Die Stadt aus Ton in der "Herberge zur Heimat" (Quelle: rbb/ Ansgar Hocke)
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Video: Himmel & Erde | 02.12.2017 | Ansgar Hocke | Bild: rbb/ Ansgar Hocke

Wunsch nach Rückzugsorten - Obdachlose bauen sich ihre Traumstadt

Eine Stadt aus Ton - lichtdurchflutete Wohnungen, Dachterrassen zum Verweilen. Die Bewohner einer Herberge für Obdachlose haben sich ihre Traumstadt getöpfert. Mittendrin steht eine Geisterbahn - warum wohl? Von Ansgar Hocke

In der Miniaturstadt, die sich im Keller des Wohnheims "Herberge zur Heimat" ausbreitet, gibt es keine Autos, kein Kaufhaus und keinen Supermarkt. Sie ist aus Ton, und sie ist in den vergangenen zehn Jahren in mühevoller Kleinarbeit von ehemaligen Obdachlosen gebaut worden. Die wohnen jetzt in der der "Herberge zur Heimat" in der Falkenhagener Straße in Berlin Spandau.

Zum Beispiel der 68-jährige Karl Heinz Schmidt: Er kenne jeden, der hier was gebaut habe, sagt er. Kein Wunder, denn das erste Haus stammt von ihm: "Ich habe gesagt: Ick bau mir jetzt 'ne Villa!" Er habe dann sein Münchner Hotel gebaut: "Dort habe ich zwei Jahre gearbeitet und schöne Zeiten erlebt. Ich war sehr gut angesehen beim Personal und bei den Gästen. Ich hatte sozusagen mein eigenes Revier, und so bin ich auch immer im Kontakt mit fremden Leuten gewesen."

Manchmal spürt  Karl Heinz Schmidt das Verlangen abzuhauen. Doch seine Krankheit, Asthma, lässt es einfach nicht mehr zu, draußen zu leben. Tagsüber streift er nun durch Spandau, um sich abzulenken: "Ich denke nicht darüber nach, was vorher gewesen ist, was auf mich zukommt. Ich fresse alles in mich hinein. Wenn ich dann explodiere, ist das unbegreiflich. Ich war früher sehr aggressiv. Heute bin ich ruhiger geworden." Sein größter Wunsch ist eine kleine, eigene Wohnung: "Aber dafür bin jetzt wohl zu alt. Vor allem wünsche ich mir Ruhe und  ein Tier. Aber man darf bei uns kein Tier halten."

Erinnerungen an schöne Zeiten

Mit der Stadt aus Ton werden Träume ausgelebt, und viele Erinnerungen an schönere Zeiten  tauchen auf. Mit der Hand, dem Messer oder einem Draht werden die Gebäude geformt, geglättet  und dann gebrannt. Susanne Bayer hilft dabei. Die Künstlerin hat das Projekt angestoßen und begleitet es nunmehr seit zehn Jahren. Zweimal in der Woche steht sie "ihren Jungs" zur Seite.

Es  verlangt von den Bewohnern der "Herberge zur Heimat" eine ungeheure Disziplin, jeden Dienstag und jeden Freitag in die Keramikwerkstatt zu kommen, um an ihrer Stadt zu bauen.

In dieser Stadt gibt es viele offene Fenster, enge Straßen und auf den Dächern Terrassen für alle Bewohner. Beim Betrachter entsteht der Eindruck von einem bunten und mediterranen Ort, einer Heimat für ein leichtes, fröhliches, gemeinschaftliches Leben - mit dem starken Wunsch nach Unabhängigkeit.

Frank-Heidrich (Quelle:rbb/Ansgar Hocke)
Frank Heidrichs Traum ist eine Laube mit Obstgarten. | Bild: rbb/Ansgar Hocke

Lauben mit Obstgärten

Über diese Sehnsucht  berichtet auch Frank Heidrich. Er baute Lauben für die Tonstadt, weil nur Lauben richtig behindertengerecht für ihn sind. "Ein eigenes Grundstück, mitten in der Stadt, das wäre so mein Wunsch", sagt der 56-Jährige. "Kleiner Garten drum herum - mit Obstbäumen drauf. Selbständigkeit und Ruhe für ein paar Tage. Das wäre toll!"

Heidrich verbrachte ein Jahrzehnt auf der Straße. Im Dezember 1994  brach er zusammen, als er gerade auf dem Weg zu seinem Schlafplatz in einem Abbruchhaus war. Eine Frau fand ihn draußen, er war betrunken und halb erfroren. Im Krankenhaus mussten ihm beide Beine amputiert werden.

An die Gehhilfen und seine zwei Prothesen hat er sich gewöhnt - und das Leben auf der Straße vermisst er kein Stück: "Am Anfang dachte ich, das Straßenleben macht frei. Aber nein, man ist meistens Einzelgänger, man ist auf sich allein angewiesen." Er sei froh, dass er in der Spandauer Herberge untergekommen ist, wo er auch von Sozialarbeitern betreut wird, sagt Heidrich: "Was Besseres konnte mir gar nicht passieren."

Daniel-Gürtler (Quelle: rbb/Ansgar Hocke)
Daniel Gürtler hat die Geisterbahn gebaut. | Bild: rbb/Ansgar Hocke

Nur noch drei Bier am Tag

Daniel Gürtler ist 42 Jahre alt. Er wuchs in einem Heim auf, weil seine Mutter schwer krank war und sehr früh starb – da war Daniel 15 Jahre alt. Den Vater kennt er nicht.

Als Gürtler in einer eigenen Wohnung lebte, begann die Sauferei mit den Kumpels. Dann versuchte er, vom Alkohol wegzukommen, und machte eine Langzeittherapie: "Ich  war  anderthalb Jahre trocken." Aber irgendwann sei es nicht mehr gegangen, sagt er: "Ich wollte wieder Bier, keinen  Schnaps. Jetzt  trinke ich kontrolliert, jeden Abend drei Bier. Ich gehe nur abends raus. Die meisten machen sich lustig über mich: Guck mal da kommt der Drei-Bier-Mann."

Eine Geisterbahn zum locker werden

Gürtlers Ideen und Vorstellungen von der Stadt sind klar und eindeutig: Wärmer soll es sein, und alle sollten auf die Probleme anderer Menschen eingehen. "Es müsste eine Stadt geben, in der man keine Polizei benötigt", sagt Gürtler. "Jeder passt auf sich auf und auf den anderen. Und wenn mal jemand was Dummes macht, dann weiß jeder ganz genau, was wichtig ist, damit man in einer so schönen Gesellschaft weiterleben kann."

Für seine Traumstadt hat Daniel Gürtler eine Geisterbahn errichtet - im Zentrum: "Ich denke, die Leute sollten sich einfach mal gruseln, sich fürchten, sich schieflachen, um dann lockerer zu werden und nicht mehr so angespannt zu sein."

Die Künstlerin Susanne Bayer (Quelle: rbb/ Ansgar Hocke)
Die Berliner Künstlerin Susanne Bayer arbeitet mit den Obdachlosen. | Bild: rbb/ Ansgar Hocke

Alle träumen von Rückzugsorten

Allen, die da in der Werkstatt zusammen sind, geht es darum, sich einen Raum des Rückzugs zu  schaffen. Denn die meisten von ihnen  leben als  erwachsene Männer in Zweibettzimmern. Der Wunsch ist groß, sich einen persönlichen Raum zu gestalten und Vorstellungen zu entwickeln, wie sie gern leben würden. Deshalb gibt es so viele Bänke und Dachgärten und Orte, wo man sich gerne aufhält.

Es seien Menschen, die vieles im Leben verloren hätten, sagt Susanne Bayer: "Da ist es wichtig, sich noch was zu wünschen."

Stadt aus Ton

Beitrag von Ansgar Hocke

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Antwort auf [Michael] vom 26.12.2017 um 19:21
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3 Kommentare

  1. 3.

    Was für ein berührendes Projekt hast Du da ins Leben gerufen. Menschen eine Gelegenheit zu geben, ihre Träume künstlerisch umzusetzen ist so inspirierend. Während der Arbeit wird der Traum gelebt und die Säfte fliessen. Durch das Miteinander in der Herstellung entstehen sicherlich auch Freundschaften.
    Mich würde nun interessieren ob Du ein neues Projekt mit den gleichen Menschen planst. Es wäre traurig wenn es nicht weiterginge. Lass Dir bitte was einfallen. Ich bin sicher, dass die wunderbare Susanne alles gegeben hat um die Menschen glücklich zu machen und dem Projekt zu seinem Erfolg zu verhelfen.
    Euch Beiden Dank.
    Dorothea Linder

  2. 2.

    Zu den Feiertagen das Elend schön reden, wo leben wir eigentlich? Damit ändert sich nichts. Nur Machtverhältnisse ändern kann helfen.

  3. 1.

    @Ansgar Danke für diesen Einblick in ein schönes Projekt. Wird die Stadt der Träume mal ausgestellt?

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