Verlassene russische Kaserne in Bernau (Quelle: imago/Christian Ditsch)
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Heeresbekleidungsamt der Nazis - Wie ein altes Militärgelände zum Wohngebiet werden soll

Verseuchtes Erdreich, Altmunition im Boden? Egal. Im Berliner Speckgürtel wird gebaut, was der Boden hergibt. Auch völlig verkommene Areale sind durch den Boom attraktiv. In Bernau will ein Investor das Heeresbekleidungsamt der Nazis zu einem neuen Stadtteil entwickeln. Von Dominik Lenz

Langsam fährt Bernaus Bürgermeister André Stahl in seinem Wagen eine schmutzig-graue Mauer entlang. Dahinter: eine Brache mit Büschen und Bäumen. Einen knappen Kilometer lang ist die Mauer, das riesige Gelände dahinter gehört zum ehemaligen Heeresbekleidungshauptamt der Wehrmacht - das Gebäude ist von der Straße aus durch das Gestrüpp kaum zu sehen.

Wir steigen aus und folgen einem Trampelpfad hinein ins Dickicht. Mittendrin steht ein gewaltiger Klinkerbau. Kasernenartig, dreigeschossig plus Satteldach aus Beton. Die Steine in den Wänden sind teilweise herausgefallen, die meisten Fenster eingeschlagen, Türen stehen offen.

Eine steile Treppe führt nach oben. In jedem Stockwerk gibt es Flure mit unzähligen Räumen. Während des Krieges arbeiteten hier rund 1.300 Mitarbeiter, um die Uniformen der Wehrmacht herzustellen und zu lagern. Nun also sollen hier junge Familien einziehen, noch gehört allerdings viel Fantasie dazu, sich das vorzustellen.

Künstler haben die Wände für ihre Grafitis genutzt
Bild: Dominik Lenz/Inforadio

Der Investor hat Erfahrung mit ehemaligen Kasernen

Bis Anfang der 90er Jahre war das Haus Versorgungsdepot der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Seitdem steht es leer: Bäume wachsen aus dem Dach, drinnen ist der Boden übersät von Glasscherben, Graffiti an den Wänden, irgendwo ein altdeutscher Schriftzug: "Rauchen verboten". Unter dem Dach haben sowjetische Soldaten wohl einst Basketball gespielt. Man erkennt es an der alten Feldmarkierung auf dem nackten Betonboden.

Überhaupt der Beton: Die Nazis verbauten hier ausschließlich splitterfesten Stahlbeton, der auch fast achtzig Jahre später noch in gutem Zustand ist. Und trotzdem fand sich erst mit dem anhaltenden Bauboom im Berliner Speckgürtel ein seriöser Investor - sehr zur Freude des Bürgermeisters.

Denn das Areal steckt voller Altlasten. Aber die Kampfmittelberäumung und den Austausch des Bodens trägt der Investor - die Nordland GmbH aus Hannover. Die hat schon mehrfach aus alten Kasernen Wohnimmobilien gemacht. Für Bernau sieht sie genug Potential, um sich an das alte Heeresbekleidungsamt zu wagen.

Das Amt hatte noch eine Nebenstelle gleich am Bahnhof. Dort baut die Nordland GmbH bereits. Bis 2019 entstehen hier schon 650 Wohnungen, und mit dem Hauptamt soll die Stadt noch einmal so etwas wie einen neuen Stadtteil bekommen.

Ex-Militär-Areal in Bernau soll zur Wohnstadt werden

Kritiker befürchten Gentrifizierung

Bernau ist eine der Umlandgemeinden, die am stärksten wachsen. Seit der Wende hat sich die Zahl der Einwohner auf knapp 40.000 fast verdoppelt.  Derzeit wird eigentlich überall gebaut. Man profitiere von der Berliner Wohnungsnot, meint Bernaus Baudezernent Jürgen Jankowiak. Die Stadt liegt außerdem strategisch gut mit Autobahn, Regionalzug und S-Bahnanbindung. Das müsse man jetzt nutzen, denn irgendwann sei auch der Speckgürtel voll, sagt Jankowiak.

Baudezernent von Bernau
Bernaus Baudezernent Jürgen Jankowiak | Bild: Dominik Lenz/Inforadio

Doch der anhaltende Zuzug löst nicht nur pure Freude aus. So fordert Thomas Dyhr, Fraktionsvorsitzender von Bündnisgrünen und Piraten in der Stadtverordnetenversammlung eine Debatte über eine planvollere Entwicklung der Stadt. Auch die Infrastruktur, Kitas und Schulen müssten deutlich verbessert werden, wenn es tatsächlich zum neuen Stadtteil Heeresbekleidungsamt kommt, meint Peter Vida, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler aus Bernau.

Zudem, meint Thomas Dyhr, würden viele Bernauer eine Gentrifizierung, eine Verteuerung der Mieten fürchten. Gerade für die Jungen sei kaum mehr bezahlbarer Wohraum zu finden.

Bürgermeister André Stahl von der LINKEN will auch keine Luxuswohnungen. Dennoch ist er vor allem froh, dass es überhaupt einen Investor für das Heeresbekleidungsamt gibt. Er hofft auf eine gute Durchmischung bei den Neu-Bernauern. Gerne wiederholt er sein Credo: gegen Wohnungsnot hilft nur mehr Wohnraum. Wenn alles gut geht, meint Stahl, könnten die Formalitäten bis 2018 abgeschlossen werden. Dann kann es losgehen mit dem neuen Stadtteil auf dem früheren Heeresbekleidungsamt.

Sendung: Inforadio, 12.10.2017, 09.45 Uhr

Beitrag von Dominik Lenz

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