Hoher Andrang wegen Grippewelle* - Sieben Stunden Wartezeit in der Kindernotaufnahme

Die Kindernotaufnahme in Berlin (Quelle: Jürgen Ritter/Imago)
Audio: Inforadio | 07.03.2018 | Oliver Soos | Bild: Jürgen Ritter/Imago

Die Grippewelle ist diesen Winter besonders heftig. Auch die Kindernotaufnahme der Berliner Charité ist deswegen überlastet. Pflegerinnen und Ärztinnen sind gestresst - teilweise auch wegen der Eltern. Von Oliver Soos

15 Kinder sitzen mit ihren Eltern im Foyer der Kindernotaufnahme des Virchow-Klinikums in Berlin-Wedding. "Grippe? Nein, deswegen sind wir bestimmt nicht hier", sagt eine Mutter. Andere schütteln, auf die Grippewelle angesprochen, entrüstet den Kopf. "Das sind typische Aussagen", sagt der Leiter der Kindernotaufnahme, Alex Rosen. "Die Eltern kommen nicht wegen Grippe. Sie kommen, weil ihr Kind Gliederschmerzen hat, weil es Probleme hat, zu atmen oder weil es hohes Fieber hat, das sie nicht in den Griff bekommen. Wir Ärzte stellen dann die Verdachtsdiagnose einer Grippe, nachdem wir uns das Kind angeguckt haben", so Rosen.

Extreme Wartezeiten und kranke Ärztinnen

Normalerweise behandelt die Kindernotaufnahme des Virchow-Klinikums etwa 80 Kinder pro Tag, jetzt während der Grippewelle sind es 120. Nur die wenigsten brauchen tatsächlich eine ärztliche Behandlung. Alex Rosen schätzt, dass mehr als zwei Drittel der Kinder mit einem grippalen Infekt zu Hause behandelt werden könnten, mit Ibuprofen oder Paracetamol und indem sie viel trinken. Etwa zehn bis 15 Prozent bräuchten ärztliche Behandlung, zum Beispiel wegen einer schweren Lungenentzündung.

Während der Grippewelle häufen sich auch beim Personal des Virchow-Klinikums die Krankheitsfälle. Deshalb kommt es an Wochenenden und abends, wenn die Arztpraxen geschlossen sind, zu extrem langen Wartezeiten in der Kindernotaufnahme. "Gerade Patienten mit einfachen Zeichen eines grippalen Infekts müssen manchmal bis zu sieben Stunden warten, weil immer wieder akutere Notfälle dazwischen kommen", sagt Rosen. "Wir behandeln nicht den, der zuerst kommt, sondern nach der Schwere der Erkrankung oder Verletzung."

Eltern werden teilweise aggressiv

Manche Eltern wollen das nicht einsehen. Im Foyer der Notaufnahme spielen sich deshalb immer wieder unschöne Szenen ab. "In den Abendstunden kommt es regelmäßig vor, dass Eltern herumschreien und das Pflegepersonal und die Ärzte körperlich angehen", erzählt Alex Rosen. Die Polizei ermittelt gegen einen Mann, der wütend das Klinikum verließ und ankündigte, mit einer 6-Millimeter-Waffe wiederzukommen, weil er der Ansicht war, dass sein Kind nicht schnell genug drankam. Skurrilerweise hatte der Mann seine Krankenkassenkarte mit seinen Daten bereits einscannen lassen.

Doch auch wenn die Situation manchmal angespannt ist, würde Alex Rosen unsicheren Eltern niemals raten, das Kind auf jeden Fall zu Hause zu lassen: "Wir würden uns natürlich wünschen, dass die Eltern den Weg in eine Kinderarztpraxis finden oder jenseits der Praxisöffnungszeiten zum kinderärztlichen Notdienst."

Auch an die Politik hat der Leiter der Kindernotaufnahme des Virchow-Klinikums einen Wunsch: einen strategischen Plan für die Zeit der Grippewelle - denn Grippewellen seien schließlich vorhersehbar.

Beitrag von Oliver Soos

15 Kommentare

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  1. 14.

    Das war im Westen übrigens genauso ;-)Zumindest in dem Teil, aus dem ich komme. Mittlerweile ist nichts mehr wie früher: Die Ärzte sind mit der Versorgung der Generation 60+ bereits an den grenzen der Belastbarkeit, von einem normalen Gehalt kann man keine Familie mehr ernähren und obwohl die Bevölkerung nicht wesentlich gewachsen ist, gibt es keine Wohnungen mehr.
    Ich ziehe daraus den Schluss, dass der kapitalistische Westen genauso im Prozess des Niedergangs ist, wie es die sozialistische DDR war.
    Aber zurück zum Thema: Viele Eltern hier (insbesondere in Prenzlauerberg)haben nicht alle Tassen im Schrank. Sorry für die Wortwahl.
    Ich stand mal hinter einer Mutter beim Kinderarzt, die meinte allen Ernstes ihr Zweijähriger habe jetzt schon seit 2 Tagen 38 Grad Fieber und da müsse dringend mal ein Arzt draufschauen. Man kann daran nichts ändern, die Leute leben halt in einer Parallelwelt.

  2. 13.

    Da kommen m.E. mehrere Umstände zusammen. Helikopter Eltern die sich lieber Video Tutorials angucken anstatt auf den offensichtlich abhanden gekommenen "gesunden Menschenverstand" zu hören.

    Immer mehr ICH Menschen die meinen die Sonne drehe sich nur um sie selbst mit 24 Stunden Rundumversorgungsanspruch.

    Aber zum Teil auch der hausgemachte und auch tatsächliche Pflegenotstand in den Krankenhäusern.

  3. 12.

    Als ich noch ein kleiner Mann war - das war im Osten der Stadt, in den 70ern - kann ich mich gut erinnern, dass unser Kinderarzt Sprechstunden in der Praxis hatte und auch Hausbesuche machte. Ein krankes Kind mit womöglich hohem Fieber gehört ins Bett und nicht auf die Straße oder in eine verhustete und verrotzte Praxis. Nun kann man allerdings die damalige spitzenmäßige medizinische Versorgung in der DDR mit dem heutigen Notstand nicht vergleichen.
    Zum Thema "Hysterie": Es mag an der heutigen Zeit liegen, dass bei vielen Menschen aufgrund optimierter Lebensführung bei geringen Abweichungen mit hohem Zeitaufwand die Nerven blank liegen. Auch ich saß einmal 6 Stunden (geduldig) in der Notaufnahme. Dort habe ich auch einmal einen ungehaltenen Oppa erlebt. Ich war fassungslos. Schließlich konnten alle Wartenden sehen, dass das Personal unermüdlich am Ackern war und keinen Kaffeeklatsch hielt. Hier mal meine Hochachtung ggü. den Ärzten, Schwestern und Pflegern solcher Einrichtungen!!!

  4. 11.

    Der kassenärtzliche Notdienst (116 117) empfiehlt einem bei kranken Kindern die Notaufnahme oder den Notruf 112.

    Soll das unhystherische Eltern abschrecken um Kosten zu sparen?
    Statt als Eltern auf dem Krankenhauspersonal bzw. umgedreht rumzuhacken, könnte man auch mal den Fehler suchen...

  5. 10.

    Es gibt tatsächlich nix für Kinder. Einen PRIVATärztlichen Bereitschaftsdienst habe ich also mal nächtens nach Zehlendorf geordert, sonst hätte man nur das KH aufsuchen können.
    Ist natürlich völlig schwachsinnig, dass die KV keinen Kinderarzt (mehrere, viele...) rumschickt, abends, nachts, mittwochs nachmittags, am WE. Da stellt sich die Verwaltung selber ein Bein.

    Aber das sind ja Einsätze bei echten, nächtlichen Notfällen - die Sache mit dem "Krankenschein abholen müssen" ist halt immer mit ausführlichem Arztbesuch verbunden (gehst mit gripp. Infekt hin, kommst mit Noro zusätzlich wieder raus...).
    Da könnte man vieles verbessern, sehr vieles.

  6. 9.

    Hallo Simon,

    meines Wissens nach gibt es in Berlin keinen Bereitschaftsarzt für Kinder der Hausbesuche macht. Bei Erwachsenen ist das anders. Welchen Bereitschaftsdienst meinst du?
    Danke.

  7. 8.

    Einfach den ärztlichen Bereitschaftsdienst anrufen und zu hause 2 Stunden warten anstatt die Notaufnahme mit Kleinigkeiten zu blockieren. Da gehören Notfälle hin und nicht Kinder die einen grippalen Infekt habe.

  8. 7.

    Mag durchaus so sein das manche Eltern uberreagieren, aber die Tatsache bleibt das Kinderarzt Praxen auch überfüllt sind.
    Zu wenig Ärzte, zuviele Kinder u.s.w.
    Was soll man denn da machen.
    Es ist wie auch bei den Behörden, keiner ist auf solche Massen eingestellt.
    Eingespart würde jahrelang mit aller Gewalt.
    Nun sieht man den Erfolg der Jahrzehnte langen
    Verseumnisse
    Alles hausgemacht.

  9. 6.

    Genauso sieht es aus wenn die Kinder mit leichtem Fieber und Husten zu Hause bleiben müssen, habe ich als Vater gar keine andere Wahl als zum Kinderarzt zu gehen um eine Krankschreibung aufs Kind zu bekommen, da ich nämlich sonst A kein Geld bekommen würde und B unentschuldigt der Arbeit fern bleiben würde!Welches dann im günstigsten Falle eine Abmahnung bedeutet oder im schlimmsten Falle die FRISTLOSE Kündigung.....

    So und den Fall hab ich erst seit gestern wieder mit meinem fast 3 jährigem Sohn der stark hustet und völlig verrotzt ist und so nicht mal von der Kita angenommen werden würde...verschreinen wurde ihm natürlich außer Hustensaft nichts was auch ok ist.....Das man dazu auch nur ganze 10 Krankheitsage im Jahr hat pro Elternteil für 70% Krankengeld der Krankenkasse kommt noch hinschwerend hinzu.....

  10. 5.

    Es soll Frauen und Männer geben, die arbeiten gehen. Damit müssen sie ab Tag EINS der Krankheit, wenn das Kind nicht in die Betreuung/Schule geschickt werden darf (dort werden fiebernde Kinder gottseidank seuchenpolitisch abgelehnt..), einen Krankenschein vorlegen beim Arbeitgeber. Also müssen sie zum Kinderarzt. Damit blockieren sie dort die Plätze. Der Rest muss dann abends ins KH, leider.

    Hausfrauen mit Kindern haben diese Probleme natürlich nicht.

  11. 4.

    Der Kommentar trifft voll ins Schwarze - DANKE!

    Mein Vater war Arzt. Wenn uns Kindern mal die Nase lief, wir aber kein Fieber hatten, gab es kein Pardon - ab in die Schule! Simluanten und Wichtigtuer- Eltern (sofern es die überhaupt gab) hatten bei ihm keine Chance. Leider, leider sehen sich heute engagierte Ärzte mit Blick für die Realität hypernervösen Eltern ausgesetzt, die in ihrem Mikrokosmos glauben, daß die Sonne sich auschließlich um sie dreht.

  12. 3.

    Helikopter Eltern nennt man das gegenwärtige Phänomen. Für jeden Pups beim Kind zum Arzt laufen und die wirklich ernsten Fälle behindern. So was gab es zu unserer Zeit nicht. War selber als Kind so gut wie nie beim Arzt. Das sind übrigens die selben Eltern, die vor den Schulen alles vollparken, weil der Sprössling nicht zu Fuß gehen darf.

  13. 2.

    Da bin ich nicht ganz Ihrer Meinung. Klar gibt es auch eine Unterversorgung, aber Bei Erkältungs- und Grippesympthomen kann man Umschläge machen, viel trinken, schlafen und auch Fiebersenkende Mittel geben. Aber die heutigen Eltern haben dieses Wissen wohl nicht mehr und es ist ja auch einfacher bei jeder Kleinigkeit in die Notaufnahme zu rennen.
    Viele Eltern und sonstige Erwachsene blockieren mit Ihren geringe Wehwehchen die Notaufnahmen für wirklich kranke Menschen nur weil Sie keine Lust haben bis Montag zu warten oder auf den nächsten Tag und dann die Praxen aufzusuchen oder den Ärztenotdienst anzurufen um zu erfahren welchen Praxis Notdienst hat.

    Ich bin selbst Mutter zweier Kinder und weis also von was ich Rede....auch wenn diese jetzt schon erwachsen sind.

  14. 1.

    In den Kinderarztpraxen sieht es so viel besser leider auch nicht aus. Es gibt eine gravierende Unterversorgung! Daran sind weder Ärzte noch Eltern schuld.

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