Fünf Mäner, die in der Nacht an einem Spielcasino vorbeigehen (Quelle:imago/Hans Scherhaufer)
Audio: rbb | 13.02.2018 | Sandro Mattioli | Bild: imago/Hans Scherhaufer

Interview | Schutzgelderpressung durch die Mafia - "In Berlin müsst ihr aufpassen!"

Kriminelle Clans wüten in Berlin - erpressen Schutzgeld und handeln mit Drogen. Dagegen engagiert sich Sando Mattioli mit seinem Verein "Mafia? Nein, danke!" und bringt sich damit selbst in Gefahr. Die Gesetze gegen mafiöse Machenschaften findet er einfach zu lasch.

rbb: Sandro Mattioli, im Dezember 2007 erpresste die italienische Mafia Restaurantbetreiber in Berlin und setzte erst ein Restaurant, dann ein Auto in Brand. Sie haben damals Anzeige erstattet und es kam tatsächlich zur Verurteilung. Wie ist die Lage in Berlin heute?

Sandro Mattioli: In Berlin gibt es sehr viele Organisationen, die Schutzgeld erpressen. Was die Italiener anbelangt, ist es relativ ruhig - zum einen weil wir inzwischen seit Jahrzehnten da sind, zum anderen auch, weil das Schutzgeldgeschäft nicht so lukrativ ist im Vergleich zu Drogenhandel oder Ähnlichem - und da ein großes Aufdeckungsrisiko für die Kriminellen besteht. Es gibt zwar natürlich auch immer wieder Versuche der Italiener. Aber ich glaube, Gruppen mit anderer Herkunft stehen mehr im Vordergrund.

Wer denn?

Ich weiß, dass russische Gruppen im Schutzgeldbusiness aktiv sind. Dann natürlich die so genannten Großfamilien, auch wenn "Großfamilie" nicht richtig zutreffend ist - es handelt sich um libanesische, kurdische oder türkisch geprägte Gruppen. Rocker mit Sicherheit auch. Im Grunde alles, was man sich vorstellen kann an organisierter Kriminalität, ist auch im Business der Schutzgeld-Erpressung aktiv.

Um welche Summen geht es und wie kann man das herausfinden, da ja nichts versteuert wird?

Ich habe jetzt eine Recherche für den Stern gemacht, da ich ja hauptberuflich Journalist bin. Bei der Recherche kam heraus, welche Geldmengen bei Schutzgelderpressungen zusammenkommen. Das sind mehrere Millionen Euro. Aber im Vergleich zum Kokainhandel ein untergeordneter Betrag.

Mal angenommen, wir beide – bleiben wir mal bei Italien – würden eine Pizzeria betreiben. Wie läuft so eine Erpressung ab? Kommt dann jemand und schlägt alles kaputt? Legt der eine Waffe auf den Tisch oder führt der ein Gespräch?

Früher kam jemand vorbei. Als Beispiel: Bei "Mafia? Nein, danke!" haben wir einen Brief von vor zehn Jahren, der hängt bei uns an der Wand. Da steht drin, man soll gute Taten tun, weil wenn man keine guten Taten vollbringt, gefällt das dem Heiligen nicht und noch weniger nutzt das dem Sünder. Mit solchen Bildern wurde da gearbeitet.

Heute läuft das anders ab: Da kommen Leute und sagen, sie würden ihnen gerne Wein anbieten. Dieser Wein ist dann überteuert. Zum Teil wird der einfach hingestellt. Es gab einen Wirt, der 200 Kartons Wein auf den Hof gestellt bekommen hat. Wenn man die Annahme verweigert, dann kommen Anrufe von gewissen Herren, die man auch als Kalabrier aus dem Heimatort kennt. Und dann man weiß man, dass man die 200 Kartons besser kauft.

Als Betroffener kann ich zu Ihrem Verein "Mafia? Nein, danke!" kommen. Aber dafür muss man schon eine Menge Mut haben, oder?

Nein, um mit uns in Kontakt zu treten nicht. Sie können einfach anrufen, wir hören uns das dann an, treffen uns auch gerne mit den Leuten. Oft ist es ja so, dass die Menschen mit Schutzgelderpressung in Berührung kommen und zuerst gar nicht so richtig verstehen, um was es sich handelt. Wenn ein italienischer Gastwirt angesprochen wird, kann er die Signale sofort deuten. Wenn aber ein deutscher Händler, der Teil von einer Lieferkette werden soll, angesprochen wird - der kapiert erstmal gar nicht, was die Italiener da von ihm wollen, wenn sie zu ihm sagen, du musst jetzt ein Produkt für uns weiterverkaufen. In solchen Situationen braucht man erstmal nicht so viel Mut.

Ich meinte jetzt auch nicht Mut, dass man sich an Sie wendet, sondern Mut, der Mafia zu widerstehen. Oder sind die nicht mehr gefährlich?

Doch, natürlich. Die Mafia hat seit dem Sechsfachmord von Duisburg vor zehn Jahren ihre Strategie geändert, das heißt, sie will nicht für Aufsehen sorgen, sie will in Ruhe ihre Geschäfte machen. Das ist auch der Grund, weshalb das Schutzgeldgeschäft etwas zurückgefahren worden ist. Aber die sind trotzdem weiterhin hochgefährlich. Die sind vor allem sehr kalkulierend. Das heißt, sie überlegen sehr genau, was sie tun. Und greifen eben auch zum Mittel der Bedrohung, der Einschüchterung. Sie bauen eine einschüchternde Drohkulisse auf. Da hilft es sehr, wenn man mit Polizeileuten in Kontakt kommt, die sich mit diesem Thema auskennen, das dann entsprechend handhaben können. Und wir können helfen.

Kann mir die Polizei zusammen mit Ihnen so den Rücken stärken, dass mir dann wirklich nichts passiert?

Natürlich, das ist ja das, was 2007 passiert ist. Als es diese Schutzgelderpressungsaktion gab, wo wir als Verein, ich war damals noch nicht Mitglied, in den Restaurants Nachtwachen geschoben haben. Das war natürlich eine sehr brenzlige Situation: Zuerst war ein Sechsfachmord passiert, dann gab es ein Auto, das angezündet wurde. Aber in einer engen Zusammenarbeit mit Polizei, Staatsanwaltschaft, dann auch Zivilgesellschaft letztlich, also unserem Verein, kann man de facto sehr viel machen.
Danach hat die Polizei in Kalabrien ein Treffen abgehört, wo es um die Neuverteilung der Gebiete ging. Damals sagte ein Mafioso zu einem anderen: "Also in Berlin müsst ihr aufpassen, das ist ein heißes Pflaster". Wohl, weil wir da sind. Und natürlich auch, weil andere Gruppen da sind. Sprich, wir haben da eine Wirkung und tatsächlich etwas tun.

Das heißt, die deutsche und die Berliner Polizei sind deutlich erfolgreicher als in Italien?

Das würde ich nicht sagen, denn die deutschen Gesetze sind sehr förderlich für die Mafia und sehr schlecht für den Kampf gegen die organisierte Kriminalität.

Was ist denn schlecht?

Das fängt an bei der Vermögensbeschlagnahme und geht weiter mit der neuen Schutzgeldmasche, dass überteuerte Produkte angeboten werden, was oft nur als Nötigung abgeurteilt werden kann. Es hat damit zu tun, dass Abhörmaßnahmen schwieriger zu organisieren sind. In der Geldwäschegesetzgebung gibt es durchaus auch ein paar Lücken, die die Mafia geschickt nutzt. Wir haben die Mafia-Zugehörigkeit nicht als Straftat in Deutschland,  in Italien etwa können Leute einfacher festgenommen werden.

Was macht die Mafia mit ihrem Geld? In Berlin Häuser kaufen?

Das gab's in der Vergangenheit mit Sicherheit. Dazu sind entsprechende Gespräche belauscht worden. Da wurde im großen Stil nicht nur in Berlin, sondern auch in den damals noch neuen Bundesländern eingekauft. Aber die Gelder dienen nicht nur legalen Investments, sondern werden zum Teil auch für andere Delikte benutzt.

Werden Sie nur aktiv, wenn Geschäftsleute zu Ihnen kommen oder machen Sie auch selbst was?

Was wir hauptsächlich machen ist informieren. Wir sind in Kontakt mit Menschen aus der Politik. Wir haben einen monatlichen Newsletter, in dem wir gezielt über Mafia-Aktivitäten in Deutschland berichten und weniger über das, was in Italien passiert. Aus unserer Sicht besteht da ein Mangel. Wir organisieren Veranstaltungen und müssen natürlich auch schauen, dass wir das alles finanziert bekommen. Der Verein hat zwar über 100 Mitglieder, aber aktiv sind etwa zehn, zwanzig Personen. Wir haben keine institutionelle Förderung, keine großen Einkommen. Leider hat bisher auch niemand eine Erbschaft hinterlassen. Das ist ein wichtiger Punkt unserer Arbeit: Geldmittel zu akquirieren, zum Beispiel indem wir, was wir auch schon in der Vergangenheit gemacht haben, bei EU-Forschungsprojekten mitarbeiten.

Sie haben also sehr wenig Geld, die Mafia hat sehr viel. Wurden Sie denn auch schon mal bedroht?

Das ist ein Punkt, über den ich nicht spreche.

Gut.

Was ich sagen kann ist, dass es bei der Mafia Usus ist, Journalisten und auch Aktivisten zu bedrohen. In Italien und leider auch in Deutschland. Das ist eine schwierige Situation.

Konnte die Mafia seit dem Mauerfall eingedämmt werden?

Ein bisschen, ja. Es gab eine Verbesserung, was die Vermögensabschöpfung anbelangt. Es ist etwas verbessert worden, dass die Polizei den Kriminellen die Gelder wegnehmen kann. Aber es ist weiterhin ein Katz- und Mausspiel. Das sind ja keine dumpfen Ganoven. Insbesondere was die Italiener anbelangt. Bei anderen ist das ein bisschen anders. Die Italiener gehen sehr intelligent vor, sind sehr pfiffig. Die haben auch gute Leute, die sie beraten. Da müsste von Gesetzgeberseite noch mehr passieren. Weil letztlich ist es ganz einfach: Wenn Kriminelle kriminell sind, dann sind sie das, weil sie damit Geld machen und weil ihnen das Macht verschafft. Wenn man ihnen das Geld wegnimmt, dann ist es bald nicht mehr attraktiv.

Das leuchtet ein. Ich fand es sehr interessant mit Ihnen. Danke, dass Sie da waren.

Vielen Dank.

Das Gespräch führte Peter Klink

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Auch alles seid 20 Jahren bekannt.
    Oder einfach mal in Schöneberg an den Strassenrand stellen: Geländewagen ohne Ende mit entsprechender jugendlicher Klientel. Ich frage mich schon lange, was diese Menschen arbeiten. Aber ich weiss es eigentlich auch.

  2. 3.

    Ihnen wünsche ich ein eigenes Geschäft und dann die Situation da möchte jemand Schutzgeld. Danach würden sie hier nicht so aufgeblasen herumschreien. Teddywerfer sind sicherlich häufig auf dem falschen Trip bevor die untergehen.

  3. 2.

    Interessantes Zitat: "Ich weiß, dass russische Gruppen im Schutzgeldbusiness aktiv sind. Dann natürlich die so genannten Großfamilien, auch wenn "Großfamilie" nicht richtig zutreffend ist - es handelt sich um libanesische, kurdische oder türkisch geprägte Gruppen."
    Häh? Geht´s noch? Was ist das doch für eine schändliche Aussage... Es gibt doch auch deutsche Kriminelle, man darf das nicht verallgemeinern. Immer sind die Ausländer schuld. So geht das aber nicht, das grenzt ja an Populismus.
    Vorschlag: kapitulieren und zuschauen wie die Staatsgewalt, Klappe halten und zahlen...

  4. 1.

    Mehr Informationen zu Organisierter Kriminalität (@rbb OK, Eigenbegriff, groß geschrieben ;) enthalten die Lagebilder des BKA. https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/Lagebilder/OrganisierteKriminalitaet/organisiertekriminalitaet_node.html

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