Eine ältere Dame am Telefon (Quelle: imago/westend61)
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Audio: Inforadio | 22.12.2017 | Interview mit Elke Schilling | Bild: imago/westend61

Interview | Hilfetelefon für ältere Menschen - "Wir sind die Fachleute fürs Miteinanderreden"

Jemanden zum Reden haben: Das Berliner Projekt "Silbernetz" bietet ab Heiligabend eine Gesprächshotline für einsame ältere Menschen an. Doch Initiatorin Elke Schilling plant mehr, um isolierte Senioren wieder in Kontakt zu bringen.  

Einsamkeit im Alter: Studien zufolge betrifft das jeden dritten älteren Menschen – zumindest gelegentlich. Die Weihnachtszeit kann da zum echten Härtetest werden. Das Berliner Sozial-Projekt "Silbernetz" möchte etwas dagegen tun. Die Macher organisieren in diesem Jahr erstmals eine kostenlose Feiertags-Telefon-Hotline. Die Mitarbeiter sind ab Heiligabend, 12 Uhr, bis zum 1. Januar, 12 Uhr,  durchgängig zu erreichen

rbb|24: Frau Schilling, wie kam es zum "Silbernetz"-Hilfetelefon, das Ende Dezember für eine Woche an den Start soll?

Elke Schilling: Das ist eine ziemlich lange Geschichte. Die Kurzfassung: Ich bin seit sechs Jahren in Berlin-Mitte Seniorenvertreterin. In diesem Zusammenhang bin ich auf das Thema Einsamkeit gestoßen. Denn es gibt zwar zahlreiche Angebote für Ältere, die viele aber nicht kennen, weil man sie nicht erreicht. Das ist das Grundproblem. Dann starb mein Wohnungsnachbar, ohne dass das jemand mitbekam. Er wurde erst nach drei Monaten gefunden.

Diese beiden Dinge gaben den Anstoß. Bei meiner Recherche bin ich dann in Großbritannien auf die "Silver Line Helpline" gestoßen, eine Telefonhilfe für Ältere, die im ganzen Vereinigten Königreich angeboten wird. In den vergangenen drei Jahren hatte sie eine Million Anrufe. Ich habe mir 2014 erklären lassen, wie die arbeiten. Und dann gedacht: Das können wir in Deutschland auch. Seitdem arbeite ich mit einem Team daran.

Es gibt hier bereits Angebote wie die Telefonseelsorge oder das Berliner Krisentelefon. Warum reicht das nicht?

Die haben eine andere Klientel. Die Telefonseelsorge ist gegründet worden als Suizidprävention. Außerdem bleiben die anderen Angebote alle beim telefonischen Dienst stehen. Wir wollen weitergehen. Wir haben einerseits diese 24-Stunden-Hotline als ersten anonymen Kontaktpunkt für ältere vereinsamte Menschen, damit sie jemanden zum Reden haben.

Geplant ist darüber hinaus ein zweites Element, das Angebot "Silbernetz-Freunde". Hierfür bilden wir gerade ehrenamtliche Mitarbeiter aus. Einmal in der Woche rufen sie "ihren" alten Menschen an und bauen darüber hinaus einen persönlichen Kontakt auf. Über diesen persönlichen Kontakt können sie dann die Verbindung zu den Angeboten im Wohnumfeld herstellen, wenn das der alte Mensch wünscht. Das ist die dritte Stufe. Ein solches Angebot kann der Mobilitätshilfedienst sein, ein Besuchsdienst oder die Veranstaltung in der Nachbarschaft, die extra für ältere Menschen gedacht ist.  

Diese Dreistufigkeit gibt es nirgendwo in Deutschland. Und es gibt auch kein dauerhaftes Angebot, das sich dem Thema "Ich habe niemanden mehr zum Reden" in diesem Maße widmet. Die anderen Angebote sind problemorientiert. Einsamkeit ist in unserer deutschen Sicht aber kein Problem, daran ist jeder selbst Schuld.

Sie sagen, Einsamkeit sei in Deutschland ein Tabuthema – inwiefern?

Wenn jemand seine sozialen Netzwerke nicht pflegen kann, legt ihm das unsere Gesellschaft als Unfähigkeit aus. Bei Älteren schwinden Netzwerke aber zwangsläufig, weil Menschen aus dem persönlichen Umfeld sterben, weil Bindungen verloren gehen, wenn Kinder wegziehen. Das hat man nicht im Blick.

Und je länger ich einsam bin, desto größer wird die Hemmschwelle, mich wieder hinauszubegeben. Ich bekomme Angst vor anderen Menschen, wenn ich lange alleine war. Einsamkeit im Alter ist ein Teufelskreis. Da braucht es ein Angebot, das die Möglichkeit eröffnet, ganz vorsichtig erst einmal mit der Distanz über das Telefon, einen Kontakt aufzunehmen.

Einsame Menschen können sehr verzweifelt sein, gerade in der Zeit zwischen den Jahren. Wie stellen Sie sicher, dass die ehrenamtlichen Mitarbeiter auch für sich selbst mit sehr belastenden Gesprächen gut umgehen können?

Wir sitzen grundsätzlich zu zweit im Raum. Das heißt, wenn ein Kollege ein sehr belastendes Gespräch hatte, hat er danach die Möglichkeit, sich sofort mit seinem Gegenüber auszutauschen und zu schauen: Wie kriege ich jetzt wieder Distanz?

Außerdem sind die Mitarbeiter auf die Gespräche vorbereitet. Wir selbst, die wir das Projekt seit Jahren aufbauen, sind vertraut mit Situationen, die auftauchen können. Auch die ehrenamtlichen "Silbernetz-Freunde", die wir bereits ausgebildet haben, sitzen mit am Telefon.  

Zusätzlich zu unserem Kernteam und den "Silbernetz-Freunden" haben wir noch etwa acht weitere Leute, die in der Regel aus dem sozialen Bereich sind und bereits über eine gewisse Gesprächserfahrung verfügen. Das sind zum Beispiel Therapeuten. Sie wurden mit einer zweitägigen Schulung intensiv vorbereitet auf das, was am Telefon passieren kann. Es arbeitet dann immer ein erfahrener mit den etwas unerfahreneren Mitarbeitern zusammen. Wir haben auch Leute dabei, die für die Telefonseelsorge tätig waren und sind.

Bei der Telefonseelsorge heißt es, die Mitarbeiter würden ein Jahr lang ausgebildet – bei Ihnen sind es zwei Tage.

Der Unterschied ist: Die Telefonseelsorge ist ein Krisentelefon. Dort ist mit allen Themen zu rechnen, von tiefer Depression bis hin zum Suizid. So etwas kann uns natürlich auch begegnen.

Was machen Ihre Mitarbeiter, wenn sie den Eindruck haben, ein Anrufer ist suizidgefährdet?

Wir schauen, wie wir damit umgehen können. Oft geht es wirklich nur ums Zuhören und Dasein. Wenn es wirklich zu intensiv wird, sagen wir: Wenn Sie uns Ihre Adresse sagen, schicken wir den Rettungsdienst zu Ihnen. Oder wir bitten die Menschen, sich an die Telefonseelsorge oder an das Berliner Krisentelefon zu wenden. Die sind für dieses Thema besser ausgebildet.  

Wobei nicht gesagt ist, dass die Leute diesen weiteren Anruf noch schaffen.

Ja, und das ist die andere Seite. Wenn ich einen solchen Dienst mache, muss ich mir sehr bewusst sein, dass ich nicht die Verantwortung für meine Anrufer übernehmen kann. Und dass ich meine Grenzen kennen muss, ehrlich sein muss und sagen: Das kann ich nicht, Entschuldigung. Die Gesetzeslage ist so, dass wir ohne das Einverständnis eines Betroffenen nichts unternehmen dürfen. Wir sind ein Gesprächsangebot, keine Krisenintervention, das machen andere sehr viel professioneller und vor allem nicht ehrenamtlich. Unser Thema ist Einsamkeit. Wir sind die Fachleute fürs Miteinanderreden. Und wir betrachten uns auch als Netzwerkknoten zu den Fachleuten für die intensiveren Probleme.

Welche Möglichkeiten bieten Sie Ihren Kollegen, das Erlebte zu verarbeiten?

Wir werden nach diesen sieben Tagen auf jeden Fall eine Auswertung dessen machen, was uns begegnet ist. Und wir gewährleisten, dass immer zwei Leute gleichzeitig beim Telefonieren da sind – neben einem weniger Erfahrenen auch ein Erfahrener. Ich kriege als erfahrener Telefonierer mit, ob mein Kollege jetzt gerade in ein Loch rutscht, und dann kann ich einschreiten. Aber wir rechnen ohnehin eher weniger mit den großen Katastrophen als vielmehr mit dem unendlichen Gesprächsbedürfnis von Menschen, die sonst nur den Fernseher zum Zuhören haben

Wie viele Leute sitzen ab Weihnachten am Telefon?

Ich hoffe, dass wir es auf 20 schaffen, die wir uns am Telefon abwechseln in dieser Feiertagstelefon-Woche. Es werden immer zwei gleichzeitig im Dienst sein.

Sie schätzen, dass in Berlin eine Viertelmillion älterer Menschen unter gelegentlicher Einsamkeit leidet, deutschlandweit acht Millionen. Da werden wahrscheinlich viele bei Ihrer Hotline gar nicht durchkommen?

Das sind die Zahlen, die sich aus dem deutschen Alterssurvey, einer bundesweiten Befragung, ergeben. Ja, es kann passieren, dass viele nicht durchkommen. Wobei die Erfahrung der britischen "Silver Line" in den ersten Wochen war, dass sie in der Nacht zehn Anrufe hatten. Es kann sein, dass wir überflutet werden. Aber das sagt dann auch etwas aus über die Notwendigkeit des Projekts. Es kann aber auch passieren, dass wir minutenlang, halbe Stunden lang, auf den nächsten Anruf warten.

Ab wann könnte es einen dauerhaften Dienst geben?

Das hängt jetzt ein Stück weit davon ab, wie erfolgreich diese Kampagne läuft. Das Feiertagstelefon ist nur ein Teil davon. Daneben haben wir unsere Petition. Mit ihr wollen wir dafür sorgen, dass die Politik valide Zahlen zum Thema Einsamkeit älterer Menschen und deren sozialen und gesundheitlichen Folgen liefert. Das tut sie in Deutschland bis jetzt nicht.

Das ist einer der Gründe, warum wir bislang noch nicht auf die Beine gekommen sind mit unserem Projekt. Denn man sagt uns immer wieder: In Deutschland sieht das Problem anders aus als in England. Und es ist ja gar nicht nachgewiesen, dass Einsamkeit im Alter schwerwiegende soziale und gesundheitliche Folgen hat. Das steht nirgendwo, man kann das nicht mit Zahlen belegen.

Das Dritte ist, dass wir jetzt versuchen, Spenden zu akquirieren und damit im nächsten Jahr mit der Hotline an den Start zu kommen. Seit dem Start der Spendenkampagne Ende November ist bislang jeden Tag etwas eingegangen.

Wie genau finanziert sich das jetzige Feiertagstelefon?

Wir werden derzeit mit unserer Geschäftsstelle über die Lottostiftung Berlin gefördert. Eigentlich wollten wir mit zwei Partnern im Dezember mit dem Testlauf für ein dauerhaftes Hotline-Angebot starten. Aber dann haben uns die Partner abgesagt. Damit standen wir wieder auf Null. Deshalb haben wir gesagt: Es braucht eine Demonstration, dass das Angebot wirklich gebraucht wird. Und das Feiertagstelefon ist jetzt die Demonstration.

Wie viel Geld brauchen Sie für ein dauerhaftes Angebot?

Die Briten müssen, um ihre eine Million Anrufe in drei Jahren zu finanzieren, pro Jahr ungefähr zwei Millionen Pfund akquirieren. Grob kann man sagen, wir bräuchten rund einen Euro pro potenziellem Anrufer, also rund acht Millionen Euro für ein deutschlandweites Angebot.

Das Interview führte Annette Bräunlein, rbb|24

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