Das Transparent von SirPlus wird aufgehängt. (Quelle: SirPlus)
Video: zibb | 08.09.2017 | Tom Erhardt | Bild: SirPlus

Interview | Nahrungsmittelreste im Supermarkt - "Ich habe Bammel, dass wir nicht hinterherkommen"

Essen kaufen, das sonst in der Tonne gelandet wäre – wer will das denn? Viele, glaubt Raphael Fellmer, Mitgründer von Berlins erstem Food Outlet, das am Freitag öffnet. Fellmer setzt darauf, dass die Idee auf ganzer Linie überzeugt.

rbb|24: Herr Fellmer, wie haben Sie den Schluss-Spurt der vergangenen Wochen bis zur Eröffnung des Ladens SirPlus für gerettete Lebensmittel in der Wilmersdorfer Straße 59 am Freitag erlebt?

Raphael Fellmer: Die vergangenen Wochen und Monate waren mit die intensivsten überhaupt in meinem Leben. Auch für meine beiden Mitgründer und das Team, auf das ich sehr stolz bin. Wir haben so etwas noch nie vorher gemacht, einen Store für gerettete Lebensmittel aufzumachen. Ohne die vielen Menschen, die uns geholfen haben, würden wir es nie schaffen, am Freitag zu eröffnen.

Sie sind die ersten, die einen Lebensmittelladen mit ausschließlich gerettetem Essen aufmachen – mit welchen Reaktionen rechnen Sie?

Ab 11 Uhr am Freitag können sich die Menschen in unserem Store umschauen und das Konzept erstmal auf sich wirken lassen. Wir versuchen schon über das Design des Stores zu zeigen, dass wir Lebensmittel wertschätzen. Wir wollen die Menschen ermuntern, achtsam mit Nahrungsmitteln umzugehen und das Retten von Lebensmitteln zum Mainstream machen. Denn je mehr Menschen Zugang zum Thema finden desto besser.

Die Lebensmittel sollen bei Ihnen bis zu 70 Prozent billiger sein als im Supermarkt.

Ja, natürlich geht's nicht nur ums Schauen, sondern auch ums Mitnehmen: Die Besucher können die geretteten Lebensmittel direkt einpacken und kaufen. Und das alles mit dem guten Gefühl, ein Teil der Lösung zu sein. Wir hoffen, dass unseren Kunden das Konzept gefällt, und sie ihren Freunden und Bekannten davon erzählen – oder ihnen die Produkte sogar gleich weiterverschenken. 

Welche Lebensmittel können wir bei Ihnen kaufen?

Wir haben jetzt 140.000 abgepackte Produkte in unserem Lager und das ist alles top Ware, deren Mindesthaltbarkeitsdatum teilweise schon abgelaufen ist. Außerdem haltbare Ware, die ebenfalls noch länger genießbar ist. Wir haben alle Produkte im Vorfeld überprüft. Zum Start am Freitag beginnen wir erstmal mit unkritischen Lebensmitteln: mit Obst und Gemüse – natürlich nur, wenn sie auch keine Schimmelstellen haben –, mit verpackten Waren wie Süßigkeiten, Konserven und Getränken. Außerdem wollen wir Brote und Brötchen anbieten – sofern wir sie noch beschaffen können. Auf gekühlte Ware verzichten wir am Anfang erstmal.

Einen kooperativen Bäcker haben Sie also noch nicht gefunden?

Leider nicht! Obwohl davon eigentlich besonders viel weggeschmissen wird. Das hätten wir uns wirklich leichter vorgestellt, doch bislang haben wir noch keine feste Zusage einer Bäckerei. Klar, das organisierte Lebensmittelretten ist auch für die großen Backketten erst einmal ein völlig neues Konzept, auf das sie sich einlassen müssen. Generell erreichen uns fast täglich neue Anfragen von Betrieben, die mit uns kooperieren wollen. Und wir hoffen, dass wir bis Freitag doch noch jemanden für Backwaren finden!

Was gibt es im Endspurt noch zu tun?

Jetzt gerade machen wir eine Generalprobe: Wir gehen die Prozesse durch, schauen ob alles klappt. Das Kassensystem muss getestet werden. Dann kommen die Produkte rein, und der Store bekommt seinen letzten Feinschliff. Wir mussten in den letzten vier Wochen die Renovierung vorantreiben, neben einem Hauptverantwortlichen für den Umbau haben uns viele Praktikanten geholfen, ohne die wir das Eröffnungsdatum nicht hätten halten können. Jetzt kurz vor Start haben wir unter anderen auch einen Filialleiter und Fahrer eingestellt, damit der Betrieb ab Freitag rund laufen kann.

Das Team von SirPlus (Quelle: SirPlus)
Ohne die vielen Helfer wäre das Projekt nicht möglich gewesen. | Bild: SirPlus

Haben Sie auch ein bisschen Bammel, dass etwas schief laufen könnte?

Eigentlich nicht (lacht). Nur davor, dass uns das gerettete Essen sehr schnell leer gekauft wird, und wir nicht hinterherkommen. Aber das wäre ja toll, denn dann wären die Lebensmittel alle gerettet!

Sie haben auch einen Lieferservice angekündigt – ab wann werden denn diese sogenannten Retterboxen bis an die Haustür geliefert?

Die Retterboxen werden wir ab Ende September mit unserem Partner "Liefery" in Berlin verschicken, der uns jetzt schon mit einer kostenlosen Lagerfläche unterstützt. Das sind Kisten, die wir mit abgepackten Lebensmitteln verschicken. Wir wollen das dann langsam hochfahren und später auch deutschlandweit liefern. Zu Beginn wollen wir die Retterboxen aber an die über 1.300 Menschen verschicken, die an uns geglaubt haben und sich diese Boxen schon in unserer Crowdfunding-Kampagne vorbestellt haben. Es sind ja besonders unsere Unterstützer, die sich freuen, dass SirPlus endlich Wirklichkeit wird.

Beitrag von Tom Garus

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Der Kapitalismus hat sich nun auch noch der überlagerten Lebensmittel bemächtigt. Bisher war das die Domäne der Tafeln für Bedürftige und der (illegalen) Containerer. Die werden jetzt das Nachsehen haben. Ab jetzt kosten auch die verfallenen Lebensmittel Geld. Von wegen "gerettet".

  2. 2.

    Super ! Weiter so und mehr noch von diesen Märkten wäre eine gute Sache für Sofortverbraucher.

  3. 1.

    Super coole Idee! Aber bitte,bitte keine Backwaren von diesen Aufblasmöchtegern Bäckereien.

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