Hells Angels Weste von hinten (Quelle: imago/Olaf Wagner)
Bild: imago/Olaf Wagner

Prozess gegen Hells Angels - Gericht: Berliner LKA hätte Rockermord verhindern können

Mehr als ein Dutzend Hells Angels soll am Mord von Tahir Ö. vor fast vier Jahren beteiligt gewesen sein - der Mammutprozess startete vor drei Jahren. Richter sagen nun: Das LKA hätte den Tod des 26-Jährigen verhindern können. Von Ulf Morling  

Carolin G. ist am Donnerstag als Zeugin im Mordprozess als Zeugin geladen worden. Die 44-Jährige ist Kriminaloberkommissarin im Landeskriminalamt, Abteilung 423, die auch für Rockerkriminalität zuständig ist. Doch statt über ihre Erkenntnisse zu berichten, verweigerte sie die Aussage. Der Grund: Sie könnte sich damit selbst belasten.

Ermittlungsverfahren wegen Totschlags durch Unterlassen möglich

Schon im Vorfeld des Gerichttermins hatten das die Anwälte der Beamtin den Richtern mitgeteilt. Durch die Aussage der Polizistin könnten strafrechtlich relevante Details bekannt werden - unter Umständen würde dann ein Ermittlungsverfahren gegen sie wegen Totschlags durch Unterlassen eingeleitet.

Der Hintergrund: Das LKA hatte bereits Monate vor dem mutmaßlichen Mord an Tahir Ö. Informationen, dass es einen Mordauftrag gab, angeblich erteilt von Hells-Angels-Rockerboss Kadir P.. Doch die Beamten des LKA hatten Tahir Ö. nicht gewarnt.

Henkel: falsche Bewertung der Gefährdungslage

"Mein Sohn könnte noch leben", hatte die Mutter des getöteten Ö. bereits zum Prozessauftakt vor drei Jahren gesagt. Schon damals war bekannt, dass Ö. im Fadenkreuz der Hells Angels gewesen war. Vor einer Diskothek am Alex hatte Ö. im Streit zwei Rocker mit Messerstichen verletzt. Die Rache dafür: Tahir Ö. wurde in einem Reinickendorfer Wettbüro erschossen – acht Schüsse fielen, sechs trafen.

Der damalige Innensenator Frank Henkel (CDU) räumte knapp zwei Monate nach den tödlichen Schüssen auf Tahir Ö. auf eine Anfrage der Grünen im Abgeordnetenhaus ein, dass "aufgrund einer falschen Bewertung der Gefährdungslage" Ö. nicht gewarnt worden sei.

Viele Hinweise auf geplanten Mord

Kurz nach dem Vorfall an der Diskothek am Alex hatte das LKA mindestens vier Hinweise von Vertrauenspersonen bekommen: Ö. sei hoch gefährdet. Ein Hinweis, der dem rbb vorliegt, wurde am 29. Oktober 2013 in einem Bericht des LKA, Abteilung 651, festgehalten: Eine V-Person berichte, dass wegen der Auseinandersetzung am Alex nunmehr Tahir Ö. und zwei weitere Männer "im Auftrag des Kadir P. ermordet werden sollen".

Erst knapp drei Wochen später wird ein Ermittlungsverfahren eingeleitet - wegen eines möglichen Mordauftrages. Unter anderem das Telefon von Rockerboss Kadir P. wurde abgehört. Ermittlungsführerin in Sachen "Mordauftrag" war laut Justiz LKA-Beamtin Carolin G., die jetzt vor Gericht ihre Aussage als Zeugin in dem Mordfall verweigert.

Polizeiinterne Suche nach Fehlern

Neben dem Eingeständnis des früheren Innensenators Henkel, man habe die Gefährdungslage des Tahir Ö. falsch eingeschätzt, wurde im Februar 2015 polizeiintern ein Disziplinarverfahren gegen LKA-Beamtin Carolin G. eingeleitet.

Fast gleichzeitig nahm die Staatsanwaltschaft die Ermittlungsführerin ins Visier: Die Behörde führte Vorermittlungen gegen die Polizistin durch. "Wenn mögliche Fehler passiert sind, hat das die Behörde an ihr festgemacht", sagt der Rechtsbeistand der LKA-Beamtin. Weitere Beamte seien nicht in den Fokus von Ermittlungen geraten. Auch nicht LKA-Chef Christian Steiof. Er wird am 7. Dezember als Zeuge im Prozess erwartet. 

Tat hätte verhindert werden können – sagt das Gericht

LKA-Beamtin Carolin G. könnte mit der wahrheitsgemäßen Beantwortung von Fragen einen Anfangsverdacht "zumindest wegen fahrlässiger Tötung" des Tahir Ö. entstehen lassen, da das Opfer der hinrichtungsgleichen Tat über die drohende Gefahr nicht informiert wurde. Da sie sich selbst aber nicht belasten müsse, habe die Beamtin ein Auskunftsverweigerungsrecht, erklärte das Gericht am Donnerstag.

Nach 185 Verhandlungstagen und einer fast dreijährigen Zeugeneinvernahme zog die 15. Große Strafkammer trotz des Schweigens der Zeugin ein bedrückendes Resümee: Der Tod Tahir Ö.s hätte verhindert werden können, wenn er nur über die Bedrohung informiert worden wäre, so der vorsitzende Richter Thomas Groß sinngemäß. 

Sendung: radioBERLIN, 23.11.2017, 16.30 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    In Ihren Augen ist es also legitim, dass die Staatsmacht einen Mord in Kauf nimmt (wahrscheinlich, um die Täter später dafür belangen zu können), wenn das Opfer zuvor selbst zum Straftäter geworden ist? Also ich erwarte vom LKA und der Polizei im Allgemeinen etwas anderes. Ihrem Kommentar zufolge sollte man die Polizei also in "Ruhe lassen"? Wenn die Messerstiche des Ö. tatsächlich eine Straftat war, warum war dieser nicht inhaftiert? Die LKA-Beamtin hat ihre Aussage verweigert, weil sie sich nicht selbst belasten wollte. Also war ihr durchaus bewußt, gegen Gesetze verstoßen zu haben. Ergo haben Sie entweder unüberlegt kommentiert oder, was ich nicht hoffe, billigen Sie, dass Vertreter des Gesetzes über diesem stehen.

  2. 6.

    Zitat:
    "Vor einer Diskothek am Alex hatte Ö. im Streit zwei Rocker mit Messerstichen verletzt. Die Rache dafür: Tahir Ö. wurde in einem Reinickendorfer Wettbüro erschossen – acht Schüsse fielen, sechs trafen."

    Komisch - solche Kranken, vermutlich stark Drogenabhängigen kommen nicht in die Psychiatrie.
    In die Psychiatrie kommt nur der brave Bürger, der gerade jemandem im Weg ist.
    Was ist in diesem Staat überhaupt los, dass man solche Leute gewähren lässt?
    Der Straftatbestand der Bildung einer kriminellen Vereinigung scheint sehr selektiv ausgelegt zu werden.

  3. 5.

    Einem Polizeibeamten den Vorwurf zu machen, er hätte das Leben eines Messerstechers retten müssen. Möglicherweise also sich oder polizeiliche Quellen gefähren müssen, um das Leben eines Verbrechers zu retten. Das gibts wirklich nur in Deutschland.
    Vor allem die Annahme der Tod des Verbrechers "hätte verhindert werden können, wenn er nur über die Bedrohung informiert worden wäre" ist vollkommen realitätsfremd. Dann wäre er halt auf andere Weise getötet worden. Im Rockermilieu lassen die nicht von einem ab, bloss weil er ein Mal entwischt ist oder sich versteckt oder was. Wenn die töten wollen, dann wird der letztlich getötet. So sind Mafiastrukturen eben.
    Also lasst unsere Polizisten in Ruhe. Wir sollten dankbar für deren Arbeit sein und ihnen nicht in den Rücken fallen.

  4. 4.

    Der regierende Bürgermeister hätte also Herrn Henkel rausschmeißen müssen. Ich glaube, dazu hat er nicht die Befugnis.

  5. 3.

    Dir ist aber klar, dass der weit überwiegende Teil der Haftbefehle aus Gründen wie nicht bezahlten Geldstrafen erlassen wird? Die betreffenden Personen alle gezielt zu suchen, würde häufig wahrscheinlich mehr kosten als der Grund für den Haftbefehl. Früher oder später kriegt man die Leute schon.
    Und die Beamtin auf Lebenszeit ohne stichhaltige Beweise zu entlassen ist auch eine unerfüllbare Forderung.

  6. 2.

    Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor.

  7. 1.

    LKA und Kripo und Schutzpolizei brauchen wohl einen Neustart. Alle Führenden umsetzen in andere Bundesländer und aus diesen dann austauschen und P-Präsident und Innensenator entlassen und ersetzen. Es kann doch nicht sein das so eine Gurkentruppe hier agiert die bald 10.000 Haftbefehle nicht vollstreckt und sich von 14 kriminellen Vereinigungen auf der Nase herumtanzen lässt und die Kripodame muss sich nicht selbst belasten aber zumindest fristlos entlassen werden.
    Am Ende ist nur einer Schuld, der regierende Bürgermeister der so fehlerhaft agiert das er aus Scham bereits hätte gehen müssen.

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