Die Feuerwerker mit "ihrer" Bombe (Quelle: rbb/ Matthias Bartsch)
Video: Abendschau | 20.04.2018 | Antje Tiemeyer | Bild: rbb/Matthias Bartsch

Sperrungen rund um Berliner Hauptbahnhof aufgehoben - Bombe entschärft - Verkehr rollt wieder

Der Zünder ist raus, die 500-Kilo-Fliegerbombe am Hauptbahnhof unschädlich gemacht. 10.000 Anwohner mussten zuvor ihre Wohnungen verlassen, hunderttausende Berliner Umwege in Kauf nehmen.

Die britische 500-Kilo-Fliegerbombe nahe dem Berliner Hauptbahnhof ist erfolgreich entschärft worden. Gegen 13:20 Uhr sprengte ein fünfköpfiges Team von Feuerwerkern des Landeskriminalamtes den Zünder. Er wurde zuvor mit einem Hochdruck-Wasserstrahl aus der Bombe herausgeschnitten. "Es lief bilderbuchmäßig ab", sagte Teamleiter und Polizeioberkommissar Engin Laumer dem rbb.

Die Bombe wurde anschließend zum Sprengplatz in Grunewald abtransportiert, damit sie keinen Schaden mehr anrichten kann.

350 Züge von zeitweiliger Sperrung betroffen

Der rund 75 Jahre alte Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg hatte zuvor das Leben von hunderttausenden Berlinerinnen und Berlinern beeinflusst. Denn der Hauptbahnhof war komplett gesperrt, der Nah- und Fernverkehr musste zwei Stunden lang ruhen. Auch S-Bahnen, Trams und Buslinien konnten die Hauptverkehrsader mitten in der Hauptstadt nicht passieren. Viele Straßen und der Tiergartentunnnel waren ebenfalls dicht.

Viel Arbeit auch für das Bezirksamt Mitte. Dessen Mitarbeiter koordinierten die Evakuierung der rund 10.000 Anwohner in dem 800 Meter großen Sperrkreis rund um die Fundstelle der Bombe. "Es war die größte Evakuierung, an die wir uns im Bezirksamt erinnern können", sagte ein Behördenmitarbeiter. Für viereinhalb Stunden mussten alle Menschen im Sperrkreis ihre Wohnung oder ihren Arbeitsplatz verlassen, an zwei Sammelstellen konnten sie sich mit Snacks und Getränken erfrischen.

Von der Evakuierung betroffen war auch die große Politik: das Bundeswirtschaftsministerium, ein Teil des Bundesverkehrsministeriums und der Bundesnachrichtendienst mussten geräumt werden. Die Mitarbeiter wichen auf andere Behörden-Standorte aus - oder arbeiteten im Home Office. Am Sozialgericht war das schlecht möglich, hier mussten 21 Verhandlungen abgesagt werden.

350 Züge von zeitweiliger Sperrung betroffen

Die Auswirkungen bekamen auch viele Brandenburger zu spüren: Nach Angaben eines Bahnsprechers waren rund 350 Züge von der zeitweisen Sperrung betroffen. Allein sieben RE-Linien mussten umgeleitet werden oder endeten an anderen Bahnhöfen. Das befürchtete Verkehrschaos blieb aber aus.

"Es hätte auch anders ausgehen können"

Nur rund 35 Minuten dauerte dann die eigentliche Entschärfung durch die Feuerwerker des Landeskriminalamtes. Stolz posierten die Männer um Engin Lauber vor der Entschärfung für ein Gruppenfoto vor der Bombe. Die gelernten Polizisten haben sich über mehrere Jahre hinweg für ihren Job weiterbilden lassen, ein erfahrener Einsatzleiter kann bis zu 5.500 Euro im Monat verdienen.

Es ist ein Job mit Gefahrenzulage: Im Jahr 2010 kamen drei Feuerwerker in Göttingen ums Leben, als sie einen chemischen Langzeitzünder herausdrehen wollten. "Solche Bomben werden seitdem nicht mehr entschärft, sondern gleich gesprengt", sagte die Kriminaldirektorin Susanne Bauer im rbb.  

Der Zünder der Bombe, die heute entschärft wurde, wurde abseits der eigentlichen Bombe gesprengt. Die Männer standen 60 Meter daneben. Eigentlich kann nichts passieren - doch ein Restrisiko bleibt. "Natürlich frage ich mich abends manchmal: Wo hast du heute wieder dran rumgeschraubt? Es hätte auch anders ausgehen können", sagte Teamleiter Engin Laumer im rbb,

Bombenentschärfung legt Berlins Mitte lahm

10.000 Anwohner mussten raus

Genau von 9:00 bis 13:20 Uhr waren Straßen und Gebäude gesperrt. 300 Einsatzkräfte der Polizei klingelten bei allen Anwohnern, klopften auch an Türen. Auch mit Lautsprecherwagen forderte die Polizei die Bewohner auf, ihre Wohnungen zu verlassen.

Feuerwehr-Sprecher Thomas Kirstein sagte im rbb, nicht jeder Bewohner habe aus eigener Kraft den Sperrkreis verlassen können. In der Lehrter Straße musste die Drehleiter eingesetzt werden, um einen bettlägerigen Bewohner aus der Wohnung zu holen. Da in einigen Wohnungen hilflose Personen vermutet wurden, mussten die Einsatzkräfte zudem einige Türen von außen öffnen. Aber: "Wir zwingen niemanden, seine Wohnung zu verlassen. Wer drin bleiben wollte, konnte auch drin bleiben", sagte Polizeisprecherin Konstanze Dassler.

"Ein Bombensplitter wirkt tödlich"

Warum die Evakuierung notwendig war, machte Kriminaldirektorin Bauer im rbb ganz plastisch deutlich: Sie präsentierte einen scharfkantigen Bombensplitter, gut einen halben Meter groß. Er wurde nach einer Bombensprengung im Jahr 2014 gefunden. "So ein Splitter kann rund 500 Meter weit fliegen. Wenn er jemandem auf den Kopf fällt, wirkt das tödlich."

Die Entschärfung im Live-Ticker

Kommentar

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25 Kommentare

  1. 25.

    Wie es so schön (besser: richtig) heißt: "Das erste Opfer jedes Krieges ist die Wahrheit" und "vae victis" (ein Besiegter ist völlig der Willkür des Siegers ausgeliefert - jüngeres Beispiel: der Versailler Friedensvertrag).

  2. 24.

    Da ist Euch gleich im ersten Satz die Grammatik-Bombe hochgegangen: "Die britische 500-Kilo-Fliegerbombe nahe DES ..."
    - nein, es muss heißen DEM Hauptbahnhof. denn och wenn der Jenitiv fetzt, jehört er ausjereschnet da an diese ehne Stelle nich hin. Et muss würklich heißen: "...nahe DEM Hauptbahnhof..." Es sei denn, ihr wollt berlinan, dann müsstit heißn: "...nahe den Hauptbahnof...".

  3. 23.

    das stimmt nicht ! Viele Monate v o r Coventry hat es bereits britische Bombenangriffe auf zivile Ziele in Deutschland gegeben - so z.B. Bremerhaven (damals Wesermünde). Auch war die Royal Airforce bereits v o r dem Krieg mit Langstreckenbombern "Lancaster" in der Lage Fernziele zu bombardieren. Das "Moral bombing" gab es bereits als Taktik vor dem Krieg. und sollte evtl. von der Tschechei aus erfolgen ? Die deutsche Besetzung des Landes hat den "unsinkbaren Flugzeugträger" jedoch der entsprechenden Nutzung entzogen.

  4. 22.

    Ohne Wenn und Aber.
    Meinen tiefen Respekt vor der Arbeit der Fachleute, Spezialisten, die immer wieder aufs Neue Ihr Leben einsetzen (müssen). Wieviel Jahre nach Ende eines Krieges?
    DANKE

  5. 21.

    @Skorpion: Sie haben anscheinend auch gemerkt, dass der „Hinter-WÄLD-ler“aus Woltersdorf den Begriff falsch geschrieben hat, gell? *zwinker*

  6. 20.

    ca. 10.000 Berliner evakuiert und ein zentaler Verkehrspunkt lahmgelegt - quasi gesmat Oranienburg evakuieren und sperren. Da würden auch Oranienburger "den Affen machen". Und für uns Berliner ist es doch verständlicherweise etwas besonderes. ;)

  7. 18.

    Macht jetzt mal nicht den Affen,wegen einer Bombe.Was soll denn Oranienburg sagen?Aber Kackberlin lässt sich wieder feiern.Ihr Hinterweltler.Hauptstadt,ha ha ha

  8. 17.

    Die Deutungshoheit über die Geschichte verbleibt nun mal bei den Siegern. Das schließt auch Kriegsverbrechen mit ein.
    Krieg und Gerechtigkeit sind halt zwei Begriffe, die selten miteinander vereinbar sind. Gleiches wird selten mit Gleichem vergolten und die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke. In der Regel doppelt gestraft ist die Zivilbevölkerung des Verlierers.
    Deutschland kann sich daher glücklich schätzen, dass die Geschichte nach dem 2. Weltkrieg vergleichsweise glimpflich verlaufen ist.

  9. 16.

    Da liegen Sie wohl richtig, in der verlinkten Audio-Datei (Kasten) berichtet ein Feuerwerker, wie es gemacht wurde und welche Gefahr für ihn und die Kollegen trotz 60m Abstand zur Bombe dennoch bestanden hat.

  10. 15.

    Und warum muss da jemand daneben stehen? Den Wasserstrahl kann auch eine Maschine steuern, wozu werden da noch Menschen gefährdet?!?

    Ich verstehe sowieso nicht wieso man die ganzen Bomben nicht mit einem Wasserstrahl einmal in der Mitte durch sägt, dann ist der Druckkörper doch nicht mehr da und das ganze weit weniger gefährlich sein oder irre ich mich da?

  11. 14.

    Dies stimmt nicht und stellt wie so vieles andere leider nur die Siegerversion der Geschichte dar, die Bombardierung der Zivilbevölkerung ("terror bombing") wurde von den Briten initiiert. Zitat:

    „Wir haben angefangen, Ziele auf dem deutschen Festland zu bombardieren, bevor die Deutschen begannen, Ziele auf dem britischen Festland zu bombardieren. Das ist eine historische Tatsache!“ (James M. Spaight, Völkerrechtsexperte und Staatssekretär im britischen Luftfahrtministerium, zum britischen Bombenkrieg ab Mai/Juni 1940).

    Bitte lesen Sie Bücher wie "Höllensturm", "The Myth of German Villainy", "Der Krieg, der viele Väter hatte" und viele andere, die Gott sei Dank inzwischen erschienen sind, die helfen, die einseitige Darstellung der Vergangenheit und Schuldzuweisung zu beenden.

  12. 13.

    Ich bin immer sehr erleichtert und froh, wenn die Meldung kommt, dass eine Bombe erfolgreich entschärft wurde. Meinen Respekt, meinen Dank und Gratulation an die Spezialisten und ihre Helfer, die jedes Mal ihr Leben für unsere Sicherheit einsetzen!

  13. 12.

    Wer im Jahr 2018 noch "Sühne" für den 2. WK fordert hat offenbar gar nix gelernt und ist einer von der Geisteshaltung die solche Katastrophen erst herbeiführen...

  14. 11.

    Diese Männer sind Profis aber auch Helden, genauso wie die Minenentschärfer. Tausend Dank sei ihnen allen gesagt !

  15. 10.

    Ich glaube, Sie verrennen sich. Den Bombenkrieg auf zivile ZIele haben die Nazis in London und Coventry begonnen. Über die spätere Strategie von "Bomber-Harris" bei der Bombardierung deutscher Städte hat es in Großbritannien eine durchaus kritische Diskussion gegeben.

    Verwechseln Sie bitte nicht Ursache und Wirkung, wenn sie jetzt fragen, wo die Anklage bleibt. Gäbe es eine haargenaue Abrechnung für unmenschliche Taten und Kriegsverbrechen im 2. Weltkrieg, dann würde Deutschland leider sehr, sehr schlecht abschneiden.

    Und wie Sie jetzt von einer Weltkriegsbombe in Berlin zum syrischen Bürgerkrieg kommen, kann ich nicht verstehen.

  16. 8.

    Das werden sich die Leute in Russland, Belgien, Polen, Frankreich usw. auch sicher Fragen. Da liegt nämlich genug von uns rum...

  17. 6.

    Ich erwarte jetzt noch ein Interview mit der Bombe zum Thema: Was mich ticken lies. Dann noch in der Rubrik: Die 30... eine Sendung im RBB: Die 30 besten Bombenentschärfungen in Berlin.

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