Trümmer eines aufgebrochenen Lüftungsschlitzes ragen am 28.12.2017 aus einem Werkstattgebäude auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Plötzensee in Berlin. (Quelle: rbb/Raphael Knop)
Video: Abendschau | 28.12.2017 | Rainer Unruh | Bild: rbb/Raphael Knop

Kamera filmte den Ausbruch - Gefangene fliehen mit Hammer und Flex aus JVA Plötzensee

Vier Männer sind am Donnerstag aus der Haftanstalt Plötzensee ausgebrochen. Sie entkamen über einen Lüftungsschacht. Justizsenator Behrendt räumte gleich mehrere Fehler ein. So seien Bilder einer Überwachungskamera nicht richtig ausgewertet worden.

Aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Berlin-Plötzensee sind am Donnerstagmorgen vier Gefangene ausgebrochen. Wie die Justizverwaltung am Donnerstag mitteilte, entkamen sie durch einen Lüftungsschacht in der Außenmauer der Haftanstalt, den sie mit einem Hammer und einem Winkelschleifer, einer sogenannten Flex, freilegten.

Justizsenator Behrendt räumt Fehler ein

"Man muss eingestehen, wir haben unsere Aufgabe, unsere Gefangenen sicher zu verwahren, hier an der Stelle nicht erfüllen können", sagte Justizsenator Dirk Behrendt (Bündnis90/Die Grünen) am Nachmittag dem rbb - und gestand gleich mehrere Fehler ein, angefangen von einem Heizungsraum, der eigentlich abgeschlossen sein sollte, bis hin zu nicht vollständig ausgewerteten Bildern einer Überwachungskamera.

Bei den Ausbrechern handele es sich um vier Männer im Alter von 27 bis 38 Jahren. Unter anderem hätten sie wegen wegen Diebstahls, räuberischer Erpressung, Wohnungseinbruch und schwerer Körperverletzung eingesessen, sagte Behrendt dem rbb-Inforadio. Alle vier seien erst seit diesem Jahr in der Anstalt gewesen. Drei von ihnen sollten bereits 2018 wieder entlassen werden, die Haftstrafe des vierten hätte noch bis Oktober 2020 gedauert. Erste Einzelheiten zur Flucht waren auf einer Pressekonferenz der Justizverwaltung mitgeteilt worden.

Kamerabilder wurden nicht genau genug ausgewertet

Anstaltsleiter Uwe Meyer-Odewald gab den Zeitpunkt des Ausbruchs mit 8.49 Uhr an. Der Alarm sei aber erst um 9:30 Uhr ausgelöst worden. Wie Behrendt später dem rbb sagte, lag das daran, dass das Wachpersonal erst zu diesem Zeitpunkt das Fehlen der vier Männer bemerkte. Dabei hätte der Ausbruch früher bemerkt werden können, denn an der JVA Plötzensee gebe es "sehr viele Außenkameras", sagte der Grünen-Politiker.

Dass dennoch kein Alarm ausgelöst wurde, liege daran, dass die Kamerabilder zwar mit moderner Computertechnik ausgewertet werden, aber offenbar niemand damit gerechnet hat, dass jemand durch die Lüftungsschächte entkommt, die nur ganz am Rand des Kamerabildes zu sehen sind. "Entsprechend war das nicht programmiert", sagte Behrendt.

Vor diesem Hintergrund kündigte der Senator eine "Schwachstellenanalyse" an. "Wir werden jetzt alle Routinen und alle Stellen jetzt noch einmal überprüfen, dass so etwas in Zukunft nicht mehr vorkommt." Außerdem seien die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt worden, auch in den anderen Berliner Vollzugsanstalten.

Bilder der Überwachungskamera der JVA Plötzensee zeigen die Häftlinge beim Ausbruch auf frischer Tat. (Quelle: rbb)
Quelle: rbb | Bild: rbb

Durch Loch in Gefängnismauer entkommen

Am Morgen hätten die Männer gemeinsam mit einem Dutzend weiterer Gefangener in einer Autowerkstatt gearbeitet, die auf dem Gefängnisgelände liegt, sagte der Senator. Von dort seien sie unbemerkt in einen Heizungsraum gelangt, der eigentlich abgeschlossen sein sollte. Mit Werkzeug aus der Werkstatt hätten sie zunächst einen Betonpfeiler zerstört und dann die stählerne Armierung an dem Lüftungsschacht durchtrennt.  

Innerhalb von drei Minuten seien die vier Männer durch die schmale Öffnung geklettert und dann unter dem Gefängniszaun hindurch in die Freiheit gekrochen, sagte Anstaltsleiter Meyer-Odewald. Wie Fernsehbilder des rbb zeigen, ragten aus dem Lüftungsschaft nach außen gebogene Stahlträger. Davor lagen herausgebrochenes Baumaterial und ein Kleidungsstück.

Es habe - wie üblich in der Kfz-Werkstatt - keine ständige, unmittelbare Beaufsichtigung der Gefangenen stattgefunden, sagte der JVA-Leiter. In der Werkstatt dürften nur Gefangene arbeiten, die vorher im Rahmen eines Sicherheitschecks überprüft wurden. Zur Zeit des Ausbruchs wurden sie von drei Bediensteten überwacht, die nach den Worten von Meyer-Odewald in den "verwinkelten Räumen" jedoch nicht alle Häftlinge gleichzeitig im Blick haben können.

Die Flucht durch den Lüftungsschacht

CDU spricht von "Super-GAU"

Die Berliner CDU hat dem rot-rot-grünen Berliner Senat die Schuld für den Ausbruch gegeben. Der Vorfall sei ein "Super-GAU" für Behrendt, der sich nun erklären müsse, sagte CDU-Innenexperte Burkard Dregger. "In früheren Zeiten haben Justizsenatoren bei solchen Ereignissen ihr Amt zur Verfügung gestellt", fügte er hinzu.

Behrendt wies dies  zurück. Der Fokus liege jetzt darauf, die Fehler zu analysiseren, abzustellen und dafür zu sorgen, "dass die vier wieder hinter Schloss und Riegel kommen", sagte der Senator. Allerdings sei er bereit, "dem Parlament Rede und Antwort zu stehen".

Polizei fahndet nach den Männern

Die Polizei fahndete am Mittag nach den vier Männern, wollte aber keine Einzelheiten zu dem Einsatz nennen. Ob Fahndungsbilder zum Einsatz kommen, ist noch unklar. Dies müsse die Polizei entscheiden, sagte Justizsenator Behrendt. "Ich hoffe, dass die vier schnell wieder gefasst werden." Zur Frage, ob die Männer bei ihrer Flucht möglicherweise von Angehörigen des Wachspersonals unterstützt worden sind, wollte sich Behrendt nicht äußern. "Das wissen wir momentan nicht, darüber will ich auch nicht spekulieren."

In der Justizvollzugsanstalt Plötzensee sind nach Angaben der Verwaltung derzeit 362 Personen inhaftiert. 102 von ihnen verbüßen eine Ersatzfreiheitsstrafe.

Kommentar

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27 Kommentare

  1. 27.

    Das kommt davon wenn man nur noch Personal beschäftigt mit Abschluss auf dem Papier, aber fachliche Nullen sind.
    Das ist im öD an der Tagesordnung, und deshalb geht alles momentan in öffentlicher Hand schief.

  2. 26.

    Mehrere Ausbrüche aus der JVA, sechs Einbrüche bei der Polizei seit einem halben Jahr. Das erinnert stark an die Olsenbande. Das ist wirklich oberpeinlich.

  3. 25.

    Nichts gegen "Selbstbefreiung" auf der Basis einen natürlichen Freiheitstriebs, der mit keiner Strafe belegt werden sollte. Könnte es aber sein, dass beim Ausbruch strafbeschwerte Delikte begangen werden und die Freiheit anderer Menschen gefährdet ist, wenn Straftäter sich ihrer gerechten Strafe entziehen? Nach reuigem und geläutertem Verhalten sieht der Ausbruch jedenfalls nicht aus.

  4. 24.

    Sie beklagen ineffektive Arbeit in der Berliner Verwaltung. Wenn sich Senator Behrendt um Unisex-Toiletten kümmert, anstatt um hochmotiviertes Personal in den Vollzugsanstalten, ist das effektiver???
    Da ist wohl RRG doch nicht auf der Höhe!

  5. 23.

    "Schon 1880 war der Gesetzgeber der Meinung, dass „Selbstbefreiung“ straffrei bleiben müsse, da sie dem natürlichen Freiheitstrieb des Menschen entspreche und dieser ein Recht auf Freiheit habe." wikipedia

  6. 22.

    Manch deutscher Michel zetert hier wieder ueber die da oben und natuerlich ueber die boese Landesregierung; derzeit RRG. Wer allerdings mal mit Leuten spricht, die wirklich Einblicke in die Berliner Verwaltung haben, wird schnell ein anderes, Jahrzehnte altes Hauptproblem erkennen: Ein Drittel aengstliches, bequemes bis inkompetentes Personal in unteren bis mittleren Raengen, das oft ineffektiv arbeitet, sich jedoch in de facto sicherer Position weiss. Der deutsche Michel schadet sich also am meisten selber! Dieses Dauerproblem duerfte weit mehr auch zum aktuellen Vorfall beigetragen haben als Taten oder Untaten von Justizsenatoren.
    Und nebenbei: Unisex-Toiletten, deren Einfuehrung Senator Behrendt plant, sind das genaue Gegenteil von Gendering. Also bitte erst informieren, dann denken, dann bashen.

  7. 21.

    Der Herr Justizsenator, der die "Schwachstellen" von seinen Vorgängern übernehmen musste, wird mit Foto und Namen veröffentlicht. Die entflohenen Straftäter aber werden nicht publiziert. Ich finde, dass das Öffentliche Interesse den Persönlichkeitsrechten der Straftäter bei weitem überwiegt, weil die Bevölkerung Hinweise geben kann und sich vor Menschen schützen muss, die sich ihrer gerechten Strafe entziehen. Unter diesen Umständen meine ich, ist sogar von weiteren Straftaten auszugehen. Freiwillige Rückkehr und "irrtümliches Verlaufen in die Freiheit" dürfte wohl kaum zu vermuten sein.

  8. 20.

    OT: Das Peterprinzipg gilt aber eher geschlechterspezifisch für Männer, oder? Also ich bin jedenfalls nicht bis zur Inkompetenzstufe befördert worden. Für mich DAS Beispiel schlechthin: Martin Schulz. Unglaubliche Ämter für diesen völlig überforderten Mann. Oberbürgermeister Berlins namens Müller genauso.

  9. 19.

    Stimme Ihnen voll zu. Aber was wollen wir von dieser RRG Gurkentruppe erwarten. Wir haben einen arroganten Justizsenator, der sich lieber mit Genderwahntoiletten und Hühnerstellen beschäftigt. Nur noch peinlich.

  10. 18.

    Berlin - ein Irrenhaus. Jawoll. Aber da gibt es doch ein Gesetz - mir fällt gerade der Name nicht ein - was besagt, daß jeder bis zum höchsten Grad seiner eigenen Unfähigkeit befördert wird. Ende Gelände. Und das ist überall so. Nicht nur in Berlin.

  11. 17.

    ...Schwerverbrecher, die eine Flex im Knast haben?! Alles klar. Ist das alles peinsam....

  12. 16.

    Das ist unvorstellbar,gleich vier Häftlinge auf einmal...... Lachnummer!!!!!!
    Da können wir uns aber sicher fühlen, nicht wahr Herr Müller ?? Berlin .....das ist nur noch peinlich....BER, Oper, ständig Diebstähle auf lPolizeigelände und jetzt der Ausbruch von 4 Häftlingen.

  13. 15.

    In Berlin gehört aber oft Täterschutz vor Opferschutz zur RRG-Ideologie. Als am Kotti Raub, diebstahl usw. stark zunahm, wurden z. B. Brandbriefe der Gewerbetreibenden als "subjektive "Wahrnehmung verleugnet.

  14. 13.

    Berlin eben. Unfreiwillig lustiger Vorfall. "Die Flucht gelang über einen Lüftungsschacht. Dabei benutzten die Ausbrecher einen Hammer und eine Flex. " Immerhin gewaltfrei. "Drei von ihnen sollten bereits 2018 wieder entlassen werden." Und auch nicht besonders helle.

  15. 12.

    Warum wurden die denn überhaupt eingesperrt, wenn denen dadurch die 'Persönlichkeitsrechte' eingeschränkt wurden?

    Das geht doch gar nicht!

    Bestimmt bekommen sie jetzt Haftentschädigung?! - und wenn sie diese beantragen, wird ihnen wieder die Persönlichkeitsrechte......
    Nur gut, dass den Opfern niemals die 'Persönlichkeitsrechte' durch die Tat eingeschränkt wird - aber um die geht es ja auch nie

  16. 11.

    Keiner redet davon ob genug Personal zwischen Weihnachten und Neujahr, Ihren Dienst taten. Da könnte man doch mal etwas genauer nachfragen. Ob der Dienstplan eingehalten wird, an Feiertagen/ Brücken tagen . Die gesamte Personal situation, ob in der JVA oder in anderen Dienststellen wie Polizei u.s.w. Sich einmal anzuschauen und drüber nachdenken ob an diesen stellen mehr Personal eingestellt werden sollte oder mehr bezahlt werden kann.

  17. 10.

    Unglaublich, die Reaktion des Justizsenators. Gerade er, der um die Berliner Haftanstalten einen großen Bogen macht und sich lieber um Hühnerhaltung kümmert redet jetzt von Sicherheitslücken. Mehr passive Sicherheit in den Haftanstalten hat gerade er zu Oppositionszeiten stets als Unmenschlich betitelt. Und real mehr Personal ist auch in weiter Ferne.

    Glückwunsch Herr Senator!

  18. 9.

    Mittlerweile muss man sich ja was schämen, dass man aus Berlin kommt. Mich wundern es schon lange nicht mehr, dass so manchen schief läuft in Berlin.

    Unfähige Politiker und Manager stellen unfähige Mitarbeiter ein. Fachkenntnis in gewissen Bereichen ist anscheinend, nicht mehr gefragt. Das trifft auf viele Bereiche zu. Kontrollen werden zu lasch ausgeführt und dann kommt sowas heraus...



  19. 8.

    Also da laufen jetzt vier Straftäter durch Berlin, und die Justizverwaltung sorgt sich um deren Persönlichkeitsrechte? Wenn unser Staat so funktionieren würde, wie der Normalbürger sich das vorstellt, dann wären schon längst Fotos und Beschreibungen der Leute veröffentlicht worden, damit alle Berlinerinnen und Berliner mit offenen Augen Ausschau halten können. Ich frage mich wirklich manchmal, was bei uns los ist, wenn die "Persönlichkeitsrechte" von Kriminellen über das Wohl und die Sicherheit der Normalbevölkerung gestellt werden.

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