Teilnehmerinnen bei "Meet a Muslim" in Berlin am 26.03.2018 (Quelle: rbb/Ariane Böhm)
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Video: rbb|24 | 27.03.2018 | Ariane Böhm/Klaas-Wilhelm Brandenburg | Bild: rbb/Ariane Böhm

"Meet a Muslim" in Berlin - "Ich fand, ich habe zu wenige Muslime im Freundeskreis"

Muslime treffen auf Nicht-Muslime und haben acht Minuten Zeit, sich kennenzulernen – das ist das Konzept von "Meet a Muslim" in Berlin. Das Speed-Dating funktioniert – aber die Rahmenbedingungen zeigen, wieviel es noch zu tun gibt. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Montagabend, ein edles Restaurant in Berlin-Mitte. Aus den Lautsprechern erklingt leise Klaviermusik – außer in einem kleineren Nebenraum des Lokals. Dort ist es zu laut, als dass man noch die Hintergrundbeschallung hören könnte, denn zwölf Leute sitzen an einer langen Tafel und unterhalten sich rege miteinander – dabei kannten sie sich bislang nicht.

Es ist die dritte Ausgabe von "Meet a Muslim" in Berlin. Hier sollen sich Muslime und Nicht-Muslime bei einer Art Speed-Dating kennenlernen – nur, dass am Ende keine Liebesbeziehung stehen soll, sondern ein gutes Gespräch und im besten Fall noch ein paar abgebaute Vorurteile. Acht Minuten Zeit hat jedes Paar, dann wird gewechselt – so lange, bis jeder Muslim mal mit jedem Nicht-Muslim gesprochen hat.

Betül Ulusoy im Gespräch mit Klaas-Wilhelm Brandenburg (Quelle: rbb/Ariane Böhm)
Betül Ulusoy ist eine der drei Organisatoren von "Meet a Muslim" | Bild: rbb/Ariane Böhm

Initiatorin Ulusoy wurde durch Streit um Neutralitätsgesetz bekannt

Betül Ulusoy ist einer von drei Köpfen hinter der Veranstaltung. Die türkeistämmige Juristin und Bloggerin wurde bundesweit bekannt, als sie 2015 eine Debatte um das Berliner Neutralitätsgesetz auslöste. Sie wollte ein Referendariat im Bezirksamt Neukölln machen und im Dienst nicht auf ihr Kopftuch verzichten, später bezeichnete sie sich selbst als "Kopftuch-Juristin".

Die Bezirksverwaltung - besonders die damalige Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) - fand das problematisch, bot ihr die Stelle nach einem längeren Hin und Her am Ende aber an. Weil Ulusoy das Referendariat dann doch nicht antrat, warfen ihr der Neuköllner SPD-Abgeordnete Fritz Felgentreu und der stellvertretende Bezirksbürgermeister Falko Liecke (CDU) vor, den Fall öffentlich instrumentalisieren zu wollen. Ulusoy stritt das ab.

"Ich fand, ich habe zu wenige Muslime im Freundeskreis"

Inzwischen bereitet sich die 29-Jährige auf ihr zweites Staatsexamen vor, gibt nebenbei Kurse im Staats- und Organisationsrecht. "Ich war einmal an der HU und habe dort ein Seminar gegeben, für Lehramts-Studierende im Master-Studiengang", erzählt sie. "Dort hab ich gefragt: Wie viele von Euch haben einen muslimischen Bekannten? Von ungefähr 60 Leuten haben sich drei gemeldet." Da war ihr klar: Daran muss sich etwas ändern.

Durch einen Zufall lernte sie Karla Schönicke kennen, eine gläubige Christin, die bewusst Lust auf Neues hatte: "Ich fand einfach, ich habe zu wenige Muslime oder generell diverse Leute in meinem Freundeskreis." Deshalb trafen sich Ulusoy und Schönicke auf einen Kaffee, redeten lange miteinander über den Glauben und Alltägliches - "und so sind wir darauf gekommen, dass man einfach zusammen ins Gespräch kommen muss."

Karla Schönicke im Gespräch mit Klaas-Wilhelm Brandenburg (Quelle: rbb/Ariane Böm)
Karla Schönicke ist gläubige Christin | Bild: rbb/Ariane Böm

"Wir wissen, dass wir Hardliner nicht erreichen werden"

Sie lasen von einem Event in Melbourne, bei dem sich Muslime und Nicht-Muslime treffen. Das fanden sie gut, wollten dem Ganzen aber noch einen eigenen Dreh geben. "Speed-Dating fanden wir super, damit man verschiedene Perspektiven kennenlernt", sagt Schönicke. Und so war "Meet a Muslim" in Berlin geboren.

"Wir wissen, dass wir Hardliner damit nicht direkt erreichen werden", gibt Karla Schönicke zu. Das sei aber auch nicht das Ziel: "Wir wollen die Leute ansprechen, die sowieso schon ein bisschen offener sind, aber vielleicht noch keinen Raum gefunden haben, um ihre Fragen loszuwerden." Diese könnten dann ihre Erfahrungen aus den Gesprächen in ihre Freundeskreise oder Familien tragen, "und dann haben sie vielleicht auch etwas zum Kontern, wenn der rassistische Onkel etwas sagt."

Der Ort des Treffens bleibt geheim - zur Sicherheit

Am Montagabend geht es in den Gesprächen allerdings oft gar nicht direkt um Glauben oder nicht Glauben, um Islam oder Nicht-Islam. Stattdessen um alltägliche Sachen: Wo wohnst Du, was machst Du so in Deiner Freizeit, warum bist Du heute hier – so wie auf vielen WG-Partys. Trotzdem wird die Vielfalt innerhalb des Islams deutlich: "Ich habe auch mit einigen Muslimen Meinungsverschiedenheiten", gibt eine muslimische Teilnehmerin zu, die ihren Namen nicht veröffentlicht haben will.

Dennis bei "Meet a Muslim" im Gesrpäch mit Klaas-Wilhelm Brandenburg (Quelle: rbb/Ariane Böhm)
Bild: rbb/Ariane Böhm

Die Angst mancher Muslime, in der Öffentlichkeit erkennbar zu sein, macht dann doch wieder deutlich, dass der Islam in Deutschland immer noch ein schwieriges Thema ist – genauso wie die Tatsache, dass der genaue Ort des Treffens nicht öffentlich bekanntgegeben wurde. "Ich finde es schon bezeichnend, dass man das nicht konnte, weil befürchtet werden musste, dass vielleicht sonst Übergriffe auf die Veranstaltung stattfinden", sagt Matthias Danieli. Der 21-Jährige ist ein nicht-muslimischer Teilnehmer.

Pünktlich vor dem Ramadan gibt es das nächste Treffen

"Meet a Muslim" will gegen den Hass Worte setzen. Zumindest an diesem Montagabend sieht es so aus, als würde das klappen: Nach dem offiziellen Teil des Speed-Datings bleiben alle noch lange sitzen und reden weiter miteinander – nicht nur, weil sie erleichtert sind, die Zeitbegrenzung los zu sein. Manche tauschen fleißig Handynummern und E-Mail-Adressen aus. In etwa zwei Monaten gibt es dann das nächste Mal "Meet a Muslim" – pünktlich vor dem Ramadan.

Hinweis: Wir haben nach der Erstveröffentlichung des Artikels noch Informationen zu Betül Ulusoy ergänzt.

Sendung: radioBerlin 88,8, 27.03.2018, 08:50 Uhr

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Kommentar

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13 Kommentare

  1. 13.

    Ich bin libaral Muslim und sage: ich glaube nicht an Allah, sondern ich glaube an das, was Allah genannt wird. Mir wurde ein Glaube „gegeben“, der über alle Religionen steht weil Allah nicht das Eigentum einer Religion ist, sondern alle Religionen - wie alles andere - gehören Allah. Mich interessiert die Antwort auf meine Frage: Darf ich mich Muslim nennen ?

  2. 12.

    Jahrelang noch in der Kirche gemeldet gewesen und somit Kirchensteuer gezahlt, ohne sich noch as "gläubig" zu bezeichnen. Irgendwann ausgetreten. Also war ich technisch vorher immer noch Christ, ja.

  3. 11.

    Karla Sch. ist gläubige Christin. Gibt's auch ungläubige Christen?

  4. 10.

    Wolfgang:
    Wolfgang setzt sich zusammen aus germanisch *wolfa/wulfa, Wolf, und althochdeutsch ganc, Gang, Gehen, Waffengang, Streit, und bedeutet in etwa „der mit dem Wolf (in den Kampf) geht“.[1][2]

    Jacob Grimm versteht den Wolf hier als magisches, heiliges (und von Wotan geschätztes) Tier, das den Sieg im Kampf weissagt, und entsprechend Wolfgang (latinisiert Lupambulus) als „Heldennamen“ mit der Bedeutung ‚Held, dem der Wolf des Sieges vorangeht‘.[3

    Quelle Wikipedia

  5. 9.

    Amen :
    Das hebräische Wort Amen stammt aus der jüdischen Bibel.
    Später wurde dieses im christlichen Alten und Neuen Testament übernommen und noch später in den Islam getragen.
    Die Formel ist daher auch im Gebet und Gottesdienst von Christen und Muslimen üblich und einer der Begriffe, die in identischer Form im Christentum, Judentum und Islam verwendet werden.
    Mahlzeit-------

  6. 7.

    So ein Blödsinn !

    Weniger AGITATION , mehr Journalismus.
    Steckt euch das künstliche Bereitstellen und Verstärken von Meinungen
    Das nimmt euch eh keiner ab!

  7. 6.

    Den Hinweis von @glatzel möchte ich mal realitätsbezogen präzisieren: Sobald eine muslimische Frau mit einem christlichen Mann anbandeln will, wird es in der Tat problematisch. Das darf sie nicht, das ist explizit muslimischen Männern vorbehalten; qua Geschlecht genießen sie den Vorteil der "freien" Auswahl, die allerdings ebenfalls ihre Beschränkungen kennt: sie dürfen alle Frauen der Welt heiraten, sofern sie einer Buch-Religion - also der christlichen, jüdischen oder muslimischen - angehören. Muslimische Frauen hingegen dürfen nur Muslime heiraten. Hier ist Islam Islam und nicht elastisch, so wie das in anderen Bereichen ja der Fall sein mag. Deswegen ist bei diesen Treffen etwas Wichtiges schlicht tabu: nämlich das Verlieben in sonstwen, und das markiert eine klare Grenze zwischen den Traditionen und Kulturen. Auch dafür steht das Kopftuch, es weist nach rückwärts, weil es eben auch deutliche Ausschlüsse in der privaten und gesellschaftlichen Lebensführung demonstrieren soll.

  8. 5.

    Mir machen alle Gläubigen Angst.
    Für mich ist es eine Art Schizophrenie, die der Staat hier pflegt und hegt.
    Bei einigen Religionen ist diese gestörte Wahrnehmung ausgeprägter als bei anderen.
    Im Mittelalter was es in Europa ausgeprägter als heute. Allerdings ist es heute wieder ausgeprägter als vor 25 Jahren, eine Art Krankheitsschub der Gesellschaft.
    Mit Gott lässt sich in Deutschland vor einem Strafgericht nur noch sehr wenig rechtfertigen.
    Im Prinzip beschäftigen sich die Gläubigen schon zu Lebzeiten mit der Zeit nach ihrem Tod. Und ja, wer ewig leben will, der muss einen Glauben haben wie es nach dem Tod weitergeht.
    Und vor allem: Die Gläubigen sind nicht zufriedener als ich.

  9. 4.

    Den selben Vor- oder Nachteil, wie wenn sie irgendwen anderes kennenlernen - wenn man sich sympathisch ist, empfindet man diese Begegnung als Bereicherung, wenn nicht eben nicht.

  10. 2.

    Für den Fall, dass aus so einem Treffen mehr wird, vermisse ich den Hinweis, daß Ehen mit Moslems und Nichtmoslems problematisch werden könnten.
    Zurückhaltend formuliert, gibts beim Frauenbild und generell zum Grundgesetz gewisse Inkompatibilitäten.

  11. 1.

    Welchen Vorteil soll es haben, wenn wir "Ungläubige" Muslime treffen? Ich kann ganz gut ohne sie Und wenn mancher auch meint, dass Muslime eine Bereicherung für uns sind, dann kann ich von mir behaupten, ich habe schon genug und sich ständig zu bereichern, ist auch nicht so doll!

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