Archivbild: Eine 32-jährige Iranerin sitzt am 05.06.2013 im Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Bild: dpa/Britta Pedersen

Interview | Leiterin der Berliner Ambulanz für Folteropfer - "Man beginnt, an der Menschheit zu zweifeln"

Mechthild Wenk-Ansohn war 23 Jahre lang Leiterin der Berliner Ambulanz für Folteropfer im Zentrum Überleben. Ende April geht sie in Rente. Die Geschichten ihrer Patienten steckte sie zuletzt besser weg als früher, doch schockiert haben sie deren Erlebnisse immer.

rbb|24: Wie geht es Ihnen kurz vor Schluss?

Mechthild Wenk-Ansohn: Gemischt. Ich bin traurig einerseits – schwierig wird die Verabschiedung von langjährigen Patientinnen und Patienten. Andererseits war es auch ein sehr anstrengender Job und sehr umfangreich. Ich habe eben auch vieles nebenher gemacht: Menschenrechte international, politische Arbeit, Lobbyarbeit, Öffentlichkeitsarbeit.

Haben Sie überhaupt etwas anderes gemacht, als sich für Schwächere und Traumatisierte einzusetzen?

Ich habe ja auch noch ein Privatleben. Es ist also nicht nur belastend. Ich habe zwei Kinder mit meinem Mann zusammen großgezogen. Wir leben in Potsdam, haben einen Garten. Von daher geht es mir eigentlich ganz gut, immer wieder ganz gut. Und man lernt als Therapeutin, mit diesen schwierigen Situationen, Dingen umzugehen, die Patienten erzählen, mit ihren aktuellen Sorgen. Und sich auch immer wieder zu distanzieren. So weit, dass man in der Freizeit nicht ständig damit beschäftigt ist.

Dr. Mechthild Wenk-Ansohn, Leiterin der Abteilung Behandlung für Folteropfer und traumatisierte Geflüchtete, am 11.04.2018 im Gespräch vor dem Zentrum Überleben. (Quelle: rbb/Caroline Winkler)
Mechthild Wenk-Ansohn ist Psychotherapeutin, Ärztin und Supervisorin am Zentrum Überleben in Berlin-Moabit. Sie leitet die Abteilung für Folteropfer und traumatisierte Flüchtlinge. Ende April geht sie in Rente.Bild: rbb/Caroline Winkler

Das haben Sie geschafft?

Das habe ich geschafft, ja. Am Anfang war es schwer, da bin ich abends nach Hause gekommen - die Kinder waren noch klein - und ich war innerlich noch beschäftigt. Sie fragten mich dann: 'Mama, wo bist du denn?' Das hat mich sehr erschrocken. Dann habe ich angefangen, besser für mich zu sorgen.

Sind Sie durch die Geschichten, die Ihnen die Patienten über die Jahre erzählt haben, abgestumpft?

Ich kann mir inzwischen die Berichte von Folter gut anhören. Ich untersuche als Ärztin und Gutachterin auch Verletzungen und Narben. Das kann ich mir inzwischen auch besser angucken.

Was geht weniger gut?

Es gibt unendliche Formen zwischenmenschlicher Gewalt. Was ich aber besonders schwierig finde: Wenn die Patienten sehr belastet sind, gerade wenn sie andere Menschen verloren haben - und wenn sie dann zusätzlich an den EU-Außengrenzen Gewalt durch Sicherheitskräfte erfahren. Wenn das sehr nahe rückt und man sich selbst mitschuldig fühlt, weil man ja auch ein europäischer Bürger ist. Ebenso wie die Situationen, in denen Geflüchtete hier im Aufnahmeland leben. Sowohl was das Materielle als auch das Soziale angeht, diese ganze Problematik mit dem Aufenthalt hier. Da denke ich: Mein Gott, das könnte so viel besser laufen. Das ist für mich persönlich belastend, weil man sieht, dass man dann therapeutisch nur begrenzt mit den Patienten arbeiten kann, weil sie durch ihren unsicheren Status nicht zur Ruhe kommen.

Welche Symptome haben die Patienten?

Manche sind sehr schwer krank. Die sind gar nicht richtig bei sich, kriegen Flashbacks. Es ist wichtig, die Patienten dann so zu begleiten, dass sie nicht völlig abrutschen und schwer depressiv, auch suizidal werden. Ich muss mich dann entscheiden: Wie weit kann ich in der Arbeit mit den Traumata gehen - oder kann ich doch nur stabilisieren? Es ist auch eine große Verantwortung zu entscheiden: Kannst du jemanden wieder in sein Heim entlassen oder muss man jemanden eher wieder einweisen? Man braucht da auch einfach Unterstützung von den anderen im Team, um adäquat vorgehen zu können.

Trotz aller Erfahrung, die Sie mit Folteropfern und Traumatisierten haben – hat Sie in den vergangenen Jahren noch etwas schockiert?

Eine Mutter, die ihr Kind auf der Überfahrt von Syrien verloren hat, zum Beispiel. Diese Dinge sind so berührend. Oder wenn mir ein Patient ein Bild zeigt, wie seine Verwandten gerade bei einer Bombardierung verletzt worden sind. Vergewaltigungen von Frauen, das beschäftigt mich natürlich als Frau. Oder Berichte aus Haftanstalten in Libyen, wo ich manchmal denke, das kann doch gar nicht wahr sein. Wenn die dann berichten, wie andere neben ihnen gestorben sind. Ich möchte das hier jetzt nicht ausbreiten. Das berührt einen nach wie vor.

Wo ich im Moment innerlich sehr beteiligt bin: Wir haben wieder viele Patienten aus der Türkei aufgenommen, die dort Polizeigewalt erlebt haben, die in Isolationshaft waren. Und ich kenne selbst Kollegen aus türkischen Menschenrechtsstiftungen, gegen die Prozesse laufen. Das sind dann Dinge, bei denen man zu zweifeln beginnt ... an der Menschheit: dass es so viele Rückschläge gibt und sich die Fluchtursachen wieder vermehren. Die Menschenrechtsverletzungen haben erneut zugenommen. Das ist frustrierend.

Haben Sie schon mal geweint oder sind emotional geworden?

Ja, das ist mir schon passiert, das passiert auch unseren Dolmetscherinnen und Dolmetschern. Das ist dann aber auch gar nicht so schlimm. Denn man ist ja mit dem Gegenüber und sagt: 'Ich bin so berührt, da kommen mir eben auch die Tränen. Ich finde es so schlimm, was Sie mir hier berichten, was Sie erlebt haben.' Dann sorgt man wieder innerlich für sich und stabilisiert sich. Daran merken die Patientinnen und Patienten auch: Man kann solche Gefühle haben und trotzdem wieder zu sich kommen. Sie fühlen sich dann gewürdigt. Bei aller professionellen Distanz braucht man Empathie, die man zeigt. Das ist eine schwierige Gratwanderung, und manchmal ist man überfordert und braucht die Kollegen, um zu sagen: Lass uns das mal gemeinsam angucken. Dann setzt man sich wieder auf seinen professionellen Stuhl und kann dann wieder besser weitermachen.

Hätten Sie den Job 23 Jahre lang gemacht, wenn es nicht auch positive Erlebnisse gegeben hätte?

Nee, hätte ich nicht gemacht. Ich mache das eigentlich gerne. Aber ich hätte das nicht 23 Jahre lang ausgehalten, wenn ich nicht auch diese Verläufe hätte – wie sich die Patienten stabilisieren. Und wenn es nicht so gut zwischenmenschlich funktionieren würde mit den Patienten und Patientinnen und dem Team in der Einrichtung. Es ist also ganz wunderbar, in einem solchen Team zu arbeiten.

Warum hören Sie dann auf?

Einmal weil ich über 65 bin und jetzt ganz normal in Rente gehe. Und weil ich in einer leitenden Funktion bin, die viel Umfang hat. Und ich kann das nur ganz oder gar nicht machen.

Ich freue mich darauf, was ich vielleicht auch in der kommenden Lebensphase erleben werde. Gut, ich weiß nicht, ob ich ein wenig depressiv werde: Keiner will mehr was von mir. Zur Zeit bekomme ich um die 50 Mails am Tag. Aber man kann sich nicht bis ins hohe Alter an der Arbeit festhalten. Da gibt es auch noch ganz andere Dinge und ich habe eine wunderbare Nachfolgerin. Ich werde als Freelancerin angebunden weiterarbeiten, für Supervision und Fortbildung. Das ist das eine. Und das andere: Ich habe auch wieder Lust, international zu arbeiten. Auch möchte ich in Krisengebieten im Mittleren Osten fachlichen Input geben. Ich freue mich, wenn ich das nach meinen Kräften noch ein paar Jahre tun kann.

Das Gespräch führte Vanessa Klüber, rbb|24

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2 Kommentare

  1. 1.

    Meinen höchsten Respekt für Ihre Arbeit Frau Wenk-Ansohn. Menschen wie Sie lassen einen den Glauben an die Menschheit nicht verlieren.

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