Symbolbild: Einsetzen einer neuen Niere bei einer Nierentransplantation in einer Klinik (Quelle: imago/Ute Grabowsky)
Video: Brandenburg aktuell | 18.02.2018 | Maximilian Horn | Bild: imago/Ute Grabowsky

Zahl der Organspender auf historischem Tiefstand - "Ein Verlust von tausend Lebensjahren"

Im vergangenen Jahr gab es deutschlandweit einen historischen Tiefstand bei Organspenden. Aus Brandenburg kamen 2017 gerade einmal 18 Spender. Experten sehen mangelhafte Krankenhausstrukturen als Hauptgrund. Von Maximilian Horn

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Zwei Szenarien bei infauster Prognose

Entweder wird dann eine sogenannte Therapielimitierung eingeleitet. Das bedeutet, dass die Behandlung eingestellt wird. Es werden insbesondere keine Medikamente mehr gegeben, von Schmerzmitteln abgesehen. In der Regel verstirbt der Patient dann an Kreislaufversagen. Die andere Möglichkeit ist eine Fortführung der Behandlung.

Aber warum sollte diese erfolgen, wenn der Patient aufgrund der infausten Prognose ohnehin keine Heilungschancen mehr hat? Einerseits, weil der Patient ja noch immer lebt - wenn auch ohne nennenswerte Heilungschancen. Und andererseits, weil mit Blick auf einen möglichen Hirntod eine Organspende infrage kommen könnte.

Patientenverfügungen ohne Bezug zur Organspende

Grundlage für die Entscheidung zwischen Therapielimitierung und Fortführung der Behandlung ist der Patientenwille. Dieser geht im Idealfall aus einer Patientenverfügung samt Organspendeausweis hervor. Aber ein Organspendeausweis ist meist nicht vorhanden. Und die Patientenverfügung enthält oft keinen Hinweis auf den Spenderwillen. Dann müssen die Angehörigen entscheiden.

Doch im privaten Umfeld wird kaum über Organspende gesprochen, etwaige Sonderwünsche des Patienten sind selten bekannt. Wenn eine Patientenverfügung keinen Spielraum lässt, fordern die Angehörigen oft einen Abbruch der Behandlung, sobald keine Aussicht mehr auf Heilung besteht. Die Folge dieser Entscheidung ist, dass es entweder gar nicht zum Hirntod kommt - oder dieser nicht mehr festgestellt werden kann, weil die Hirntoddiagnostik ebenfalls abgebrochen werden muss. Dann fällt der Patient als potenzieller Organspender weg.

Hand hält einen Organspendeausweis der vom PC heruntergeladen werden kann. (Quelle: dpa/Ulrich Baumgarten)
Organspendeausweis - viele Menschen haben keinen | Bild: dpa/Ulrich Baumgarten

Große Unterschiede bei Spenderzahlen der Kliniken

Wenn aber die Patientenverfügungen so relevant sind - warum ist dann ein anderes Krankenhaus in Brandenburg besonders erfolgreich, was die Organspenderzahlen angeht? Am Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam waren es im Jahr 2017 insgesamt acht Organspender - beinahe die Hälfte aller Organspender in ganz Brandenburg. Dirk Pappert ist hier Transplantationsbeauftragter und Chefarzt für Anästhesie. Die Einstellung der Führungskräfte sei entscheidend, sagt er - "bei den operativen Kollegen angefangen bis hin zur Geschäftsleitung, dass sie die Organspende unterstützen." Grundsätzlich halte er es für eine "Frage des ärztlichen Engagements, da das Maximale rauszuholen".

Eine Frage des Engagements scheint häufig auch eine Frage der Zeit zu sein. In vielen Gesprächen mit anderen Brandenburger Transplantationsbeauftragten kristallisiert sich heraus, dass Zeitdruck eine große Rolle spielt. "Wir arbeiten alle am Anschlag", sagt einer und meint damit das System im Allgemeinen. "Da läuft vieles in die falsche Richtung". Ein anderer: "Die Zeittaktung ist eng. Es muss immer und immer mehr gemacht werden." Zugleich werden die Akteure nie müde zu betonen, dass im eigenen Haus alles in Ordnung sei und der Bettendruck für die Organspende keine Rolle spiele.  

Glossar zum Thema Organspende

  • Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO)

  • Hirntod

  • Transplantationsbeauftragte/r

  • Hirntoddiagnostik

Es kommt auf die Gespräche an

Zwar betonen die Transplantationsbeauftragten, dass die Gründe für die niedrigen Organspendezahlen "multifaktoriell" seien - ein Ärztewort für " kompliziert": Die Therapien seien besser geworden, mehr Menschen würden geheilt. Zudem gebe es schlichtweg weniger einschlägige Patienten, da durch die bessere Sicherheitstechnik in Autos weniger schlimme Unfälle passierten. Auch würden die Patienten immer älter, so dass ihre Organe nicht mehr verwendet werden könnten.

Aber eines wird deutlich: Die Kommunikation ist entscheidend. Das ärztliche Gespräch mit denjenigen, die im Zweifel über die Organspende entscheiden: den Angehörigen. Wenn diese mit einer Patientenverfügung kommen, die nicht auf Organspende Bezug nimmt, kann der behandelnde Arzt großen beratenden Einfluss nehmen. Für solche Gespräche braucht es aber vor allem eines: Zeit. Und die ist nicht immer vorhanden.

Transplantationsmediziner entnehmen gemeinsam Organe für Gewebespenden (Quelle: dpa/MAXPPP)Entnahme von Organen für Gewebespenden

Vorschlag: "Wer spendet, kriegt die Beerdigung umsonst"

Dass die Zahl der Organspender erschreckend niedrig ist, ist eine Einsicht, die sowohl die Deutsche Stiftung Organtransplantation als auch die Transplantationsbeauftragten teilen. Um Abhilfe zu schaffen, liebäugelt man bei der DSO mit einer Zentralisierung der Organspendepraxis. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: Die DSO war vor einigen Jahren noch wesentlich stärker in den eigentlichen Transplantationsprozess involviert. Nach dem Organspendeskandal 2012 um manipulierte Krankenakten wurde ihre Rolle umgewandelt in die einer Beraterin und Organisatorin, während den einzelnen Krankenhäusern nun mehr Aufgaben auf der operativen Ebene zukommen.

Ein weiterer Verbesserungsansatz ist die konsequente Freistellung der Transplantationsbeauftragten von ihren sonstigen ärztlichen Pflichten. Bayern hat hier strenge Regeln erlassen - und verzeichnete vergangenes Jahr wesentlich höhere Organspenderzahlen (143)als etwa Brandenburg. Auch von den Transplantationsbeauftragten selbst kommen Vorschläge. Da wird zum Beispiel die Perspektive künstlicher Organe eröffnet: Sind Organspenden vielleicht ein Auslaufmodell? Ein Transplantationsbeauftragter schlägt - mit einem Augenzwinkern - vor: "Jeder, der ein Organ spendet, der kriegt die Beerdigung umsonst."

Und dann ist da noch die oft geforderte Einführung der sogenannten Widerspruchslösung. In Deutschland können Organe nur entnommen werden, wenn eine Zustimmung des Patienten vorliegt - und sei es durch einen Angehörigen, der den Patientenwillen kennt. Etwa in Spanien ist es umgekehrt: Organe werden dort grundsätzlich entnommen, es sei denn, der Entnahme wurde widersprochen. Die Spenderzahlen sind fünfmal so hoch wie in Deutschland.

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Es kann nicht als "Verlust von ..." genannt werden, was nur der simplen, mathematischen Berechnung nach gewonnen sein könnte.

    Dazwischen stehen die unterschiedlichen ethischen Grundlagen von Menschen, die weit mehr mit diesem behaupteten Defizit zu tun haben als die gezielten finanziellen Machenschaften.

    Zwei Positionen:

    1. Die Ethik der Lebensrettung, fast um jeden Preis und um jede technisch entwickelte Möglichkeit.
    2. Die Ethik, dass ein noch lebender Organismus faktisch nicht ausgenommen werden darf wie eine Weihnachtsgans. Selbst bei einem toten nicht.

    Deshalb eben gibt es die ausdrückliche Zustimmungserklärung für den Fall, dass jemand - gewiss anerkennenswert - Position 1 zuneigt.

  2. 4.

    Krankenhäuser werden von immer mehr Menschen wegen der Krankenhauskeime gemieden.

  3. 3.

    Da muss man sich bei den Ärzten bedanken,
    die soviel betrogen haben, weil sie reich dabei werden wollten ohne Rücksicht auf die Menschen die dringend auf eine Spende warten.

  4. 2.

    Die Menschen, denen Organe entnommen werden sind nicht hirntot. Wenn Sie sich damit befassen würden, wüssten Sie das.
    Die Dialyse ist ja Wohl das kleiner Übel als Menschen zu ermorden.

  5. 1.

    Tja, das die Organspenden zurückgehen, liegt auch an den Skandalen der letzten Jahre. Eine Hoffnung ist aber z.B. die künstliche, implantierbare Niere der Universität von Kalifornien. Die wird kommen, die klinischen Tests laufen in 2018 an. https://pharm.ucsf.edu/kidney.

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