Rentnerpäarchen im Cabrio (Quelle: dpa/Tetra-Images)
Audio: Interview mit Siegfried Brockmann, Radio Eins, 15.05.2018 | Bild: dpa/Tetra-Images

Interview | Unfallforscher zu Senioren am Steuer - "Ab 60 geht's dann abwärts"

Ein 81-Jähriger ist in Brandenburg ungebremst in eine Gruppe von Radlern gefahren. Statistiken belegen: Ältere Autofahrer bauen mehr Unfälle. Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, hat eine Idee, wie viele verhindert werden könnten.

rbb: Sind alte Autofahrer eine große Gefahr für uns alle, oder sagen nicht alle Statistiken eigentlich, dass die Jüngeren das große Risiko sind?

Siegfried Brockmann: Eigentlich sind beide das große Risiko. Sowohl bei den 18- bis 24-Jährigen als auch bei den über 74-Jährigen haben wir deutlich überproportionale Unfälle, vor allem selbst verursachte Unfälle. Aber der Punkt ist, dass dies unterschiedliche Ursachen hat und dass es auch unterschiedliche Unfälle sind. Bei den jungen Leuten haben wir vor allem die  Unerfahrenheit - die bessert sich mit den Jahren. Bei den Senioren haben wir sehr, sehr viel Erfahrenheit. Allerdings wird die Fähigkeit, komplexe Situationen zu verarbeiten, immer schwächer, und das kann man nicht so leicht ausgleichen. Deshalb haben wir auch andere Unfälle. Bei jungen Leuten sind es Geschwindigkeitsverstöße oder Fehler beim Überholen - bei  Senioren sind es vor allem Kreuzungsunfälle, wo verschiedene Verkehrsteilnehmer mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs sind.

Sie sprachen gerade von über 75-Jährigen. Ist das die Altersgrenze, bei der Sie sagen würden: Da kippt etwas?

Ja, das muss man sagen. Besser als mit 60 Jahren werden wir als Autofahrer nicht mehr. Da ist dieses ganze Heißspornige völlig raus, man ist sehr erfahren und macht sehr wenige Fehler.  Und ab da geht's dann abwärts. Und jenseits der 75 Jahre verursachen Senioren 75 Prozent aller Unfälle, an denen sie beteiligt sind, selbst. Und das ist sogar noch etwas höher als bei den 18- bis 21-Jährigen.

Sollte es den Führerschein nur noch bis zu einer festgelegten Altersgrenze geben?  Oder sollte es regelmäßige Prüfungen der Fahrtauglichkeit geben?

Das Entscheidende ist, dass das Alter an sich keine Aussagekraft hat. Man muss im Einzelfall schauen: Wie fährt jemand? Dabei kommt es weniger auf gesundheitliche Aspekte an - die Senioren ja in der Regel in hausärztlicher Behandlung, man kann die meisten Krankheiten auch sehr gut einstellen. Das Schwierige ist, die kognitiven Defizite zu erfassen - also sozusagen, wie gut der Arbeitsspeicher funktioniert. Dafür muss man gemeinsam Auto fahren. Mein Plädoyer ist schon seit Jahren, dass wir Rückmeldefahrten einrichten. Das heißt: nicht gleich den Führerschein abgeben. Aber das große Problem ist, dass die meisten Senioren sich für sehr, sehr gute Autofahrer halten und meist auch gar nicht mitgekriegt haben, wie es bergab gegangen ist. Und in den Familie ist das ein sehr großes Problem: Wer sagt es ihm oder ihr?

Brauchen wir Zwang, oder setzen Sie auf Freiwilligkeit?

Wir wollen mal freiwillig anfangen. Wir sind gerade dabei, eine solche Rückmeldefahrt zu entwickeln - da muss man schauen: Was soll da alles drin sein? Wie lang soll die sein? Und so weiter. Und dann schauen wir mal, wie das angenommen wird. Meine Befürchtung ist nur - das haben wir übrigens bei jungen Leuten auch - dass es bei den Teilnehmern so um die zehn Prozent pendelt und dann eher die kommen, die wir eigentlich gar nicht gemeint haben. Dann sollte man doch darüber nachdenken, dass das jeder machen muss. Aber es geht eben nicht um den Führerschein, sondern es geht darum, dass der- oder diejenige versteht: Wo stehe ich eigentlich?

Die 80-jährige Rallyefahrer-Legende Heidi Hetzer - die würde sich sicher mit Händen und Füßen wehren, ihren Führerschein abzugeben. Was würden Sie ihr sagen?

Zunächst mal hat sie das mit allen anderen Senioren gemeinsam, wie ich ja gerade sagte: Senioren halten sich in der  Regel für sehr, sehr gute Autofahrer. Heidi Hetzer war ja Rallye-Fahrerin, da darf man schon annehmen, dass sie das Auto super beherrscht. Alles andere kann ich nicht einschätzen. Das Alter alleine ist eben, wie gesagt, nicht das Problem. Vielleicht sollte Heidi Hetzer mal ihre Verwandten und Bekannten fragen - und wenn die alle sagen: Mit Dir fahr ich gerne Auto, dann ist wahrscheinlich alles in Ordnung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Marco Seiffert und Tom Böttcher

Sendung: Radioeins, 15.05.2018, 07.00 Uhr

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28 Kommentare

  1. 26.

    "Was sich mir leider nicht erschließt: Im Zusammenhang mit dem Autofahren wird den Senioren hier eine Zunahme der Fehler unterstellt, gleichzeitig wird immer wieder eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit gefordert (...). Sind kognitive Fähigkeiten, um andere nicht zu gefährden, in der Arbeitswelt entbehrlich ?!"

    Diesen Widerspruch gibt es m. E. tatsächilch.
    Und er lässt sich teilw. auflösen dadurch, dass der interviewte Unfallforscher vom Beginn eines kognitiven Abbaus spricht, nicht aber von so gravierenden Fehlern, dass andere dadurch massiv gefährdet werden. Da läge der "Rubikon" eher ab 75. J.- Mill. Menschen arbeiten nach wie vor unter Anwendung von Muskelkraft und doch wissen alle, dass die Leistungskurve irgendwo ab 40 nach unten geht.

    Müssen sich Menschen deshalb zum "alten Eisen" zählen?
    Oder ist es so, dass bemessbare geringere Leistung und eine Zunahme von Fehlern etwas pur Menschliches ist und demgegenüber der Zugewinn an menschlicher Erfahrung steht?




  2. 25.

    Wie lange fahren Sie so 2 x 25 km/h durch Berlin? Jeweils 10 sec bergab? Und haben Sie vor lauter Schaum vorm Mund "km/h"statt "km" geschrieben? :)

    Wenn Radfahrer gegen die StVO verstoßen, dürfen Autofahrer das auch? Darf ich auch Leute in die Luft sprengen, weil andere Leute das auch schon getan haben? (Davon abgesehen nehmen sich Rad- und Autofahrer bei der Beachtung der StVO nicht viel.)

    Und wieso bin ich "die Radfahrer"?

    Wenn jemand mit voller Geschwindigkeit in eine Gruppe Radfahrer fährt, war er offensichtlich nicht mit angemessener Geschwindigkeit unterwegs - egal, was dafür die Ursache war. Selbst wenn er kurzzeitig bewusstlos war, spricht das für eine regelmäßige gesundheitliche Untersuchung.

    Nochmal: es geht nicht darum, Ü65 das Autofahren pauschal zu verbieten, sondern regelmäßig die Fahrtauglichkeit zu prüfen. Es ist wirklich beängstigend, wie einige allein das abwehren. Wird seine Gründe haben.

  3. 24.

    Unsinn. Hier wird nichts "unterstellt", sondern hier wird auf Statistiken verwiesen - siehe mein Beitrag vom 15.05. 22.04 Uhr.

  4. 23.

    Ich bin 80 und habe seit 3 Jahren kein Auto mehr
    Grund : zu wenig gefahren, dadurch ist das Auto zu teuer-- ÖPV und Taxi ist günstiger !!!!!!
    im Urlaub auf Malle : die meisten Autoverleiher ---KEIN Auto ab 75 !!-----
    ( dazu : bin von 1977 bis 1995 im Aussendienst in Bad.Wttbg. p.a. ca. 80 Tsd. km gefahren---)
    ich sage immer ich fahre nicht--ich lasse einen fahren-----------

  5. 22.

    Sicher nehmen die kognitiven Fähigkeiten mit zunehmendem Alter ab. Dem überwiegenden Teil der Senioren ist dies auch bewusst, so dass sie, so sie sich überhaupt noch hinters Steuer setzen, deutlich vorsichtiger als andere Verkehrsteilnehmer fahren. Einer Statistik darf also nur soweit getraut werden, wie man sie selbst erstellt hat...;).
    Ein Umstieg auf den ÖPNV fällt nicht nicht nur in ländlichen Gegenden schwer. In B fühlen sich Senioren, unabhängig vom robusten Fahrstil etlicher Busfahrer, in den Öffentlichen zunehmend unsicher.
    Was sich mir leider nicht erschließt: Im Zusammenhang mit dem Autofahren wird den Senioren hier eine Zunahme der Fehler unterstellt, gleichzeitig wird immer wieder eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit gefordert und der vorfristige Renteneintritt durch Abschläge bestraft. Sind kognitive Fähigkeiten, um andere nicht zu gefährden, in der Arbeitswelt entbehrlich ?!

  6. 21.

    Zum Glück haben Sie Internet und können es allen sooo richtig zeigen...
    Wenn ich beruflich 2x 25 km/h durch Berlin fahre, müssten augenscheinlich täglich mehr als 100 tote Radfahrer zu beklagen sein, also machen sie hier keine auf STVO, den die ist vielen Radfahrzeitgenossen ziemlich egal.
    Und wenn Sie den Erstartikel gelesen haben, stand da dass die genaue Unfallursache noch nicht geklärt ist.
    Und jetzt Sie...

  7. 20.

    Ich sehe das überhaupt nicht so, in einem 6 Millionen Einwohner Ballungsraum mit 3 toten Radlern dieses Jahr einen Shitstorm gegen ältere Menschen ab 60 zu starten ist eine Frechheit.
    Und was gefährlich ist, wissen Radfahrer genau, sind ja alle Erwachsen.
    Dann bitte Rente ab 60 - wenn es scheinbar "bergab" geht, dann kann ja Arbeit auch nicht mehr verantwortungsvoll getätigt werden.

  8. 19.

    "Wenn ich darüber nachdenke, was teilweise für Leute als intellektuell und charakterlich geeignet gelten, ein Kfz. zu führen, wird mir mulmig."

    Das sehe ich auch so. Zumal ja die wenigsten fordern, ein pauschales Fahrverbot für alle Ü65 zu erteilen; es geht doch den meisten eher darum, die Fahrtüchtigkeit im Alter regelmäßig zu testen und im Bedarfsfall Konsequenzen zu ziehen.

  9. 18.

    @Nico: Sie machen sich immer lächerlicher. Nachdem Sie gestern schon den bloßen Verweis auf die StVO als "Autohass" abgetan haben, erklären Sie nun ein Todesopfer und drei Schwerverletzte zur Mücke, aus der man einen Elefanten mache. Würden Sie das auch so sehen, wenn Sie zu den Schwerverletzten gehörten und Ihre Frau die Tote wäre?

  10. 17.

    Wie kann man solch einen Unsinn reden? Wo wird denn hier jemand entmündigt? Solch eine Onlineabstimmung eines Fernsehsenders ist irrelevant - Ihre übertriebene Empörung also völlig sinnfrei.

    Die Beispiele, die Sie aufgezählt haben, haben auch nicht ansatzweise etwas mit dem Thema zu tun. Oder haben Sie schon mal davon gehört, daß jemand durch Fehlbedienung eines Bankterminals einen Menschen getötet hat?

    "Infantil" ist hier einzig und allein Ihre Forderung nach Denkverboten. So etwas war im Faschismus üblich.

    Wenn ich darüber nachdenke, was teilweise für Leute als intellektuell und charakterlich geeignet gelten, ein Kfz. zu führen, wird mir mulmig.

  11. 16.

    Am einfachsten wäre doch eine Fahrerlaubnis, die zwar zeitlich unbeschränkt gültig ist, die aber mit einer turnusmäßig durchzuführenden, auch dann immer auf Anfrage, bzw. bei Kontrollen nachzuweisenden "Prüfungsfahrt" (alle 2-4, oder 5 Jahre) immer wieder aktiv gestellt bleibt. Wer diese "Prüfungsfahrt" nicht nachweisen kann, darf die Rechte aus der Fahrerlaubnis nicht wahrnehmen. Wäre ein simple Lösung, die auch nicht allzu teuer sein muss und braucht. Das auf Europäischer Ebene einheitlich geregelt - warum nicht?

  12. 15.

    Dieses Abstimmungsverfahhren ist eine arrogante Entmündigung. Demnächst dürfen Senioren keine Bankgeschäfte mehr a)Verstehen online-banking nicht, b) vertippen sich an Terminals,
    Wegen Inkontinent keine Teilnahme mehr am ÖPNV .
    ABER beerben wollen sie uns alle. Bitte Denkverbot für diese infantile Schwachsinnigkeit.
    Peters (65)

  13. 14.

    Sorry, aber die Zahlen sind nicht aussagefähig, weil dort Senioren ab 65 in einen Topf geworfen werden. Die wirklichen Probleme beginnen aber meist ab 75. Die Altersgruppe ab 75 hat auch die höchsten Unfallzahlen und verursacht sogar noch mehr Unfälle als die 18-25jährigen.

    "Waren jedoch Fahrer der Generation 75-plus in den Unfall verwickelt, hatten sie diesen in 75 Prozent der Fälle auch verursacht – das ist mit Abstand der höchste Wert aller Altersgruppen."

    https://www.welt.de/motor/news/article156991316/Unfallstatistik-2015.html

    Seriöse Statistiken unterteilen daher inzwischen die Senioren in 2 Altersgruppen - einmal 65-75 Jahre (Spanne 10 Jahre) und dann über 75. Die Spanne von 18 bis 25 sind übrigens 7 Jahre.

  14. 13.

    Meine Empfehlung an die ältere Generation, in gewissen Abständen immer mal wieder den Augen und Hausarzt aufsuchen um den Gesundheitszustand kontrollieren zu lassen. Bin selber 71 Jahre alt, habe bis zum 70. Lebensjahr immer wieder meinen Führerschein CE seit dem 50. Lebensjahr alle 5 Jahre durch Gesundheitscheck ( Landratsamt ) verlängern lassen.
    Fahre auch seit 2016 ein Fahrzeug mit sämtlichen Fahrerassistenzsystemen.
    Kann mir kein besseres erholsameres Fahren mehr vorstellen. Gerade in der heutigen Zeit bei dem jährlichen
    erhöhten Verkehrsaufkommen.

  15. 12.

    Für mich als Bewohner von Berlin wäre es ja recht einfach, meinen Führerschein irgendwann abzugeben und und nur noch Fahrrad, Füße und BVG zu nutzen. In der Gegend, wo der Unfall geschah, eher nicht.
    Auch sollte man nicht vorschnell urteilen, die Unfallursache im Alter des Fahrers zu sehen. - Ungebremst? - als die ersten ABS aufkamen hieß es, nun werden keine Bremsspuren mehr zur Auswertung gefunden und deshalb die Unfall-Auswertung schwieriger. Gibt es jetzt Bremsspuren bei modernen Fahrzeugen oder nicht?
    Der Fahrer wird sich im Prozess verantworten müssen und seine Fehler werden von den Sachverständigen aufgezeigt werden. Bis dahin sollte der Journalist sich zurückhalten.

  16. 11.

    Im Gründe diskriminiert man hier die älteren Bürger.
    Schlechte oder gute Autofahrer gibt es in jeder Altersgruppe.
    Natürlich kann der Eindruck entstehen, dass ältere Fahrer(innin)schlechter fahren, wenn in die Statistik jeder selbst verschuldeter kleine Blechschaden (an die Versicherung gemeldet)in die Statistik einfließt.
    An, durch jüngere Verkehrsteilnehmer, verursachten Toten, schweren Verletzungen, Sachschäden, verursachten Schäden, scheiden sich die Geister. Da ist wohl ein Schwergewicht bei Fahrern zwischen 18-40jährigen. Sollte man denen auch den Führerschein abnehmen, wie es hier für die Älteren propagiert wird.

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