Ein Junge sitzt mit einer Bierflasche vor einer mit einem Rolladen verschlossenen Ladentür und hat den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt (Foto: dpa/CHROMORANGE/Walter G. Allgöwe)
Audio: Inforadio | 11.02.2018 | Sophie Elmenthaler | Bild: dpa/CHROMORANGE/Walter G. Allgöwe

Aktionswoche eines Vereins in Berlin - Wenn Kinder die Sucht ihrer Eltern übernehmen

Etwa jedes sechste Kind in Deutschland wächst in einer suchtbelasteten Familie auf. Hilfe gibt es jedoch erst, wenn sie auffällig werden. Dass sich das ändern muss, fordert der Verein Nacoa mit Sitz in Berlin im Rahmen einer Aktionswoche. Von Sophie Elmenthaler

Mittwochabend in der Monumentenstraße 36 in Berlin-Schöneberg. Im Kreis aus cremefarbenen Schwingsesseln wartet Constanze Froelich auf eine Handvoll Jugendliche, die heute hier zum Gesprächskreis von "Escape" kommen, dem Jugend- und Familienhilfeprojekt des Berliner Drogen-Notdienstes. Der Raum ist gemütlich, es gibt Obst und Kekse.

Die jungen Leute sollen sich wohlfühlen, betont Froelich, die "Escape" leitet. "Sie brauchen einen Ort, wo sie wissen, dass sie mit all dem, was sie erlebt haben oder erleben, nicht alleine sind, sondern dass es sehr viele betroffene Kinder gibt." Für viele sei es normal, was sie zu Hause erlebten. "Sie wissen nicht, dass das nicht gut für sie ist", erklärt Froelich. Sie schützten stets das Familiensystem und übernähmen die Verantwortung. "Das ist das große Problem."

Suchtprobleme über Generationen

Anfangs konzentrierte sich "Escape" vor allem auf Jugendliche, die selbst Drogenprobleme hatten. Es stellte sich aber bald heraus, dass dahinter oft Suchtprobleme der ganzen Familie steckten, teilweise über Generationen. Deshalb arbeiteten die Sozialpädagogen inzwischen übergreifend, sagt Froelich. "Wir gehen intensiv in die Betreuungsarbeit und arbeiten mit dem ganzen Familiensystem: Elternarbeit, Einzel-Elternarbeit, Eltern mit den Kindern, Schule, mit allen möglichen Suchthilfeeinrichtungen, Kliniken, Reha-Maßnahmen."

Auch eine Kindergruppe für Sechs- bis Elfjährige, die bei süchtigen Eltern aufwachsen, gibt es. Es ist die einzige in ganz Berlin, die Nachfrage reicht bis nach Brandenburg und übersteigt das Angebot bei weitem. "Escape" wird übers Jugendamt finanziert, die Kinder und Jugendlichen kommen also erst zum Hilfeprojekt, wenn ihre Eltern oder sie selbst auffällig geworden sind.

Auch unauffällige Kinder haben Probleme

Es sei jedoch eine große Fehleinschätzung zu glauben, dass unauffällige Kinder nicht auch in vielen Bereichen Probleme hätten, so Constanze Froelich. Sie erledigten ihre Aufgaben, kümmerten sich häufig sogar um andere. So gerieten sie selbst und das, was bei ihnen zu Hause passiere, völlig aus dem Blick.

Deshalb müssten Angebote für Kinder und Jugendliche als Prävention von den Krankenkassen angeboten werden, fordert Froelich. Aber auch in Schulen und Kindergärten müsste es viel mehr Aufklärung geben, meint sie.

Rollenmuster der Kinder in Notsituationen

Das hätte Andrea Schröder, die eigentlich anders heißt und heute 37 Jahre alt ist, vielleicht vor Schlimmerem bewahrt. Sie hätte sich damals mehr Information gewünscht, sagt Schröder heute. Zum Beispiel die, dass sie und ihre Schwester nicht dafür verantwortlich sind, dass die Eltern trinken. "Dieses Thema, dass ich immer dachte, ich muss mit meinem Verhalten den Konsum meiner Eltern steuern, dass sie weniger trinken. Oder wenn sie zu viel getrunken haben, dann hab ich was falsch gemacht oder so."

Ihre Eltern trinken bis heute. Die Sucht ging aber nicht so weit, dass sie ihre Arbeit verloren, die Fassade hielt. Auch weil die Kinder funktionierten. Kinder nähmen Rollenmuster ein, wenn sie in Notsituationen gerieten, erklärt Andrea Schröder. "Ich bin in der Rolle der Heldin aufgegangen. Ich wollte immer gute Noten schreiben. Das war auch mein Wunsch, dass meine Eltern wenigstens das an mir anerkennen."

"Mist, ich hatte das auch"

Rund ein Drittel aller Kinder aus suchtbelasteten Familien entwickelt später selbst eine Abhängigkeit, ein weiteres Drittel sucht sich süchtige Partner. Bei Andrea Schröder kam der Absturz mit Anfang 20. Damals starb die Großmutter, die immer ihr Anker gewesen war. Andrea Schröder betäubte den Verlust mit Alkohol, dann auch mit Drogen, konnte kaum noch als Bankkauffrau arbeiten.

Vier Jahre ging das so, dann fand sie die Kraft, clean zu werden und sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Sie studierte Soziale Arbeit und bietet Fortbildungen für angehende Pädagogen über Nacoa, einen Verein für Kinder aus suchtbelasteten Familien, an. Er veranstaltet die Aktionswoche. "Häufig merken Studierende oder Auszubildende durch unserer Vorträge plötzlich: 'Mist, ich hatte das auch'", erklärt Schröder. Dann beginne bei ihnen ein Verarbeitungsprozess. "Das ist spannend und sehr berührend."

Das gesellschaftliche Tabu rund um Sucht brechen

Neben der Aufklärung sei aber das Wichtigste, endlich das gesellschaftliche Tabu rund um Sucht zu brechen: sich zu trauen, Nachbarn oder Bekannte anzusprechen, ohne sie zu verurteilen.

"Weil keine Mutter und kein Vater morgens auf wacht und sich überlegt, wie er seinem Kind besonders gut das Leben schwer machen kann", so Andrea Schröder. "Sondern weil Sucht eine Krankheit ist und die Menschen Hilfe brauchen."

Beitrag von Sophie Elmenthaler

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13 Kommentare

  1. 13.

    Sucht hat aber wenig mit dem sozialen Status zu tun. Sucht geht quer durch alle Gesellschaftsschichten.
    Es gibt auch viele Kinder und Jugendliche aus gut situierten Familien die in dem Zusammenhang die gleiche Hilfe benötigen wie Kinder aus sozial schwachen Familien.

  2. 12.

    Ja, sehn se, und ich habe niemals Drogen genommen oder geraucht.
    Aber seit meinen ersten Tagen auf dem Bau Bier getrunken. Die Häuser stehen noch. Obwohl bei einem müsste ich mal nachschaun...

  3. 9.

    Es ist schlimm,das sowas vorkommt,aber es ist normal, das Kinder die vorgelebten Lebensumstände in der Familie nachleben,deshalb ist es wichtig das die Politik Rahmenbedingungen schafft,das Kinder unabhängig von der sozialen Lage,Bildung und Betreuung erhalten können,umso mal aus dem Kreislauf :Armut,Suchtund Gewalt auszubrechen.Für mich wär ein Punkt: kostenlose Kinderbetreuung in Krippe und Kindergarten umso Alleinerziehenden Arbeit und Geldverdienst zu ermöglichen,damit es diesen Leuten etwas besser geht,und besonders den Kindern!Es ist ein Unding das die Tafeln mit der Parole:auch arme Kinder sollen satt werden,werben müssen,und das in einem so reichen Land wie unserem,hier hat die Politik auf gesamter Linie versagt,anstatt Milliarden in Rüstung zu verballern ,sollten Zeichen für die Zukunft gesetzt werden!

  4. 8.

    Lesenswert sind auch die Empfehlungen zur Unterstützung von Kindern aus suchtbelasteten Familien im Rahmen des nationalen Gesundheitsziels „Alkoholkonsum reduzieren“ : http://www.nacoa.de/images/stories/pdfs/empfehlungen%20zur%20untersttzung%20von%20kindern%20aus%20suchtfamilien.pdf
    Danke für den Link zu nacoa.de

  5. 7.

    Und wieder einer Ihrer völlig aus dem Zusammenhang geschriebener Blödsinn.In der Vergangenheit hat auch der Maurer keine Kelle geschwungen ohne sein Bier in der Nähe zu haben.Das ist aber Gottseidank vorbei. Es gab sogar die berühmte „Bierlasur“ im Malerhandwerk( Treppenhäuser u.a.Bereiche). Aber darum geht es hier gar nicht @ Frank.

  6. 6.

    Meinetwegen kann das Rauchen auch komplett verboten werden.
    Und aller Alkohol (ausser Bier)!

  7. 5.

    Ja, Glückwunsch an alle, die das überleben! Selbst gut klarzukommen, ist dann oft eine große Herausforderung. NACOA und viel zu wenige andere präventive Angebote sind als rettende Oasen in der Wüste leider nur einer kleinen Minderheit der betroffenen Kinder und Jugendlichen zugänglich. Prävention könnte notwendiger Weise so grundsätzlich allen angeboten werden, wie Kitas oder Schulen. Möglicherweise als Teil der Gesundheitsvorsorge im Rahmen der U1, 2, 3, ... und im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung. Auch im öffentlichen Raum ist viel mehr Prävention möglich. Mir fallen da als erstes Spielplätze, Parks und der ÖPNV ein - da sich hier Kinder regelmäßig aufhalten. Danke an alle, die sich an Rauchverbote halten ;)

  8. 4.

    Halte den Bericht für an den Haaren herbeigezogen.
    Wäre die Arbeiter am Kölner Dom nicht teilweise mit Bier bezahlt worden, würde er heute noch daliegen wie der BER!

  9. 3.

    Nachdem ich Ihren Beitrag hier mit großem Interesse gelesen habe,möchte ich mich bei Ihnen für mein provokantes Auftreten zum Beitrag“Amphetamine u.Cannabis sind in Berliner Clubs die Regel“ Entschuldigen. Soviel Anstand sollte schon sein. Auch ich habe keine leichte Kindheit gehabt.Mit 8 Jahre Vollwaise und dadurch sehr früh mit Drogen in Kontakt geraten. Alkohol war meine Einstiegsdroge.

  10. 2.

    Alkoholkonsum ist eine Krankheit,ohne Frage. Kinder müssen oftmals Hilflos mitansehen wie ein oder schlimmer noch beide Elternteile daran zugrunde gehen und die Elternliebe dabei auf der Strecke bleibt.Ich Verweise immer wieder auf das Buch von“Michael Tsokos : Deutschland misshandelt seine Kinder“. Traurig aber wahr.

  11. 1.

    Nicht nur Alkohol ist ein Problem - der kam in meiner Familie zwar auch vor, aber anfangs weniger offensichtlich - sondern auch Tabakwaren. Sowohl meine Schwester als auch ich litten sehr unter der vielen Qualmerei bei uns zu Hause, der Vater rauchte auch im Auto (war der Meinung, ein 1cm weit offenens Fenster würde genügen, damit wir es aushalten). Wir kämpfen beide seit der Kindheit mit Atemproblemen und hielten uns ungern gemeinsam mit den Eltern in geshlossenen Räumen auf. Beschwerden und Bitte um Rücksichtnahme wurde als Spinnerei und Gezicke abgetan. Letztlich standen die Süchte unserer Eltern immer ein großes Stück weit zwischen uns und ihnen. Mein Vater verwahrloste immer mehr, stark auch an seinem Lebenswandel (Spiegeltrinker, 3-4 Schachteln Zigaretten am Tag). Meine Mutter qualmt auch nach einer Hirnblutung und einem Herzinfarkt sowie schwerer COPD immer noch, hat dadurch kaum noch Lebensqualität. Ich kann wirklich nur allen Kids und Jugendlichen raten, nie damit anzufangen.

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