Eine Biene saugt Nektar aus einer blühenden Herbstaster (Quelle: imago/Winfried Rothermel)
Bild: imago stock&people

Massensterben bei Insekten - "Die Chemie in der Landwirtschaft bringt die Bienen um"

Honigbienen und ihre wilden Artgenossen - Hummeln, Fliegen, Schmetterlinge - bestäuben vier Fünftel der heimischen Wild- und Nutzpflanzen. Doch die Insekten sterben in Massen, das zeigt eine neue Langzeitstudie. Die Folgen sind dramatisch. Von Anne Hoffmann

Christoph Saure, Biologe und Wildbienen-Experte in Berlin, wundert sich nicht über die neuesten Erkenntnisse zum Insektensterben. Schon seit Jahren spürt er in Berlin und Brandenburg den wilden Bestäubern nach. Besonders in ländlichen Gebieten findet er immer weniger Wildbienen oder Hummeln. Er liebt die fliegenden Pollensammler. Deshalb ist er besonders gerne auf Stadtbrachen unterwegs, denn hier findet er noch die, nach denen er sucht. Zum Beispiel im Sommer im Schöneberger Südgelände nahe des S-Bahnhof Priesterweg.

Zahl der Brachen in Berlin ist zurückgegangen

Sein wichtigstes Werkzeug ist der Kescher. "Wusch" – aus einem Meer an lila, gelben, roten und weißen Blüten fischt er eine Wildbiene. Eine häufige Art. Beim nächsten Versuch ist es eine seltene Zahntrost-Sägehornbiene. "Hier, das ist das Paradies für meine Tiere", sagt er. Noch vor zehn Jahren gab es viel mehr Brachen in Berlin, die sich die Natur zurückerobert hatte. Mit Wiesen voller Kräuter und Blüten, Sträuchern, kleinen Baumgruppen. Heute gibt es nur noch wenige Horte solcher Artenvielfalt.

"Bei uns sind mehr als drei Viertel der angebauten Obst- und Gemüsesorten auf die Arbeit der Bestäuber angewiesen", sagt Christoph Saure, "ob Bohnen oder Gurken, Obstbäume oder Erdbeeren." Der wirtschaftliche Wert ihrer Leistung in der Landwirtschaft schätzen Experten weltweit auf 153 Milliarden Euro pro Jahr. Und die Dienste von Bienen, Hummeln, Fliegen, Schmetterlingen und Co sind heute in der Landwirtschaft so gefragt wie nie. Denn seit der Anbau von Energiepflanzen wie Raps und Sonnenblumen boomt, werden fünfmal mehr Bestäuber gebraucht wie noch vor zehn Jahren.

Sterben im Zeitraffer

Bereits im Sommer dieses Jahres hatte der Krefelder Entomologische Verein eine Langzeitstudie vorgelegt, die von einem dramatischen Insektensterben in  Deutschland kündete. Über 27 Jahre lang hatten die Mitglieder in ehrenamtlicher Arbeit Insektenbiomasse an 63 verschiedenen Standorten gemessen und einen Rückgang bis zu 80 Prozent festgestellt. Nun haben gerade Forscher aus den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland eine Studie veröffentlicht, die das Ergebnis der rheinländischen Insektenfreunde bestätigt: Demzufolge haben wir seit den 1990er-Jahren 76 bis 81 Prozent der Biomasse an Fluginsekten verloren. Sehen wir schon bald einer Welt ohne Insekten entgegen?

"Das kann passieren", meint Benedikt Polaczek von der Freien Universität Berlin. Er arbeitet seit Jahrzehnten mit Bienen. Besonders Honigbienen haben es ihm angetan. Schon als Kind haben sein Vater und Großvater ihn zum Imkern angeleitet. Eine Leidenschaft, die ihn bis heute nicht losgelassen hat. "Wir haben heute nur noch 750.000 Bienenvölker in Deutschland", klagt er. "Das sind 500.000 weniger als Anfang der 90er Jahre." Und überall fehlten Imker, besonders auf dem Land.

Zu wenig Imker und tödliche Milben

Unsere "Haustierbienen" sind Universalgenies, sie kommen mit den verschiedensten Blüten klar. "Eine Honigbiene fliegt auf der Suche nach Nektar täglich bis zu 2.000 Blüten an und legt dabei durchschnittlich eine Strecke von 60 Kilometern zurück", sagt Polaczek. Bis zu 50.000 Bienen habe ein Staat im Schnitt. Leider reiche all ihr Fleiß nicht, wenn es nicht genug Bienenvölker gebe. Den Honigbienen setzt seit vielen Jahren die berüchtigte Varoa-Milbe zu. Sie überträgt tödliche Viren auf die Bienen und hat in Deutschland in manchen Jahren bis zu einem Dritte der Völker dahingerafft.

Ohne Wildbienen geht es nicht

Honigbienen können nicht alleine die Bestäubungsarbeit der Kulturpflanzen übernehmen. Dazu braucht es auch viele Wildbienen. Sie leben meist einzeln, als sogenannte Solitärbienen. Sie brauchten länger für ihre Entwicklung als Honigbienen, erklärt uns Benedikt Polaczek. "Eine Honigbiene braucht drei Wochen, eine Solitärbiene ungefähr elf Monate." Rund 400 Arten der wilden Bestäuber gibt es in Berlin und Brandenburg, 560 in ganz Deutschland.

"Ihre Rolle für die Landwirtschaft ist lange unterschätzt worden", sagt der Berliner Biologe und Wildbienenexperte Christoph Saure. Sie erhöhten zum Beispiel den Fruchtansatz bei vielen Kulturpflanzen, selbst wenn die Honigbiene dort häufig sei. Und Wildbienen bestäubten Nutzpflanzen oft viel effizienter. "Um einen Hektar Apfelplantage zu bestäuben, braucht es mehrere zehntausend Honigbienen, aber nur wenige hundert Mauerbienen der Art Osmia cornuta." Die Pollen einiger Pflanzen können zum Beispiel nur wilde Bestäuber mit besonders langen Rüsseln erreichen, wie beim Rotklee. Den mögen Hummeln besonders. Zudem sind die verschiedenen Insektenarten zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten aktiv. Es gilt: Je vielfältiger die Bestäuber, desto beständiger und häufiger werden die Blüten bestäubt und bilden Früchte aus.

"Rote Liste" der europäischen Bienen

2014 veröffentlichen Experten und Insektenkundler der Weltnaturschutzunion IUCN erstmals eine "Rote Liste" der europäischen Bienen. Demnach sind in Deutschland rund 53 Prozent der Wildbienen gefährdet, ähnliches gilt für viele Hummelarten. Hummeln bilden wie Honigbienen Staaten, aber mit viel weniger Tieren (zehn bis 600). Ihr großes Plus: Sie fliegen auch bei niedrigeren Temperaturen und schlechtem Wetter und gehören zu den ersten Bestäubern im Frühjahr. Ihre Bestände schrumpfen, weil sie offenbar besonders empfindlich auf die Klimaerwärmung reagieren.

Benedikt Polaczek aber ist sicher: "Das Schlimmste ist die viele Chemie in der Landwirtschaft. Das bringt die Bienen um." Und darin ist er mit den meisten Experten einig.

Das Gift ist schuld

Auch auf Brandenburgs Feldern bringen Bauern jedes Jahr Unmengen an Dünger und Pestiziden aus. Besonders die sehr häufig versprühten Neonicotinoide, kurz Neonics genannt, stehen unter Verdacht, Bestäuber schwer zu schädigen. Zahlreiche wissenschaftliche Studien stufen diese als extrem bienengefährlich ein. Der international bekannte Berliner Bienenforscher und Neurobiologe Randolph Menzel fand heraus, dass zum Beispiel die Substanz Thiacloprid der Firma Bayer in das Nervensystem der Honigbienen eingreift. Sie verlieren ihr Orientierungsvermögen und finden nicht mehr den Weg zurück zu ihrem Stock.

Winzige Inseln in einem eintönigen Meer

Andere landwirtschaftliche Maßnahmen schaden vor allem den wilden Bestäubern. So finden Bienen, Hummeln und Co. immer weniger Wildblumenwiesen oder naturnahe Weiden. Zudem mähen viele Landwirte zu häufig, und zwischen den Äckern fehlen blühende Randstreifen und Sträucher. In Brandenburg hat sich die Landschaft in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert.

Vielerorts gibt es Monokulturen, soweit das Auge reicht. Kilometerlang kann man im Frühjahr und Spätsommer an Raps- und Sonnenblumenfelder vorbeifahren. "Sie bieten ja nur für wenige Wochen im Jahr Nektar und Pollen", sagt Polaczek. "Das reicht lange nicht." Experten des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) sprechen von Alarmstufe Rot. "Auch unsere Naturschutzgebiete sind nicht mehr in der Lage, die Negativeffekte aufzufangen", weiß Melanie von Orlow, Insektenfachfrau des NABU Berlin. Die Naturschutzgebiete seien zu weit verstreut, zu wenig vernetzt, zu klein. "In Brandenburg und auch anderswo sind sie oft von riesigen monotonen Feldern eingeschlossen." Winzige Inseln in einem eintönigen Meer.

Erst sterben die Insekten - dann die Vögel

Mit den Insekten sterben auch Vögel, Kleinsäuger und Amphibien. Denn Insekten sind für sie eine der wichtigsten Nahrungsquellen. Bienenexperte Benedikt Polaczek rechnet am Beispiel der Honigbienen vor: "Ein Volk produziert von Mitte April bis Ende Juni etwa 2.000 Nachkommen am Tag, sie leben maximal sechs Wochen. Das sind am Ende jeder Saison rund 15 Kilogramm tote Bienenmasse – nur von einem Volk." Seit den 1990er-Jahren sei die Zahl der Bienenvölker in Deutschland um 500.000 zurückgegangen. Er zückt seinen Taschenrechner: "Das sind dann 7.500 Tonnen Nahrung im Jahr, die fehlen."

Die Folgen zeigen sich vor allem auf dem Land. In Brandenburg zum Beispiel leiden die Jungtiere der Großtrappen am Insektenschwund. Aber es trifft offenbar auch ganz "gewöhnliche" Vögel. Selbst Spatzen, Stare, Amseln und Elstern scheinen auf dem Rückzug zu sein. Der NABU berichtet, dass Rauchschwalben weit weniger erfolgreich brüten als früher. Besonders für ihr erstes Gelege fänden sie nicht genug fliegende Insekten, die Jungen verhungern. 12,7 Millionen Vogelbrutpaare verschiedener Arten seien zwischen 1998 und 2009 verschwunden.

Imkern in Berlin

Besser ist die Situation in Berlin. Insekten finden hier von Frühjahr bis Herbst viele unterschiedliche Blühpflanzen. "Wir haben hier etwa 15 Bienenvölker pro Quadratkilometer", berichtet Benedikt Polaczek, der auch Imkermeister ist. "Das ist im Vergleich zu anderen Städten in Europa sehr gut." Er erzählt, dass immer mehr junge Leute Imkern zu ihrem Hobby machen wollen. "Das ist aber nicht so einfach, wie sich das viele vorstellen." Wer es nicht richtig mache, schade den Bienen mehr, als er ihnen nutze. Deshalb gibt Polaczek kostenlose Imkerkurse, und an der Freien Universität bietet er Bienen-Workshops für Kinder an.

Kleine Prärien in der Stadt

Jetzt im Herbst fliegen so gut wie keine Bestäuber mehr. Die Honigbienen haben sich schon lange in ihren Stock zurückgezogen. Die meisten Wildbienen überleben als Larven in hohlen Stängeln, in Totholzhaufen, in Erdlöchern. Wenn die fliegenden Pollensammler im Frühjahr wieder ausschwirren, dann helfen ihnen zum Beispiel Insektenhotels, Bestäuber-Nachwuchs aufzuziehen. Das können zum Beispiel übereinandergestapelte Pflanzenstängel sein, von Stauden oder Bambus. "Auch Lehmputz in flachen Tonschalen, mindestens 10 Zentimeter hoch, ist gut", erklärt Melanie von Orlow vom NABU Berlin. Man müsse dann nur noch sechs bis acht Millimeter breite Löcher in genügendem Abstand hineinbohren.

Am hilfreichsten sind jedoch viele bunte Wiesen mit bienenfreundlichen Blütenpflanzen, überall auf dem Land und in der Stadt. Bevorzugt mit Wildblumen wie Mohn, Kornblumen, Natternkopf oder Klee, alte ungefüllte Blumensorten wie Echinacea, Kräuter, Lavendel oder auch Studentenblumen. Die fliegen Insekten auch in Balkonkästen an.

Wer mehr darüber erfahren will, wie er den Insekten helfen kann, findet gute Informationen auf Portalen wie "Berlin summt" oder auf den Seiten des NABU. Doch all das wird nicht reichen. Biologe Christoph Saure fordert eine neue Art der Landwirtschaft - eine die Insekten, Vögel und Menschen schütze und Umwelt und Naturschutz ernst nehme.

Beitrag von Anne Hoffmann

Kommentar

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9 Kommentare

  1. 9.

    Sind erst mal die Insekten weg, folgen die Vögel und am Ende wir. Wir werden dann keine Wissenschaft mehr brauchen.
    Das wird schrecklicher als der in Mode gekommene und an allem Schuld seiende Klimawandel für uns werden.
    Und bildet euch nicht ein die Natur träge hier die Schuld, das ist schon die Menschheit, die eigentlich nicht in die Natur passt.
    Guten Tag.

  2. 7.

    Die Untersuchen betreffen Naturschutzgebiete. Nicht einfach irgendwo was abschreiben, sondern korrekt recherchieren

  3. 6.

    Warum wird beständig ignoriert, dass die Ergebnisse dieser "Studie" von Wissenschaftlern als nicht aussagekräftig bezeichnet wird, und dass es sich bei den Daten der jetzt angeblich "neuen Studie" um nchts weiter als um die alten Zahlen der Hobby-Insektenforscher handelt, die lediglich neu ausgewertet wurden? Die Daten wurden in Naturschutzgebieten erhoben, weitab von landwirtschaftlichen Nutzflächen. Aber der Beißreflex gen Landwirtschaft funktioniert. - Damit man mich nicht falsch interpretiert: Ja, es gibt Rückgänge in der Population. Aber es gibt auch keinerlei wissenschaftlich valide Erhebungen über deren Ursachen. Das bestätigen auch Forscher. Worüber ich mich aber vor allem ärgere, dass hier mit einer journalistischen Attitüde einseitig berichtet wird. Wo sind die Stimmen aus der Landwirtschaft? Wohl einfach vergessen. Dort hätten man erfahren können, dass z.B. aufgrund gesetzlicher Vorgaben Rauchschwalben auf Bauernhöfen schon lange keine Nahrung mehr finden usw....

  4. 4.

    2/2 Daher finde ich es allgemein nicht tragbar wenn alle Fläche als kap. Gut betrachtet wird, u.a. wegen Sachen wie dass ein wilder Wald nicht zur Vertrocknung und u.a. Bodenerosion beiträgt, im Gegenteil, und des weiteren auch wegen Sachen wie dass es sicherlich toll ist wenn man wirtschaftliche Beziehungen mit Ländern z.B. in Afrika hat, aber System von dass dort viele Korporationen Plantagen betreiben bei welchen denen egal ist wie viel Flüße dort verschmutzen und dann bissel billiger hier verkaufen während hier Anbau von z.B. Getreide teuer geworden ist nur weil manche Felder nutzen wollen um "damit" Jachten und Limos voranzutreiben, sowas finde ich absurd. In anderen Worten, Preußen sollte eher in der Lage sein z.B. Getreide zu exportieren statt dass ein Wild-Marktgetriebener Importbedarf da welcher in manchen Fällen anderen anscheinend sogar Essen von Tellern nimmt, mit Landwirtschaft wo Feldbetreiber nicht besessen so viel Cent wie möglich aus dem Feld rauszuquetschen.

  5. 3.

    1/2 Meines Wissens nach sind die "Energiepflanzen" kaum effizient. Für viele Politiker fällt es dabei anscheinend unter Sparte "erneuerbar" und Emissionsangaben involvierter Firmen sind vielen Politikern anscheinend gut genug, aber selbst wenn man Fläche ohne Ende hätte, Forschung z.B. betreffend effizienter Verbrennung von Kohle und Handhabung von Emissionen scheint mir wirtschaftlich stabiler als darauf zu wetten dass es nicht zu Dürre kommt nach welcher vielleicht sogar Kanzlerlimo keinen Sprit mehr hat. Und da man ziemlich begrenzte Fläche hat, welche zudem als Feld von BRD/EU subventioniert wird (und Korporation in München oder Paris ist es dabei vielleicht ziemlich egal ob überhaupt noch Wald in anderen Gegenden bleibt), da ist es ziemlich schlimm wenn es zu Fragen kommt wie: Wasserverbrauch, Wasserverschmutzung, und auch die ganze Sache mit dass Jachtinhaber auf dem gaaanz freiem Markt wohl mehr Geld hat Felder für Sprit zu nutzen als viele Familien für Getreide etc.

  6. 2.

    Was soll wohl der Satz besagen "Über 27 Jahre lang hatten die Mitglieder in ehrenamtlicher Arbeit Insektenbiomasse an 63 verschiedenen Standorten gemessen und einen Rückgang bis zu 80 Prozent festgestellt"? An 63 Standorten wurde 27 Jahre lang jährlich gemessen, wie es wissenschaftlich seriös wäre? Nein, in den 27 Jahren wurde an 63 Standorten was gemessen, an durchschnittlich 3 Standorten pro Jahr, wobei die Standorte ständig wechselten und sich mit der Zeit auch wandelten, "waldiger" wurden. Das ist nicht seriös, das sind NGO-Nachrichten, siehe: http://www.keckl.de/texte/Insekten%20Studie%20Junk%20Science%20okt17.pdf Mit freundlichen Grüßen: Georg Keckl

  7. 1.

    ..der weitaus größte Teil der riesigen Mais-, Raps- und Sonnenblumenfelder dient ja wohl der alternativen Energieerzeugung für Biogas und Biokraftstoffe. Diese Pflanzen müssen natürlich vor Schädlingen geschützt werden um ihren Zweck erfüllen zu können. Tja, "liebe" Grüne...alles kann man eben nicht haben!

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