Archivbild: Ein Fahrradkurier des Postdienstleisters DHL liefert 09.09.2014 eine Express-Sendung in Berlin aus. (Quelle: imago/Michael Gottschalk)
Audio: Radioeins| 04.12.2017 | Interview mit Potsdams OB Jann Jakobs | Bild: imago/Michael Gottschalk

Innenminister Schröter: "Bedrohungslage sehr ernst" - Polizei: "Keine Pakete annehmen, die einem seltsam vorkommen"

Vom Erpresser des Zustellers DHL fehlt die heiße Spur. Die Ermittler suchen Zeugen. Sie raten jedem in Berlin und Brandenburg, Pakete mit seltsamem Absender nicht selbst zu öffnen. Inzwischen wurden auch in Thüringen zwei verdächtige Sendungen entdeckt.

Bei der Fahndung nach dem DHL-Erpresser hat die Potsdamer Polizei zwei Dutzend Hinweise erhalten. Eine heiße Spur sei aber noch nicht darunter, teilte ein Polizeisprecher am Montag mit. Das Hinweistelefon der Polizei ist unter 0331/505950 erreichbar.

Die Sonderkommission "Luise" wurde auf inzwischen rund 50 Mitarbeiter aufgestockt. Zudem arbeitet die Polizei eng mit der DHL zusammen. Am Sonntag hatte die Polizei Hinweise auf die Person erbeten, die am Donnerstagmorgen die am Tag darauf in eine Potsdamer Apotheke gelieferte Paketbombe in eine Potsdamer Packstation legte.

Erste Paketbombe wohl in Berlin aufgegeben

Die Polizei geht davon aus, dass die bereits Anfang November verschickte erste Paketbombe des oder der Täter in Berlin aufgegeben wurde. Sie war an einen Online-Versandhändler in Frankfurt (Oder) geschickt worden. Dort geriet sie beim Öffnen in Brand. Der Absender der Bomben fordert von der DHL einen Millionenbetrag und droht andernfalls mit weiteren Sendungen, wie er in einem Brief in der Potsdamer Paketbombe schrieb.

Innenminister: "Bedrohungslage sehr ernst"

Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) hatte die Bedrohungslage nach dem Paketbombenfund am Sonntag als "sehr ernst" bezeichnet. Wer eine nicht bestellte Lieferung von einem Online-Händler erhalte, sollte die Polizei informieren, sagte Schröter am Sonntagabend im rbb.  

Nach bisherigen Erkenntnissen handeln der oder die Täter regional im Raum Berlin/Brandenburg, kein anderes Bundesland sei betroffen, fügte Schröter hinzu.

Ermittler rechnen mit weiteren Paketen

Am Sonntag riefen auch die Brandenburger Polizei und Staatsanwaltschaft die Bevölkerung zur Vorsicht und zur Mithilfe auf. Wie Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke sagte, seien weitere solcher explosiver Sendungen "nach jetzigem Ermittlungsstand wahrscheinlich". Polizeidirektor Jörn Preuß erklärte: "Vorranging sind Kleinunternehmen betroffen, denen diese Pakete zugesandt werden. Aber es ist nicht auszuschließen, dass Privatpersonen auf diesem Weg kontaktiert werden."

"Wenn Leuten etwas seltsam vorkommt, sollte unbedingt die Polizei gerufen werden", sagte ein Polizeisprecher. Das Paket sollte auf keinen Fall geöffnet werden. Man solle darauf achten, ob auf Paketen Absender fehlten, die Schrift handgeschrieben oder schlecht leserlich sei, Adressen auf "nicht üblichem" Platz stünden, es auffallende Rechtschreibfehler gebe oder Drähte oder anderes seltsames Material aus der Sendung herausragten.

Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) ergänzte im rbb, die Gefahr sei zwar abstrakt, und man könne sie nicht konkret einschätzen. Deswegen sei Vorsicht geboten.

Fehlalarm in Gransee: Paket enthielt nur Christstollen

Es gibt jetzt aber auch Fehlalarme. Bei der Bußgeldstelle der Polizei in Gransee nördlich von Berlin ging ein verdächtiges Paket ein, wie die Polizei per Twitter mitteilte. Das Gebäude sollte evakuiert werden. Der Tweet wurde allerdings wenig später wieder gelöscht - eben weil es sich um einen Fehlalarm handelte. Im Paket befand sich nur ein Christstollen.

Erste Entwarnung in Thüringen: Keine Granate in Paket

Ein verdächtiges DHL-Paket hat zwischenzeitlich in Erfurt für Aufregung gesorgt. Es war ohne Absender an die Thüringer Staatskanzlei gegangen. Nach Ermittlungen der Polizei hat es aber keinen explosiven Inhalt. Es beinhalte keinen gefährlichen Gegenstand wie die Paketbombe in Potsdam, wie nach einer ersten Röntgenuntersuchung des Pakets am Montag angenommen worden war, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Erfurt auf Anfrage. Das Paket sei an Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) adressiert gewesen. Mitarbeitern der Staatskanzlei war die DHL-Sendung verdächtig vorgekommen, weil sie keinen Absender trug. Die Polizei stellte das Paket sicher.

Nach Angaben von Ramelow hatte die Polizei zunächst von einer möglichen Wurfgranate in der Sendung gesprochen. Bei der Öffnung durch Spezialisten der Polizei entpuppte sich der Inhalt laut Staatsanwaltschaft jedoch als zusammengerollte Kataloge.

Auch im Landratsamt von Sondershausen (Kyffhäuserkreis) wurde ein verdächtiger Brief entdeckt. Laut Polizei hatte eine Mitarbeiterin am Morgen in einem dicken Briefumschlag ohne Absender Pulver und "etwas Technisches" erfühlt. Ein Gebäudeteil wurde evakuiert. Die Untersuchung des Briefinhalts läuft.

Forderung in Millionenhöhe

Die Potsdamer Paketbombe hatte am Freitag dazu geführt, dass Teile der Innenstadt gesperrt wurden. Doch "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" galt die Zustellung der Briefbombe nicht dem Weihnachtsmarkt, wie der Innenminister zusammen mit Polizeipräsident Mörke und Oberstaatsanwalt Heinrich Junker am Sonntag mitteilte. Das Tätermotiv sei stattdessen eine Geldforderung in Millionenhöhe gegen den Konzern DHL. Das hätten die kriminaltechnischen Untersuchungen ergeben. Wie hoch die geforderte Summe genau ist, teilten die Behörden nicht mit.

Ermittelt wird nun wegen schwerer räuberischer Erpressung und versuchter Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion. Hinweise darauf, dass auch andere Lieferdienste erpresst werden, gibt es bislang nicht, erklärte Schröter.

Paket wurde in Potsdam-West aufgegeben

Aufgegeben wurde die Paketbombe den Ermittlungen zufolge in einer DHL-Packstation in Potsdam-West. Die Fahnder suchen jetzt Zeugen, die am vergangenen Donnerstag gegen 7 Uhr an der Kantstraße, Ecke Roseggerstraße etwas Verdächtiges beobachtet haben, heißt es in einem Fahndungsaufruf. Zudem werden alle Personen gesucht, die dort zwischen 6.30 Uhr und 7.15 Uhr Pakete aufgegeben haben.

Paketbombe gefährlicher als zunächst vermutet

Ein Lieferdienst hatte am Freitag die Sendung, die sich dann als verdächtig entpuppte, in einer Apotheke in unmittelbarer Nähe eines Potsdamer Weihnachtsmarkts abgegeben. Rund um das Geschäft wurde daraufhin ein Sperrkreis von etwa 100 Metern eingerichtet. Auch ein Teil des Weihnachtsmarktes wurde gesperrt, Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen.

Spezialisten der Bundespolizei untersuchten das Paket und öffneten es mit einem Wasserstrahl. In dem Paket war nach Polizeiangaben unter anderem eine Blechbüchse mit Nägeln, Batterien sowie Drähte und ein verdächtiges Pulver.

Zunächst war von einer Bombenattrappe die Rede gewesen, mittlerweile sei man zu der Erkenntnis gekommen, dass die Zustellung hätte "umsetzungsfähig gewesen sein können", wie der Innenminister mitteilte. "Der oder die Täter nehmen eine Tötung billigend in Kauf", sagte er.

Erpesser verschickt Botschaft über QR-Code

Brandenburgs Polizeipräsident Mörke erklärte am Sonntag, die Paketbombe sei aufgesprengt worden. Danach habe man ein in viele Teile zerrissenen Zettel gefunden, der zusammengesetzt einen QR-Code gezeigt habe. Der Code habe dann zu der Erpresserbotschaft an DHL geführt. Man stehe nun eng mit dem Sicherheitspersonal von DHL in Kontakt, hieß es weiter.

DHL selbst will zu dem Fall derzeit keine Stellung nehmen. Der zur Deutschen Post gehörende Paketdienst hatte im vergangenen Jahr als Marktführer 1,2 Milliarden Pakete in Deutschland zugestellt. Am Spitzentag im Weihnachtsgeschäft waren es 8,4 Millionen Pakete. 

Sendung: Brandenburg aktuell, 03.12.2017, 19.30 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

7 Kommentare

  1. 6.

    Das ist der Preis einschlägig verstandenen technischen Fortschritts: Nicht ein Mensch nimmt das Paket an und weist den Absender auf eine Unleserlichkeit hin bzw. tut Verwundertheit kund, es muss natürlich ein technisches Gerät sein. Weil Menschen in Poststellen eingespart werden müssen. Unweit der Paketeingabe Knobelsdorffstraße / Roseggerstraße gab es ein Postamt in der Kastanienallee - nahezu ein halbes Jahrhundert - dann immerhin fast zehn Jahre eines in der Zeppelinstreaße nahe Bhf. Charlottenhof, dann für eine kurze Zeit in Kombionation mit einem Laden Zeppelinstraße / Stormstraße.

    Jetzt also die rein technische Lösung.
    Meine persönliche Auffassung dazu ist, dass ich gern mehr Porto zahlen würde dafür, dass Menschen Pakete annehmen und diese nicht nur von eingeworfen werden. Von wem auch immer. Im Zweifelsfall auch vom "Falschen."

  2. 5.

    Nur gut, dass es Alternativen zu DHL gibt.

  3. 4.

    toberg! Ihre Sorgen tue ich mal im Urlaub haben wollen!

  4. 3.

    Kein Paketzusteller durchforstet irgendwelche Sendungen. Wie auch?

  5. 2.

    Wenn die Polizei in anderen Berichten von "typisch märkischer Grammatik" in dem QR-Code Text spricht, rate ich mal... dem Genitiv ist den Dativ sein Tod...?

  6. 1.

    Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.Schon in Vergessenheit geraten,der anthrax Pulver Anschlag.Da wurde das Postpersonal mit Handschuhen u.Mundschutz am Arbeitsplatz ausgerüstet,gesichert.Jetzt trifft es DHL. Bedauerlich für all die Paket Zusteller.Jetzt müssen sie die Sendungen durchforsten,doppelt überprüfen.Dadurch kann es auch zu Lieferungsverzögerungen kommen.

Das könnte Sie auch interessieren