Ein Grafitti zeigt einen pinkelnden Mann an einer Hauswand (Bild: imago)
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Wildpinkler in Berlin - Kaum jemand ist angepisst

Massenweise wird bei wärmeren Temperaturen wild gepinkelt, aber die Berliner Ordnungsämter schreiten kaum ein - es beschwert sich offenbar auch kaum jemand. Genervt sind jedoch Gaststättenbetreiber, die Menschen mit voller Blase auffangen. Von Vanessa Klüber

Die Sonne scheint, also raus auf die Wiese und zwei, drei Bierchen mit Freunden trinken, ein Traum. Aber ein Übel gibt es doch: Ungefähr nach dem zweiten Bier – bei Frauen etwas früher, bei Männern etwas später – drückt die Blase. Leider gibt es in Berlin in der Regel weit und breit keine öffentliche Toilette. Also haben Picknicker wenige Handlungsmöglichkeiten - nach Hause gehen mal außen vor gelassen: draußen pinkeln oder in ein umliegendes Gebäude mit Toilette gehen, oft in Restaurants und Bars.

Das Problem: Draußen Urinieren ist gesetzlich verboten, und Gaststättenbetreiber sind selten begeistert, wenn Massen von Menschen, die dort nichts verzehren, die Toiletten für zahlende Gäste blockieren.

Toilettenbenutzung 50 Cent: "legitim"

"Das ist ein Ärgernis für viele Gaststättenbetreiber", sagt Kerstin Jäger vom Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Berlin. Deshalb verlangen viele 50 Cent für Leute, die etwas wegbringen wollen, ohne etwas zu sich zu nehmen. "Das finden wir legitim. Die Wasserpreise steigen, die Toiletten müssen gereinigt werden - damit sind Kosten verbunden."

Offenbar lohnen sich die 50 Cent für die Gastronomen nicht so sehr. Kerstin Jäger jedenfalls wirbt nicht für Toilettengänge in den Örtlichkeiten der Restaurants, sondern weist auf andere Örtchen hin: "Mich würde interessieren, was Ärzte sagen, wenn Leute von draußen auf einmal deren Patienten-Toilette benutzen würden", so Jäger.

Mehr Unisex-Toiletten ab 2019

Eine Empfehlung dazu spricht sie aber nicht aus. Stattdessen beschwert sie sich: "Wir haben in Berlin deutlich, deutlich, deutlich zu wenig öffentliche Toiletten".

Derzeit gibt es in Berlin circa 250 öffentliche Toiletten. Laut Senatsverwaltung für Umwelt sollen es ab 2019 insgesamt 281 sein, bis 2022 insgesamt 366 und ab 2024 seien 447 Standorte mit Toiletten denkbar.

Die neuen Berliner Toiletten sollen unisex sein, also nicht nach Geschlecht getrennt. "An bestimmten Standorten des Toilettenkonzepts ist jedoch aus Gründen der unterschiedlichen Verhaltens von Männern und Frauen hinsichtlich des öffentlichen Urinierens die zusätzliche Anbringung von Urinalen für Männer geboten", heißt es in einer Mitteilung der Senatsverwaltung an rbb|24. Da kommen Bilder vom Sommer auf, in denen Reihen von Männern an Büschen stehen und Frauen sich noch durchs tiefste und dornigste Dickicht schlagen, um nicht beim Pullern ertappt zu werden.

Aber ist Urinieren im öffentlichen Raum wirklich so schlimm?

Harnsäure kann Gebäude schädigen

Zumindest im Ordnungswidrigkeitengesetz -Paragraph 118 - fällt öffentliches Pinkeln unter Belästigung der Allgemeinheit. Bei bestimmten Materialien kann Urin Schaden anrichten. Medienberichten (WDR) zufolge greift Harnsäure zum Beispiel den Sandstein des Kölner Doms an.

Welchen Schaden der Urin in Berlin anrichtet - dazu werden in Berlin nach Auskunft von Olaf Korbjuhn vom Ordnungsamt Neukölln keine Daten erhoben.

Bußgeld zwischen 20 und 50 Euro

Das öffentliche Urinieren in der Großstadt scheint ohnehin kein großes Problem darzustellen. Nur selten beschwerten sich Menschen beim Ordnungsamt über Geruchsbelästigung. Bei 25.000 Bürgernanliegen seien die Anzeigen wegen Urinierens an einer Hand abzählbar, so Korbjuhn. Die Bußgelder bewegen sich dann zwischen 20 und 50 Euro. Falls Verwaltungsaufwand in Form eines Briefes dazukommt, auch mal etwas mehr. Theoretisch sind 1.000 Euro möglich, bei "besonders schweren Fällen". Das sei aber noch nie verhängt worden.

Mehr koste es, wenn man öffentliches Ärgernis errege – für das Ordnungsamt bedeutet das: Wer dezent versucht, im Dunkeln in den Busch zu pinkeln, muss mit einem kleineren Bußgeld rechnen als derjenige, der bei Tageslicht auf einem öffentlichen Platz pinkelt.

Trotz Massenstrullern an sonnigen Tagen und bei Veranstaltungen – das Ordnungsamt habe anderes zu tun, als Wildpinklern aufzulauern: etwa sich um Müll, Lärm, Tische, die Gehwege verstellen und ähnliches kümmern.

Das Ordnungsamt müsse in Uniform patrouillieren, da tendiere das Entdeckungsrisiko für Wildpinkler gegen Null. "Sobald wir vorbeikommen, können die Leute zurückhalten", so Korbjuhn. Man lasse erst laufen, wenn die Kontrolleure weitergezogen seien. Das bestätigt auch das Ordnungsamt Mitte.

"Wir kümmern uns mehr im Dinge, wo wir konkret einschreiten können"

Fazit: "Wir kümmern uns mehr im Dinge, wo wir konkret einschreiten können", so Korbjuhn. Pinkeln gehöre nicht dazu.

Sowohl Olaf Korbjuhn vom Ordnungsamt als auch Kerstin Jäger vom Gaststättenverband haben Verständnis für die Notdurft, die sich ihren Weg in den Busch oder die Toilette des Restaurants sucht.

Polizei in Zivil hätte zwar mehr Möglichkeiten, Wildpinkler anzuhalten, Wirte hätten die Möglichkeit, ihnen die Toilette über das Hausrecht zu verwehren. Das passiert aber wohl alles kaum: "Mir ist nicht zu Ohren gekommen, dass das schonmal jemand gemacht hätte", sagt Kerstin Jäger vom Dehoga. Die meisten zahlten ja auch bereitwillig die 50 Cent Toilettengebühr.

Jäger: "Wer sich da als Gast quer stellt, dem ist nicht mehr zu helfen."

Beitrag von Vanessa Klüber

Kommentar

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30 Kommentare

  1. 30.

    Na es war keine Rede davon, dass ich das absichtlich mache um die Bäume zu schädigen.
    Aber nochmal: was ist mit den tausenden von Kötern?

  2. 29.

    Frauen sehe ich nie in öffentlichem Strassenland pinkeln. Es sind immer nur Männer. Jemand (ich weiss nicht mehr, wer) hat mal gesagt:"Männer müssen nicht pinkeln und suchen sich deshalb einen Baum. Männer sehen einen Baum und müssen pinkeln.". Es ist abstossend und widerlich. Und die Hände waschen sie sich umständehalber danach auch nicht. Alles einfach nur igitt! Ich vermute, es sind die gleichen Männer, die auch auf die Strasse spucken und rotzen.

  3. 28.

    Sehr "sußer", an die in Städten geschädigten Bäume dann auch noch absichtlich zu pinkeln, damit die erst recht eingehen.

  4. 27.

    Ich lach mich kaputt.
    Solange jeder Köter überall hinpinkelt und hinka.... werde ich auch im Notfall versteckt an einen Baum pinkeln.

  5. 26.

    Besonders appetitlich ist es, diese Schweine in unmittelbarer Nähe von Kindern auf Kinderspielplätze pinkeln zu sehen. Sagt man etwas, droht das Gesindel mit Schlägen. Wie Radfahrer auf Fußwegen. Oder Autofahrer beim Fahren über rote Ampeln. Ekelhaft.

  6. 25.

    Normale Erwachsene können doch planen, vorsorgen und vor ihrem "Ausgang" die heimische Toilette besuchen. Das garantiert der Mehrheit von uns mindestens 2-3 Stunden unbeschwerten Freigang! Auch in Berlin reicht das meist bis zum Auffinden des nächsten offiziellen Pissoirs. Die Not überkommt einen ja nicht urplötzlich, oder?

    Mir scheinen die (meist männlichen) Hauptverantwortlichen für das öffentliche Ärgernis eher so etwas wie Instinktbefriedigung zu praktizieren: Endlich mal wieder das "gute Stück" auspacken und das Revier markieren. Sonst täten Sie's ja nicht soo öffentlich, oder? Leider ist das fürs Zusammenleben in unserer beengten "Zivilisation" völlig ungeeignet.

    Für die Naturfreunde: Ja, Urin am Baum ist gewissermaßen Dünger, und zwar verdünnt im Verhältnis 1:10. Bringen Sie also bitte einen entsprechend großen Wassereimer mit, strullern Sie nur im strömenden Regen, oder, falls Sie einen Garten haben, bringen Sie das wertvolle Gut auf Ihr eigenes Möhrenbeet.

  7. 24.

    @ to all

    BITTE denkt auch mal an all die schwer Prostata-, Uterus- sowie Blasenkrebskranken in dieser Stadt, die auch am öffentlichen Leben mit einem Bier oder Prosecco z.B. - gerade im Sommer - teilnehmen wollen, und akzeptiert ihre Schwerbehindertenausweise ---

  8. 23.

    @7 und @11 Mir völlig unverständlich, wieso Gewerbe Sondergenehmigungen zur Nutzung von Gehwegen zwecks Aussenauschank erhalten, die selbst über KEINE Toiletten verfügen! @rbb Wieso werden diese Sondergenehmigungen von den bezirklichen ORDNUNGSÄMTERN nicht mit der Auflage erteilt Toiletten einzurichten. Auch bei den Supermärkten und "Spätis" ließe sich die Einrichtung von Toiletten durch Änderungen an Gesetzen oder Verordnungen durchsetzen. Selbst an "hotspots" könnten sogar Dixi-Klos helfen, die von den Bezirken aufgestellt werden. Die müssen schließlich auch auf jeder Baustelle aufgestellt werden. Warum nicht an der Warschauer Brücke? am Kotti? .... bis öffentliche Toiletten gebaut werden, wo sie gebraucht werden.

  9. 22.

    Überall Siff außer in Höherpreisigen- oder Privathäusergegenden. Woran das wohl liegt? Wahrscheinlich an der Bildung. Verbote? Wer hält sich in dieser versifften Stadt an Verbote? Haben sie ein Beispiel?

  10. 21.

    Kaum einer = Öffentliche Stellen, die es unterbinden könnten (müssten). Bezieht sich nicht auf andere Bürger. Schönes Wochenende!

  11. 20.

    Ich kann der Artikelüberschrift nicht folgen. Ich finde das wilde Pinkeln mitten in der Stadt wiederlich, an jeder "greigneten" Ecke muss man aufpassen, nicht in ein Rinnsal zu treten. Besonders ekeleregend ist beispielsweise der überdachte Bereich der Oberbaumbrücke.

    Ich erwarte von erwachsenen Menschen, dass sie dje entsprehenden Örtlichkeiten aufsuchen und es auch mal eine halbe Stunde halten können, bis sich die nächste Gelegenheit ergibt. Die Untätigkeit der Behörden zeigt nur wieder einmal, wie dünn die Personaldecke überhaupt ist, um die öffentliche Ordnung noch aufrecht erhalteb zu können.

    Wer unbedingt das Gefühl dee Freiheit beim Urinieren genießen möchte, kann das ja beim nächsten Wanderausflug machen.

  12. 19.

    Die Tatsache, dass Hunde überall hinpissen und hinkacken (dürfen), kotzt mich ebenfalls total an. Man kommt aus dem Haus und an jeder erdenklichen Ecke trieft es vor Hundepisse. Ich brauche keine super cleane Stadt, aber am Ende ist es doch total egal, ob da Zigarettenpapier, Kaugummis, Tierexkremente oder ein alter Kühlschrank in der Umwelt landet. Es ist und bleibt ein rücksichtsloses Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen und der Umwelt. Und, ja, solange so etwas scheinbar NULL Konsequenzen hat, wird sich daran wohl leider nichts ändern.

  13. 18.

    Früher konnte man in Ruhe an einen Baum pinkeln ohne gesehen zu werden, dass ist im überbevölkerten Berlin laaange vorbei. Wenn Hunde ranpinkeln dürfen, wieso Menschen nicht? Heute klappt das nicht mal um 3 Uhr Nachts, find ich blöd.

  14. 17.

    Schreiben Sie Ihre Abgeordneten an. All das Gemecker hier auf den Seiten ist für die Tonne. Sie haben Abgeordnete (w&m) in den Bezirken und im Abgeordnetenhaus. Gehen Sie in die Sprechstunden. Laufen Sie in den Bezirksparlamenten auf. Statt Fernsehen oder Facebook. Die haben alle Büros in den Wahlbezirken. https://www.parlament-berlin.de/de/Das-Parlament/Abgeordnete

  15. 16.

    Ich bezweifle ernsthaft, dass sich keiner dran stört! Es ist nur nicht der Mühe und der Unannehmlichkeit wert, sich darüber aufzuregen. Einer der Gründe hierfür ist dieser " (...) das Ordnungsamt habe anderes zu tun, als Wildpinklern aufzulauern (...)". Warum soll ich etwas melden, wenn das absolut null Effekt hat.

    Ein weiterer ist, dass mich so vieles stört: Graffitti, das noch an dem Tag, an dem es entfernt wurde, wieder angesprüht wird, Heerscharen von Wasserpfeifen- und E-Zigarettenrauchern, die der Welt schwer identifizierbare künstliche Düfte aufzwingen, Hundehaufen an jeder zweiten Straßenecke (ja, das ist besser geworden. Jetzt ist es nur noch jede 2.), ob mit oder ohne Plastiktüte. Zweite- und Drittereiheparker, gerne an gleicher Stelle auf beiden Straßenseiten (könnte ja sonst noch jemand durchkommen).

    Wenn ich alles melden wollte... Wer bezahlt mir diesen Vollzeitjob?

  16. 15.

    Das ist eben die heutige Kultur. Das wollten wir doch alle so oder etwa doch nicht?

  17. 14.

    @Nicole: Ganz schön mutig. So in heutigen Zeiten. Einfach so die Leute ansprechen? Also auf Ihre Frage, ob es wirklich so dringend sei - also da wüsste ich aber eine Antwort ...!
    Mich würden Sie aber garantiert nicht ansprechen, denn mich würden Sie gar nicht so schnell finden. Es sei denn, Sie stiegen mir nach. Aber das würde einer Dame nicht gebühren.
    Ich möchte mich nicht über urologische Probleme auslassen, aber es gibt Momente im Leben, da kann man nicht anders.
    NATÜRLICH sucht man sich dann (sollte man jedenfalls, als sozialisierter Mensch) ein abgelegenes Plätzchen.

  18. 13.

    @Julia: Na, da will ich Ihnen mal kurz erzählen, was mir letztens im Nachtdienst (Sa/So) passiert ist:
    Auf der S46, in Königs Wusterhausen angekommen, lief ich - zur Rückfahrt - aufs andere Ende. Vorne angekommen, traue ich meinen Augen nicht. Ein Obdachloser saß im Fahrradabteil (auf den Klappsitzen) und pinkelte im hohen Bogen, bis auf die gegenüberliegenden Klappsitze! Um ihn herum ein Häufchen Zigarettenkippen und 2 Flaschen "Suff". Ich machte gar keine großen Anstalten, sondern ließ ihn in Grünau von DB Sicherheit aus dem Zug "entfernen". Die Pfütze aber blieb zurück. Und es ist erstaunlich, wie abgehärtet (oder unsensibel?) so manch Fahrgast ist. Nur wenigen fiel dieser "Schaumsee" in Fahrradabteil auf. Viele von den liefen da einfach durch.
    Ganz andere Probleme sind bei uns die "Gleispinkler", also Fahrgäste, die vom Bahnsteig herunter in die Gleise gehen und dort ihre Notdurft verrichten. Dass sie nicht nur sich, sondern auch uns Gefahren aussetzen, ist denen nicht klar.

  19. 11.

    1. Warum haben in Deutschland nicht alle Discounter und Supermärkte eine Toilette? In Schweden, Spanien, Frankreich z. B. ist dieser Zustand normal.
    2. Was sollen den die Menschen in Deutschland machen, die älter sind oder Entwässerungstabletten, oder Blasenprobleme haben? In die Hose pinkeln? oder gar zuhause bleiben?

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