Das umstrittene Gedicht von Eugen Gomringer an der Wand der Alice-Salomon-Hochschule (Quelle: dpa/David von Becker)
Bild: dpa/ David von Becker

Debatte über Fassaden-Gedicht - Abstimmung soll Sexismus-Streit an Hochschule beenden

"Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer" - über diese Zeile aus dem Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer gibt es seit Monaten Streit an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule. Zu lesen ist das auf Spanisch verfasste Gedicht nämlich an einer Fassade des Gebäudes in Berlin-Hellersdorf. Kritiker meinen, die Zeile sei sexistisch.

Alleen/Alleen und Blumen/Blumen/Blumen und Frauen/Alleen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer

Eugen Gomringer, "Avenidas"

Hochschule will schlichten

Die Hochschulleitung der Alice-Salomon-Hochschule will den Streit nun mit einer Abstimmung schlichten. Vom 15. November an können alle Mitglieder der Hochschule zwei Wochen lang online über Vorschläge abstimmen, wie die Fassade neu gestaltet werden könnte. Die Vorschläge sind das Ergebnis eines Ideenwettbewerbs, an dem die Studierenden teilnehmen konnten. Die zwei Vorschläge mit den meisten Stimmen werden dem Akademischen Rat vorgelegt - zudem ein Vorschlag der Hochschulleitung. Welche Konzepte zur Wahl stehen, ist noch nicht bekannt. Im Januar entscheidet der Rat dann, welcher Vorschlag Grundlage für eine Neugestaltung wird.

Reproduktion einer patriarchalischen Kunsttradition?

Die Kritiker im Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) hatten in einem offenen Brief beklagt, die Gedichtzeile reproduziere eine patriarchalische Kunsttradition. Dieses Gedicht anzuschauen, wirke wie "eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potenziell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können", hieß es darin. Frauen würden darin nur als schöne Musen dargestellt, die dem männlichen Künstler zur Inspiration dienten.

Dichter wirft Kritikern Dummheit vor

Gomringer dagegen hat die Kritik an seinem 1953 entstandenen Gedicht gänzlich zurückgewiesen. In seinem Manifest "Vom Vers zur Konstellation" habe er am Beispiel der „Avenidas" gezeigt, wie man mit vier, fünf Wörtern eine ganze Stimmung zaubern könne, sagte der bolivianisch-schweizerische Schriftsteller im September dem rbb-Kulturradio. Es handele sich um einen Schlüsseltext der modernen Lyrik, sagte der 92-Jährige, der als Begründer der Konkreten Poesie gilt, erst kürzlich dem "Deutschlandfunk". Das Gedicht von der Fassade zu entfernen, würde er als "Säuberung" und zudem als "Dummheit" empfinden. "Diese Gendersprache und politische Korrektheit, das hat eigentlich mit diesem Gedicht, meine ich, gar nichts zu tun", sagte der Autor.

Kritik auch von der Prorektorin

Doch auch die Prorektorin der Alice-Salomon-Hochschule, Bettina Völter, sieht das Gedicht kritisch. In einer Erklärung der Hochschule fragte Völter, ob "gerade an der Hauswand einer Hochschule mit dem Anliegen der Professionalisierung von Frauenberufen" genau dieses Gedicht stehen müsse, "in dem Frauen als Gruppe und nicht als Individuen skizziert werden und keine Handlung zugeschrieben bekommen".

Die Schriftstellervereinigung Deutsches PEN-Zentrum in Darmstadt warnte dagegen von einem "Maulkorb für die Kunst" und vor "Zensur".

Sendung: Inforadio, 08.11.2017, 18.00 Uhr

Kommentar

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21 Kommentare

  1. 21.

    Da haben die doch Tatsache den Artikel vom 1. April schon heute veröffentlicht!

  2. 20.

    So ein Schwachsinn. Ich glaube wir ticken alle nicht richtig. Als wenn es keine anderen Probleme in der Welt gibt!

  3. 19.

    Die „Kritiker“ sollten mal einen Psychiater aufsuchen!

  4. 18.

    @Olli Garch, danke. Anders kann man dem ganzen Schwachsinn nicht begegnen als mit Humor.

  5. 17.

    Ich stimme Ihnen vollkommenen zu, möchte jedoch noch einige Gedanken hinzufügen. Ich als Frau finde diese ganze Sexismusdiskussion sehr anstrengend und schädlich. Ich behaupte mal, dass diese vor allem von jungen Frauen geführt wird. Die deutsche Sprache wird total vermanscht. Durch die Frauenquote fühle ich mich dann tatsächlich diskriminiert. Ich würde eine Stelle nicht wegen einer Quote, sondern wegen einer Qualifikation erhalten wollen. Wann gehen die Männer und selbstbestimmten Frauen endlich auf die Barrikaden, um diesen ganzen Irrsinn zu beenden? Allez! Allez!

  6. 16.

    Da weiß man gar nicht,was man dazu schreiben soll..
    Mich würde interessieren,ob vorher auch abgestimmt wurde,ob die Fassade überhaupt verändert werden soll. Ist wirklich die Mehrheit der Studenten (und ja,bei mir sind darin auch die Weiblichen enthalten) dafür oder drückt hier eine Minderheit der Mehrheit ihren Deutungswillen auf? Ich kann mir einfach nicht vorstellen,dass eine Mehrheit diesem "Schwachsinn" zustimmt.
    Mir fehlt dafür jegliches Verständnis und für mich sind Personen,die darin Sexismus wittern schon nah an einer Paranoia. Das Gedicht besteht schließlich nur aus 4 Wörtern.

    Gibt es überhaupt einen Menschen der nicht gern mal bewundert wird?

  7. 14.

    Liebe Redaktion,
    ich habe eine redaktionelle Anmerkung, da sich im Text ein Fehler findet: Es werden in der ersten Stufe des Abstimmungsverfahrens nicht 3 Vorschläge zur Abstimmung gestellt, sondern alle, die den Einsendekriterien entsprechen. In einem zweiten Abstimmungsschritt werden die beiden Vorschläge mit den meisten Stimmen sowie ein weiterer Vorschlag der Hochschulleitung dem Akademischen Senat der Hochschule zur Entscheidung vorgelegt.

    Mit freundlichen Grüßen und der Bitte um Änderung!

  8. 13.

    @Butter: Das ganze Leben ist sexistisch. Der Sinn des Lebens besteht (rein biologisch betrachtet) in der Fortpflanzung des stärksten Männchens mit dem attraktivsten Weibchen. Das entschuldigt in unserer zivilisierten Gesellschaft keine dummen Anmachen, keine Beleidigungen und keine Übergrifflichkeiten. Aber in alles nun Sexismus hinein zu interpretieren ist gelinde gesagt einfach Schwachsinn und spricht entweder für mangelndes Selbstbewusstsein oder für gesteigertes Geltungsbedürfnis einiger weiblicher Mitmenschen. Ganz sicher hilft es nicht der Sache und verstellt den Blick auf die wirklichen Opfer, die es zweifellos und beschämenderweise immer noch gibt.

  9. 11.

    Statt "richtig arbeiten zu gehen" sollten die Frauen sich für einen Mann schick machen und ihm Kinder gebähren. Ach nee, so was zu sagen ist ja wieder sexistisch.

  10. 10.

    Bin ich auch Sexist, wenn ich mit meinen 77Jahren. langbeinigen Frauen hinterhersehe oder einfach nur einer, der seiner Jugend nachtrauert?

  11. 9.

    @Olli Garch, danke. Anders kann man dem ganzen Schwachsinn nicht begegnen als mit Humor.

  12. 8.

    Dann gerät die Welt aber aus den Fugen. In den Reaktionstuben sitzen schon lange keine Männer mehr, die die starken Frauen vertreten könnten.

  13. 6.

    Das ist leider trauriger Ernst. Hier sieht man wohin der politisch durchgeknallte Genderwahn führt. ZENSUR!!
    Wenn das so weiter geht, werden tausende von Büchern, Gedichte usw. in Zukunft nicht mehr erlaubt sein.
    Anstatt eine große Klappe zuhaben, sollten die Studenten-Mädels mal richtig arbeiten gehen.

  14. 5.

    Mit Verlaub: Ich schlage vor, dass Frauen solange auf Lippenstift und Wangenrouge verzichten, bis Männer eine annähernd gleich starke Quote an derlei erreicht haben, mithin der versprochene ästhetische Reiz nicht allzu einseitig ausfällt.

  15. 4.

    Die Kommentare hier schließen sich ja dem zuvor vergossenen Gift und Galle durch verschiedenste Medienformate an.

    Dann mal was zum Nachdenken: Diskrimierung - egal, ob wie hier sexistisch oder an anderer Stelle z.B. rassistisch - wirkt nicht erst dann, wenn sie auch so beabsichtigt wurde. Und nicht nur Adressat*innen sind vom, hier, Sexismus betroffen.

    Zudem gibt Kunst nicht autoritär und direktiv programmatisch Lesarten vor. Sie ist frei.

    Die Studierenden beweisen mit dieser sensibilisierten und kritischen Wahrnehmung, dass sie es mit den Rechten und Freiheiten nicht nur ihrer Klient*innen ernst meinen - glaubwürdig sowie standhaft demokratisch und gegenüber sämtlichen demokratiezersetzenden Einwirkungen durch Rechtspopulisten u.a.m. in diesen Zeiten ist diese klare Positionierung wichtig. Wenn schon Werbung im öffentlichen Raum seitens Gesetzgebung nicht durchgehend diskriminierungsfrei sein muss, dann doch die eigene Hochschule, inklusive Fassade - als ein kleiner Anfang.

  16. 3.

    Ich habe das Gedicht mal eben überarbeitet und hoffe, dass es dermaßen verbessert alle Regeln der political correctness erfüllt und niemand mehr diskriminiert oder traumatisiert wird:

    avenidas (con coches carbono neutrales)
    avenidas (con coches carbono neutrales) y flores (pero también animales)

    flores (pero también animales)
    flores (pero también animales) y personas de todos sexos

    avenidas (con coches carbono neutrales)
    avenidas (con coches carbono neutrales) y personas de todos sexos

    avenidas (con coches carbono neutrales) y flores (pero también animales) y personas de todos sexos y
    unx admiradx

    Gegebenenfalls muss man das Gebäude halt etwas verbreitern. Danke, dass ich helfen durfte.

  17. 2.

    Vorschlag: Der RBB legt 1 mal pro Woche einen feminismus-freien Tag ein.

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