Arbeiter befestigen am 30.06.2017 am U-Bahnhof Nollendorfplatz in Berlin eine Regenbogenfahne (Quelle: dpa/Hirschberger)
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Audio: Inforadio | 05.02.2018 | Oliver Soos | Bild: dpa-Zentralbild

Nollendorfkiez in Berlin-Schöneberg - Kriminelle Antänzer verunsichern Regenbogenkiez

Schwule und Lesben auf der ganzen Welt kennen den Nollendorfkiez in Schöneberg. In Reiseführern heißt er "Rainbow District". Doch leider zieht der Kiez auch Kriminelle an, die es genau auf die queere Zielgruppe abgesehen haben. Von Oliver Soos

Es passierte auf einem dunklen Parkplatz, erinnert sich Klaus Rauschnig aus Berlin-Spandau. Die Täter waren ziemlich geschickt. Der 52-Jährige Travestiekünstler hatte am Abend als Barkeeper im Nollendorfkiez gearbeitet. Nach der Arbeit wurde er in der Kleiststraße von zwei Männern aufgehalten. "Die sind mir immer nähergekommen und ich bin immer wieder zurückgewichen", schildert Rauschnig die Situation. "Dann haben sie mich immer näher in Richtung Gebüsch und Autos gedrängt. Ich habe irgendwann gesagt: Es reicht jetzt, bin in das nächste Taxi gestiegen und am Bahnhof Zoo habe ich dann gemerkt, dass mein gesamtes Portemonee leergeräumt war."

300 Euro, einfach weg. Das Portemonee war in Rauschnigs Umhängetasche. Im Nachhinein glaubt er sich zu erinnern, dass zwischen dem Gebüsch und den parkenden Autos ein dritter Mann saß. Vermutlich hat der sich am Portemonee bedient, als Rauschnig durch die anderen beiden Männer abgelenkt war. Rauschnig hat Anzeige bei der Polizei erstattet, doch gefasst wurden die Täter nicht. "Ich saß bei der Polizei und sollte mir Gesichter angucken. Naja, aber das sind gestellte Bilder. Es war dunkel, ich hätte die auch gar nicht wiedererkannt."

Viele Jugendliche unter den Tätern

Im Nollendorfkiez werden pro Monat etwa zehn bis 20 Raub- und Diebstahltaten angezeigt, doch die Dunkelziffer sei deutlich höher, sagt Polizistin Christiane Strauß, stellvertretende Leiterin des Abschnitts 41. Nach den Erkenntnissen der Polizei kommen die Täter vor allem aus Rumänien und Bulgarien.

Die Kerngruppe besteht aus circa 50 Personen, darunter auch viele Jugendliche. Einige haben feste Wohnsitze in Berlin, andere kommen nur über den Sommer. Ein Teil der Gruppe prostituiert sich auch im Kiez, auch Männer, die nicht schwul sind. Andere konzentrieren sich vor allem auf das Klauen von Brieftaschen.

Bevorzugte Opfer sind dabei ältere Männer und Betrunkene, sie werden angetanzt, erzählt Christiane Strauß. "Sie gehen auf einen zu und machen ihm dabei vielleicht noch schöne Augen und dann fangen sie an, ihn zu berühren. Für manche Betroffene mag das eine interessante Situation sein, für andere ist es abschreckend, sie fühlen sich unwohl. In dem Moment ist es aber auch schon zu spät, dann ist das Portemonee quasi schon gestohlen."

Hohe Aufklärungsrate bei Tätern im Kiez

Werde die Polizei unmittelbar nach einer Straftat angerufen, liege die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter gefasst wird, bei 98 bis 99 Prozent, sagt Christiane Strauß. Das liege daran, dass die Täter meist im Kiez bleiben und dass die Kneipenwirte viele Hinweise geben.

Und dennoch wird das kriminelle Treiben nicht gestoppt, denn den Tätern passiert in der Regel nicht viel. Oft sehe man sie nach kurzer Zeit wieder an derselben Straßenecke, erzählt Christiane Strauß. Die Staatsanwaltschaft oder die Amtsanwaltschaft stellen die Ermittlungen in den meisten Fällen ein.

Doch liege das nicht an mangelndem Willen oder zu wenig Personal, sondern an der schwierigen Beweislage, betont der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. "Schwierig wird es immer dann, wenn die Leute arbeitsteilig vorgehen." Dann müsse geklärt werden, wer konkret was getan habe. Zudem machten Geschädigte oft lückenhafte Angaben, so Steltner. "Wir müssen ein Puzzle zusammensetzen und dann hoffen, dass wir irgendwann ein Mosaik bekommen, auf das wir eine Verurteilung stützen können."

Kiezrundgang an einem Freitagabend

Um Taten zu verhindern und die Aufklärung zu befördern schickt die Polizei spezielle Einsatzkräfte in den Kiez. An diesem Freitagabend sind zwei ortskundige Polizeibeamte vom Schöneberger Polizeiabschnitt 41 und zwei Kommissare der Präventionsstelle des Landeskriminalamts, die speziell für Gewalt gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle zuständig sind, unbewaffnet und in zivil im Kiez unterwegs.

Im Schwulen-Café "Romeo und Romeo" in der Motzstraße packt Sebastian Stipp vom LKA ein paar Flyer aus, mit Aufschrift: "#schwuleSau - dieser Spruch kann eine Straftat sein. Zeig es an!" Er erklärt: "Wenn hier jemand mit den Worten 'schwule Sau', 'Scheiß Lesbe' oder 'Scheiß Transe' tituliert wird, kann er das als Beleidigung bei uns anzeigen. Da werden Geldstrafen im vierstelligen Bereich verhängt."

Informanten in den Kneipen

Die Beamten suchen auch gezielt den Kontakt zu den Kneipenwirten - Christiane Strauß lädt diese sogar in ihre Polizeidienststelle ein, um Kontakte zu pflegen und zu intensivieren. Es gehe darum, Vertrauen zu gewinnen, sagt sie. "Der zweite Aspekt ist, dass wir viele Informationen bekommen, von den Menschen, die hier leben, die hier arbeiten, die den Blick vom Schaufenster heraus haben."

Einen guten Informanten haben die Polizisten beispielsweise in der Cocktailbar "Blond" an der Eisenacher Straße Ecke Fuggerstraße. Barkeeper Robin Templin hat durch die großen Fenster einen guten Blick auf einen Spielplatz, der bevorzugte Treffpunkt der kriminellen Bande, die aus Osteuropa stammen soll. An der Kreuzung vor dem Spielplatz passieren die meisten Raubtaten.

"Wir haben da schon oft die Polizei gerufen", sagt Templin. "In der Regel läuft es so ab: zwei gehen einem hinterher, einer kommt von vorne, einer von hinten, die sprechen sich ab. Dann stehen sie um einen herum und derjenige wird angegriffen. Wenn er sich zur Wehr setzt, wird er zu Boden getreten, das haben wir alles schon gesehen."

Diebstahlopfer kehrt Kiez den Rücken

Klaus Rauschnig hat inzwischen schon mehrfach Anzeige erstattet. Erst der Überfall auf dem Parkplatz, dann wurde ihm in einer Bar sein Handy gestohlen, auf der Straße wurde er immer wieder von den Kriminellen aggressiv angesprochen und beleidigt. 15 Jahre lang war er regelmäßig im Regenbogenkiez, damit ist es nun vorbei. "Ich habe für mich entschieden, dass es mir einfach zu gefährlich wurde. Kleindelikte sind natürlich klein, aber für den einzelnen, den Betroffenen ist es eine große Straftat. Ich muss sagen, ich habe da echt meine Probleme gehabt.“

Rauschnig hat den Job und den Kiez gewechselt. Er kellnert nun in einer Schwulenbar am Charlottenburger Savignyplatz. In dieser Gegend fühlt er sich sicherer.

Beitrag von Oliver Soos

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31 Kommentare

  1. 31.

    Ich wollte eigendlich etwas dazu schreiben. Aber mein Gehirn blockiert, es kann offensichtlich die undifferenzierte Hetze gegen Flüchtlinge und "Gutmenschen" nicht mehr ertragen. Durch seinern Umgang mit den Flüchtlingen hat der Westen die wahrscheinlich letzte Chanche einer Versöhnung mit der Dritten Welt vergeigt. Jetzt kann nur noch Jesus Christus mit seiner Wiederkehr helfen.

    Diese Denkblockaden aus Ekel treten leider immer häufiger auf, deshalb schweige ich vielen Dingen, die eigendlich meinen Kommentar erfordern. Ein Psychiater meinte einmal, ich sei 1000 Jahre zu früh geboren, als es um meine Erschöpfungsdepressionen ging.

    Ist Deutschland nur noch das Land der Schande?! Ich weis, das heute der 19. 2. 2018 ist, gefühlt ist es für mich der 25. 1. 1933.

  2. 30.

    "Biedermann und die Brandstifter" oder "Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder".

  3. 29.

    Ja besonders gern die Männergruppen mit südländischem Aussehen leben gut und gerne und vor allem zu gut hier.
    Manchmal sind es auch nur Männergruppen.

  4. 28.

    Na,na allzu pessimistisch sollte Mann/Frau nun nicht sein, denn wie kommt es denn, dass all die Touristen oder besser noch immer mehr Menschen hier gerne Leben möchten? Und das trotz der Anarchie(!)hier. Ich würde nie wieder mit meiner Geburtsstadt Münster/Westf. Tauschen wollen. So schön Münster auch ist.

  5. 27.

    Bin hier schon wieder wg. der Realität zensiert worden. Angeblich gibt es doch gar keine Zensur?

  6. 26.

    Ja , ja diese Einzelfälle-haben alle nichts miteinander zu tun.
    Vor allem nichts mit der Grenzöffnung und den Flüchtlingen.
    Auch nicht mit aktuellen deutschen (darf man das noch sagen???) Politik von CDU/SPD/GRÜN/LINKS.
    Schuld sind die Rechtspopulisten,die Nazis;die AfD;Pegida.

  7. 25.

    Und Frau Katrin Göring-Eckard freut sich drauf, das Deutschland religiöser und bunter wird. Zum Kunterbunt gehört seit einiger Zeit auch die Farbe BLUTROT. Da wird der Katrin aber das Herz aufgehen. Aber was kann man in diesem kaputten Berlin bei ROT-ROT-GRÜN schon anderes erwarten.?

  8. 24.

    Richtig so.
    Vorwärts immer -rückwärts nimmer.
    Warum beklagen sich die Medien?
    Sie haben doch selbst mit KGE und Konsorten für derartige Zustände gesorgt.

  9. 23.

    Das sind bestimmt die homophoben und xenophoben AfD-Anhänger aus Cottbus gewesen.
    Das hat nichts mit Ausländerkriminalität und Grenzöffnung zu tun.

  10. 22.

    Was waren das früher für Zeiten.... -- Man konnte nachts durch Berlin schlendern, ausgelassen feiern und sich sicher fühlen. Es scheint, als scheint es unter der Führung des rot-rot-grünen Senats nur noch bergab zu gehen. NoGo-Areas nehmen zu. Alte, Schwache, Kinder, Jugendliche und die schwule Community ... geraten mehr und mehr auf die Opferlisten. Was bin ich froh, dass ich nicht in solch einer anarchistischen Stadt leben muss.

  11. 21.

    Ich habe nicht behauptet, dass die Menschen, die dort leben, selbst daran Schuld sind potentiell Opfer von Kriminalität zu werden. Das haben Sie interpretiert. Jedoch begünstigen die "Ausgehgewohnheiten" und "Vorlieben" einiger Menschen, die sich dort aufhalten, feiern oder nach Sex gegen Geld suchen, bestimmte Delikte (z. B. Diebstahl, Raub, Körperverletzung, Btm-Delikte). Das darf man bei der Betrachtung nicht ausblenden. In anderen Kiezen, wo gefeiert wird, ist das ähnlich. Auch dort werden Mensch bestohlen und beraubt. Jedoch gibt es am Nollendorfplatz noch zusätzlich eine Stricherszene. Prostitution bringt leider unweigerlich Kriminalität mit sich. Die Polizei kann Ihnen ein Lied davon singen. Aber in Berlin fühlen sich immer alle, die diese Stadt bunter machen, ganz persönlich auf den Schlips getreten, wenn man Tatsachen benennt. Wenn Prostitution dort nicht gesucht werden würde, gäbe es sie dort auch nicht. Wie gesagt: In erster Linie gestalten die Menschen ihren Kiez selber.

  12. 20.

    An Christian.
    Aber sonst sind Sie noch klar im Kopf?
    Jetzt sind die Opfer selber schuld weil sie in dem Kiez leben?
    Dann wären ja alle Frauen,die auch Opfer von irgendwelchen Leuten auch selbst schuld und sollten immer bestimmte Ecken meiden?
    Selten so einen Schwachsinn gelesen.

  13. 19.


    Was für ein dämlicher Kommentar von Paule, 14.02.2018 09:42:

    ""Unsere Gesellschaft wird weiter vielfältiger werden, das wird auch anstrengend, mitunter schmerzhaft sein.
    Das Zusammenleben muss täglich neu ausgehandelt werden." Zitat Ende
    Das sagte eine nicht Geringere, als die Integrationsbeauftragte Özoguz.
    Wer ein kunterbuntes Land will, darf in solchen Situationen nicht jammern u. womöglich die "böse" Polizei rufen."

    Totaler Unsinn und böswillige Unterstellung, weil Özoguz mit diesem Zitat sicherlich keine kriminelle Handlungen will!

  14. 17.

    Wer die Schuld nur bei Anderen sucht und die Entwicklung nicht in seiner Gesamtheit betrachtet und bewertet, der verschließt die Augen und ist realitätsfern. Ich kenne den Kiez, da auch ich dort ab und zu verkehre. Wenn Sie sich einfach mit den Faktoren für die Begünstigung bestimmter Straftaten sachlich und objektiv auseinandersetzen, werden auch Sie nicht an der Feststellung vorbeikommen, dass es dort für Straftäter oft sehr leicht ist entsprechende Opfer zu finden. Dabei kommt es den Tätern nicht primär um die sexuelle Orientierung des Opfers an, weshalb sie auch nicht zwingend aus einer homophoben Motivation heraus handeln. Aber immer nur meckern über den "Staat" und seiner angeblichen Handlungsunfähigkeit ist unüberlegt und schlichtweg falsch. Der Kriminalitätsanstieg lässt sich teilweise auch durch das veränderte Anzeigeverhalten der Opfer erklären. Wo mehr angezeigt wird, steigt die Kriminalität in der Statistik zwangsläufig.

  15. 16.

    Sie sagen es, alles Einzelfälle, auch wenn es schon zig-tausende sind. Wie im Bericht erwähnt, haben diese Kriminellen nichts von unserer Gutmenschenjustiz nichts zu befürchten. Nach Feststellung der Personalien können sie direkt weiter machen. Wie weit bergab geht es noch mit fiesem Land?

  16. 15.

    Ich kenn auch ein Zitat: "...sieht Göring-Eckardt vor allem Chancen: „Wir reden darüber, wie unser Land in 20, 30 Jahren aussieht. Es wird jünger werden, bunter und auch religiöser."
    Homepage der Grünen. Weil es hier öfter anklang und auch woanders darüber berichtet wurde - würde mich wirklich mal von Betroffenen interessieren, ob Homophobie im Zuge der Migration zugenommen hat (Antisemitismus ja wohl schon). Eigentlich bildet sich unsere Gesellschaft so viel auf ihre Offenheit ein, als ich jünger war, gehörte es bei meinen Freunden zum guten Ton, nicht schwulenfeindlich zu sein (tuts auch jetzt noch) und Messer in der Tasche hatten die Schwulen auch eher nicht.

  17. 14.

    Sind jetzt die Männer selbst schuld, oder was? Nur mal so zur Info, dieser Bezirk wird vor allem von Nicht-Schwulen bewohnt.
    Dass es im Umfeld von gewissen Etablissements ein höheres Kriminalitätsrisiko gilbt, ist wohl bekannt. Das ist aber nicht nur bei Schwulenbars der Fall sondern auch bei den Hetero-Bordellen. Das hat aber mit dem Artikel hier mal rein gar nichts zu tun. Hier geht es um kriminelle Elemente, die sich einen (bisher) gut besuchten Treffpunkt für die Durchführung ihrer Straftaten auserkoren haben. Dieses Klientel finden Sie auch am Alex oder an der Warschauer Straße. Leider ist unser Staat nicht mehr in der Lage, dem auch nur annähernd Einhalt zu gebieten.

  18. 13.

    Na Sie sind mir ja gerade der Richtige hier.Schuld ist jetzt die „Gay Community“oder was? Ist Ihnen überhaupt bewusst wie wenig Anteil der Strich dort hat am gemeinschaftlichen Miteinander der Bewohner im Kiez mit eben der Schwul-Lesbischen Scene. Machen Sie sich ersteinmal schlau, bevor Sie so etwas behaupten. Zur Info: Den Kiez gab es schon bereits, da haben Sie das nur noch nicht bemerkt,aber jetzt, gell? Winterfeldstr. der Transenstrich. Die Kalesche, Metropol, Kleist Casino, Trocadero, u.u.u. Den Männerstrich gab es schon bevor dieses“ Pack“ zu uns kam. Das lief ganz friedlich ab( Kleistquelle z.B.). Was da nun jetzt auch unter anderem im Tiergarten stattfindet, hat auch herzlich wenig mit der Community zu tun.
    Zu guter letzt sei noch angeführt, das diese Gegend dadurch an „Aufwertung“ erfahren hat, nicht umgekehrt.

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