Collage: Ein in der Schule befindlicher Amok-Alarm sowie Einsatzkräfte die beim Ernstfall einrücken (Grafik: rbb24/Freepik)
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Amok-Knopf und Notfallpläne - Wie sich Berliner Schulen auf mögliche Amok-Taten vorbereiten

Immer wieder gibt es Polizeieinsätze in Berliner Schulen. Das löst bei Eltern und Schülern Ängste aus. Amok-Situationen werden allerdings an Schulen nicht geübt, um Kinder nicht zu traumatisieren. Wie sich Einrichtungen vorbereiten, bleibt ihnen weitgehend selbst überlassen. Von Bettina Rehmann

Zwei Männer mit Schusswaffen auf dem Gelände einer Grundschule - davon berichtet ein anonymer Anrufer der Polizei am Morgen des 5. Juni 2018. Man habe davon ausgehen müssen, dass der Anrufer die Wahrheit sagt, formuliert es einen Tag später Martin Halweg von der Polizeipressestelle. Im Resultat sei eine Amoklage "naheliegend" erschienen. Also lief ein Großeinsatz an, um die Verdächtigen auf dem Schulgelände auszumachen: 250 Einsatzkräfte waren vor Ort, darunter 100 Polizisten und Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK), die die Schule durchsuchten, Hundertschaften, Rettungskräfte, Notärzte, Seelsorger. Die Schüler wurden evakuiert, das Gebäude Raum für Raum durchsucht. Wenige Stunden später teilte die Polizei mit, es habe sich wohl um einen Fehlalarm gehandelt, ausgelöst durch den Anrufer, gegen den jetzt ermittelt wird.

Mit den Kindern wird nicht geübt

Der Einsatz schlug hohe Wellen - und dürfte stadtweit Eltern und Schüler in Alarmbereitschaft versetzt haben. Mit den Kindern werden solche Einsätze an Berliner Schulen jedoch nicht geübt, das werde von Schulpsychologen auch nicht empfohlen, erklärte Beate Stoffers, Sprecherin der Berliner Bildungsverwaltung. Es gebe aber an jeder Schule Krisenteams und im Vorfeld würden auch Kommunikationswege und der Umgang mit Medien festgelegt.

Als "Bibel", wie Stoffers es formuliert, für Krisen gelten die Berliner Notfallpläne für Schulen. Darin werden Gefahrenlagen wie Brand, Waffengebrauch, Geiselnahme und eben auch Amoklauf aufgelistet und Handlungsempfehlungen gegeben. Die Notfallpläne entstanden bereits im Nachgang des Amoklaufs von Erfurt, wo im April 2002 ein ehemaliger Schüler 16 Menschen am Gutenberg Gymnasium erschoss. Seitdem gibt es auch ein Berliner Kriseninterventionsteam, bestehend aus Schulpsychologen der Bezirke, die auch nach Fehlalarm-Einsätzen für Schüler und Lehrer da sind.

Georg von Strünck, Leiter technische Prävention beim Berliner LKA (Bild: imago)
Georg von Strünk vom LKA berät Schulen zum Thema Prävention | Bild: imago

Vorbereitung hängt vom Engagement der Schulleitung ab

Im Gegensatz zu streng geregelten Feuerübungen oder der Platzierung von Feuermeldern ist die Vorbereitung auf eine Amoksituation aber weitgehend den Schulen selbst überlassen. Es gibt zwar mindestens zwei sogenannte Amokalarm-Auslösestellen in jeder Schule - das sind Alarm-Taster ähnlich den Feueralarm-Knöpfen - mit denen ein Alarm oder eine Durchsage ausgelöst wird, darüber hinaus gibt es aber keine Vorgaben etwa dazu, wie häufig Abläufe für den Krisenfall besprochen oder die Alarmtaster gewartet werden sollten.

Georg von Strünck, Leiter des Bereichs technische Prävention in der Zentralstelle für Prävention beim Berliner Landeskriminalamt, berät Schulen auf Wunsch. Er würde eine bundeseinheitliche gesetzliche Regelung begrüßen, sagt er, da die Vorbereitung auf eine Amoklage momentan sehr vom Engagement der jeweiligen Schulleitung abhänge.

Lehrer-Übungen in kinderleerer Schule

Von Strünck empfiehlt Schulen, mindestens einmal im Jahr in der Lehrerschaft die Abläufe für den Fall einer Amoktat durchzusprechen, in dem Zusammenhang auch einmal den Alarmton oder die Amokdurchsage anzuhören, damit diese schnell erkannt werden, und die Alarm-Auslösestellen technisch warten zu lassen.

Wann immer eine solche Lehrer-Vorbereitung stattfinde, müsse aber sichergestellt sein, dass sich keine Kinder oder fremde Personen in der Schule befinden, so von Strünck. Es sei etwa vorgekommen, dass bei einem Testlauf eines Alarms vergessen wurde, dass gerade ein VHS-Kurs in den Schulräumen stattfand. Die Personen in dem Kurs schlossen sich daraufhin, wie in der Ansage durchgesagt, im Klassenraum ein, und warteten auf das Eintreffen der Polizei – die aber nicht kam.

Amokalarm mit Durchsage oder drei Minuten Dauerklingeln

Eine Lehrerin einer Berliner Grundschule, die anonym bleiben möchte, erklärte, ihre Schulleitung nutze die sogenannten Präsenztage, wenn die Schüler noch nicht aus den Sommerferien zurück seien, für einen solchen Durchlauf. Die Lehrkraft berichtet von einem Fehlalarm, der durch einen technischen Defekt ausgelöst wurde. Wie auch an anderen Schulen, wenn der Amokalarm gedrückt wird, lief an ihrer eine aufgezeichnete Durchsage:

"An alle Personen im Schulgebäude, hier spricht die Schulleitung! Wir haben eine ernste Lage im Schulgebäude! Bleiben Sie in den Räumen! oder Begeben Sie sich umgehend an einen sicheren Ort! Schließen Sie die Türen ab oder blockieren Sie diese! Meiden Sie danach Fenster und Türen. Suchen Sie Deckung! Die Lage wird geklärt. Verhalten Sie sich ruhig. Warten Sie, bis Sie neue Anweisungen bekommen! Die Polizei trifft gleich ein."

Amokalarm-Durchsage laut Notfallplan

Aufgezeichnet übrigens deshalb, weil, so sagt von Strünck, man in solchen Situationen keinen klaren Kopf habe, um die Ansage ruhig und korrekt wiederzugeben. Alternativ gelten auch drei Minuten Klingeln als Amokalarm.

Im Fall der Grundschule äußerte die Schulleitung bereits beim Notruf Bedenken, dass es sich bei dem Alarm möglicherweise um einen technischen Fehler handeln könnte - dennoch: die Polizei rückte mit dem SEK an und ging auf Nummer sicher. Alle Räume wurden durchsucht. Anders als im Fall der Grundschule in Gesundbrunnen vor einer Woche konnten die Kinder aber in den Klassenzimmern bleiben.

Die Ernsthaftigkeit, mit der die Beamten bei der Klärung der Lage vorgingen, hat die Lehrerin positiv beeindruckt. Die meisten Kinder hätten das ganze als Übung verstanden, einige wenige hätten aber auch Angst bekommen und während des Wartens in den Klassenräumen geweint, als die schwer bewaffneten Polizisten durch die Räume gingen. Schließlich sei man auch nicht von Anfang an sicher gewesen, dass es sich um einen Fehlalarm handelt.

Archiv - Einsatzkräfte der Polizei verlassen am Dienstag (11.05.2010) in Berlin-Kreuzberg die Hans-Böckler-Schule nachdem ein Maskierter einen Polizeieinsatz an der Schule ausgelöst hatte. (dpa/Tobias Kleinschmidt)Großeinsatz 2010 am Hans-Böckler-Oberstufenzentrum

Schulpsychologen übernehmen nach Einsatz

Nach einem Einsatz übernimmt der Schulpsychologische Dienst der Bezirke, mit speziell in Gewaltprävention und Krisenintervention geschulten Psychologen. Die Grundschullehrerin berichtet in ihrem Fall davon, dass die Kriseninterventionsteams für mehrere Gespräche vor Ort waren und im Anschluss auch noch über einen längeren Zeitraum abrufbar gewesen wären. Sie fühlte sich gut betreut. Unter den Kollegen habe man die Abläufe anschließend besprochen. Angst, sagt sie, habe sie generell keine, sie fühle sich sicher und denke auch nicht an eine mögliche Amokgefahr an ihrer Schule.

Fehlalarme wie der Alarm an dieser Schule sind in Berlin keine Seltenheit. Pro Jahr, so Martin Halweg von der Polizeipressestelle, füllten Einsatzlisten mit dem Stichwort Amok dutzende Din-A4-Seiten, technische Fehler inbegriffen. Gut erinnern könne er sich noch an einen Fall, der vom Einsatzaufwand her ähnlich gewesen sei, wie der vor einer Woche in Gesundbrunnen: Im Hans-Böckler-Oberstufenzentrum in Berlin-Kreuzberg hatte vor gut acht Jahren ein damals 20-Jähriger einen Amokalarm vorgetäuscht, in dem er selbst maskiert und bewaffnet in die Schule marschierte. Auch in diesem Fall rückten rund 100 Polizisten an, um die Schule auf den Kopf zu stellen, nur um keinen Verdächtigen feststellen zu können. Auch gegen den 20-Jährigen wurde damals wegen Missbrauchs von Notrufen ermittelt.

Ob Fehlalarm, technischer Defekt oder böswilliger Anruf: Wenn es um die Sicherheit von Schülern geht, greifen Notfallpläne und die Polizei geht auf Nummer sicher, mit Einsatzkonzepten, die auf Erfahrungen basieren - die andere Bundesländer in der Vergangenheit leider haben machen müssen.

Beitrag von Bettina Rehmann

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Das war ja wohl mehr wirr als alles andere.

    Rechtsstaatliche Grundsätze aufzuheben, die einen totalitären Überwachungs- und Polizeistaat ermöglichen, erscheint Ihnen als Sicherheitsgewinn? Es geht hier nicht um Befindlichkeiten oder Details, sondern schlichtweg um Grundrechte, die Sie Menschen aberkennen lassen würden. Das sind Narrative der Ideologien der Ungleichwertigkeit, die Sie hier verbreiten.

    Nicht einmal die rein pathogenetisch orientierten Psycholog*innen erlauben sich die Hybris, von "böswilligen" Menschen zu reden. Es gibt keine genetische Beschaffenheit, die manche eher zu Täter*innen werden lässt - sie tragen dafür stets selbst die Verantwortung.

    Kommtar Nr.4 finde ich sehr passend. Besonders präventiv wäre eine angemessene, eben zurückhaltende, Berichterstattung: keine Täter*innenfixierung, keine spontanen Opferinterviews, keine "Experten*innen".

  2. 5.

    Eines der Probleme ist die Konsequenzlosigkeit und das widersprüchliche Verhalten des Gesetzgebers und die verhältnismäßig laschen Urteile der handelnden Richter.

    Es ist zwar verboten z.B. Einhandmesser zugriffsbereit am Körper mit sich zu führen. Jedoch ist weder der Verkauf verboten, noch das Mitführen z.b. in einem Rucksack. Ebenso kann ich jederzeit eine stumpfe Machete kaufen und sie mir problemlos zu einer tödlichen Waffe schleifen.

    Meiner Meinung nach werden auch Straftaten die unter Zuhilfenahme eines Messers begangen werden, bzw. bei denen es Verletzungen mit einem Messer gab, juristisch nicht entsprechend gewürdigt.
    Ein Messer ist und bleibt eine tödliche Waffe, die niemand mit sich zu führen hat. Schon gar nicht auf Parties, im Kino, auf Hochzeiten oder im Club. Eine solche Waffe führt der Normalbürger nur aus einem Grund mit sich; um sie zu benutzen. Davon nehme ich natürlich die Personen aus, die ein Messer für die tägliche Arbeit benötigen.

  3. 4.

    Auch die Medien könnten hier gegensteuern:
    Begehen künftig irgendwelche Wirrköpfe Amokläufe, sollten sie als Personen in der Berichterstattung soweit wie möglich ignoriert werden. Ihre "Motive" sind für geistig gesunde Menschen eh nicht nachvollziehbar.
    Wird der Fokus in den Nachrichten aber auf ihre Taten und Opfer gelenkt, während sie selbst als uninteressant und menschlich unbedeutend abgetan werden, könnte davon eine Signalwirkung ausgehen.
    Jedwede Bekanntheit (die schlichte Gemüter gern mit Berühmtheit verwechseln) würde ihnen damit verwehrt.

  4. 3.

    Es wäre sinnvoller, wenn zu Beginn eines Schuljahres die akustischen Signale allen Schüler vorgeführt würden.
    Statt dessen verbieten die Schulen oft den Wartungsfirmen die akustischen Signale der Hausalarm- und Sprachalarmanlagen alle 3 Monate zur Funktionsprobe auszulösen, weil es den Unterricht stören könnte.
    So wird die Hörbarkeit und Verständlichkeit der Signale vermutlich nur alle 3 Jahre bei der Prüfung nach § 2 BetrVO geprüft.
    Wenn keiner die Signale sicher kennt, dann kann auch keiner sicher reagieren.
    Der abgebildete AMOK-Melder alarmiert nicht die Polizei und der HAUSALARM-Melder alarmiert nicht die die Feuerwehr.
    Das machen die Schulen per Telefon. Wo soll hier ein technischer Fehlalarm auftreten können?

  5. 2.

    Vielleicht werden Sie dann ja auch als jemand identifiziert, bei dem eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, dass er unter bestimmten Umständen durchdrehen und eine Gewalttat begehen könnte. Und dann kommen Sie vorbeugend in den Knast, ohne je etwas verbrochen zu haben.

    Ich empfehle den Film "Minority Report" oder die zugrunde liegende Geschichte von Philip K. Dick.

    Was Schusswaffen angeht, stimme ich aber zu. Außer Polizisten, Soldaten und Förstern braucht niemand eine tödliche Waffe in seinem Besitz.

  6. 1.

    Natürlich kann es nicht verkehrt sein, wenn Schulen sich auf solche Situationen vorbereiten. Aber meiner Meinung nach ist das eine sehr reaktive Herangehensweise. Wäre es nicht besser, von Anfang an dafür zu sorgen, dass gefährliche Personen sich erst gar nicht frei in unserer Gesellschaft bewegen können? Meiner Meinung nach müssen wir weg vom Grundsatz der Unschuldsvermutung, sondern es über moderne Profiling-Methoden schaffen, gefährliche Personen rechtzeitig zu identifizieren, bevor sie eine Gewalttat begehen. Dazu gehört auch, Deutschland zu entwaffnen. Schusswaffen gehören ausschließlich zur Berufsausrüstung von Polizisten und Soldaten. Messer gehören in die Küche. Wenn jemand nachgewiesenen Bedarf an einem scharfen Messer für unterwegs hat, sollte man ihm vorschreiben, dass dieses Messer in einer gesicherten Box transportiert werden muss. Es kann doch nicht sein, dass hier alle möglichen Leute mit allen möglichen Messern herumlaufen. Alles einsammeln.

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