Polizisten räumen ein Haus am 16.04.2018 in der Kameruner Straße/Ecke Lüderitzstraße. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Video: Abendschau | 16.04.2018 | Kerstin Breinig | Bild: dpa/Paul Zinken

Berlin-Wedding - Polizei holt 44 Menschen aus verwahrlostem Haus

Vermüllt, kein fließend Wasser, Ratten im Hof: Wegen unhaltbarer hygienischer Zustände hat der Bezirk Mitte am Montag ein Haus räumen lassen. Der Eigentümer lässt das Gebäude verfallen - über die Motive kann der Bezirk nur spekulieren.

Das Bezirksamt Berlin-Mitte hat am Montagvormittag ein Haus in der Kameruner Straße Ecke Lüderitzstraße räumen lassen. 120 Beamte waren nach Angaben der Polizei in Amtshilfe für das Bezirksamtes im Einsatz.

Das Bezirksamt teilte mit, die Räumung des Gebäudes Kameruner Straße 5/Ecke Lüderitzstraße 22 sei "zwingend erforderlich" geworden, um die Gesundheit der Bewohner zu schützen. Die Aktion diene, so wörtlich, der Gefahrenabwehr.

Die Einsatzkräfte, die aus hygienischen Gründen weiße Schutzanzüge trugen, betraten das Haus am Morgen gegen 9.00 Uhr. Insgesamt mussten nach rbb-Informationen 44 Menschen, darunter zwei Kinder, ihre Wohnungen verlassen. Sie sollen übergangsweise zunächst bei Bekannten und Angehörigen unterkommen.  

Müll und Ratten

Nach Ansicht des Bezirksamtes war die Wohnsituation in dem Haus prekär. rbb-Recherchen hatten zuvor ergeben, dass sich Müll im Hof stapelte und es Rattenbefall gab. In vielen Wohnungen lebten Menschen aus osteuropäischen Ländern, vor allem aus Bulgarien, ohne legale Mietverträge. Der letzte offizielle Mieter hatte das Haus vor wenigen Tagen freiwillig verlassen.

Das Haus verfällt zusehens. Der Vermieter - nach rbb-Informationen ein 70-jähriger früherer Chefarzt einer Klinik für Nuklearmedizin - hatte zwar eine Komplettsanierung versprochen, aber nicht eingehalten. Auch in anderen Stadtteilen besitzt er Immobilien, die verfallen: darunter Friedenau, Wilmersdorf, Charlottenburg, Moabit und Lichterfelde. Den Berliner Behörden haben jedoch rechtliche Schwierigkeiten, um gegen die Verwahrlosung vorzugehen.  

Kein Frischwasser im Haus

"Der Bezirk hat seit geraumer Zeit den Dialog zum Eigentümer des Grundstückes gesucht und hierbei versucht, auf die Abarbeitung dringend erforderlicher Instandsetzungsmaßnahmen am Gebäude hinzuwirken", erklärte der Bezirksstadtrat von Mitte für Stadtentwicklung, Ephraim Gothe, am Montag zu der Immobilie in Wedding. Der Gesamtzustand des Grundstückes habe sich jedoch nicht wesentlich verbessert. Inzwischen könne das Haus nicht einmal mehr mit Wasser versorgt werden.

"Das war eine für alle unerträgliche Situation", sagte Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) am Montag. Wegen Fristen und Anordungsandrohungen habe alles etwas länger gedauert als gewünscht.

Jetzt habe das Bezirksamt dem Eigentümer mitgeteilt, dass das Haus unbewohnbar sei, so Gothe. Den Bewohnern sei die Nutzung des Gebäudes untersagt worden. "Mit den heute angewandten Zwangsmaßnahmen wurden nunmehr die auf dem Grundstück lebenden Bewohnerinnen und Bewohner auch zu deren Schutz aus den Gebäuden geholt."

Polizisten desinfizieren sich nach ihrem Einsatz in einem illegal bewohnten Haus an der Kameruner Straße am 16.04.2018. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Polizisten in Schutzeinzügen vor dem Haus in der Kameruner Straße | Bild: dpa/Paul Zinken

Eingänge werden verschlossen

Die Hausbewohner konnten am Montag ihr Hab und Gut mitnehmen. Sie dürfen die Wohnungen aber künftig nicht mehr betreten, sagte eine Polizeisprecherin. Nach der Räumung wurden Zugänge zum Haus mit Holzplatten verschlossen.

Einsatzkräfte nahmen in einem Zelt vor dem geräumten Haus die Personalien der Menschen auf. Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel sagte, es werde geprüft, wer gegebenenfalls Anspruch auf eine Unterbringung hat. Mehrere Familien mit Kindern wurden demnach bereits zu einem früheren Zeitpunkt aus dem Haus geholt und im Rahmen der Kältehilfe untergebracht.

Motive des Eigentümers unklar

Nach der Räumung sollte es eine Bestandsaufnahme im Inneren geben, wie es vom Bezirksamt hieß. Im Dialog mit dem Eigentümer solle dann versucht werden, "die Wohnungen in dem Gebäude wieder Wohnzwecken zuzuführen".

Die Motive des Eigentümers sind bislang unklar: "Das ist für uns das große Rätsel, ob er das bewusst toleriert und davon vielleicht auch noch finanziell profitiert - oder ob er einfach überfordert ist", sagte von Dassel. Der Bezirk habe schon lange angeboten, das Haus mit einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft zu übernehmen - ohne Erfolg.

Verwahrlostes Haus in Berlin-Wedding geräumt

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen.

28 Kommentare

  1. 28.

    Wir können Sie ja gleich mal enteignen, wir finden was...
    Wir leben in einem Rechtsstaat, ohne Anzeige keine Tat. Ohne Tat keine Strafe. Noch fragen? Ich mein ja nur...

  2. 27.

    Eigentum verpflichtet
    Hier in Berlin leider schon lange nicht mehr.
    Eigentum tut hier nur Eines, Geld verdienen.

  3. 26.

    Sagt doch eben im Inforadio-Interview der Bezirksstadtrat von Mitte für Stadtentwicklung, Ephraim Gothe, ihm sei kein anderes Haus (des gleichen Eigentümers) im Bezirk bekannt. Was jenseits des Bezirks passiert, interessiert offenbar keinen. Dass der Eigentümer mehr als ein Dutzend verwahrloste Immobilien besitzt. Nein, das ist wieder mal ein netter Mensch, akademischer Hintergrund (!) wie Gothe sagte, was offenbar alles entschuldigt, der nicht fähig ist, ordentliche Verwalter zu finden. Hallo? Bei ü 12 Immobilien?? Dann verkauf ich den Mist und mach einen auf dicke Hose für den Rest meines Lebens - aber ich lasse doch nicht Immobilien in den besten Lagen verlottern! Ein paar Sachen muss man auch als Mann und Akademiker im Griff haben - Häuser beispielsweise. Sonst muss man sich halt von der Last befreien.

    Und Senatens wünsche ich weiter Scheuklappen so groß wie Suppenteller...

  4. 25.

    Das ist schon interessant, dass der Senat sich nicht in er Lage sieht, im Rahmen der Gefahrenabwehr für Gesundheit, Leib und Leben einzuschreiten. Sieht man den Eifer mit dem etwa Bäume abgesägt werden, die obwohl gesund möglicherweise einen Ast verlieren könnten. Die Gefahr, die von diesen Häusern ausgeht ist wohl um ein Vielfaches höher und genau so könnte man sicher im Rahmen der Ersatzvornahme, den Sicherungsaufwand wie auch die Instandsetzung vornehmen lassen und insofern dass die Kosten nicht ersetzt werden, den Grundbesitz versteigern lassen. Man sollte auch mal die Geschäftsfähigkeit des Eigentümers prüfen. Möglicherweise, wenn man die Immobilien so sieht, ist diese doch erheblich eingeschränkt. Da könnte ein Vormund hilfreich sein.

  5. 23.

    Bei der Inaugenscheinnahme des Beitrags scheinen ihnen einige Informationen entgangen zu sein.
    Was kommt als nächstes? Ein Spendenaufruf zugunsten des Vermieters?

  6. 22.

    Das Haus war nicht "illegal besetzt", sondern illegal vermietet - also hat der Eigentümer ohne gültige Mietverträge offensichtlich Wucherpreise verlangt, sieht man sich den Zustand des Hauses an.

    In einem besetzten Haus zahlt keiner Miete, hier ist das offensichtlich aber sehr wohl geschehen.

  7. 21.

    Im Abendschaubericht ist von möglichen Mietzahlungen die Rede. Da keine Hausverwaltung existiert, könnten unversteuerte Zahlungen geflossen sein. Auch bei seinen anderen Häusern? Also könnte der Anfangsverdacht der Steuerhinterziehung gegeben sein. Der Senat braucht einen Hebel zur möglichen Entziehung/ Beschlagnahme? Hier ist er. Man muss nur wollen. Mal sehen ob der Eigentümer immer noch so cool ist, wenn die Steuerfahndung einrückt.

  8. 19.

    Mann darf seine Wohnung nicht untervermieten, da rückt gleich der GV mit Polizei und Feuerwehr an.
    Aber wenn solch ein "grossinvestor" sein Eigentum/unser Volksvermögen verrottenlässt ist der "Staat" machlos?
    Verlogen bis unter das schwatze vom Zehnagel.

  9. 18.

    zwei Dinge bitte nicht vermischen-

    zum einen war das Haus illegal besetzt und wurde geräumt

    zum anderen sollte der Eigentümer nunmehr eine Hilfe in Anspruch nehmen um seine neun Häuser so zu verwalten, nach Abzug der Erbschaftssteuer, das ihm vielleicht zwei übrig bleiben mit denen er und die Mieter sich wohl fühlen-

    und wohnen die Besetzer jetzt wieder im Tiergarten da nun das Wetter passt?

  10. 17.

    nur weil es für dich nach Roten Terror klingt, ist es das aber nicht - Enteignung ist in der BRD juristisch in vielen Fällen möglich

  11. 16.

    Enteignung heißt auch, die Schönheit unserer Stadt zu bewahren, Altbau gegen kalten modernen vielleicht biliigerenStahl-und-Beton Gebäude zu bewahren. Der Eigentümer hat auch Verpflichtungen, und die heißen: Haus in gutem Zustand halten, Nachbarn respektieren, Gefahr für die Passanten vermeiden, und und und.
    Wenn er das nicht macht, finde ich Enteignung eine gute und gerechte Lösung.

  12. 15.

    Ich ging von dem äußeren Erscheinungsbild des Hauses aus und bei den Bewohnern fühlte ich mich an ähnliche Berichte zu dieser Problematik aus Esse, Dortmund, Köln... erinnert.

  13. 14.

    "Enteignung" klingt in meinen Ohren nach "Rotem Terror" nach der Oktoberrevolution, nach "Umgestaltung" nach 1945 auf dem Gebiet der (zu gründenden und später gegründeten) DDR. Daher finde ich eine Enteignung problematisch.

  14. 13.

    In Hamburg übernimmt in solchen Fällen die Stadt die Zwangssanierung. Die dann wieder fließenden Mieteinnahmen an den Eigentümer werden anschließend mit den Sanierungskosten verrechnet. Diese vielen Leerstände hier sind einfach nicht mehr hinnehmbar.

  15. 12.

    Wie wäre es denn wenn sich der Gesetzgeber mal hinsetzt und entsprechende Gesetze macht die so etwas verhindern. Solche Vorfälle sind für die Allgemeinheit schädlich (Ratten, Ungeziefer etc. )und Politiker werden auch dafür vom Bürger gewählt solchen Gegebenheiten entgegenzuwirken! Das ist ungenutzter Wohnraum in einer Stadt die dringend Wohnungen benötigt!

  16. 11.

    Das benannte Haus, Ingolf aus Cottbus, rottet seit Jahren vor sich hin - wie beschrieben, ist der letzte reguläre Mieter kürzlich ausgezogen. Daher gibt es dort weder fließend Wasser noch fährt die Müllabfuhr das Haus an. Also hat es nichts, aber auch garnichts mit dem jetzigen "Klientel" zu tun! Im Gegenteil: Gerade deren Lage hat der Vermieter schamlos ausgenutzt! Ich kennen von anderen Standorten benannte Probleme - aber in diesem konkreten Fall trifft dies einfach - wenn überhaupt - nur sehr bedingt zu.

  17. 10.

    Von außen sieht das Haus so schlecht nicht aus. Das es dennoch innen einen so verwahrlosten Eindruck macht liegt vielleicht auch an dem Klientel der Bewohner (auffälliger weise vor allem aus Bulgarien). Die Freizügigkeit durch das Schengener Abkommen hat halt nicht nur Vorteile, vor allem dann, wenn sämtliche Regeln dabei vernachlässigt werden.
    Diese Art Häuser dürfte es in Berlin viele geben, da bin ich ganz sicher ;-)

  18. 9.

    Da wird sich nix tun, schade, dass die Bezirke untereinander offenbar nicht kommunizieren, denn dann würde keiner mehr Steuergelder investieren, um den Eigentümer zu irgendwas zu veranlassen... der tut nix. Wenn er dann auch noch so alt wird wie Mutti, wird er noch weitere 30 Jahre nix tun. Wer erbt eigentlich so was, wo es keine Erben gibt? Boshaft wird er dann diesen Schrott in 30 Jahren dem Senat vermachen. Außer Spesen nix gewesen, wie immer. Ich frage mich, wie sein alter Arbeitgeber mit so einem Schlunz klar kommen konnte...

Das könnte Sie auch interessieren

SchülerInnen des Ocean College springen von dem Dreimaster Regina Maris in den Atlantik. (Quelle: rbb/zibb)
rbb/zibb

Video | Ocean College - Eine Schule, die über den Atlantik segelt

Mehr als ein Dutzend Länder besuchen, den Atlantik überqueren und dabei für die nächste Matheprüfung büffeln: 13 Schüler aus Berlin und Brandenburg sind mit dem Ocean College für sechs Monate auf dem Dreimaster "Regina Maris" gesegelt. Ein großes, aber auch teures Abenteuer.