Prozess am Landgericht Berlin am 03.01.2018. (Quelle: rbb/Ulf Morling)
Audio: radioBerlin | 03.01.2018 | Ulf Morling | Bild: rbb/Ulf Morling

Prozessauftakt am Landgericht - Berliner Sextourist soll in Indien Kinder vergewaltigt haben

Ein 59-jähriger Berliner soll in Indien sechs Kinder sexuell missbraucht und das auch gefilmt haben. Das jüngste mutmaßliche Opfer war fünf Jahre alt. Der Mann wurde bereits in Thailand wegen Kindesmissbrauchs zu 43 Jahren Haft verurteilt, aber dann begnadigt. Von Ulf Morling

"Ich habe Rückenschmerzen", klagt Karl-Heinz N., als er mit schmerzverzerrtem Gesicht in der Gefangenenbox im Gerichtssaal Platz nimmt. Der 59-Jährige erholt sich aber schnell und wirkt später geradezu aufgeräumt. Freundlich und zugewandt beantwortet er Fragen des Gerichts. Zu den vorgeworfenen Verbrechen des Kindesmissbrauchs in Indien schweigt er allerdings.

Nur zu den 294.164 Video- und Fotodateien mit Kinderpornos, die man auf einer Festplatte in seiner Neuköllner Wohnung fand, sagt er aus. Auf die Frage von Staatsanwalt Norbert Winkler, warum er die Kinderpornos im Internet heruntergeladen habe, antwortet der Angeklagte: "Andere sammeln Briefmarken."

Nach kurzem Nachdenken fügt er hinzu: "Heute möchte ich keine Fragen der Staatsanwaltschaft mehr beantworten! Ich versuche hier, so anständig wie möglich zu sein und erwarte das auch von der Staatsanwaltschaft!" Das Gericht fragt N. später, ob er kein schlechtes Gewissen habe wegen der Kinderpornografie. Karl-Heinz N. antwortet offensichtlich belustigt: "Die letzte Gewissensprüfung hatte ich bei der Bundeswehr."

Wie ein Kolonialherr in Indien aufgespielt

Der Fall N. landete nur durch viele Zufälle vor dem Berliner Landgericht. Vor allem ein Bekannter des Angeklagten trug dazu bei, dass der Prozess wegen Missbrauchs von Kindern aus indischen Slums in Berlin verhandelt werden kann. Bei dem "Kronzeugen" handelt es sich um einen Mann aus Bayern, der N. in Indien kennengelernt haben will.

Was er dort erlebte, habe ihn die Sprache verschlagen, so der Zeuge. Kaum war er zurück an Deutschland, wandte er sich an die Polizei. N. führe sich wie ein Kolonialherr in Indien auf, berichtete S. Der Angeklagte schare männliche Kinder und Jugendliche um sich und lasse sie in seiner Wohnung für sich arbeiten. Bei der Auswertung von Datenträgern, die der Angeklagte bei S. einlagerte, soll die bayrische Polizei dann Kinderpornos gefunden haben. Festnehmen konnte man Karl-Heinz N. aber erst, als er aus Indien nach Deutschland zurückkam, um sich medizinisch behandeln zu lassen.

Urteil in Thailand: 43 Jahre wegen Kindesmissbrauchs

"Ich habe eine homosexuelle Neigung und bin auf Jüngere orientiert", erklärt Karl-Heinz N. im Prozess seine sexuelle Präferenz. Der frühere Diplomingenieur räumt ein, sich seit Jahren überwiegend in Asien aufzuhalten.

Belegbar sind seine Angaben wegen einer Gefängnisstrafe, die er dort in den Neunzigerjahren absaß: Im April 1996 war er in Thailand unter anderem wegen Kindesmissbrauchs zu einer 43-jährigen Haftstrafe verurteilt worden. Doch bereits nach vier Jahren und zwei Monaten im thailändischen Gefängnis war N. begnadigt worden, zum Thronjubiläum des damals noch lebenden thailändischen Königs Bhumibol.

Kindersextourismus seit 1993 in Deutschland strafbar

Dass N. jetzt wegen Missbrauchs indischer Kinder in Berlin vor Gericht gestellt werden kann, ist einer Änderung des Strafgesetzbuchs aus dem Jahr 1993 zu verdanken. Um Sextourismus weltweit einzudämmen, waren in Paragraf 5 StGB Auslandstaten mit besonderem Inlandsbezug unter Punkt 8 aufgenommen worden: "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung…, wenn der Täter zur Zeit der Tat Deutscher ist."

Selbst wenn die Tat nach ausländischem Recht also nicht strafbar wäre, weil dort beispielsweise niedrigerere Schutzaltersgrenzen gälten, würde sich der Missbraucher mit deutscher Staatsbürgerschaft nach Paragraf 5 (8) trotzdem strafbar machen. Und nach seiner Rückkehr nach Deutschland vor Gericht gestellt werden können. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuche die deutsche Justiz so zu verhindern, dass auch Kinder in anderen Ländern Freiwild für deutsche Sextouristen würden, so Staatsanwalt Winkler am Rande des Prozesses.

Nach Berliner Prozess: Sicherungsverwahrung?

Im Prozess gegen den wegen Kindesmissbrauchs vorbestraften N. geht es auch um die Frage, ob er nach einem möglichen Absitzen seiner Strafe in die Sicherungsverwahrung eingewiesen wird, weil er als gefährlich für die Allgemeinheit gilt. Der psychiatrische Gutachter erläuterte am ersten Prozesstag bereits, dass N. "homosexuell pädophil" veranlagt sei, und dies eine "bleibende Verhaltensbereitschaft" bedeute. Um nachhaltig seine Rückfallgefahr zu minimieren, sei eine Therapie nötig. Wenn N. wieder in ein asiatisches Land wie Indien oder Thailand reisen könne, wo sich Kinder prostituierten, sei die Rückfallgefahr hoch.

Staatsanwalt Winkler sieht die Unterbringung des Angeklagten in der Sicherungsverwahrung als "nicht sehr fernliegend" an: "Die Sicherungsverwahrung schützt letztlich nicht nur die deutsche Allgemeinheit. Es ist eine ernstzunehmende Gefahr, dass der Angeklagte wieder nach Indien reisen könnte und dort Kinder missbraucht." Mitte Februar wird mit dem Urteil gerechnet.

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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11 Kommentare

  1. 10.

    Richtig, ist nicht heilbar. Führt aber nicht zwangsläufig zu unrekleftierten gewalttätigen Übergriffen. Die Menschen, die sich im Rahmen des (meiner Meinung nach vorbildlichem) Charité-Programms präventiv (!) helfen lassen, denken über sich und ihre potenziell Kinder gefährdende Neigung nach. Der Angeklagte liegt mit seinem Handeln und Aussagen schon im kriminellen Feld der Pädophilie, die selbst ist per se aber erst einmal nur eine Neigung. Entscheidend für eine Verurteilung kann die demnach nicht sein, sondern seine Taten und seine Einstellung zu dazu.

  2. 9.

    Zum Bedauern aller,Pädophilie ist nicht heilbar.In der Therapie müssen sie lernen damit umzugehen und einen Weg finden sich Kindern nicht zu nähern u.aus dem Weg zu gehen.Wüßte gerne mal,ob die Charité mit ihrem Therapieangebot schon irgendwelche Erfolge nachweisen kann?

  3. 8.

    Eine Sicherheitsverwahrung ist doch wohl nicht wegen seiner Neigung (die allein lässt noch keinen unbedingten Rückschluss auf seine Taten zu), sondern wegen seines komplett fehlenden Unrechtsbewusstseins angezeigt. Er hat ja schon im thailändischen Knast Gelegenheit gehabt, über seine sexuellen Gewalttaten gegenüber Kindern nachzudenken. Dabei kam also nur heraus, das horten von Kinderpornographieschem Material sei mit Briefmarkensammeln vergleichbar und ein ironisches Palavern über die "letzte Gewissensprüfung", die er "bei der Bundeswehr" gehabt hätte. Spricht wohl kaum für eine Therapiefähigkeit. Diese unreflektierte, kranke Einstellung macht den Typ auch dauerhaft gefährlich, nicht seine Neigung.

  4. 6.

    Er wird seine Strafe im Vollzug schon bekommen. Und das ist gut so!

  5. 5.

    Zu früh begnadigt. Da hätte sich die thailändische Justiz ruhig noch ein paar Jahrzehnte Zeit lassen können.

  6. 4.

    Würde ich schreiben was man mit so einem Menschen machen sollte, würde man mich kreuzigen.

  7. 3.

    Ich frage mich, mal wieder, wie man dazu kommt, aus einem nichtöffentlichen Prozess zu zitieren. Das trägt doch nur zur weiteren Täterfixierung bei.

    Bleibt zu hoffen, dass der mutmaßliche Besitz von Kinderpornografie o. entsprechender Schriften und die Aussagen des Hauptzeugen zu einem belastbaren Urteil führen, wobei die mögl. Mitwirkung des Letzteren zu klären ist.

    Die Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen als "homosexuell pädophil" ist leider unseriös. Es konstruiert einen unmittelbaren Zusammenhang zw. genannten Eigenschaften, tradierte homofeindliche Narrative wiederholend. Es geht hier um pädosexuelle Gewalt, nicht um homosexuelle Neigungen, weder nach ICD-10 bzw. 11, DSM-5 noch StGB.

    Sicherheitsverwahrung ist als Strafe zur Strafe wie in allen anderen Fällen verfassungswidrig. Wieso man den Maßregelvollzug und die damit einhergehende dynamische Beobachtung jedes Mal neu erfinden muss, ist mir ein Rätsel.

  8. 2.

    Alle diese Pädophilen in einer Datenbank erfassen und online stellen, wie in Polen oder den USA!

  9. 1.

    Überschrift müsste lauten: "Berliner missbrauchte viele Kinder im Ausland", aber doch nicht "Sextourist". Sextourismus ist eine Verniedlichung für den Missbrauch von Kindern. Die "Dönermorde" waren auch so ein sprachlicher journalist. Missgriff.

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