Die Simon-Dach-Straße in Berlin-Friedrichshain (Quelle: imago/Hohlfeld)
Video: zibb | 07.02.2018 | Ben Muhs | Bild: imago/Hohlfeld

Kritik an geplanter Sperrstunde ab 23 Uhr - "Dann wird der Hotspot Simon-Dach-Straße sterben"

Für Kneipen und Bars in der Simon-Dach-Straße soll bald ab 23 Uhr Schluss sein - der Ausschank auf der Straße soll eine Stunde vor Mitternacht beendet werden. Grund sind Beschwerden von Anwohnern über Partygäste. Gastronomen sehen das Problem ganz woanders. Von Sebastian Schöbel und David Donschen

Es soll tatsächlich noch Kieze geben in Berlin, wo die Bürgersteige bei Einbruch der Dunkelheit hochgeklappt werden. Die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain gehört definitiv nicht dazu: In keinem halbwegs brauchbaren Reiseführer fehlt die Ausgehmeile zwischen RAW-Gelände und Boxhagener Straße, nur fünf Minuten entfernt vom S-Bahnhof Warschauer Straße. Kneipen, Bars und Restaurants reihen sich hier dicht aneinander. Und mit ihnen ihre Gäste, die gerne draußen sitzen, auch bis spät in die Nacht.

Aber nicht mehr lange. Ab 2. Mai soll es auf der Straße werktags und am Wochenende nicht länger als bis 23 Uhr gehen. Und zwar punkt 23 Uhr, wie eine Sprecherin des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg auf Nachfrage von rbb|24 klarstellt. Der Grund: Häufige Beschwerden von Anwohnern über zu viel Lärm. Vorangetrieben wurde die neue Regelung von der bezirklichen Arbeitsgruppe "fair.kiez"*.

Betrunkene ziehen grölend durch die Straßen

"Ich finde es ein bisschen übertrieben", meint Mario, der in der Kopernikusstraße wohnt. "Hier ist überhaupt kein Ballermann. Finde ich spießig und übertrieben." Viele seiner Nachbarn sehen das ähnlich. "Es ist schon ein bisschen anstrengend, wenn bis morgens um 4 gegrölt wird", räumt eine Anwohnerin ein. Missen möchte sie die Atmosphäre aber trotzdem nicht – jedenfalls nicht am Wochenende. "Man möchte dorthin gehen, wo was los ist. Das ist das, was die Stadt ausmacht: Dass es immer weiter geht." Und ja, es sei "krass, wenn Donnerstagabend die Rollkofferhorden ankommen und die Party losgeht", sagt ein junger Mann, der seit gut fünf Jahren im Simon-Dach-Kiez wohnt. "Aber das wussten wir, bevor wir hergezogen sind."

Wer sich in diesen Tagen auf der Simon-Dach-Straße umhört, erfährt viel über die spezielle Atmosphäre hier, die offenbar nicht nur Touristen, sondern auch viele Anwohner schätzen. Einige berichten dem rbb sogar, dass in ihren Mietverträgen explizit stehe, dass Lärm und Essensgeruch nicht als Grund für Mietminderung gelten würden.

Gastronomen befürchten Umsatzeinbrüche

Doch nicht alle Anwohner der Simon-Dach-Straße sehen das so, die Beschwerden beim Ordnungsamt häufen sich seit Jahren schon. Wegen einer Nachbarin im Haus könne er schon heute nach 22 Uhr die zweite Etage seines "Café 100 Wasser" nicht mehr nutzen, berichtet Gastronom Michael Schüller. "Sie hat Protokolle geführt", erzählt er. Zuletzt sollen 33 seiner Gäste 10 Minuten nach dem Ausschankverbot um Mitternacht noch auf der Straße gewesen sein. "700 Euro" Strafe habe ihn das gekostet. "Das sind keine Berliner, die das durchboxen."

Das neue, allgemeine Ausschankverbot für draußen um 23 Uhr nennt Michael "extrem geschäftsschädigend". Er befürchtet Umsatzverluste in Höhe von mehreren tausend Euro, weil er die Terrasse im Sommer früher wird schließen müssen. Vor zwei, drei Jahren hätten die Leute noch bis zwei Uhr nachts draußen sitzen können. Nun werde es noch schlimmer. "Das zerstört uns alles."

Bezirk: Regelung schafft gewisse Gerechtigkeit

Genau das befürchtet auch Michael Näckel. Sein Thai-Restaurant "papaya" in der Krossener Straße ist zwar nicht direkt betroffen, die Regelung soll erstmal nur für die Simon-Doch-Straße umgesetzt werden. Doch als Bezirksbeauftragter der Gastronomiegewerkschaft DEHOGA macht er sich Sorgen. "Das ist ein massiver Schlag ins Kontor", sagt Näckel mit Blick auf die Kneipen und Bars. Denn die seien besonders im Sommer darauf angewiesen, ihren Gästen auch an lauschigen Abenden Getränke auf der Straße servieren zu können. Fällt das weg, so Näckel, "werden die Touristen abwandern", in andere Kieze. "Der Hotspot Simon-Dach-Straße wird dann sterben."

Eine Bezirkssprecherin hält dagegen, die Regelung schaffe "eine gewisse Gerechtigkeit". Denn bislang gibt es für jeden gastronomischen Betrieb individuelle Sperrstunden für den Außenausschank – oder gar keine. In Zukunft gilt für alle: 23 Uhr ist auf der Straße Schluss und Ruhe, drin könne ja weiter Party gemacht werden.

Doch die Kneipen und Bars seien nicht die Ursache für den Lärm, meint DEHOGA-Vertreter Michael Näckel. Sondern Betrunkene, die lautstark durch den Kiez ziehen und sich in den Spätis mit Nachschub versorgen. Und für die Kioske gelte die Sperrstunde nicht, bemängelt Näckel.

"Unlogisch", sagt auch Café-Betreiber Michael. Aber er werde sich anpassen, sein Konzept ändern. "Gediegener" würde es bei ihm werden. "Nicht edler, aber gediegener. Verdrängen lasse ich mich nicht."

*Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es, hinter der von fair-kiez vorangetriebenen Regelung stehe die Marketingagentur "Visit Berlin". Die Agentur war nur bei einem Pilotprojekt von "fair.kiez" dabei, die Initiative ist inzwischen eine rein bezirkliche Arbeitsgruppe.

Kommentar

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22 Kommentare

  1. 22.

    Da ist kein Gewerbegebiet sondern Allgemeines Wohngebiet und die Seite der Simon-Dach gehört sogar zum Millieuschutzgebiet Boxhagener Platz. Vielmehr muss sich der Bezirk fragen lassen wieso er innerhalb des Erhaltungsgebietes die Genehmigung gab Wohnraum als Schankraum,also Gewerbeflächen umzuwandeln.

  2. 21.

    Wenn der Zoll jeden Abend alle die da arbeiten prüfen würde gäbe es keinen Kiez mehr, denn Schwarzarbeit ist dort normal, Bekannte von mir hat bei drei Bewerbungen als Nebenjob beim Studium Bewerbungen gestartet doch mit Anmeldung wollte sie keiner. Problem gelöst bei Einhaltung Mindestlohn und anständigen Mitarbeiterverträgen würde da nichts mehr gehen.

  3. 20.

    Das es auch anders geht beweist Bei Ernst täglich aufs Neue. Proppevoll und im Sommer ist alles draußen. Aber der Wirt oder die Bedienung kommen auch schon vor 22 Uhr raus und sagt Gästen Bescheid die unbedingt den ganzen Sprengelkiez unterhalten wollen.

    Und Oh Wunder! die Gäste halten sich daran. Die die das partout nicht wollen werden freundlich gebeten zu gehen.

    Warum das die geldgeilen Wirte in der Simon Dach Straße nicht hinbekommen ist mir (k)ein Rätsel.

  4. 19.

    Als jemand, der selber gerne lange weg ist, finde ich es vollkommen richtig unter der Woche ab 23:00 draußen Schluß zu machen, auch 22:00 wäre vollkommen gerechtfertigt. Problematisch finde ich es nur, wenn, wie im Beispiel Cafe 100 Wasser, Besitzer ihre 2. Etage in Bars nicht mehr nutzen können. Man wohnt über einem Gewerbegebiet, da ists halt laut, darf man sich nicht beschweren.

  5. 18.

    Es geht heutzutage vielen Leuten leider immer nur um ihr eigenes Vergnügen, notfalls auch auf Kosten anderer. Party machen, rauchen und saufen werden hochgehalten, egal ob andere darunter leiden. In Berlin ist das besonders schlimm. Rücksichtnahme ist für viele ein Fremdwort geworden. Und wer dann zurecht um Rücksicht bittet, muss sich auch noch als Spießer beschimpfen lassen...

  6. 15.

    Genau das ist es was dabei raus kommt, wenn man Mischnutzung haben will. Es gibt immer einige wenige Spielverderber, die zwar mittendrin im Geschehen leben wollen, aber anderen den Spaß verderben. Wäre da nicht besser ein Abriss alter Strukturen oder Umzug in unbewohnte Viertel mit Büroetagen oben, und unten Gastronomie,- offen bis zum Abwinken?

  7. 14.

    Es mag nicht ins einfache Schwarz/Weiß Weltbild passen, aber es gibt Menschen die wohnen da schon ihr ganzes Leben und freuten sich einst über Geschäfte des täglichen Bedarfs in ihrem Kiez (Bächer/Fleischer/Friseur....). Diese Geschäfte wurden nach und nach in Kneipen und daraus entstand das was man jetzt Simon-Dach-Kiez nennnt. Warum die Geschäfte zu Kneipen wurden, weil die dort verlangten Mieten sich nur noch so erzielen lassen....das hat oft nix mit,"die haben das doch gewusst, selbst schuld wenn man dort wohnt" zu tun!

  8. 13.

    @Blubbb: Die Umsätze gehen zurück, weil nur noch etwa die Hälfte, oder vielleicht sogar nur noch 1/3 der Gäste bewirtet werden können. Keiner hat Lust, sich bei 25°C am Abend ins dunkle Innere eines Lokals zu setzen. Wenn die Wirte Feierabend machen, haben sie ihre Ruhe, denn die Gäste sind doch dann auch weg. Meistens wohnen die Wirte im gleichen Haus. So jedenfalls kenne ich es von Ibiza oder Gran Canaria. Wobei ich betonen muss, dass meine Freunde und ich DORT zu den rücksichtsvollen Touris gehören, die eben nicht laut grölend und bierfalschenzerdöppernd oder in die Hausflure pinkelnd durch die Straßen ziehen ...
    Mir soll es egal sein - Fr´hain, Prenz´lberg, Neukölln und X-berg sind für mich schon seit Jahren "No-go-Areas". DIESE ECKEN sind nicht (mehr) MEIN BERLIN.

  9. 12.

    Es gibt bestimmt auch Leute die dort wohnen die früh aufstehen müssen und zur arbeit gehen.Richtig so.In der Woche 23Uhr schluss mit dem Lärm.

  10. 11.

    Es wird wohl mehr geben, die dort länger wohnen als sie annehmen. Aber was Zugezogene mit Kiezen anrichten können sieht man am Besten in Sachen Knaak-Club und im Kollwitzkiez - erst hinkommen, alles hip finden und wenn Partyzeit vorbei, die Projektkinder endlich da sind, alles verteufeln und wegklagen.

    Nur sehe ich auch im Simon-Dach-Kiez, dass es dort keine rechtsfreien Räume geben darf in Bezug auf 24/4-Partyzone. Auch die Anwohner haben ein Recht auf eine ungestörte Nachtruhe, auch wenn ich gerne dort lebe - es gibt immer Grenzen und die Ladenbetreiber sollen nur nicht jammern, ihnen würden sooo viel Euronen durch die Lappen gehen - in die Insolvenz wird dadurch niemand getrieben.

  11. 10.

    @Markus: Ich stimme Ihnen zu (siehe Schwaben in Prenz´lberg), denke da eher an die "Ureinwohner". Vornehmlich ältere Menschen, die auf die letzten Jahre bestimmt nicht mehr woanders hinziehen wollen. Höchstens noch ins Seniorenheim.

  12. 9.

    23 Uhr ist zu spät. Schlaf ist Menschenrecht. Der Bankrott der Partykneipen ist wünschenswert. Es muss Schluss damit sein, dass Berlin partyverblödete Rotten anzieht.

  13. 8.

    Als das Rauchverbot kam witterten die Gastronomen den Untergang, jetzt mit dem vorgesehenen Ausschankstopp ab 23.00h Werktags für die Außenbereiche - drinnen geht es doch weiter - wo ist das Problem? Die Anwohner haben auch ein Recht auf Ruhe - ich kann mir nicht vorstellen dass irgendeiner der Gastronomen hier in seinem eigenen Kiez wohnt und nach erledigter Arbeit bei offenem Fenster schlafen könnte.

    Die Mimimi-Taktik der Gastronomen ist genial verpackt und im Zusammengang mit der Dehoga ziemlich unehrlich.
    Auch die Betreiber der Läden dort haben eine Verantwortung gegenüber der Nachbarschaft, dass hat nichts mit "Verspießerung" zu tun - sondern eher mit Rücksichtnahme - aber die Dollarzeichen in den Augen der hier zu Wort gekommenen sind offensichtlich.

  14. 7.

    Dann schauen Sie doch mal in Gesetz. Sie werden vielleicht überrascht sein.

    Landes-Immissionsschutzgesetz Berlin

    § 3 Schutz der Nachtruhe
    Von 22.00 bis 06.00 Uhr ist es verboten, Lärm zu verursachen, durch den jemand in seiner Nachtruhe gestört werden kann.

    § 4 Schutz der Sonn- und Feiertagsruhe
    An Sonn- und gesetzlichen Feiertagen ist es verboten, Lärm zu verursachen, durch den jemand in seiner Ruhe erheblich gestört wird.

    Nur Dank dem Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg dürfen die Bars um die Simon-Dach-Straße länger aufbleiben. Eine Klage eines Anwohners dagegen hätte mE durchaus Aussicht auf Erfolg.

  15. 6.

    Die personen die dort hinziehen sollen nicht meckern den Sie haben sich freiwillig diesen Kiez ausgesucjt und kkönnen nicht nachträglich darüber meckern das es zu laut ist.
    Wäre so als würde ich ein cappuccino bestellen und wenn ich ihn bekommen meckern das er Milch enthält.

  16. 5.

    Gab es nicht vor vielen Jahren nicht einmal eine ähnliche Neuregelungen mit teils obskuren Regelungen, dass im Außenbereich dann nur eine bestimmte Anzahl an Gästen sitzen durften? Da war die Aufregung unter den Gastronomen auch groß.

    Simon-Dach-Kiez ist nun mal eine Tourimeile. Wird man auch mit dieser neuen Regelung keine Ruhe als Anwohner haben. Wenn die (betrunkenen) Gruppen über den Kiez ziehen, Gäste ein Lokal verlassen oder wenn die Raucher sich vor dem Lokal unterhalten - der Geräusch- bzw. Lärmpegel wird hoch sein.

    Es sei denn, man wandelt neben den gefühlt 30 Vietnam-/Thairestaurants auch noch die restliche Lokale in asiatische Speiselokale um, die dann um 23 Uhr schließen...

  17. 4.

    Ist zumindest einer der beiden Autoren nicht über die vielen "Michael" gestolpert, dass er glatt den Nachnamen wegließ? Und ist die DEHOGA nicht der Verband der Hotel- und Gaststättenbetreiber, nicht aber eine Gewerkschaft im sprachüblichen Sinne?

    Ich denke mal, eine befriedigende Lösung für alle wird es niemals geben. Erst recht nicht unter den Vorzeichen, dass in Berlin in vielen Kiezen zeitübergreifend das gemacht wird, was in Köln auf den Karneval konzentriert ist: Nach dem eher gelangweilten Büro-Alltag woanders mal die "S .." rauslassen.

  18. 3.

    Ich stimme mit den Gastronomen darin überein, dass das Wegebier, der Billigtourismus und das Versiffen der Stadt eben große Nachteile mit sich bringen. Die Touris werfen bei uns fast jede Nacht Glasflaschen und Fastfood auf den Fußweg, das ist in keiner anderen Stadt normal, nur hier. Wenn die Kneipen draußen dichtmachen, ziehen die Touris einfach mit Wegebier zum nächsten Club oder stehen in großen Gruppen zusammen vorm Späti, was eh schon Mode geworden ist. Der Krach bleibt fast derselbe.
    Berlin ist berühmt für den versifften Hosteltourismus. Die Stadt hat in der näheren Umgebung mehr als 20 Hostels zugelassen, das ist die höchste Hosteldichte Europas. Man wollte den Billigtourismus unbedingt konzentriert auf einem Punkt haben. Geht in Kreuzberg gleich so weiter...
    Dafür soll jetzt also die Simon-Dach verspießert werden. ^^

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