Der Berliner Fabrikant Otto Weidt (1883-1947) rettete viele seiner jüdischen Mitarbeiter vor der Deportation. (Quelle: Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt)
Bild: Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt

Fabrikant beschützte Juden - Berlin ehrt Otto Weidt mit Platz in der Europacity

Der Berliner Fabrikant Otto Weidt rettete einst Juden vor der Deportation in die Vernichtungslager der Nazis. Dafür ehrt ihn die Stadt jetzt - indem sie einen sehr zentral gelegenen Platz nach ihm benennt. Am Dienstag wurde der erste Spatenstich gesetzt.

Ein Platz im Neubaugebiet Europacity am Berliner Hauptbahnhof soll künftig an den Berliner Fabrikanten Otto Weidt (1883-1947) erinnern. Weidt hatte in seiner Bürstenfabrik und an anderen Orten Verstecke für jüdische Arbeiter und ihre Angehörigen eingerichtet. Am Dienstag wurde nun der erste Spatenstich für den Otto-Weidt-Platz gesetzt.

Zu dem Anlass sagte Verkehrssenatorin Regine Günther, mit dem Platz ehre man "einen mutigen Menschen, der Zivilcourage bewies und sein eigenes Leben riskierte, um Verfolgten zu helfen." Der Platz werde die Erinnerung an einen "stillen Helden" wach halten.

Der blinde Fabrikant habe vielen Menschen geholfen, die NS-Zeit in Würde zu überleben, teilten die Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung und Verkehr mit. An seine Geschichte erinnert auch das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt an der Rosenthaler Straße in Mitte.

Er kämpfte um jeden einzelnen seiner Arbeiter

Dort eröffnete Otto Weidt Anfang der 1940er Jahre eine Werkstatt für Blinde, in der Besen und Bürsten hergestellt wurden. Nahezu alle Angestellte von Weidt waren blinde, taube und stumme Juden. Als die Deportationen begannen, kämpfte Weidt mit der Gestapo um das Schicksal jedes einzelnen Arbeiters. Er behauptete, seine Angestellten seien unverzichtbar, um die ihm von der Armee übertragenen Aufträge auszuführen.

Neben Blinden beschäftigte Weidt in seinem Betrieb auch acht gesunde Juden - das war verboten. Alle jüdischen Arbeiter mussten durch das Arbeitsamt zugewiesen werden - normalerweise zu Zwangsarbeit. Dennoch gelang es Weidt durch eine Mischung aus Bestechung und List, die Bedenken des nationalsozialistischen Leiters des Arbeitsamtes zu zerstreuen.

"Arische" Arbeitspapiere für ein jüdisches Mädchen

Das jüdische Mädchen Inge Deutschkron war unter den gesunden Juden, die in der Werkstatt arbeiteten. Als sie und ihre Mutter untertauchten, um nicht deportiert zu werden, besorgte Weidt ihnen "arische" Arbeitspapiere. Beide überlebten den Krieg.

Inge Deutschkron wurde später Schriftstellerin. Sie setzte sich dafür ein, dass Berlin einen Platz nach Weidt benennt. Die heute 95-Jährige war ebenfalls beim ersten Spatenstich anwesend.

Lüscher: Raum für soziales Miteinander in der Europacity

In der Europacity nördlich des Hauptbahnhofs entstehen auf 40 Hektar Wohnungen, Büros und Läden. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sagte am Dienstag anlässlich des Spatenstichs, der Otto-Weidt-Platz sei als öffentlicher Raum, der zur Orientierung und Identifikation mit dem Ort diene, "in die Quartiersstruktur der Europacity eingebettet und ergänzt mit seiner städtebaulichen und architektonischen Gestaltung diesen Ort. Dieser wohnungsnahe Freiraum soll verbinden und nicht trennen und damit dem sozialen Miteinander Raum und der Europacity ein Gesicht geben."

Der Entwurf war als Sieger aus einem freiraumplanerischen Wettbewerb hervorgegangen, gestaltet wurde er von "relais Landschaftsarchitekten".

Die Kosten für den Platz betragen laut Senatsverwaltung rund 3,6 Millionen Euro, bis Ende 2019/Anfang 2020 ist die Fertigstellung geplant.

Sendung: Inforadio, 17.04.2018, 12.00 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Duplizität der Ereignisse, ich lese gerade (wieder)ein Buch was ich hiermit weiterempfehlen möchte:

    Der Schattenmann von Ruth Andreas-Friedrich

    http://www.suhrkamp.de/buecher/schauplatz_berlin-ruth_andreas-friedrich_37794.html

    https://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Andreas-Friedrich

    https://de.wikipedia.org/wiki/Onkel_Emil

    Hätte es nicht so mutige Menschen wie Otto Weidt, die "Gruppe Emil" u.v.m. gegeben hätten viele "U-Boote" nicht überlebt.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Judenretter#Untertauchen_von_inl%C3%A4ndischen_Fl%C3%BCchtlingen

  2. 1.

    Hochverdient.

    .
    Und deswegen, so meine ich, auch sehr sehenswert (wenn die Wiederholung mal wieder gesendet wird):
    http://www.daserste.de/unterhaltung/film/ein-blinder-held-die-liebe-des-otto-weidt/index.html

    Und:
    https://www.museum-blindenwerkstatt.de/

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