Mit Blaulicht und Martinshorn begrüßt die Feuerwache 1300 in Berlin-Prenzlauer Berg traditionell um Mitternacht das neue Jahr (Quelle: imago/T.Seeliger)
Video: Abendschau | 01.01.2018 | Rainer Unruh | Bild: imago stock&people

Angriffe auf Feuerwehr und Rettungskräfte - "Berlin ist die bekloppteste Silvesterstadt der Welt"

Die Silvesternacht in Berlin war aggressiv: Auch Feuerwehrleute und Rettungskräfte wurden angegriffen. Politiker rufen nach härteren Strafen, Sozialarbeiter sehen darin wenig Sinn. Sie setzen auf Prävention. Die Feuerwehr will das Problem nicht hypen. Von Daniel Marschke

Auch drei Tage nach dem Jahreswechsel ist die Berliner Feuerwehr noch damit beschäftigt, die Ereignisse der Silvesternacht aufzuarbeiten. Zum ersten Mal werden in diesem Jahr auch die Schäden dokumentiert, die im Laufe der Nacht an Rettungswagen und Löschfahrzeugen entstanden sind. 57 seien es bisher, vielleicht auch ein paar mehr, sagt Andreas Ohlwein von der Pressestelle der Feuerwehr rbb|24 am Mittwoch - denn wegen des Schichtbetriebs hätten bisher noch nicht alle Fahrzeuge untersucht werden können.

Feuerwerkskörper schlägt in Frontscheibe ein

In einem Fall schlug ein Feuerwerkskörper in die Frontscheibe eines Löschfahrzeugs ein. Ob es eine Rakete, ein Böller oder möglicherweise auch das Geschoss aus einer Leuchtpistole war, sei unklar, doch in jedem Fall sei es verboten, Feuerwerkskörper gegen Menschen und Fahrzeuge zu richten, sagt Ohlwein, der in der Silvesternacht selbst 150 Kilometer in Berlin zurückgelegte.

Dass es in einer Silvesternacht bei fast 1.600 Einsätzen auch zu Schäden kommt, sei nicht ungewöhnlich, so Ohlwein. Allerdings sei die Stimmung in diesem Jahr aggressiver als sonst gewesen. Das hätten die Kameraden auch persönlich zu spüren bekommen, zum Beispiel im Ortsteil Lichtenrade.

Mit der Faust ins Gesicht geschlagen

Ein Einsatzwagen, der auf dem Rückweg zu seinem Standort war, musste vor einer Feuerwerksbatterie anhalten, die von jungen Erwachsenen auf die Straße gestellt worden war. Zunächst habe es nur eine kurze verbale Auseinandersetzung gegeben. Als der Staffelleiter dann ausgestiegen sei, habe ihm einer der "Rädelsführer" mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Der Kollege laufe nun mit einem "Veilchen" durch die Gegend. Auch Strafanzeige sei gestellt.

"Völlig überflüssig", sagt Ohlwein und spricht von einer "übersteigerten Aggressivität". Das gelte auch für den Vorfall an der Rosmarinstraße in Mitte. Dort sollen zwei Rettungskräfte des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) mit Schusswaffen bedroht worden sein. Eine Strafanzeige dazu liege allerdings noch nicht vor.

Soziale Brennpunkte als Silvester-Hotspots

An sozialen Brennpunkten, wie zum Beispiel in Schöneberg, beobachtet man die Silvester-Randale schon länger. Schwerpunkt von Ausschreitungen ist die Gegend um das sogenannte Pallasseum, also die Wohnanlage an der Pallasstraße, von der ein Teil direkt über der Straße verläuft.

Vor allem der Jahreswechsel 2013/14 sei schlimm gewesen, sagt Peter Pulm vom Quartiersmanagement (QM) Schöneberger Norden. Damals habe man zum ersten Mal festgestellt, "dass sich eine Silvester-Event-Kultur entwickelt hat", die weit über den Kiez hinaus attraktiv zu sein scheint. Das Pallasseum sei dabei zu einem "Hotspot" geworden, von dem viele glaubten, dass man dort an Silvester "bestimmte Dinge ausleben kann". Hauptakteure seien vor allem junge Männer, sagt der QM-Leiter rbb|24.

Zwar sei es in Berlin am 1. Mai oder zum Jahreswechsel schon immer turbulent gewesen, so der Stadtteil-Manager. Neu sei allerdings die Gewalt gegen Sachen und Personen und "dass die jungen Männer in die Offensive gehen" - auch gegen die Polizei.

"Die bekloppteste Silvesterstadt der Welt"

Woher die Aggression komme, sei schwer zu sagen, meint Feuerwehr-Sprecher Ohlwein. "Im Schutz der Dunkelheit fängt die Meute eben an zu toben", sagt der 63-Jährige, der inzwischen seit 34 Jahren bei der Feuerwehr ist und Ende Oktober in den Ruhestand gehen wird. Allerdings sei bekannt, dass der Jahreswechsel in Berlin besonders intensiv gefeiert werde. "Berlin ist die bekloppteste Silvesterstadt der Welt" - das habe schon Landesbranddirektor Albrecht Broemme gesagt, der von 1992 bis 2006 die Berliner Feuerwehr leitete.

Auch Ohlwein hat in der Silvesternacht schon "jede Form von Idiotie" erlebt. An der Kastanienallee Ecke Schönhauser Allee hätten diesmal zum Beispiel zwei Gruppen gestanden, die sich über die Straße hinweg mit Raketen beschossen haben. "Die haben Silvesterkrieg gespielt", sagt Ohlwein. Doch man solle daraus auch "keinen Hype" machen. "Silvester ist Silvester" - das würden auch viele der Kameraden so sehen.

Frust bei Migranten ist besonders hoch

Dagegen glaubt ein Schöneberger Sozialarbeiter, der seinen Namen nicht genannt wissen will, dass die Silvester-Randale einen ernsten Hintergrund hat. Unabhängig von Herkunft oder sozialem Hintergrund, gebe es die Tradition, sich am Silvestertag "auch mal auszuagieren" und dabei Frust abzubauen. Allerdings sei der Frust bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund besonders hoch. "Wenn die auf der Straße unterwegs sind, kann es schon mal passieren, dass sie von der Polizei an die Wand gestellt und durchsucht werden" - viele sagten sich dann: "An Silvester lassen wir es mal so richtig krachen", sagt der Sozialarbeiter, der die Probleme der Jugendlichen aus der täglichen Arbeit kennt.

Quartiersmanagement betreibt Gewaltprävention

Dass härtere Strafen weiterhelfen, wie sie zum Beispiel Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) gefordert hat, glaubt von den Sozialarbeitern im Schöneberger Norden niemand. Stattdessen setzen die Kiez-Experten auf Information und Beratung. So habe man nach der Randale in der Silvesternacht 2013/14 eine Arbeitsgruppe "Gewaltprävention" ins Leben gerufen, sagt Peter Pulm vom Quartiersmanagement in Schöneberg.

Die AG habe verschiedene Ideen entwickelt und das Gespräch mit Schulen und Eltern-Netzwerken gesucht. Ganz konkret seien zwei Projekte entstanden. Mit "Kreativ im Kiez" wenden sich die Quartiersmanager vor allem an Hip-Hop-Fans, die für positive Vorbilder sorgen wollen. Und an einem Spielplatz in der Großgörschenstraße sei ein informeller Treffpunkt für Jugendliche im öffentlichen Raum entstanden - jenseits des Wohnsilos an der Pallasstraße.

Beitrag von Daniel Marschke

Kommentar

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44 Kommentare

  1. 44.

    Gute Idee, das Feuerwerk zu verbieten! Dann schlage ich auch keinem Feuerwehrmann mehr die Faust ins Gesicht.
    Ich betrinke mich nicht, fahre niemanden über den Haufen, der auf der Straße Raketen zündet, schmeiße auch keine Steine, prügle mich nicht in Kneipen, überfalle keine Passanten, breche nirgendwo ein, erschieße keine Leute, weil sie Feuerwerk abbrennen (ist schon geschehen), bekiffe mich nicht bis ich am Bordstein schlafe und schlage weder Vitrinen noch Schaufenster ein, und ich trete auch keine Papierkörbe kaputt, weil ich sie nicht mehr sprengen kann.
    Brandstiftungen und deflagrierte Weihnachtsbäume beim Anzünden der Wachskerzen wird es auch nicht mehr geben und es parkt auch keiner mehr vor einer Ausfahrt, also hat die Polizei weniger zu tun.
    Oder doch nicht? Sollte das Feuerwerken Druck und Aggressionen abbauen, die sonst anders ausgelebt werden?

    Übrigens kann ein Böller nirgendwo einschlagen, weil er weder Geschoss noch Rakete ist. Geworfen prallt er ab.

  2. 43.

    Privates Feuerwerk verbieten, aus die laube. Ihr werdet es schon überleben, wenn ihr Silvester nicht euer Geld in den Himmel schießen könnt und statt dessen ein schönes, organisiertes Feuerwerk bewundern dürft. Müllberge danach sind auch hässlich.

  3. 42.

    Ich bin noch relativ jung und kenne auch keinen,der das Wort als Verb benutzt. Aber in Anbetracht der Tatsache,dass der Feuerwehrmann das Wort selber benutzt,ist es in dem Fall vollkommen ok. Ich hoffe allerdings auch,dass das eine Ausnahme bleibt ;)

    @TFG
    Welches deutsche Wort meinst du? Überhöhen,aufbauschen,hochjubeln?

  4. 41.

    @ 40: Prima, Anorak2, haetten wir das auch geklaert. Dann werd ich jetzt munter Aufloesung statt Loesungen hypen.

  5. 39.

    @ 37: Anorak, vllt interpretiere ich den "Zungenschlag" ihrer Aussage falsch, dass da doch ein bisschen zu viel Verstaendnis fuer die Taeter mitschwingt? Wer vermeintliche oder tatsaechliche Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft nun ausgerechnet auf Oeffentliche Verkehrsmittel oder Rettungskraefte projiziert, hat dasselbe geistige Niveau wie Leute die gegen "die Juden", "die Politiker" oder "die Auslaender" hetzen.
    Es gibt in einigen Kreisen eine Kultur, ausschliesslich andere fuer eigene Missgeschicke verantwortlich zu machen. Bei manchen Leuten mit Migrationshintergrund sind es gern mal "die Kartoffeln". Bei manchen Bio-Deutschen sind es eben "die Moslems", "die Politiker" uswusf. Damit muss man einen Umgang finden. Dazu muss man die Dinge erstmal differenziert beim Namen nennen. Aber auch immer klar sagen, was man als Mensch nicht mehr akzeptiert. Und dazu zaehlt das Opfern von Suendenboecken und dazu zaehlen Aggressionsexzesse wie am Pallasseum oder in Lichtenrade.

  6. 38.

    @Rolf (Nr. 25): Keine Sorge, ich habe es durchaus ehrlich gemeint. Also kein Sarkasmus.
    Und mal an dieser Stelle eine Info an Alle, die "Silvester" mit "y" schreiben - es handelt sich nicht um Sylvester Stallone.

  7. 37.

    "Anorak2, haben Sie Gruende fuer diese doch recht umfassende Befuerchtung? "

    Ja, ich sehe die kollektiven Gewaltausbrüche als Ventil für Aggressionen, die durch empfundene Ohnmacht und Ungerechtigkeit entstanden sind. Und als Symptom für das abhandengekommene Gemeinschaftsgefühl. Die Aggressionen richten sich ja nicht zufällig gegen öffentliche Verkehrsmittel und besonders staatliche Sicherheitskräfte, die die Täter anscheinend nicht als ihre empfinden, sogar als Feind.

  8. 36.

    Was fuer eine Diskussion: Anorak2 erkennt aus bisher ungenannten Gruenden die Gesellschaft in Aufloesung begriffen, waehrend TFG dieselbe Folge aus der Verwendung von Anglizismen kommen sieht.
    - Anorak2, haben Sie Gruende fuer diese doch recht umfassende Befuerchtung?

  9. 35.

    Wir werfen Ihre Kritik weder in den Mülleimer, noch ist uns das Thema nicht wichtig genug. Dafür gibt es ja - unter anderem - diese Kommentarfunktion, um uns Ihre Meinung zukommen zu lassen. Nichtsdestotrotz besitzen wir nun mal Hausrecht und sind daher nicht dazu verpflichtet, unmittelbare Konsequenzen daraus zu ziehen. Zumal Ihr Einwand zwar als Meinung nachvollziehbar, jedoch nicht als allgemeingültig anzuwenden ist. Und: Die Passage mit der Relevanz war nicht auf das Thema an sich bezogen - sonst hätten wir ja nicht darüber berichtet - sondern eben jene subjektive Einschätzung eines einzelnen Wortes. Trotzdem nehmen wir das ernst.

  10. 34.

    Danke für die Kommentierung meiner Zuschrift und dafür, daß Sie meine Kritik annehmen und nichts dagegen haben, daß ich anderer Meinung bin als Sie. Allerdings: ‚Kritik annehmen’ bedeutet nicht, sie in den Mülleimer zu werfen, sondern Konsequenzen daraus zu ziehen, die Sie aber nicht ziehen wollen, weil Ihnen das Thema nicht wichtig genug ist. Weshalb also schreiben Sie nicht mit klaren Worten, was Sie denken: ‚ja, ja...’ - vulgo: Was interessiert uns ihr belangloses Geschwätz.

  11. 33.

    So etwas hat es mit Sicherheit schon früher mal
    gegeben.
    Aber so extrem wie in den letzten zwei Jahren mit Sicherheit nicht.
    Noch Fragen?

  12. 32.

    Wir nehmen Ihre Kritik gerne an. Dass Sie diesen Ausdruck als infantil empfinden, ist auch Ihr gutes Recht - allerdings eben nur eine subjektive Einschätzung. Ob die Mehrheit unserer Nutzer so denkt, ist jedoch ebenso eine persönliche Vermutung Ihrerseits und kann nicht als schlagkräftiges Argument herangezogen werden. Dafür müsste man eine Umfrage unter allen Usern machen - was angesichts der vergleichsweise geringen Relevanz des Sachverhaltes zu aufwändig wäre. Wir belassen es also dabei uns das Verb an Ort und Stelle und hoffen, dass Sie trotzdem damit leben können.

    Beste Grüße

  13. 31.

    Vielen Dank für Ihre Antwort. Die Worte 'hypen' oder 'liken' und ähnliche mögen unter Jugendlichen und Heranwachsenenden Usus sein, die glauben, sich damit unter Ihresgleichen interessant machen und von Älteren abgrenzen zu können. Ihre Internet-Seite ist keine Seite für Jugendliche, sondern für alle Berliner. Und unter denen dürfte vermutlich die Mehrheit mit diesem Neusprech nichts anzufangen wissen. Ich empfinde diese 'Sprache' jedenfalls als infantil und alles andere als geeignet, um für seriöse Informationen benutzt zu werden. Zumal es dafür - wie bereits geschrieben - ein absolut gleichwertiges und sehr viel verständlicheres Wort in Deutsch gibt.

  14. 30.

    Vielleicht hab ich mich unklar ausgedrückt. Ich bezweifle nicht die Sachaussagen, sondern Einschätzungen der Interviewten bzw. der Redaktion, dass die "Sylvester-Event-Kultur" etwas Neues sei. Ich denke dass die Fokussierung des Themas auf Migranten zu falschen Schlussfolgerungen führt. Hier gehen soziale Veränderungen größeren Ausmaßes vor. Man könnte die Frage stellen, ob es sich um gesellschaftliche Auflösungserscheinunge handelt. Einsatzkräfte denken über sowas natürlich nicht nach, ist ja auch nicht ihre Aufgabe.

  15. 29.

    @24: Anorak2, so lange Berlin kein Museum ist, brauchen wir auch keine abschliessenden Urteile, sondern Einschaetzungen von Entwicklungen. Und da bleibt fuer mich die Frage, warum Sie die Einschaetzungen der drei Interviewten anzweifeln - und das sogar, wenn Sie nach eigenem Bekunden Silvester zu Hause verbringen.

  16. 28.

    Guten Tag,

    danke für Ihre Einschätzung. Der "Hype" oder auch die Verbform "hypen" sind jedoch keineswegs "Kindersprech" wie Sie sagen. Beide haben sogar einen Eintrag im Duden. Beim Verb handelt es sich um eine umgangssprachliche Form - jedoch ist es im Alltagsgebrauch geläufig. Eine Nichterfüllung des Bildungsauftrags (übrigens mit nur einem "D" geschrieben), liegt unseres Erachtens also nicht vor.

    Beste Grüße aus der Redaktion

  17. 27.

    'Hypen' ist Kindersprech und hat beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der per Gesetz einen Bilddungsauftrag zu erfüllen hat, nichts zu suchen.

  18. 25.

    @ 22: Tom, ich kann ich nicht einschaetzen, ob dies ein ernst gemeintes Lob ist, oder ob Sie mir mittels der von Ihnen als Schlusssatz vorgeschlagenen, "verbrannten" Redewendung dann doch Rassismus und Naehe zu populistischen Parteien unterstellen wollen. Da ich beides nicht habe, gehe ich dankend von ersterem aus.

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