Testphase für akkustische Fahrplaninformation der BVG im Februar 2018. (Quelle: rbb)
Video: rbb aktuell | 12.02.2018 | Heike Boldt-Schüler | Bild: rbb

BVG-Modellprojekt für Blinde und Sehbehinderte - Die Haltestelle spricht

Wenn Sie das nächste Mal an der Bushaltestelle stehen, schließen Sie doch mal die Augen - dann verstehen Sie, wie schwer sich Sehbehinderte und Blinde im Nahverkehr orientieren können. Die BVG testet nun neue Technik, um diesen den Weg zu erleichtern.

Andere langweilen sich, wenn sie auf den Bus warten - für Menschen wie Matthias Groß ist die Zeit an der Haltestelle ziemlich anstrengend. Denn er kann nicht sehen, welche Buslinie da angefahren kommt. "Man steht immer als Bittsteller da: 'Können sie mir vielleicht sagen, was für ein Bus das ist?'", beschreibt der Sehbehinderte die Frage, die er jedes Mal stellen muss, wenn sich die zischenden Türen öffnen. Ob ein Bus ausfällt oder sich verspätet - und warum das geschieht - das erfährt Groß nicht. Er arbeitet als Behindertenbeauftragter bei der BVG und die Verkehrsbetriebe wollen es Fahrgästen wie ihm in Zukunft leichter machen - indem sie Busse und Haltestellen sprechen lassen.

Am Montag startet das entsprechende Pilotprojekt, ein Jahr lang soll es eine Gruppe von blinden, sehbehinderten und gesunden Fahrgästen ausprobieren. Dabei werden sowohl zehn Straßenbahnen der Linie M4 und zehn Busse der Linie 186 als auch 13 Haltestellen mit akustischen Signalen ausgestattet. Außerdem testet die BVG eine App mit Fahrplan-Ansage. Die Berliner Sozialsenatorin und die Verkehrssenatorin unterstützen das Ganze, mit zwei Milllionen Euro. Mit "Alle mal herhören" wäre Berlin in Europa Vorreiter.

Lautstärke automatisch an die Umgebung anpassen

Wieviele blinde oder sehbehinderte Menschen in Berlin leben, lässt sich nicht genau sagen, ihre Zahl wird nicht erfasst. Der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin geht von etwa 6.000 Betroffenen aus. Ihre Zahl dürfte mit der größer werdenden Gruppe alter Menschen deutlich steigen, denn gerade Volkskrankheiten wie Grüner oder Grauer Star treffen im Alter sehr viele. 

Was den meisten normal sehenden Bus- und Bahnnutzern wohl im Alltag nicht auffällt: Schon jetzt sind 121 der 173 U-Bahnhöfe dank Ansagen und einem Leitsystem barrierefrei für blinde und sehbehinderte Menschen. 

"Die Möglichkeit, mobil zu sein, ist eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Von daher begrüße ich das Projekt sehr", sagt Christine Braunert-Rümenapf, die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung. Um diesen eine unabhängige Fahrt zu ermöglichen, geht man immer nach dem sogenannten Zwei-Sinne-Prinzip vor: Mindestens zwei der Sinne Sehen, Hören und Tasten sollen von den Informationssystemen angesprochen werden.

An der richtigen Lautstärke der Durchsagen werden die Spezialisten der Firma, die das Projekt begleitet, herumtüfteln - Blinde und Sehbehinderte müssen sie verstehen, alle anderen sollen so wenig wie möglich von ihnen genervt sein. Sowas kriegt man durch sogenannte geräuschadaptive Systeme hin. Ähnlich wie "Noise-Cancelling"-Kopfhörer passen diese Systeme ihre Lautstärke automatisch der Umgebung an.

Insgesamt geht es bei dem Modellprojekt um drei Lösungsansätze:

Sprechendes Fahrzeug

Der Bus oder die Tram hält an der Haltestelle. Wenn sich die Tür öffnet, sagt das System Linie und Ziel durch. Falls sich etwas ändert - beispielsweise wegen eines Unfalls - muss der Fahrer oder die Fahrerin das durchgeben. Der Computer kann darauf nicht reagieren.

Sprechende Haltestelle

Der Fahrgast drückt einen Knopf an der Haltestelle und aktiviert so das System. Das teilt ihm jetzt die nächsten Abfahrten mit Linie, Ziel und voraussichtlicher Abfahrtzeit über einen Lautsprecher mit. Der Vorteil: Das näherkommende Fahrzeug wird erkannt und automatisch über den Lautsprecher angekündigt.

Sprechendes Smartphone

Der Fahrgast erhält auf seinem Smartphone über eine Test-App an der Haltestelle die akustische Information über den Namen der Haltestelle sowie über die nächsten Abfahrten mit Liniennummer, Ziel und voraussichtlichen Abfahrtszeiten. Durch hinterlegte GPS-Koordinaten wird unterwegs die jeweilige Haltestelle erkannt. Jedes Fahrzeug der Linien 186 und M4 ist mit einem sogenannten Beacon (basiert auf "Bluetooth Low Energy BLE") ausgestattet. Dadurch kann die App es eindeutig identifizieren, sodass sie das Fahrzeug in Echtzeit wenige Augenblicke vor dem Eintreffen ankündigt. Die App kann auch über planmäßige Veränderungen wie zum Beispiel Baustellen informieren.