. Ein Richter der hier auf Totschlag urteilt ist fehl am Platze.

  4. 6.

    Totschlag???
    Hat der Richter sie noch alle? Unbegreiflich!
    Das ist eindeutig Mord und nichts anderes.

  5. 5.

    Es tut mir leid, aber das ist wieder ein Beispiel
    diese Kulturn können einfach nicht miteinander.

  6. 4.

    Tja, hier zeiht sogar der Islam in die deutsche Gerichtsbarkeit und man schüttelt verwundert den Kopf, wenn es um die sogenannte "Ehre" der muslimischen Männer geht!

  7. 3.

    Soviel zur muslimischen Ehre!

  8. 2.

    Die sog. Ehre....wieviele Menschen mussten schon sterben weil sich jemand in seiner Ehre verletzt gefühlt hat?! Ist es nicht viel ehrenwerter wenn man in der Lage ist seinen Stolz und sein Ehrgefühl zurück zu stellen...? Wer diesen Wert zuviel Aufmerksamkeit schenkt zeigt wie rückständig er im Kopf ist...wir leben nicht mehr im Mittelalter...werdet erwachsen und lernt endlich dass Frauen nicht euer Eigentum ist....Liebe, Nähe, Zuneigung kann Mann nicht erzwingen... Frauen dürfen sich ihren Partner selbst aussuchen und wenn sie euch nicht wollen PECH gehabt...lernt damit zu leben...

  9. 1.

    "...mutmaßlich konservativster Islam" Toll! Ist ja eine super-neue Wortschöpfung!

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