Schüler beim Unterricht (Quelle: imago/Michael Gottschalk/photothek.net)
Audio: Radioeins | 16.05.2018 | Interview mit Barbara Jürgens-Streicher | Bild: imago/Michael Gottschalk/photothek.net

Berliner Schulen im Ramadan - "Wir wissen, dass das Fasten für Kinder nicht gesund ist"

Vier Wochen lang tagsüber nichts essen und nichts trinken: Die muslimische Fastenzeit bedeutet eine starke körperliche Belastung - der sich auch viele Schulkinder aussetzen. Berlins Schulen haben sich dafür eine bestimmte Taktik zugelegt.

Die Fastenzeit Ramadan wirkt sich in Berlin auch stark auf das Schulleben aus. "Es hat einen großen Einfluss", sagte Barbara Jürgens-Streicher, Konrektorin an der Kreuzberger Jens-Nydahl-Grundschule, am Mittwoch dem rbb. "Die Eltern fasten fast ausnahmslos und die Kinder möchten gerne teilnehmen - bei den Großen dabeisein und mitfasten." Zwar seien Kinder aus religiösen Gründen nicht zum Fasten verpflichtet, erklärte die Konrektorin. "Aber es wird schon gesagt: Die Kinder sollen üben, um später als Erwachsene fasten zu können. Und deshalb nehmen sie auch daran teil."

Verbote würden zu Trotzreaktion führen

Deutliche Ablehnung des Fastens von Seiten der Schule sei allerdings kontraproduktiv, zeigte sich Jürgens-Streicher überzeugt. "Natürlich wissen wir auch, dass das Fasten für Kinder nicht gesund ist", stellte die Pädagogin fest. Verbote würden aber "in jedem Fall eine Trotzreaktion herbeiführen".

Stattdessen müsse die Schule den Kindern vermitteln, dass sie ihren Wunsch verstehe, dazugehören zu wollen - sie müsse aber auch klarstellen: "Es gibt bestimmte Regeln, die du trotzdem einhalten musst. Beispielsweise wenn wir einen Ausflug machen - dann geht es nicht, dass Du fastest. Dann können wir dich nicht mitnehmen." Eltern müssten auch Kinder, denen es nicht gut gehe, aus der Schule abholen.

Ausnahmen für Schwangere, Kranke und Kinder

Das Fasten im Ramadan gehört zu den fünf Säulen des Islams, die für jeden Muslim Pflicht sind. Im Ramadan verzichten Muslime vier Wochen lang tagsüber auf Rauchen, Essen oder Trinken; erst nach Sonnenuntergang darf gegessen und getrunken werden. Auch Sex ist erst abends erlaubt. Ausnahmen gibt es allerdings für Reisende, Altersschwache, Kranke, Schwangere und Kinder.

Schätzungen zufolge sind rund acht Prozent der Berliner Muslime. Eine offizielle Zahl gibt es nicht, da die Religionszugehörigkeit nicht offiziell erfasst wird. An der Jens-Nydahl-Grundschule sind viele Kinder muslimischen Glaubens - die Einrichtung hat ausschließlich Kinder nicht-deutscher Herkunftssprache, wie aus den Daten der Bildungsverwaltung hervorgeht.

"Entgegenkommen, ohne eigene Positionen aufzugeben"

Die Schule versuche, mit dem Fasten "soweit wie möglich respektvoll umzugehen", erläuterte die Pädagogin. Dieses sei Teil des Familienlebens und daher auch der Kinder. "Das bringen die einfach alle mit." Die Schule helfe den Kindern, den Spagat zwischen der Schule und dem Elternhaus zu schaffen: "Da muss man ihnen ein Stück entgegenkommen, ohne eigene Positionen aufzugeben." Natürlich gebe es Konflikte mit den Eltern; aber türkisch- oder arabischstämmige Mitarbeiter könnten hier sehr gut vermitteln. Hilfestellungen gebe auch ein Leitfaden der Senatsschulverwaltung.

Ramadan als "Leistungsschau"

Auch die Berliner Senatsschulverwaltung rät in ihrem Leitfaden "Islam und Schule", in Sachen fastender Schulkinder die Konfrontation zu vermeiden. Dafür sollten die Schulen das Gespräch mit den Kindern und Eltern suchen - und gegebenenfalls auch den Schulbetrieb anpassen. So heißt es: "So könnten Tests und Klausuren wenn möglich so organisiert werden, dass sie nicht in die Fastenzeit fallen oder zumindest in den frühen Unterrichtsstunden stattfinden."

Allerdings solle das Fasten "nicht seitens der Schule zur Norm erhoben werden", heißt es in dem Leitfaden - auch schon um nicht fastende Muslime nicht unter Druck zu setzen. Inzwischen werde der Ramadan unter muslimischen Jugendlichen "immer mehr zu einer 'Leistungsschau'. Nicht fastende Mitschüler werden kritisiert und bekommen Verachtung zu spüren. Lehrkräfte beklagen häufig, dass fastende Schüler und Schülerinnen unkonzentriert, unaufmerksam und auch unausgeschlafen seien, weil sie die letzte Mahlzeit bereits vor der Morgendämmerung zu sich nehmen müssen." Grundsätzlich stellte die Senatsschulverwaltung fest: "Minderjährige sollten vom Fasten abgehalten werden."

Am Ende wartet ein großes Fest

Der Ramadan fällt jedes Jahr in eine andere Zeit, da sich der islamische Kalender nach den Mondphasen richtet. Wie ein Sprecher des Maschari Centers in Kreuzberg mitteilte, ist für Muslime der Omar-Ibn-Al-Khattab Moschee der erste Tag des Fastens an diesem Mittwoch (16. Mai). Anhänger der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinschaft der Khadija Moschee feiern am Donnerstag (17. Mai) das erste Fastenbrechen.

Der Fastenmonat endet mit einem großen dreitägigen Fest des Fastenbrechens. Der erste Tag des Ramadanfests, arabisch "Eid ul-Fitr" oder türkisch auch "Ramazan Bayrami" beziehungsweise Zuckerfest genannt, zählt zu einem der wichtigsten Feiertage für Muslime. Dabei wird ein festliches Essen vorbereitet, Kinder bekommen Süßigkeiten und Geschenke.

Sendung: Radioeins, 16.05.2018, 07.00 Uhr

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 14.

    Wenn wir zu Schulzeiten unser Pausenbrot vergassen bzw. uns dies nicht schmeckte oder wir zu spät ins Bett fanden, nahm die Schule keine Rücksicht auf hungrige Mägen oder übermüdete Augen.

  2. 13.

    Steht der Jugendschutz unterhalb der Schwelle der bewusst herbeigeführten Gesundheitsschädigung aus religiösen Gründen...
    Mir stellt sich die Frage: Seit wann ist das Fasten für einen Moslem Pflicht? Sicher nicht in den Zeiten Mohammeds und danach, als sich die Verbreitung des Islams auf die arabische Halbinsel beschränkte.. Im Wüstenklima über 13h ohne Wasser????
    Wohl unmöglich, das unbeschadet zu überstehen!!!
    Achso, was wäre, wenn die muslimischen Schüler für die Zeit des Ramadans in Gänze durch ihre Eltern vom Unterricht befreit wären? Wie würde eine staatliche, (noch) der Neutralität verpflichtete Institution reagieren???
    Tolerante (zu ertragende) Akzeptanz? "Der Islam gehört zu Deutschland!"?, Bussgeldbescheid gegen die Eltern bzw. Einsatz der Jugendhilfe wegen grober Verletzung der Schulpflicht??
    Übrigens, wenn der Atheismus auch als Glaubensrichtung zählt, dann gehören doch die weltanschaulichen Überzeugungen auch vom Staat akzeptiert.... Z.B. die Verletzung der atheistischen Gefühle durch Religionsunterricht in einer staatlichen, wertneutralen Schule!!!

  3. 12.

    @9: Weil es mir als Humanist egal ist, welcher Religion Eltern anhaengen: wenn sie ihre Kinder falsch behandeln, werde ich das kritisieren. Daher weht der Wind.

  4. 11.

    Als ob man erst Migrationserfahrung haben müsste, um muslimisch zu sein. Das ist abwertende, ausgrenzende, identitäre Blut-und-Boden-ideologie - übrigens dafür bekannt, nicht von Demokrat*innen hochgehalten zu werden. Vermutlich meinen Sie ja damit genau das, was Sie unter "Kultur" verstehen.

    Ihr Verständnis von Religionsfreiheit sieht also so aus, dass sich die Gewährleistung dieser anhand der Anzahl der jeweils Glaubenden oder Nichtglaubenden orientiert? Auch das ist kulturalistischer Rassismus. Es steht einem Staat und auch sonst niemandem zu, eine "Leitkultur" zu definieren. Das widerspricht dem Grundsatz der Gleichwertigkeit aller Menschen und greift in Persönlichkeitsrechte und Menschenwürde ein.

    Fehlverhalten von manchen der Fastenden pauschal auf alle fastenden Muslim*innen zu übertragen, ist - raten Sie mal - rassistisch.

    Wie immer muss man miteinander reden. Dass es vom Senat einen Leitfaden für Lehrende gibt, zeigt doch, dass das zumindest passiert.

  5. 10.

    Warum wird so ein Wind um dieses Thema gemacht? Einfach ignorieren, denn in den islamischen Ländern interessiert sich auch niemand für Anliegen der Christen.

  6. 9.

    Schade, dass die muslimischen Eltern nur in dieser Beziehung auf die Kinder Einfluss nehmen.
    Aber es ist schon interessant wie mit dem Ramadan Gruppendruck aufgebaut wird. Und vor allen ... es funktioniert.

  7. 8.

    Es ist aber absolut nicht einzusehen, daß die Schulen bei Prüfungen und sonstigen Aktivitäten auf den Ramadan eingehen, obwohl Schätzungen zufolge es nur 8 Prozent Muslime gibt. Jeder Moslem weiß auch, wenn er sich in Deutschland niederläßt, welcher kulturelle und religiöse Hintergrund in Deutschland überwiegend vorhanden ist.
    Was ich schlimm finde, daß nicht-fastende Kinder muslimischen Glaubens von den fastenden Kindern kritisiert werden und Verachtung zu spüren bekommen. Das darf nicht hingenommen werden, besonders nachdem Schwangere, Kranke und Kinder auch im Islam nicht fasten müssen.

  8. 7.

    Wenn die Eltern der Meinung sind, ihre Kinder so erziehen zu wollen, dann ist das eben so. Allerdings sollte es keinerlei geforderte Zugeständnisse der Senatsverwaltung und der Schulen im Hinblick auf Prüfungen und Sportveranstaltungen geben.

  9. 6.

    Wegen des für Kinder nicht verpflichtenden Ramadans Prüfungen und Klausuren verschieben? Nö.

    Die AfD dankt auf Knien für diese Steilvorlage.

  10. 5.

    Den ganzen Tag nichts zu trinken, ist für niemanden gesund. Wer Kinder dazu anhält, gefährdet deren Gesundheit. Aber was zählt Vernunft schon gegen Glauben.

  11. 4.

    Zum Charakter von Religionen gehört oft selbstschädiges Verhalten( Geißelungen, Knierutschen ohne Knieschutz, Fasten,
    Genitalbeschneidungen, etc.) Solch Verhalten kann auch den Kindern von ihren Eltern verordnet werden (Besonderer Schutz der Familie).
    Im Rahmen unserer Verfassungsordnung ist das nun mal möglich, lasst die "Religiösen" machen und macht mal normalen Unterricht weiter.
    Wenn das nicht genehm, dann setzt Euch dafür ein das schädigende Freiräume von Religion und
    Familie abgeschafft werden.

  12. 2.

    Liebe RBB,

    die Angabe, dass der Sex für Musime für den ganzen Monat tabu sei stimmt nicht. Nur tagsüber.

  13. 1.

    Die Menschenwürde von Kindern und Jugendlichen (siehe UN-Kinderrechtskonvention) gebietet die Ausnahme vom Fasten. https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Kinderrechtskonvention http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsinstrumente/vereinte-nationen/menschenrechtsabkommen/kinderrechtskonvention-crc/

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