Die Gäste-Karte des Bergnein
Audio: Inforadio | Sebastian Schöbel | Bild: Bergnein/Ninja Print

Berghain klagt wegen Kartenspiel - Spaßbremsen kriegen keine Punkte

Wer darf ins Berghain? Eine Frage, die seit Jahren die globale Clubgängerszene bewegt. Ein schwedischer Spieleentwicker hat nun einen kreativen Weg gefunden, um todsicher NICHT in den Club gelassen zu werden - dabei wollte er doch nur spielen. Von Sebastian Schöbel

Wenn der ehemalige Berghain-Türsteher Sven Marquardt erklärt, wer in Berlins legendärsten Club rein darf, und wer nicht, wird er schon mal philosophisch. Dem Kultursender arte sagte Marquardt einmal: "Die Aspekte des Aussuchens der Gäste hängen mit der Idee dieses Hauses zusammen. Und da stören eventuell Leute nicht, die anderswo in der Überzahl stören würden."

Wobei: Zu extrem, zu abgehoben sollten die Besucher nicht sein, meint Marquardt. "Die ganzen aufgeblasenen Egos – plus meinem – das würde gar nicht funktionieren."

Die Türsteher-Karte des Bergnein-Spiel
| Bild: Bergnein/Ninja Print

Der Club drehte durch

Auf die richtige Berghain-Mischung kommt es als an, scheint er sagen zu wollen. Mit Leuten wie Alexander Kandiloros zum Beispiel: Gleich beim ersten Berghain-Besuch vor ein paar Jahren hat es der Designer aus Göteborg an Marquardts strengem Blick vorbei geschafft.

Es dürfte allerdings auch das letzte Mal gewesen sein.

Denn Kandiloros hat etwas Unerhörtes getan: Der Schwede hat ein Berghain-Spiel entwickelt – und der Club drehte durch. "Sie haben alles versucht, um zu verhindern, dass irgendjemand dieses Spiel in die Hände bekommt."

Aus Berghain wird Bergnein

Zuerst sollte es im besten Denglisch "Berghain Ze Game" heißen. Auf Instagram machte Kandiloros Werbung für die Idee. Ein derb-lustiges Kartenspiel über die bunte Welt der Berghain-Jünger, inklusive einer Silhouette des bekannten Clubgebäudes und mit einem tätowierten, gepiercten Türsteher, der Sven Marquardt sehr, sehr ähnlich sieht. Was soll da schiefgehen?

Das Berghain rief an und drohte mit Klage wegen Markenrechtsverletzung. Der Club versuchte sogar, die Crowdsourcing-Kampagne auf Kickstarter zu verhindern. Kandiloros fand einen neuen Namen: "Bergnein". Doch es half nichts. "Oh nein, die Sache ist nicht vorbei. Ich habe inzwischen drei Gerichtsprozesse mit dem Berghain laufen, in Schweden, Deutschland und auf europäischer Ebene. Sie mögen dieses Spiel wirklich nicht", erklärt der Erfinder.

Punkte gibt's für Outsider

Das Spiel selbst ist übrigens recht simpel: Man versucht, als Türsteher möglichst viele gute Gäste-Karten in den Club zu spielen – und dem Gegner möglichst viele schlechte Gäste-Karten unterzujubeln. Minuspunkte gibt's für Spaßbremsen wie ahnungslose Touris oder neugierige Zivilpolizisten. Die meisten Punkte gibt's für schwule Kraftprotze in Ledermontur und Dragqueens. Der Rest, etwa ergraute Hipster, Selfie-Blogger, Bauchtaschenträger oder Typen in Pullis von US-Universitäten – liegt irgendwo dazwischen.

"Bei uns haben sich viele Leute aus der LGBT-Community gemeldet und uns gedankt, weil es ein Spiel ist, in dem sie präsent sind", erzählt Kandiloros. "Und die 'schwulen' Karten bringen übrigens auch die meisten Punkte."

Was im Berghain passiert, bleibt auch im "Bergnein" geheim

"Das Spiel ist kein Kommentar über das Berghain als Club, sondern über das Image des Berghain", sagt Kandiloros. "Über das intensive Verlangen, reinzukommen."

Ein wichtiges Detail: "Bergnein" spielt vor dem Club, in der Warteschlange, nicht im Club, aus dem bekanntlich nichts nach außen dringt. Auch nicht zum "Bergnein"-Spiel: Anfragen des rbb beantwortete die Berghain-Leitung mit Schweigen.

Angebot zu Zusammenarbeit

Alexander Kandiloros verkauft "Bergnein" inzwischen über das Internet, trotz laufender Gerichtsverfahren. Wie lange noch, weiß er nicht. Dabei würde er sein Kartenspiel liebend gerne mit dem Berghain zusammen vermarkten, nicht gegen den Club.

"Absolut, dazu wäre ich bereit."

Denn am Ende sei alles eine Hommage an eine Legende der Techno-Szene, sagt er. Aber der ganze juristische Ärger habe die Stimmung dann doch ziemlich versaut.

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Beitrag von Sebastian Schöbel

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Da erkennt man das spießerhafte Gehabe der "hippen" Gesellschaft.

  2. 4.

    Das ist der Lauf der Welt: Am Anfang ist man noch cool, nonkonform und avantgardistisch, am Ende geht's nur noch um Kohle, entsprechend lukrative und mediengerechte Selbstvermarktung und die Gerichtsprozesse, die man deshalb anstrengt. Ganz am Ende kommen nur noch Touristen.

  3. 2.

    Was ist cool an einem Laden, bei dem man eine Stunde anstehen muß, um dann zu erfahren, daß man nicht reinkommt?
    Irgendjemand, ich weiß nicht wer, sagte mal ganz richtig: "Das ist Kult ist ein anderes Wort für das ist Scheiße".
    Da hilft auch so eine bunte Türsteherfigur nix.

  4. 1.

    Das Stadtbad Wedding ist längst Geschichte: abgerissen, der Neubau-Wohnblock darauf ist auch schon bald fertig... für den Fall, dass sich da jemand neugierig hinbegeben wollte...

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