Spätkauf in der Bundesallee in Berlin-Wilmersdorf (Quelle: rbb/Ulf Morling)
Audio: Inforadio | 28.06.2018 | Ulf Morling | Bild: rbb/Ulf Morling

Raubmord vor Berliner Landgericht - "Ich habe ihn alle gemacht"

Fünf junge Männer und Frauen sollen die Betreiberin eines Spätkaufs in Berlin-Wilmersdorf überfallen und ihren Sohn ermordet haben, als er ihr helfen wollte. Die Geschäftsfrau ist seitdem ein Pflegefall. Die mutmaßlichen Haupttäter sind bis heute untergetaucht. Von Ulf Morling

Ein besonders brutaler und tragischer Fall eines Raubmordes wird ab Donnerstag vor dem Berliner Landgericht verhandelt: Drei Männer und zwei Frauen sollen an dem Überfall des Spätkaufs in der Bundesallee am 5. November letzten Jahres beteiligt gewesen sein. Die Täter sollen der Betreiberin, der 53-jährigen Hoan N., regelrecht aufgelauert haben. Als der jüngste Sohn seiner Mutter zu Hilfe geeilt ist, wurde er erstochen.

Hussein R. soll einer der Haupttäter gewesen sein. Dem 23-Jährigen wird schwere räuberische Erpressung mit Todesfolge vorgeworfen. Die mitangeklagten Frauen Irem E. (20) und Asya Y. (18) sollen Beihilfe geleistet haben. Die mutmaßlichen Haupttäter haben sich allerdings wahrscheinlich ins Ausland abgesetzt.

Mordopfer Van Duc T. (Quelle: privat)
Der 21-jährige Duc T. wollte seiner Mutter helfen und wurde niedergestochen | Bild: privat

Komplize bereits mehrfach vorbestraft

Hoan T. ist am Tattag gerade von ihrem Ehemann im Späti in der Bundesallee 199 abgelöst worden. Es ist 22:45 Uhr am Sonntagabend, dem umsatzstärksten Tag der Woche. Die schmächtige Vietnamesin, der es nach einem Schlaganfall schwerfällt, eine Schicht hinter dem Ladentisch durchzustehen, ist auf dem Weg zu ihrem unweit gelegenen Wohnhaus. Sie geht langsam über den Mieterparkplatz zur Haustür, als plötzlich ein Mann vor ihr steht und sie mit einem langen Messer bedroht.

Mahmut A. (21), einschlägig vorbestraft, will laut Anklage der Vietnamesin die Tageseinnahmen rauben. Doch die zarte 53-Jährige leistet Widerstand: Sie will das mühsam erarbeitete Geld nicht hergeben – und ruft ihren Sohn um Hilfe. Sie weiß, dass er zu Hause ist. "Duc", schreit sie immer wieder. Der 21-Jährige hört die Hilferufe seiner Mutter und rennt an dem kalten Novemberabend barfuß nach draußen, um schneller aus der Erdgeschosswohnung bei seiner Mama zu sein.

Mahmut A. soll über Messereinsatz geprahlt haben

Duc T. findet seine Mutter vor der Haustür, die von einem stämmigen Mann mit einem Messer bedroht wird. Duc greift den Räuber an, überwältigt ihn und nimmt ihn in den Schwitzkasten. Doch ein Mittäter kommt hinzu und befreit seinen Komplizen. Duc flüchtet über den Parkplatz vor dem Wohnhaus, doch Mahmut A. verfolgt ihn und soll sein Messer dem jungen Vietnamesen in den Hals gestochen haben. Ein Bewohner des Hauses, der wegen des Lärms auf den Hof sieht, soll "Verpisst Euch!" gerufen haben.

Erst dann sollen die Täter von Duc T. abgelassen haben. Mit ihren drei mutmaßlichen Komplizen, die sich nun ab Donnerstag vor Gericht für den Überfall verantworten müssen, sollen sie in einem Audi Q5 geflüchtet sein. Mahmut A. soll über seinen Messereinsatz geprahlt haben: "Ich habe den Vietnamesen alle gemacht." Noch auf dem Parkplatz erliegt der jüngste Sohn der Familie T. seinen Verletzungen. Die zwei mutmaßlichen Haupttäter sind bis heute verschwunden.

Familie muss für Kosten der Tatfolgen teilweise alleine aufkommen

Die 53-jährige Mutter hatte den Tod ihrer jüngsten Sohnes miterleben müssen. Kurz darauf erleidet die Vietnamesin erneut einen Schlaganfall - für die Ermittler ist nicht ausgeschlossen, dass der Überfall Auslöser war. Bis heute liegt das Raubopfer in einer Art Wachkoma und ist ein Pflegefall. "Ihre rechte Seite ist gelähmt. Sie wird künstlich ernährt und kann nicht selbstständig im Rollstuhl sitzen, weil sie ihren Hals nicht halten kann", sagt Tochter Hai (31). Sie, ihre Schwester H. (33), ihr Bruder Trung (25) und der Ehemann der jetzt Schwerstbehinderten kümmern sich in einer Pflegeeinrichtung um Hoan T., seit sie aus Krankenhaus und Reha vor zwei Monaten entlassen wurde. Neben ihrer Trauer und den gravierenden psychischen Folgen muss die Familie teilweise die finanziellen Kosten der Tatfolgen allein stemmen.

Überfall hat Familie weitgehend zerstört

Familie T. ist in Deutschland gut integriert. Vater und Mutter arbeiteten im inzwischen aufgegebenen Spätkauf, ihre vier Kinder machten nach der Schule eine Ausbildung. Eine der Töchter ist Assistentin der Geschäftsführung eines Berliner Unternehmens. Der bei dem Überfall ermordete 21-jährige Duc hatte gerade begonnen, bei einem Patentanwalt zu arbeiten.

Der Überfall hat die Familie weitgehend zerstört, die Familienwohnung wurde aufgegeben und Vater T. wohnt bei seinem Sohn Trung und wird von ihm unterstützt. "Derzeit ist keine Prognose möglich, inwieweit sich der Gesundheitszustand  der Mutter noch bessern kann", sagt Rechtsanwalt Alexander A. Wendt, der die Familie auch im Prozess vertritt. "Vielleicht kann sie nach zehn Jahren wieder eigenständig laufen und essen. Aber das ist alles überhaupt nicht sicher."

Überfall aus Geldgier?

Der vorbestrafte Angeklagte Hussein R. (23), ein Deutscher mit türkischen Wurzeln, hatte sich am Tatabend das Hochzeitsauto seines Bruder ausgeliehen. Im angemieteten Audi Q5 soll er mit den beiden mitangeklagten jungen Frauen und einem Freund eine Spritztour gemacht haben. Der Freund soll dabei auch im Spätkauf in der Bundesallee kurz einkaufen gewesen sein. Zurück im Auto beschwerte er sich laut Zeugenaussagen über die Verkäuferin: Die kleine Vietnamesin sei sehr umständlich gewesen. Das Wechselgeld habe sie aus einem großen Geldscheinbündel in ihrer Tasche gezogen.

Später soll Hussein R. seinen Freund abgesetzt haben, doch der Bericht des Kumpels von der hilflos wirkenden, unbeholfenen Verkäuferin soll ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen sein. "Okay, wir machen das jetzt", soll er irgendwann gesagt haben und meinte damit, so die Staatsanwaltschaft, dass sie den Spätkauf jetzt überfallen würden. Geldnot oder Drogensucht als Motiv für den Überfall ermittelte die Mordkommission nicht.

Schwerkriminelle Komplizen in Berlin – trotz Ausreisepflicht

Hussein R. soll auf die Idee gekommen sein, Mahmut A. als weiteren Mittäter für den geplanten Überfall zu gewinnen. Der zur Tatzeit 20-jährige A. war bekannt dafür, dass er nicht zimperlich war, wenn es um Gewaltanwendung ging: Der Türke hat mehr als ein Dutzend Eintragungen im Strafregister, darunter Jugendstrafen wegen Raubüberfällen und Körperverletzung. Für Mahmut A. galt obendrein eine "vollziehbare Ausreisepflicht", wie der rbb aus Ermittlerkreisen erfahren hat. Der Schwerkriminelle hätte also weit vor dem mutmaßlichen Raubmord in der Bundesallee in die Türkei wohl abgeschoben werden können. Erst eine Woche vor der Tat in Wilmersdorf soll sich A. noch mit einem Cousin geprügelt und am Tatabend deshalb zwei blaue Augen gehabt haben.

Am Tatabend wurde A. in einem Weddinger Café in den Q5 geladen und zur Sicherheit noch ein weiterer Komplize laut Ermittlern angeworben: Moussa E., neun Mal vorbestraft und ebenfalls im Wedding wohnend. E. wurde zu Hause abgeholt, dann sollen die fünf Insassen des Audi schnurstracks in die Bundesallee gefahren sein. Auf der Fahrt sollen sie alles Nötige besprochen haben. Nach dem Überfall und der Ermordung des 21-jährigen Vietnamesen Duc T. wurde das blutige Messer auf der Rückfahrt in den Wedding an der Nordhafenbrücke in den Spandauer Schifffahrtskanal geworfen.

Angeklagter stellt sich Polizei

Knapp zwei Wochen nach der Tat stellt sich Hussein R. im Beisein seines Anwalts der Polizei. Er gibt zu, den Audi gefahren und die Idee mit dem Überfall gehabt zu haben. Allerdings habe er nicht gewusst, dass A. ein Messer dabei hatte und es auch einsetzen würde. Im Dezember, fünf Wochen nach der Tat, stellen sich auch die beiden mitangeklagten Frauen Irem E. und Asya Y., wie Hussein R. Deutsche mit türkischen Wurzeln. Auch sie wollen nichts davon gewusst haben, dass A. ein Messer dabei hatte. Alles sei anders geplant gewesen: A. habe der vietnamesischen Verkäuferin in die Jackentasche greifen und mit dem Geldbündel wegrennen wollen.

Jugendkammer wird urteilen

Für den Prozess sind sechs Verhandlungstage vorgesehen. Da die beiden mitangeklagten Frauen 18 und 20 Jahre alt sind, wird vor einer Jugendkammer des Berliner Landgerichts verhandelt. Die beiden mutmaßlichen Haupttäter sind immer noch auf der Flucht. Sie haben sich aller Voraussicht nach Richtung Türkei abgesetzt, mutmaßen Ermittler. Nach ihnen wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Als Nebenkläger sitzt Familie T. mit im Prozess. Sie will Aufklärung, was genau am Tattag geschah. Sowohl der Vater des bei dem Raubüberfall ermordeten Duc, als auch zwei Geschwister des Getöteten werden erscheinen und den Prozess verfolgen. Das Urteil ist für Anfang August geplant.

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Beitrag von Ulf Morling

7 Kommentare

  1. 7.

    Der Berliner bekommt genau die Zustände die er verdient. Jeder logisch denkenden Mensch müsste sich eigentlich erinnern wer diese Stadt in den Jahren politisch gestaltet hat. 2016 war zuletzt die Möglichkeit die Landespolitik zu ändern.
    Das Wahlergebnis verdeutlicht meine Schlussfolgerung, dass die Berliner genau so leben möchten, wie sie es eben tun.

  2. 6.

    Selbstverständlich hat es etwas mit RRG zu tun. Immerhin ist dieser Senat der Meinung, dass auch Straftäter nicht abgeschoben werden müssen, bzw. verhindern mit ihrer Politik sogar di Abschiebung.

  3. 5.

    Ich frage mich gerade, warum hier immer von Deutschen mit türkischen Wurzeln die Rede ist. Handelt es sich tatsächlich nicht eher um Türken, die (neben dem türkischen auch noch) einen deutschen Paß haben?

  4. 4.

    Doch es ist naheliegend das die gründe Senatsjustiz etwas mit dem Nichtinhaftieren von Mördern zu schaffen hat und das das wohl mächtig in die Hose ging wenn die Mörder jetzt wieder in ihrer eigentlichen Heimat sind und wir keinen Zugriff mehr haben.

  5. 3.

    Und wenn sie rotrotgrün noch so oft und in noch so vielen beiträgen zusammenhangslos nennen, das hat weiterhin nichts damit zu tun.

  6. 2.

    ... das ist die Politik von ROT-ROT-GRÜN, auch Straftäter nicht abzuschieben, und dann die Opfer alleine zu lassen. Soviel zum Humanismus der Parteien ROT-ROT-GRÜN in einer immer mehr zum asozial werdenden Stadt

  7. 1.

    Unglaublich das die noch frei rumlaufen können...

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