Eine Hand greift zu Tabletten, die in Blistern sowie einer Dose auf einem Tisch liegen (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Bild: dpa-Zentralbild

Vorbeugung von HIV-Infektion - Prep für 50 Euro könnte Schwarzhandel mit HIV-Pillen stoppen

Anfang Oktober wird ein günstiges Medikament verfügbar sein, das zuverlässig vor einer HIV-Infektion schützt. Die Zahl der Neuinfektionen könnte stark zurückgedrängt werden. Gleichzeitig wäre es das Ende eines Schwarzmarktes. Seit Jahren wird mit solchen Pillen in Berlin gedealt. Von Oliver Noffke

"Wenn du willst, gebe ich dir noch sechs Tabletten für 50 Euro dazu." Mit Rabattaktionen wie dieser haben Berliner Dealer ein paar Jahre lang versucht, das Medikament Truvada an ihre Kundschaft zu bringen. Dass medizinische Wirkstoffe missbraucht werden, ist nicht neu. An Truvada kann man sich aber nicht berauschen. Es macht weder euphorisch, noch lullt es den Verbraucher in eine watteweiche Traumwelt. Unter bestimmten Voraussetzungen kann es aber vor einer HIV-Infektion schützen.

Vom Schwarzmarkt könnte das Medikament nun verschwinden. Denn ab 1. Oktober steht ein Generikum für ein Sechzehntel des Preises zur Verfügung.

Chemische Keulen gegen das HI-Virus

Bereits im Juli 2014 forderte die Weltgesundheitsorganisation (WHO): "Menschen, die zu einer HIV-Risikogruppe gehören, soll der Zugang zu Medikamenten erleichtert werden, die vor einer Infektion schützen können." In den USA wurde zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren erfolgreich die sogenannte Präexpositionsprophylaxe, kurz Prep, eingesetzt. Das bislang einzige Medikament, das dafür zugelassen ist, ist Truvada. Eine hochwirksame Kombination zweier Wirkstoffe, die das HI-Virus in verschiedenen Entwicklungsstadien angreifen.

Im Großraum San Francisco wurden 1992 noch 2.332 Neuinfektionen mit der unheilbaren Krankheit registriert. Vor drei Jahren waren es noch 302. Diese radikale Absenkung ist auch Prep zu verdanken. Wer zu einer Risikogruppe gehört, kommt in der US-Metropole über soziale Projekte einfach und günstig an Truvada. Gleichzeitig werden Infizierte sofort nach der Erstdiagnose mit Medikamenten behandelt. In den meisten Fällen können moderne Medikamente das Virus im Körper schon nach wenigen Wochen soweit unter Kontrolle bringen, dass die Betroffenen nicht mehr ansteckend sind. Allerdings müssen sie ein Leben lang eingenommen werden. Eine Heilung ist nach wie vor nicht möglich. Es kann aber verhindert werden, dass Aids ausbricht. Ein Großteil der HIV-Positiven in der westlichen Welt stirbt mittlerweile an Herz-Kreislauf-Versagen oder anderen altersbedingten Erkrankungen.

Hierzulande steigt die Zahl der Neuinfektionen seit einigen Jahren leicht an. Die Aids-Hilfe beklagt, dass sich zu wenige Menschen testen ließen und dass die Botschaft "Kondome schützen" nicht jeden erreicht. Eine kostenlose oder zumindest bezahlbare Prep fordert die Organisation seit Jahren.

Begehrtes Produkt + hohe Kosten = Schwarzmarkt

In Deutschland ist Truvada seit etwa einem Jahr als Prep zugelassen. Der Haken: Eine Monatspackung kostete bisher 820 Euro. Geld, das keine Krankenkrasse für eine Prophylaxe übernimmt. Das Medikament wird aber schon seit mehreren Jahren in der Therapie von HIV-Positiven eingesetzt, sowie als Teil der Postexpositionprophylaxe, Pep, einer Sofortmaßnahme nach einer möglichen Infektion.

Mit einer Pep wird versucht, Menschen zu helfen, die kurz zuvor einer Situation ausgesetzt waren, bei der eine Infektion mit HIV extrem wahrscheinlich war. So kann zum Beispiel zusätzlicher Schaden von Opfern einer Vergewaltigung abgehalten werden. Der Körper wird mit Wirkstoffen aus der HIV-Therapie überschwemmt. In der Hoffnung, dass möglicherweise übertragene Viren sich nicht im Körper einnisten können.

Angesichts der hohen Kosten und der seit Jahren bekannten prophylaktischen Leistungsfähigkeit von Truvada entstand ein Schwarzmarkt.

Mehrere Berliner Ärzte bestätigten rbb|24, dass sie in den vergangenen Jahren Opfer einer hinterlistigen Masche wurden. Sie verordneten Truvada als Teil einer Pep, nachdem Patienten offenbar nur vorgegaukelt hatten, sich in einer Notsituation zu befinden. Im Abstand weniger Wochen wollten die immer selben Personen die Therapie von verschiedenen Ärzten verschrieben bekommen. Das System flog auf, als eine Krankenkasse Regressforderungen an die Praxen überstellte. Es gab aber auch weitere Wege, das Mittel zu beschaffen. Eine andere Krankenkasse berichtet rbb|24, dass sie ein Ermittlungsverfahren gegen einen Apotheker im Zusammenhang mit Truvada einleitete. Und ein weiterer Arzt teilt mit, ein HIV-positiver Patient habe ihm weißmachen wollen, er sei ausgeraubt worden, um ein Rezept erneut ausgestellt zu bekommen.

In Indien kostet das gleiche Medikament unter 60 Dollar

Seit etwa zwei Jahren bieten zudem recht dubiose Online-Apotheken Generika an. Diese stammen aus Entwicklungs- oder Schwellenländern, wo Pharmakonzerne dazu gezwungen sind, besonders teure Medikamente generell zu einem weitaus günstigeren Preis zu vermarkten. Da diese Präparate in Deutschland aber nicht zugelassen sind, werden sie am Zoll vorbeigeschmuggelt. Wenn dieser illegale Import gelang, wurden die Pillen oftmals im Freundeskreis verteilt.

"Mir ist aufgefallen, dass Menschen diese Medikamente aus Indien, Swasiland oder Thailand beziehen, aber gar nicht wissen können, ob die Pillen wirklich echt sind", sagt Erik Tenberken. "Das ist eine sehr unbefriedigende Situation." Tenberken ist Apotheker und engagiert sich bei der Aids-Hilfe. Als im Juli Patente für Truvada ausliefen, kündigten einige Pharmakonzerne an, Generika herzustellen. "Die sollten aber auch 500 bis 600 Euro kosten", sagt er über den Preis einer Monatspackung. "Dann habe ich mitgekriegt, was im Internet für die Sachen bezahlt wird. Da war klar, dass wir unter 60 Dollar kommen müssen." Andernfalls könne man solche zweifelhaften Quellen nicht austrocknen.

Das Medikament ohne ärztliche Aufsicht einzunehmen, ist gefährlich

Mit Unterstützung der Kölsche Blister GmbH konnte Tenberken den Konzern Hexal davon überzeugen, sein Generikum zum Preis von 50 Euro für die Prep zur Verfügung zu stellen. Zum ersten Mal steht damit in Deutschland ein zugelassenes und erschwingliches Medikament für diese Anwendung zur Verfügung. Ab Oktober kann es über ein ausgeklügeltes Verfahren verschickt werden. Vorerst an acht Apotheken im Bundesgebiet, darunter zwei in Berlin. Knapp drei Dutzend weitere hätten bereits Interesse angezeigt, sagt Tenberken.

Ihm sei besonders wichtig, dass Ärzte die Einnahme der Prep begleiten. "Es kann Nebenwirkungen geben, die auf den Magen-Darm-Trakt schlagen, Nieren und Knochen können betroffen sein", sagt Tenberken. "Es ist außerdem gefährlich, die Tabletten einzunehmen, wenn eine unentdeckte HIV-Infektion vorliegt. Dann können sich Resistenzen bilden." Hat sich das Virus bereits im Körper eingenistet, reicht Truvada allein nicht aus, um es unter Kontrolle zu bringen.

Der Ärzte-Verein Dagnä, der sich mit der Versorgung von HIV-Infizierten beschäftigt, hat Anfang September eine Studie vorgestellt. Demnach könnte es bis 2030 in Deutschland 9.000 Neuinfektionen weniger geben. "Eine bezahlbare Prep ist eine gute und kostensparende Ergänzung der bisherigen Präventionsmaßnahmen für Menschen mit hohem Infektionsrisiko", teilt Dagnä-Vorstand Knud Schewe auf Anfrage mit. Erik Tenberken sagt, dass eine Infektion oftmals unbemerkt weitergegeben werde. "Alles was das verhindert, ist gut."

Beitrag von Oliver Noffke

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Stimmt, das habe ich, jedoch schließt meine Bemerkung zu den menschlichen Schicksalen alle die ein, die ich nicht nannte.

  2. 5.

    Leider haben Sie versäumt mitanzufügen welch Leid jungen Mädchen u.auch Jungen zugeführt wird und die kaum Erwähnung finden. Diese Pille erweist sich erst als wahrhaft positiv wenn ALLE Menschen auf der Welt hiervon profitieren können ob arm o.reich solange dem HIV Virus nicht der Garaus gemacht wird.

  3. 4.

    Wird es in den von HIV besonders betroffenen Ländern denn dazu führen, dass weniger Frauen vergewaltigt und dann HIV kranke Kinder gebären und selbst angesteckt zu werden?
    Wenn es um den Erreger geht, sicherlich, aber die menschlichen Schicksale werden wohl leider zunehmen, wie ich annehme.
    Wird diese Pille das Leiden der Armen in dieser Welt lindern, ausser die Gewissheit zu haben, dass Frauen keine HIV-Ansteckungsgefahr mehr zu haben brauchen, dafür aber alles andere hinnehmen müssen?

    Ich möchte gerne positiv darüber denken, aber es geht nicht wirklich, wenn ich mir so die Welt meiner männlichen Artgenossen so anschaue.

  4. 3.

    Es geht hier nicht um die Behandlung von HIV-Erkrankten. Bitte News richtig lesen.

  5. 2.

    Wird das Generikum von der Kasse bezahlt werden? Nur in bestimmten Fällen? Oder ist das alles noch nicht absehbar?

  6. 1.

    Diese Krankheit gehört so gut wie es aktuell geht behandelt.
    Geschäfte damit zu machen ist gegenüber den Patienten unfair .
    Um das zu stoppen ist das hier Geschilderte ein guter Start.

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