Burak Bektas und Luke Holland © Soeren Stache/dpa
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Audio: Kulturradio | 04.04.2018 | Philip Meinhold | Bild: Soeren Stache/dpa Download (mp3, 49 MB)

Noch immer kein Täter - Burak Bektaş, der Mord an Luke Holland und eine Indizienkette

Am 5. April vor sechs Jahren wurde Burak Bektaş in Berlin-Neukölln erschossen. Von dem Täter fehlt bis heute jede Spur. Sitzt der vielleicht wegen eines anderen Mordes im Gefängnis? Buraks Mutter zumindest glaubt, dass es so sein könnte. Von Philip Meinhold  

In der Nacht zum 5. April 2012 steht der 22-jährige Burak zusammen mit vier Freunden vor einem Mietshaus in der Rudower Straße, als plötzlich ein Unbekannter auftaucht und auf sie schießt. Zwei der jungen Männer werden schwer verletzt, Burak stirbt. Das alles geschieht so überraschend, dass die Angaben der jungen Männer nicht mal für ein Phantombild reichen.

Die Spurenlage ist dünn, ein Motiv im persönlichen Bereich schließt die Polizei sehr bald aus – schon allein aufgrund der Zufälligkeit des Abends. "Niemand konnte wissen, dass die jungen Männer dort stehen", erklärt Polizeihauptkommissar Alexander Hübner. Er leitet seit sechs Jahren die Ermittlungen in diesem Fall.

Vorwürfe gegen die Polizei

Fast genauso lange beschäftigt sich die "Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş" mit dem Mord. Wenn die Aktivisten an diesem Sonntag in der Nähe des Tatorts einen Gedenkort einweihen, wollen sie damit nicht nur an Burak erinnern, sondern auch auf ein mögliches rassistisches Tatmotiv verweisen. Schließlich hatten alle fünf jungen Männer einen Migrationshintergrund. Und ähnlich wie bei den Morden des NSU sei ein anderes Tatmotiv nicht erkennbar.

Die Initiative wirft den Behörden vor, unzureichend in Richtung eines rechten Tathintergrunds ermittelt zu haben. Ein Vorwurf, den der Pressesprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, zurückweist: Jeden Stein habe man umgedreht, aber man müsse natürlich erst mal Anknüpfungspunkte haben: "Wenn Sie die nicht haben, wird es schwierig."

Zwei Morde, ein Täter?

Doch es gibt noch einen anderen Verdacht: Dreieinhalb Jahre nach der Tat geschieht ein weiterer Mord, der Ähnlichkeiten mit dem an Burak hat. In den frühen Morgenstunden des 20. September 2015 wird der Brite Luke Holland vor einer Bar in der Neuköllner Ringbahnstraße erschossen. Wieder wird ein junger Mann auf offener Straße getötet, wieder in Neukölln. Wieder kennen sich Täter und Opfer nicht. Und wieder ist das Opfer eine Person, die der Täter als fremd wahrnehmen könnte. Auch der Ablauf ähnelt sich: Aus nächster Nähe eröffnet der Schütze das Feuer, ohne vorherigen Streit oder Auseinandersetzung.

"Er hat die Schutz- und Ahnungslosigkeit der Opfer total ausgenutzt", sagt die Kriminalpsychologin Birgitta Sticher, die an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Polizisten ausbildet. Sticher hat die Fälle für den rbb miteinander verglichen. Nach den Schüssen habe der Schütze in beiden Fällen noch am Tatort verweilt, um das Geschehen zu beobachten.

Im Fall von Luke Holland wird der Täter am Abend nach der Tat festgenommen: der 62-jährige Rolf Z., ein arbeitsloser Betonbauer, der ganz in der Nähe wohnt. Die Polizei findet bei ihm verschiedene Waffen und Nazi-Devotionalien, etwa eine Hitler-Büste. Ein Gericht verurteilt ihn im Sommer 2016 wegen des Mordes an Luke Holland zu elf Jahren und sieben Monaten Haft.

"Das kann nicht alles Zufall sein", sagt Melek Bektaş, Buraks Mutter. Sie sei sich zu 95 Prozent "sicher", dass der Mörder des Briten Luke Holland auch ihren Sohn erschossen habe: "Er kennt die Umgebung hier, er mag keine Ausländer. Er kann auch mit der Waffe umgehen. Er ist so ein Typ."

Ein alter Bekannter

Das Verstörende: Z. taucht bereits in der Akte zu Burak auf. Im Dezember 2013 wendet sich ein Mann an die Polizei, der Rolf Z. kennt und weiß, dass dieser eine Waffe besitzt. Einmal habe er Rolf Z. mit dem Auto in die Nähe des Tatorts mitgenommen, wo dieser bei seinem Bruder Schießübungen machen wollte. Die Polizei hielt diesen Hinweis damals für nicht relevant. Im Januar 2015 notiert Kriminalhauptkommissar Hübner in der Akte: Ein Bezug zu Neukölln sei nicht erkennbar, ein Bruder könne nicht ermittelt werden.

Beides ist falsch. Denn Rolf Z. wohnte laut seiner ehemaligen Lebensgefährtin seit vierzig Jahren in Neukölln. Und er hatte drei Brüder, von denen der letzte 2007 gestorben sei. Dieser wohnte tatsächlich in der Nähe des Tatorts, so wie es der Hinweisgeber der Polizei erzählte. Und nach rbb-Recherchen war Rolf Z. auch nach dem Tod seines Bruders mehrmals in der Woche bei seiner Schwägerin – ganz in der Nähe der Stelle, an der Bektaş erschossen wurde.

Wohnzimmer der Familie Bektas; Foto: Vivien Schütz
Wohnzimmer der Familie Bektas © Vivien Schütz

"Vielleicht könnte ich dann etwas Ruhe finden"

Kriminalpsychologin Birgitta Sticher warnt zwar davor, jemanden möglicherweise für zwei Taten verantwortlich zu machen, der nur eine begangen hat. Dennoch überwiegen für sie die Gemeinsamkeiten: "Aus meiner Sicht sind es viele einzelne Indizien, die wie kleine Teile ein Puzzle ergeben." Es fehlten nur die Beweise, die aus juristischer Sicht hinreichen würden, so Sticher.

Zwar wurden Bektas und Holland mit unterschiedlichen Waffen erschossen. Allerdings fand die Polizei bei Rolf Z. einen Revolver, mit dem es möglich ist, die in Buraks Fall verwendete Munition zu verschießen. Auf der Trommel des Revolvers fand das LKA Schussrückstände, deren Zusammensetzung den Schmauchspuren an der Kleidung der beiden Schwerverletzten ähnelt. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Spuren von diesen Schüssen stammen, heißt es in einem Gutachten. Eine eindeutige Zuordnung durch eine ballistische Untersuchung war wegen des Zustands des Revolvers nicht möglich. Der Anwalt von Rolf Z., Daniel Lehnert, verweist auf die gescheiterten Versuche, in den laufenden Ermittlungen eine Verbindung zu seinem Mandanten herzustellen. Und wenn dies nicht gelinge, dann müsse man das unter Anlegung rechtsstaatlicher Prinzipien ertragen, so der Anwalt.

Buraks Mutter dagegen wünscht sich endlich Gewissheit: "Dann könnte ich sagen: Der Mörder meines Sohnes ist schon im Gefängnis." Vielleicht, sagt sie, könnte sie dann etwas Ruhe finden.

Sendung: Kulturradio, 4.4.2018, um 22:05 Uhr

Beitrag von Philip Meinhold

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    P.S.: Allein aus der Tatsache, dass der Täter Nazi war, darf das Gericht kein rechtsextremes Motiv ableiten. Es muss die Gesinnung als Motiv plausibel und rechtssicher nachweisen. Dieses Privileg "genießt" jeder Straftäter, egal welcher politischen oder religiösen Einstellung er ist.

  2. 11.

    Nein, das Gericht konnte das rechtsradikale Motiv nicht nachweisen. Wenn der Täter schweigt und sich auch durch Zeugenaussagen ein rassistisches Motiv nicht zwingend ergibt, wäre es töricht vom Gericht, ihn wegen eines rechtsextremen Motivs zu verurteilen. Dies wäre ein Verfahrensfehler, der zum Aufheben des Urteils durch den BGH führen würde. Ich denke, das Gericht hat sich das nicht leicht gemacht, konnte aber nicht anders entscheiden, es darf keine Vermutungen anstellen. Das Gericht darf nur Beweise werten. Im Zweifel halt immer für den Angeklagten, was hier bedeutete, dass man von einem "normalen" Streit bzw. Zufallsopfer ausgehen musste. Damit ergibt sich leider auch die falsche Zählung in der Statistik. Sicher ist der Richter auch von einem rechtsextremen Motiv ausgegangen, was er aber nicht untermauern konnte. Auf die Strafhöhe hatte es offenbar ohnehin keinen Einfluss, ich hätte auch lebenslang für gut befunden, ging aber wohl nicht wegen Suff.

  3. 10.

    Danke für deine Antwort.
    Ich kann es aber nicht so richtig folgen - muss jede Verbrecher selbe gestehen, und nur so werden Motive aufgefasst? Der Tater hat es viel leichter gemacht, als die meisten - ein Bust von Hitler?
    Die NSU zeigt uns wie mangelhaft die Justiz wirklich sein können, und dieses Fall schon wieder. Das Gericht hat argumentiert, das weil der Opfer weiss war, war kein Rassistisches Motiv möglich. Das Gericht versteht offensichtlich nichts von die Geschichte - soweit ich weiss, finden einige Nazis Ausländer doof. Es gab doch was, was war es noch mal...
    http://www.taz.de/!5317573/
    Wenn diese Gerichtsverfahren in einen Film auftauchen würde, würde es als unglaubwürdig gelten.

  4. 9.

    Hallo, Ihre Argumente kann ich gut nachvollziehen. Das Gericht ist aber nach rechtsstaatlichen Gesichtspunkten zum Schluss gekommen, dass ein fremdenfeindliches Motiv nicht nachweisbar war, obwohl der Täter ein Nazi war. Es hätte auch genau anders urteilen können, das ist richtig. Da der Täter geschwiegen hat, wäre das aber eine Vermutung gewesen. Da ist man wohl lieber auf "Nummer sicher" gegangen, um keine Angriffspunkte für eine Revision zu liefern. Denn das Wichtigere ist ja, dass der Täter bestraft wird. Leider ist der Fall dadurch dann aber auch in der Statistik als unpolitisch motiviert geführt. Rechtlich absolut einwandfrei, logisch schwer zu ertragen.

  5. 8.

    Gutes Artikel, aber sie haben einige sehr wichtige Sachen nicht erwähnt.

    Trotz Behauptungen, von die NSU Fälle gelernt zu haben, wird der Mord von Luke Holland nicht als Rechts motiviert von die Polizei, LKA oder Justiz betrachtet. Auch wird unglaublich darüber berichtet.

    •Gericht:
    http://burak.blogsport.de/2016/08/22/rechter-mord-in-neukoelln-ein-interview-zum-mord-an-luke-holland/

    •Presse:
    Solche Sachen sind schwierig sonnst wo im Netz zu finden, stattdessen, lesen wir das der 'Motiv bleibt offen'
    'https://www.tagesspiegel.de/berlin/gerichtsurteil-zum-mord-an-luke-holland-ueber-elf-jahre-haft-fuer-angeklagten-motiv-bleibt-offen/13860830.html

    •LKA:
    http://burak.blogsport.de/images/KA18_7442BektasHolland.pdf

    Stell dir vor, ein Islamist schiesst jemand auf der Strasse - die ganze Welt würde darüber wissen, aber hier ein Nazi erschiesst jemand, und selbst in Neukölln, weisst kaum jemand darüber.

  6. 7.

    Ja, die Üblichen feiern und belobhudeln sich wieder selbst, einen Fehler in einer Aussage gefunden zu haben und spinnen daraus ihre üblichen Verschwörungstheorien. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist: Sie nutzen absolut die selben Methoden, die Sie z.B. der AfD immer vorwerfen. Vielleicht kommt Ihr Hass ja aus der Ähnlichkeit?!

    Frau Jürgens-El-Hansali wurde zu den aktuellen (mutmaßlich rechtsextremistisch motivierten) schweren Angriffen in Neukölln befragt. Da der Mörder von L. Holland bekanntlich bereits verurteilt im Knast sitzt, besteht zumindest offensichtlich kein direkter Zusammenhang mit der aktuellen Tatserie. Daher war ihre Aussage sicher nicht ganz korrekt, aber erklärbar, zumal das Opfer Brite war, kein "übliches" Ziel von heutigen Nazis.
    Zu den bescheuerten Ausführungen zur Rigaer, mag ich mich gar nicht auslassen. Bei der Razzia in Britz/Rudow waren auch 60 Beamte dabei, hätte man mit Gegenwehr gerechnet, wären es sicher auch 300 gewesen.

  7. 6.

    Na dann bin ich ja nicht der Einzige, dem das aufgefallen ist.

    Es darf halt nicht sein was nicht sein darf...

    Außerdem läuft man ja Gefahr beim ermitteln im braunen Sumpf auf Kollegen vom VS zu stoßen.

  8. 5.

    Das Empörende an den Ermittlungen zum Fall der Ermordung an Burak Bektas waren auch die Analogien zu den Verfahrensweisen der Polizei im Zusammenhang mit dem sog. "NSU".

    Aber ich bin ja so beruhigt, dass Berlins Chefermittlerin Frauke Jürgens-El-Hansali Ende März im rbb bekannt gab, es habe keine besonders schweren Verbrechen mit rechtsextremen Hintergrund gegeben - eine Verleugnung des Falles von Luke Holland und ebenso eine Verharmlosung der derzeitigen Indizienlage im Fall von Burak Bektas. Aber man habe ja aus "NSU" gelernt. Wie die Lerneffekte aussehen, machte sie ebenso zum Geheimnis wie grundlegende Ansätze zur Strafverfolgung bei politisch rechts motivierten Straftaten. Hach, wär das schön, wenn man sich mit 350 Polizist*innen u. Hubschrauber auch um Straftäter*innen v. rechts kommern könnte wie um eine(!) Person aus der Rigaer Straße.
    Stattdessen riet die Polizei Anwohnenden in Britz, sich lieber nicht offen gegen rechts einzusetzen und den Kopf einzuziehen. "Toll!"

  9. 4.

    habe ich das richtig verstanden?
    weil der moerder unter alkoholeinfluss stand, wirkt sich das strafmildernd aus?
    wenn ich mich richtig erinnere, dann setzt mord im deutschen strafrecht vorsatz voraus. wenn also der verurteilte moerder wegen mord verurteilt wurde, dann hatte er den vorsatz zu ermorden. ich verstehe nicht, wie der alkoholeinfluss diesen vorsatz beeinflusst haben sollte.
    zumal das ergebnis ist, luke holland ist tot. ermordet. allerdings, wie ich nun lerne, auf eine strafmildernde weise, weil der arme moerder unter alkoholeinfluss stand. dafuer muss das opfer verstaendnis haben. und seine angehoerigen.

    es lebe der rechtsstaat!

  10. 3.

    @RBB: Danke für die Erklärung!
    Mit den 8 Jahren war auch nur eine Vermutung meinerseits, beruhend auf der Erfahrung, dass die meisten Straftäter etwa 2/3 der Strafe verbüßen und der Rest dann zur Bewährung ausgesetzt wird. Ich hoffe ja persönlich, dass es in diesem Fall nicht zur Anwendung kommt.
    Herzliche Grüße!

  11. 2.

    Er wurde wegen Mordes unter Alkoholeinfluss verurteilt, das wirkt strafmildernd. Ob er nach acht Jahren entlassen wird, können wir nicht einschätzen.

  12. 1.

    Rolf Z. ist wegen Mordes verurteilt wurden und hat nur reichlich 11 1/2 Jahre Haftstrafe erhalten? Bei Gute Führung dürfte er wahrscheinlich nach 8 Jahren wieder draußen sein?!? Soweit mir bislang bekannt war, ist bei Mord immer eine lebenslange Haftstrafe vorgesehen. Wieso wurde diese Strafe hier nicht angewendet?
    Die Theorie, dass er auch der Täter im hier genannten Fall sein könnte, klingt sehr plausibel. Ich wünschte mir, die Kriminalistiker fänden doch eine Möglichkeit, den Tatnachweis zu führen (egal, ob positives oder negatives Ergebnis). Es muss für die Angehörigen unbeschreiblich belastend sein, zusehen zu müssen, dass ein Täter vielleicht mit einer Tat davonkommt, nur weil man nichts beweisen kann.

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