Symbolbild Frau hinter Gittern (Quelle: dpa/Arno Burgi)
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Video: Täter, Opfer, Polizei | 11.04.2018 | Interview mit Birgitta Sticher | Bild: dpa/Arno Burgi

Interview | Psychologin Birgitta Sticher über Frauenkriminalität - "Täterinnen werden oft nicht angezeigt"

Straffällig gewordene Frauen sind selten, das heißt aber nicht, dass Frauen nur selten kriminell werden. Psychologin Birgitta Sticher spricht im Interview darüber, bei welchen Delikten Frauen stärker vertreten sind und warum sie Täterinnen werden.

Nur sechs Prozent der Strafgefangenen in Deutschland sind weiblich. Auch zu Verurteilungen kommt es bei Frauen deutlich seltener als bei Männern: 2016 wurden 594.952 Männer verurteilt und nur 142.921 Frauen.

rbb: Guten Tag, Frau Sticher. Welche Verbrechen begehen Frauen am häufigsten?

Birgitta Sticher: Die polizeiliche Kriminalstatistik sagt, dass Frauen mit ungefähr 30 Prozent bei Diebstahl, Betrug, Veruntreuung, Unterschlagung und Beleidigung vertreten sind. Bei den schweren Gewaltdelikten wie Mord, Totschlag und schwerer Raub ist ihr Anteil fast verschwindend gering. Er liegt bei ungefähr 12 Prozent.

Frauen sind seltener tatverdächtig, werden seltener verurteilt als Männer und sitzen seltener im Gefängnis. Woran liegt das?

Ich würde zunächst gern zwischen Hell- und Dunkelfeld unterscheiden, weil hierfür jeweils ganz unterschiedliche Aussagen gelten. Das Hellfeld umfasst die Summe aller Delikte, die den Strafverfolgungsbehörden bekannt sind: Die polizeiliche Kriminalstatistik, die Verurteilten-Statistik und auch die Gefängnisstatistik. Das Dunkelfeld umfasst die Delikte, die nicht angezeigt werden. Dort kommt man zu Ergebnissen, in dem z.B. Befragungen mit Probanden zu selbst verübten oder von ihnen erlittenen Delikten durchgeführt werden.

Bezogen auf die Delikte im Hellfeld sind Frauen bei ausgeprägten Gewaltdelikten wie Mord, Totschlag oder Raub nur minimal vertreten. Es gibt aber auch Delikte, wie zum Beispiel Diebstahl und Verleumdung, da sind sie mit etwa 30 Prozent schon etwas höher vertreten. Das wirft die Frage auf: Warum sind Frauen bei schweren Gewaltdelikten so gering vertreten?

Wenn ich auf diese Frage antworte, droht die Gefahr, pauschale Aussagen über Frauen und Männer zu machen, die der Wirklichkeit nicht gerecht werden. Es gibt ganz viele verschiedene Modelle, wie Frauen und Männer ihre Rolle leben. Aber bezogen auf die Gewaltdelikte wie Mord und Totschlag haben wir es mit einer eklatanten Differenz zwischen den Geschlechtern zu tun, für deren Erklärung der Rückgriff auf die tradierten Geschlechtsrollen eine wichtige Bedeutung hat: Wir müssen uns fragen: Welche für Frauen typische Lernerfahrungen liegen vor? Wie haben diese Frauen gelernt, mit Konflikten, mit besonderen Belastungen in ihrer Lebensgeschichte umzugehen? Frauen neigen offenbar eher dazu Konflikte zu lösen, indem sie die Aggressionen nach innen verlegen, sie unterdrücken oder gegen sich selbst richten. Männer hingegen richten ihre Aggressionen stärker nach außen, greifen andere Personen vorwiegend körperlich an.

Bleiben Verbrechen von Frauen häufiger unentdeckt?

Hier würde ich gerne auf den Sozialraum Familie eingehen. Ein Mann wird, wenn er seinen Freunden und Kollegen erzählt 'Meine Frau hat mich geschlagen', kaum Unterstützung und Verständnis erfahren. Er wird zunächst gefragt werden: 'Warum hast du dir das bieten lassen?' Anderen zu erzählen, Gewalt durch eine Frau erfahren zu haben, ist für Männer eher beschämend, denn das passt nicht zu dem Männlichkeitsbild, das Männer von sich und wir von ihnen haben. Deswegen kommt es eher selten zur Anzeige von durch die Partnerin erlebte Gewalt im häuslichen Bereich.

Bezogen auf die Gewalt an Kindern, von der Kindesmisshandlung bis zur Kindestötung, sind die Frauen als Täterinnen stark überpräsentiert. Denn die Hauptlast der Kindererziehung wird auch heute noch von Frauen getragen, selbst wenn es immer mehr Väter gibt, die sich intensiv mit ihren Kindern beschäftigen. Kriminologen sprechen von einer "Tatgelegenheitsstruktur": Das heißt, wenn ich sehr viel mit etwas zu tun habe und in diesem Zusammenhang Belastungen und viel Frustration erlebe, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Ausleben von Aggressionen kommt, viel größer.

Der nächste Bereich, in dem Frauen als Täterinnen stärker vertreten sind, ist auch ein häuslicher: Frauen pflegen überwiegend Angehörige - ihre eigenen Eltern, die Eltern von Partnern und kranke Kinder. Auch hier ist - häufig aus einer extremen Belastungssituation heraus -  Aggression bis hin zu Gewalt eine mögliche Folge, die Frauen stärker betrifft, weil sie damit auch mehr zu tun haben.

Hier ist das Dunkelfeld also sehr groß?

Ja, Kinder und auch Pflegebedürftige zeigen Gewalt nicht an, weil sie das ja oft gar nicht können. Partner entdecken sie oft nicht und selbst wenn gibt es Gründe, die Täterin nicht anzuzeigen: Käme die Frau ins Gefängnis, wäre ihnen damit auch nicht gedient, denn wer übernimmt dann die Aufgaben, die die Frau bisher ausgeführt hat?

Wie kann man sich denn die typische straffällige Frau vorstellen?  

Wir haben bei Frauen häufiger eine Überforderungssituation im privaten Umfeld. Oder sie waren selbst Opfer in der Vergangenheit. Das kann sich dann umkehren, sodass die Frau zur Täterin wird, um sich von dieser Opferrolle zu befreien. Dann greift sie vielleicht jemanden an, der sie selber misshandelt hat. Das ist bei Frauen schon eine etwas typischere Motivlage. Die Handlung, zum Beispiel die Tötung des Partners, wird lange geplant und dann als Befreiungsschlag erlebt. Aber wir finden auch bei Frauen zahlreiche andere Motive, die wir bei Männern auch finden, wie beispielsweise Habgier. Ebenso finden wir Handlungen im Affekt. Es gibt also eine Vielzahl an Motiven, die häufig auch zusammen auftreten. Jeder Fall ist letztlich einzigartig.  

Man sagt ja, "Frauen morden, um loszuwerden und Männer morden, um zu behalten" - ist da was dran?

Ja, es gibt durchaus einige Fälle, die das belegen. Aber Frauen töten auch aus anderen Motiven: aus Hass, Eifersucht, Habgier. Mir sind aber wenig Fälle bekannt, in denen die Frau den Mann tötet, um ihn zu halten.

Für Männer kann ich das nicht so sagen. Bezogen auf den Intimizid, also die Tötung des Intimpartners, liegt bei Männern häufig eine narzisstische Dynamik vor: Sie sind in ihrem Stolz verletzt und töten aufgrund dieser Kränkung die Partnerin. Und häufig töten sie dann nach der Tötung der Partnerin auch sich selbst. Es gibt relativ wenig Morde von Frauen in diesem Bereich der Partnergewalt.

Gab es Zeiten, in denen Frauen häufiger straffällig wurden als heute? Beispielsweise, als es noch bestimmte Gesetze gab, die nur für Frauen galten, wie das Nachtarbeitsverbot für Arbeiterinnen?

Was ganz deutlich ist: Die Kriminalität von Frauen ist im Krieg höher. Frauen werden dann vermutlich aus Fürsorge für Familienmitglieder kriminell. Und die Kriminalitätsrate hängt teilweise von Gesetzen ab. Zum Beispiel sind Frauen in Zeiten, in denen die Prostitution noch verboten war, straffällig geworden, wenn sie sich prostituiert haben. Die Verschärfung des Sexualstrafrechts führt in der Folge zu einer zunehmenden Kriminalisierung von Männern. Frauen werden heute viel stärker in ihrem Recht auf Selbstbestimmung unterstützt.

Viele haben befürchtet, dass mit der zunehmenden Emanzipation Frauen deutlich öfter straffällig werden. Diese Befürchtung hat sich nicht bestätigt. Die Zahlen sind über die Jahre ähnlich geblieben.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Stefanie Mnich, rbb Fernsehen, Redaktion "Täter | Opfer | Polizei"

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