Start beim Pferderennen in Hoppegarten (Quelle: dpa/Rainer Jensen)
Video: rbb Aktuell | 17.05.2018 | Thorsten Michels | Bild: dpa/Rainer Jensen

Galopprennbahn Hoppegarten wird 150 - Rennpferde: reinrassig, Jockeys: erstklassig

Rassetiere, Volksfest-Atmosphäre und Pferdewetten: Wer sich durchringt, den stolzen Eintrittspreis zu zahlen, betritt auf der Rennbahn in Hoppegarten eine Parallelwelt. Die Rennbahn gilt wieder als Besuchermagnet - doch das war nicht immer so.

"31,50 Euro", sagt die ältere Dame am Eingang durch ihr kleines Guckfenster. Pro Person kostet der Eintritt zur Rennbahn in Hoppegarten – je nach Qualität des Renntages – diesen stolzen Preis. Damit darf man aber noch längst keine Tribüne betreten. Dafür müssen mindestens 35 Euro angelegt werden.

Doch wer es mit der S-Bahn oder dem Wagen bis zum Stadtrand nach Hoppegarten (ja, die Berliner Rennbahn liegt in Brandenburg) geschafft hat, ringt sich meistens auch dazu durch, in den Eintritt zu investieren. Hinter den Kassenhäuschen betritt man eine Parallelwelt: Pferde wiehern, Kinder rennen, es riecht nach Zuckerwatte und Gegrilltem. Die Galopprennbahn Hoppegarten, die ihren Namen dem Hopfenanbaugebiet verdankt, auf dem sie entstand, ist nicht nur wegen ihrer 150-jährigen Geschichte ein ganz besonderer Ort: Schon der Eingangsbereich mit seinen Buden unter alten Bäumen atmet Volksfest-Atmosphäre. Es gibt Würstchen, gebratene Champignons, Crêpes und jede Menge Kaltgetränke – und denen wird ordentlich zugesprochen.

Die Pferde sind auf der Bahn oder dem Sattelplatz

Wer Pferde sehen will, muss eines der Tribünengebäude betreten oder zum Führ- und Sattelplatz gehen. Da sind sie, die langbeinigen Englischen Vollblüter. Allein sie dürfen an normalen Renntagen hier laufen. Andere Pferderassen, Kamele, Elefanten oder gar Musikfestivals auf der Bahn sind Ausnahmen.

Während die Rennpferde reinrassig, die Jockeys erstklassig und die Atmosphäre bilderbuchmäßig sind, ist das Wetten in Hoppegarten keine elitäre Expertensache. Am Schalter reihen sich sämtliche sozialen Schichten ein, um den per Hand ausgefüllten Wettschein abzugeben. Und wer das System nicht durchblickt, versucht es am "Wettschalter für Einsteiger".

Auf welches Pferd gesetzt wird, lässt sich am leichtesten nach einem Besuch des Führrings entscheiden. Hier werden die nervösen Tiere herumgeführt und nach dem Satteln mit ihren Jockeys präsentiert. Und inmitten einer schattenspendenden Baumgruppe unterhalten sich die Besitzer – in schickem Zwirn und die Damen oft mit Hut - mit Jockey und Trainer.

Ja, wo laufen sie denn?

Wetten ist eine Welt für sich

Dann die große Frage: Setzt man auf Sieg oder Platz? Bei Sieg geht es um alles oder nichts. Gewinnt das Pferd, auf das man sein Geld gesetzt hat, verdient man – je nachdem wie hoch die Quote des Tieres ist  – Geld, wird es zweiter oder läuft noch langsamer, geht man leer aus und das Geld ist futsch. Anders die Platzwette. Hier muss das gewettete Pferd Erster, Zweiter oder Dritter werden, damit man die Wette gewinnt. Für Fortgeschrittene gibt es noch mehr Wettmöglichkeiten: beispielsweise Zwilling, Drilling, Zweier- oder Dreierwette. Hier wird jeweils auf mehrere Pferde gewettet, die vorne mitlaufen.

Aber wie wählt man aus? Nach Farbe? Muskelmasse? Das macht jeder Jeck anders. Viele schauen, welches Tier sich sehr aufregt und seine Energie damit schon vor dem Rennen vergeudet. Hier lassen sich zu den kryptischen Namen aus dem Programmheft Favoriten aus Fleisch und Blut finden.

Augen auf bei der Namenswahl

Nachdem der Wettschein abgegeben ist, wird es ernst: Denn die Reiter begeben sich in ruhigem Galopptempo, dem so genannten Aufgalopp, zur Startmaschine, die meist an der gegenüberliegenden Seite der Rennbahn steht. Die Menschenmasse drängt derweil zu den Tribünen. Ab jetzt übernimmt der Rennbahnsprecher. Er kommentiert im Detail das Geschehen, das an den vielen Bildschirmen oder mit dem Fernglas verfolgt werden kann. Dann klingelt die Startglocke und los gehts. Endlos lange Minuten ist das Feld kaum zu sehen. Atemberaubend dann der Moment, wenn die Galopper donnernd auf die Zielgerade und somit endlich richtig in Sicht kommen. Überall wird gebrüllt. "Devastar, Devastar" hört man sich dann plötzlich selbst rufen. Der Nebenmann hat es im Zweifelsfall schlechter getroffen bei der Namenswahl, er ruft aus vollem Halse "Power Euro, Power Eurooooo".

Das Ziel befindet sich unmittelbar vor der Tribüne. Wer direkt am Zaun stehen will, läuft Slalom zwischen Picknickdecken, die hier auf dem Rasen ausgebreitet werden. Oft ist mit dem bloßen Auge jedoch nicht zu sehen, welche Pferdeschnauze bei einem Tempo von bis zu 50 Kilometer pro Stunde weiter vorne lag. Das Zielfoto entscheidet. Aber mitunter hilft auch hier nur eine Vergrößerung.

Mit dem Wettschein, den man nicht verlieren sollte, kann ein etwaiger Gewinn jetzt an einer der Kassen abgeholt werden.

Das Gelände ist 430 Hektar groß

Die Rennbahn scheint sich von ihren Schwierigkeiten der Vergangenheit langsam erholt zu haben. Vor zehn Jahren hatte ein ehemaliger Fondsmanager, Gerhard Schöningh, das Gelände als Privatinvestor erworben. Er hat die Tribüne saniert und insgesamt große Pläne mit dem traditionsreichen, heute 430 Hektar großen Gelände.

Das allerdings ist nicht unkompliziert, denn die Galopprennbahn steht unter Natur- und einige der Gebäude unter Denkmalschutz. Obwohl die Tribüne 1944 zur Rüstungsfabrik umfunktioniert und wichtige Gebäude noch im gleichen Jahr durch Luftangriffe zerstört wurden, sind die 1922 errichtete, 4.000 Zuschauer fassende Haupttribüne sowie das Waagegebäude mit der Jockey-Stube erhalten geblieben.

Mehr zum Thema

Wetten & Quoten

Normalerweise wird die Quote basierend auf einem Einsatz von 10 Euro angezeigt. Eine Quote von 90:10 bedeutet demnach, dass bei einem Einsatz von 10 Euro eine Auszahlung von 90 Euro bei einem Sieg des gewetteten Pferdes fällig wird. Der Nettogewinn beträgt für den Wettenden 80 Euro.

Für Sieg-, Platz-. Zweier-, Platz-Zwilling-Wetten ist der Einsatz mindestens 1 Euro, bei Dreier- und Vierer-Wetten nur 0,50 Euro.

Üblicherweise gibt es für jedes Rennen sechs Quoten: Eine für die Siegwette, eine für die Zweierwette, eine für die Dreierwette und drei für die jeweiligen Pferde in der Platzwette. Bei Rennen, in denen die Platz-Zwilling-Wette gespielt werden kann (Voraussetzung: mindestens acht Pferde am Start), ergeben sich zusätzlich noch drei Quoten.

Siege von Außenseitern bringen höhere Gewinnquoten.

Zum ersten Rennen kam 1868 der König

Das erste Rennen fand am 17. Mai 1868 in Anwesenheit von König Wilhelm I. und dem späteren Reichskanzler Otto von Bismarck auf der Anlage statt. Die Bahn wurde schnell zu einer der bedeutendsten Galopprennbahnen Europas. Rennereignisse wie Preis der Diana, Henckel-Rennen, Schwarzgold-Rennen, die Goldene Peitsche und der Große Preis von Berlin zogen mitunter bis zu 40.000 Zuschauer an. Doch die beiden Weltkriege und die DDR-Zeit, in der der Rennbetrieb zwar vom VEB Vollblutrennbahnen weitergeführt wurde, jedoch international kaum eine Rolle spielte, führten zur Vernachlässigung des Standorts.

Nach der Wende wurde im März 1990 der erste "deutsch-deutsche" Renntag in Hoppegarten veranstaltet. Unglaubliche 45.000 Zuschauer fanden sich ein. Auf eine kurze Zeit der Euphorie folgten dann aber Besitzerwechsel, wirtschaftliche Probleme und erneute Stagnation.

In den vergangenen Jahren sind die Besucherzahlen der Rennbahn dann kontinuierlich gestiegen. Auch mit den Wetteinnahmen kann Investor Schöningh nicht ganz unzufrieden zu sein. Auf dem Boden finden sich am Ende des Renntages viele zusammengeknüllte und so entsorgte Wettscheine.

Sendung:  Geheimnisvolle Orte, 15.05.2018, 20:15 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

1 Kommentar

  1. 1.

    Danke für den schönen Artikel, der hat uns sehr gefreut. Doch so stolze Eintrittspreise, wie Sie hier schreiben, haben wir NICHT - die 31,50€ beinhalten ein Sattelplatz-Ticket UND das Mittags-Special "Irischer Lachs" im Wiener Cafe der Rennbahn.
    Kinder und Jugendliche in Begleitung Erwachsener sind bei uns immer frei, und die Sattelplatzkarte für Pfingstsonntag kostet im Vorverkauf 15€, an der Tageskasse 18€. Damit hat man Zugang zu 1.700 nicht-reservierbaren überdachten Sitzplätzen. Ein eigener reservierter Logen-Platz mit Kellner-Service startet bei 35€.
    Alle, die mit uns 150 Jahre Hoppegarten feiern wollen, sind herzlich zum Irisch Raceday am Pfingstsonntag eingeladen.
    Ihre
    Rennbahn Hoppegarten

Das könnte Sie auch interessieren