Die Abmessung einer Zauneidechse an einem der 50 exemplarischen Forschungsstandorte der des Instituts für Okologie an der TU Berlin (Bild: Sascha Buchholz)
Sascha Buchholz
Video: rbb WISSEN - Brandenburgs Schreiadler | 18.05.2018 | Maren Schibilsky | Bild: Sascha Buchholz

Forschungsprojekt der TU Berlin - Berliner Ökologen vermessen die Vielfalt

In Berlin lassen sich viele Pflanzen- und Tierarten entdecken, darunter auch Exoten. Doch welche und wie viele Arten gibt es genau und wo leben sie? Forscher der TU Berlin gehen dieser Frage erstmals an mehr als 50 Orten der Stadt nach. Von Anne Hoffmann

 

Sascha Buchholz atmet auf. Für heute sind Gräser und Blumen bestimmt, ist die letzte Bodenfalle geleert. Käfer, Asseln, Spinnen und andere Krabbeltiere sind für die Analyse im Labor in Alkohol konserviert. Wieder waren er und seine Mitstreiter vom Institut für Ökologie der TU Berlin stundenlang mit dem Fahrrad unterwegs, 20 Kilometer kreuz und quer durch die ganze Stadt und raus bis zur Döberitzer Heide, alles im Dienst der Wissenschaft. "Wir haben als exemplarische Flächen Magerrasen ausgesucht, weil es den an vielen Stellen in der Stadt gibt und wir dann vergleichen können", erklärt Buchholz.

Ein Heidegrashüpfer an einem der 50 exemplarischen Forschungsstandorte der des Instituts für Okologie an der TU Berlin (Bild: Sascha Buchholz)
Bild: Sascha Buchholz

Bisher umfangreichsten Studie

Er und andere Ökologen nehmen die Flächen genau unter die Lupe: solche, die zwischen Autobahnen eingeklemmt oder auf Mittelstreifen gelegen sind. Andere befinden sich auf Friedhöfen oder artenreichen Stadtbrachen. So weit wie möglich erfassen die Forscher alles, was dort wächst, kreucht und fleucht, um herauszufinden, wie Pflanzen und Tiere in der städtischen Umwelt zurechtkommen.

Das Projekt ist Teil einer der umfangreichsten Studien zu Ökologie und Vielfalt in der Stadt, "Bridging in Biodiversity Science" (BIBS), an der nahezu alle Institutionen beteiligt sind, die in Berlin und Brandenburg an Biodiversität forschen. Erforscht wird: Wie reagieren die unterschiedlichen Arten auf Bauboom, zunehmenden Verkehr, Luftverschmutzung und steigende Temperaturen? Welche von ihnen sind besonders gut angepasst, welche gefährdet?  

Wunderwelt Magerrasen

Magerrasen beispielsweise ist alles andere als mager, schaut man sich die Artenvielfalt an. Er entwickelt sich vor allem an sonnigen, trockenen und nährstoffarmen Standorten. Seltene Gräser, Kräuter aller Art, und bunte Wildblumen wie Wiesensalbei oder Grasnelke gedeihen dort, Vielfalt bis in den September hinein. Typische Magerrasenpflanzen sind sehr genügsam und gut gefeit gegen dürre Zeiten. Sie bilden weite Wurzelsysteme aus oder Pfahlwurzeln, die tief in feuchtere Bodenschichten vordringen. Gegen Klimastress wappnen sie sich mit einem dichten Haarpelz oder Blättern, die ätherische Öle speichern, um keine Feuchtigkeit zu verlieren. Zudem tummeln sich auf Magerrasen erstaunlich viele Tierarten, allen voran Insekten.

Ein Überblick über einen exemplarischen Forschungsstandort des Institus für Ökologie an der TU Berlin. Ein sogen. "Magerrasen" (Bild: TU Berlin)
Bild: TU Berlin

Sysiphus lässt grüßen

Rund 30 Studenten haben daher stundenlang auf den Flächen gehockt - bewaffnet mit Lupe und Fachbüchern - und hunderte Pflanzenarten bestimmt. Außerdem hatten die Wissenschaftler fünf typische Arten festgelegt, bei denen genau festgehalten werden sollte, wann sie Samen bilden und wann sie blühen. "Damit wollen wir unter anderem erkennen, wie die Entwicklung der Pflanzen mit Klimaveränderungen und etwa dem Verhalten von Insekten und anderen Tierarten zusammenhängt", erklärt Moritz von der Lippe, ein Kollege von Sascha Buchholz. Auf 30 Flächen haben sie das untersucht.

Auf den ersten Blick sieht Magerrasen nicht so aus, als würden sich dort viele Tiere wohl fühlen. Der Schein trügt, meint Sascha Buchholz. "Wir finden unglaublich viele Insektenarten, das ist die Haupttiergruppe." Darunter seien viele am Boden lebende Arten, wie Laufkäfer, Zikaden und Wanzen, Asseln, Spinnen. Diese fangen sie in weißen, blauen und gelben "Schüsseln" aus Kunststoff, die mit Alkohol gefüllt sind und eingegraben werden. Das überleben die Krabbler natürlich nicht. "Geht leider nicht anders", erläutert Sascha Buchholz, "die können wir nur so erwischen."

Mittlerweile sind alle Proben genommen, die Analyse hat begonnen. "Das ist eine Sysiphusarbeit, denn wir müssen jedes einzelne Individuum bestimmen, das sind bisher rund 50.000."

Der Gesang der Heuschrecken

Sascha Buchholz steht auf einer bunten Fläche und spitzt seine Ohren. Er horcht nach dem Gesang der Heuschrecken. Jede Art hat ihre eigene Melodie, ihren eigenen Rhythmus und Klang. So können die Wissenschaftler sie leicht identifizieren.

Wusch – eine Heuschrecke ist im Netz. Vorsichtig nimmt Sascha Buchholz das Insekt heraus. Es ist ein Heidegrashüpfer, grün-beige mit einem schönen Muster und langen Fühlern. Der Biologe zückt eine kleine Schieblehre und vermisst erst vorsichtig die Spannweite der Flügel, dann die Länge der Beine. "Heuschrecken hören mit den Beinen", erklärt er, "und sie sind ziemlich schreckhaft." Heuschrecken seien wichtige Indikatoren für intakte Ökosysteme, sagt der Ökologe. "Wir haben schon 21 Arten gesammelt, das sind knapp 50 Prozent der Grashüpferspezies in Berlin."

In Deutschland stehen mittlerweile mehr als die Hälfte der rund 80 Heuschreckenarten auf der Roten Liste. Ihre natürlichen Lebensräume auf dem Land schwinden, übermäßiges Düngen und zuviele Pestizide setzen den Hüpfern zu. In der Stadt finden sie womöglich eine Nische.

Mehrere Insektenfallen an einem der 50 exemplarischen Forschungsstandorte der des Instituts für Okologie an der TU Berlin (Bild: Sascha Buchholz)
Bild: Sascha Bucholz

Der Lebensraum Stadt als Gegengewicht zum Land

Und wie ergeht es Wildbienen, Schmetterlingen und anderen Bestäubern in der Stadt? Auch das untersuchen die Berliner Forscher. Letztlich geht es ihnen besonders darum, Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Tieren und den verschiedenen Flächen in der Stadt zu erforschen. Dabei identifizieren sie Nahrungsketten von Pilzgeflechten und Organismen im Boden über Pflanzen, Insekten bis zu Insektenfressern und "messen" die Bestäubung.

Die Ökologen haben neben Insekten auch Reptilien wie die Zauneidechse sowie kleine und große Säugetiere wie insektenfressende Fledermäuse und wühlende Wildschweine im Visier. Erstmals untersuchen die Forscher, wie "herumstreunende" Stadtmenschen und ihre Haustiere die Vielfalt beeinflussen. Die umfassenden wissenschaftlichen Untersuchungen sollen am Ende Wege zeigen, wie sich die Artenvielfalt in der Stadt schützen und vermehren ließe -  als Gegengewicht zum dramatischen Artenschwund auf vielen monotonen Äckern, Wiesen und Feldern in der Agrarlandschaft.

Sendung: ARD-Mittagsmagazin, 22.05.2018, 13.00 Uhr

Beitrag von Anne Hoffmann

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