Die Fahrradfahrerin und Architektin Suse Anderson (Quelle: rbb/Ula Brunner)
Bild: rbb/Ula Brunner

Interview | Fahrradfahren in Berlin - "Manche überholen so dicht, als wollten sie mir die Nägel feilen"

Mehr als eine halbe Million Berliner fährt Fahrrad, die Architektin Suse Andersen sogar täglich. Ein Gespräch über ein noch immer verkanntes Verkehrsmittel und ein Fahrgefühl zwischen Lebenslust und Lebensgefahr.

rbb|24: Frau Andersen, 29 Grad im Schatten und Sie sind trotzdem mit dem Fahrrad unterwegs!

Auf dem Fahrrad habe ich immer einen leichten Luftzug. Ich kann Gehen bei Hitze nicht ausstehen, Radfahren ist da deutlich besser. Ich brauche es auch, um fit zu bleiben. Das ist einfach meine schönste Bewegung. Ich fahre aus Überzeugung, aber es hat auch mit Genuss zu tun.

Wie viele Kilometer schrubben Sie wöchentlich mit dem Fahrrad?

Ich schätze mal so 100 bis 150 Kilometer. Ich wohne am Stadtrand, bei längeren Strecken kombiniere ich dann Fahrradfahren und öffentlichen Nahverkehr.

Sie tragen Helm?

Seit 2009. Den habe ich mir tatsächlich gekauft, als ich zur Beerdigung eines verunglückten Radfahrers fuhr.

Hatten Sie jemals ein eigenes Auto?

Nein, aber ich habe den Führerschein und fahre auch regelmäßig, zum Beispiel bei der Familie auf dem Land. Mein Mann und ich haben kurz darüber nachgedacht, uns ein Auto anzuschaffen, als unsere Kinder zur Welt kamen, und später, als wir von Neukölln nach Wannsee gezogen sind. Aber irgendwie ging es immer ohne. Alles, was größer ist, lassen wir uns liefern, und das ist inzwischen allgemein üblich. Das Baumarkt- oder Ikea-Argument hat sich also erledigt. Für uns ist Carsharing ausreichend.

Wie fahrradfreundlich ist Berlin aus Ihrer Sicht?

Der große Vorteil: Berlin ist geräumig, mit guten Möglichkeiten, die Räder in den öffentlichen Verkehrsmittel mitzunehmen. Und: Berlin ist grün. Durch Straßenbäume ist die Luft nicht so dreckig wie in manch anderen Städten. Außerdem ist die Topographie klasse. In Stuttgart hätte ich wahrscheinlich ein Pedelec, damit ich die Weinsteige hochkomme.  

Das klingt ja, als bräuchte man gar kein Mobilitätsgesetz, keinen Ausbau der Radwege...

Doch, unbedingt! Trotz der Geräumigkeit gibt es etwa immer noch Stellen, wo Radler auf schmale rote Radfahrwege genötigt werden, hautnah an parkenden Autos vorbei. Diese Strecken kommen noch aus einer anderen Epoche des Straßenbaus und sind wirklich gefährlich. Ich nutze sie nie, weil ich dann nicht den Sicherheitsabstand halten kann. Das führt dazu, dass mich Autofahrer auf der Spanischen Allee anpampen, weil ich nicht auf diesem komischen Radfahrer-Pflasterstreifen fahre. Bei neueren Straßenabschnitten spürt man aber auch: Da machen sich die Verantwortlichen beim Umbau durchaus Gedanken.

Wo zum Beispiel?

An der Linienstraße wurde an der Kreuzung eine Zone eingerichtet, wo sich die ankommenden Radfahrer in der Rotphase aufstellen und sich dann bei Grün nach links, geradeaus und rechts verteilen. So etwas wird auch in Radverkehrskonzepten empfohlen und ist nicht nur für Radler, sondern auch für rechtsabbiegende Autos eine Erleichterung.

Wie würden Sie die Stimmung auf den Straßen beschreiben? Berliner gelten ja eher als ruppig.

Ich würde es vielleicht so sagen: Ein Drittel der Verkehrsteilnehmer ist kooperativ, vernünftig, vorausschauend. Ein Drittel hat Liebeskummer, schlechte Laune oder einen schlechten Charakter und fährt dir einfach vor die Nase. Das letzte Drittel schläft – und dieses Drittel ärgert mich am meisten (lacht). Grundsätzlich hat sich die Situation für Radfahrer aber verbessert, einfach weil wir mehr geworden sind und dadurch präsenter. Du wirst nicht so leicht übersehen.

Trotzdem verunglückten alleine 2017 zehn Radfahrer tödlich. Was ist besonders gefährlich?

Das Geradeausfahren an Kreuzungen, die Gefahr durch Rechtsabbiegende und der fehlende Sicherheitsabstand zwischen Autos und Fahrrädern, aber auch von Radfahrenden zu parkenden Autos. Viele fahren zu weit rechts. Das kann übel ausgehen, wenn bei einem parkenden Auto die Tür geöffnet wird. Seit dem Unfall einer Kollegin, der zum Glück glimpflich verlief, weiß ich auch, dass ich als Radfahrerin eine Mitschuld trage. Jetzt halte ich den Sicherheitsabstand ein, da können die Autos drängeln, wie sie wollen. Aber dann fangen plötzlich die Radfahrer an, mich rechts zu überholen. Und das ist totaler Mist! Auto- und Radfahrer scheinen viele Regeln nicht einmal zu kennen. Es gibt alle Tage Situationen, wo ich gerne laut schreien würde. Tue ich auch manchmal, aber meist bleibe ich lieber cool.  

Warum wird eigentlich so oft gerüpelt?

Ich bin als Fahrradfahrerin Teil des Verkehrs, werde aber als Verkehrshindernis wahrgenommen. Wenn ein Autofahrer links blinkt, ist es selbstverständlich, nicht zu überholen. Wenn ich als Radfahrerin ein deutliches Handzeichen nach links gebe, ist das anders: Die Leute überholen sehr oft trotzdem und so dicht, als wollten sie mir die Fingernägel feilen.

Was ist der Grund für diese Ignoranz?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass dabei auch eine Generationenfrage mit im Spiel ist. Die Älteren haben in der Fahrschule gelernt: Hauptsache so dicht am Fahrrad vorbei, dass der Gegenverkehr nicht behindert wird. Das sind oft diejenigen, die mich am liebsten wie eine Fliege von der Fahrbahn wegwischen möchten. Jüngere Autofahrer sind meist rücksichtsvoller. Das liegt auch daran, dass viele von ihnen mal mit Fahrrad, mal mit S-Bahn und mal mit Auto unterwegs sind. Also ich habe das Gefühl: Es ändert sich gerade etwas in der Akzeptanz.

Geht das künftige Mobilitätsgesetz in die richtige Richtung?

Ich finde es wichtig, dass auch der Fußverkehr stärker berücksichtigt wird. Echte Veränderungen sind nicht möglich, ohne die Privilegien des Autoverkehrs anzutasten, beispielsweise den enormen Platzbedarf und die auf maximale Geschwindigkeit ausgelegten Ampelschaltungen. Für Radfahrer hat sich schon einiges verbessert, etwa die Räumpflicht für Radwege im Winter. Das hat aber teilweise dazu geführt, dass die Leute den Radweg räumen und den Schnee auf den Fußweg kippen. Die Fußgänger wehren sich nicht so, während die Radfahrer dabei sind, sich eine Lobby aufzubauen. Der Verkehr besteht halt nicht nur aus motorisierten Fahrzeugen. Auch die Radfahrer und Fußgänger gehören dazu.

Frau Andersen, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Ula Brunner.

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10 Kommentare

  1. 10.

    Manche fahren ungebremst über eine rote Ampel als ob sie in einem Panzer säßen und nicht ziemlich ungeschützt auf einem Fahrrad !

  2. 8.

    Lieber Peter, es hat oft einen Grund, das Radfahrer trotz eines vorhandenen “Radwegs“ auf der Straße fahren: der Radweg ist in ein solch schlechten Zustand, dass er nicht mehr Benutzungspflichtig ist - das sehen Sie daran, das da kein blaues Radweg-Schild mehr steht. Im Auto-Kategorien würde das bedeuten: Straße wegen Unbenutzbarkeit gesperrt. Wenn Sie sich jetzt noch vor Augen führen, dass nur noch 10 Prozent der Berliner Radwege benutzungspflichtig sind, malen Sie sich mal aus, wie Autofahrer in einer solchen Situation auf die Barrikaden gehen würden. Die Leute fahren auf der Straße, weil es schlicht nicht anders geht. Nicht, um Sie zu ärgern.
    Sie können auch gerne Mehl Ihre üblichen Autofahrten ein paar Tage lang mit dem Rad erledigen. Ich fand das wechseln sehr erhellend.

  3. 7.

    Der Satz: " Alles, was größer ist, lassen wir uns liefern, und das ist inzwischen allgemein üblich." zeigt überdeutlich, dass Verzicht auf ein EIGENES Auto keineswegs eine Entlastung der Umwelt darstellt, im Gegenteil: Jeder Mist wird heutzutage notfalls innerhalb der nächsten Stunde geliefert, das Wenigste davon mit dem Lastenrad, sondern schön mit dem Diesel-Stinker, natürlich von jedem Versender ein anderer, gibt ja mindestens eine Handvoll große Paketzusteller.
    Hauptsache, man kann einen auf Öko machen. Schade nur, dass die Gruppe der Kurierfahrer im Berliner Verkehrsgesetz völlig ignoriert wird. Warum setzt sich eigentlich keiner dafür ein, dass die "letzte Meile" (also die Hauszustellung) nur von EINEM Zusteller bedient wird? Das würde wesentlich mehr als diese "Auto? Bäh!"-Attitüde bringen. Der Umwelt ist es nämlich egal, ob die Abgase aus dem eigenen oder einem (meistens zugemüllten) Carsharing-Auto kommen, das auch noch den ohnehin knappen Parkraum klaut.

  4. 6.

    Ich kann Frau Andersens Kommentare und Ansichten nur 100%ig unterschreiben. Besonders zum Thema Abstand! Es sind selten die "jungen" Leute, sondern eher die über 50-jährigen. Wenn man fragt, wie groß der Abstand ihrere Meinung nach sein sollte, habe ich jetzt schon mehrfach "1 Meter" als Antwort bekommen. Hier wäre dringend eine Aufklärungskampagne zu Rücksichtnaheme und Verkehrsregeln angebracht. Irgendwas wie "Der 7. Sinn", nur in modern.
    Die Kommentare von Jo De, Peter S. und Roland kann ich nicht ernst nehmen. Die Autozentrierung ist in einer Großstadt wie Berlin ein absolutes Auslaufmodell. Sowohl was den Umweltgedanken (durchschnittlich 1,2 Personen/Auto), als auch was den Flächenbedarf (mehr als das 10-fache des Fahrrads) angeht. Man kann und darf den Autoverkehr nicht abschaffen. Aber mehr Balance ist notwendig!

  5. 5.

    Die Radfahrer ( immer ausgenommen Leute die sich nicht nur für vernünftig halten sondern es auch sind) entwickeln sich zu einer lästig fordernden übergriffigen Sekte. In Prag hat man die richtige Konsequenz gezogen.

  6. 4.

    Ich würde mir wünschen, das nicht immer nur die Autofahrer in Pflicht nimmt, sondern auch mal verstärkt die Radfahrer kontrolliert. Ich fahre 5x die Woche Rudow/Bundesalle/Hardenbergstraße/Ernst-Reuter-Platz und zurück. Es ist erschreckend, wie viele Radfahrer mit Kopfhörern fahren. Und ich meine nicht die In-ear-Stöpsel, sondern die großen fetten Teile, die wahrscheinlich auch ohne Musik schon die Umgebungsgeräusche ausblenden. Ich würde mich auch freuen, wenn man die angebotenen Radwege (ja es gibt tatsächlich welche - auch wenn das immer bestritten wird) auch mal genutzt werden. Gerade in Rudow sehe ich immer wieder Radfahrer, die lieber die stark befahrene Hauptstraße nehmen, als den parallel verlaufenden Radweg. Ich meine nicht nur die Pseudo-Radprofis, die in Ihren hautengen Anzügen und Rennrädern durch die Berliner Innenstadt fahren. Man ist im Straßenverkehr nie Alleine Unterwegs und man muss auch für andere Mitdenken. Das Gilt für Fußgänger, Radfahrer, Auto-und LKWfaher.

  7. 3.

    Das kann ich alles unterschreiben! Was man wirklich durchsetzen sollte sind Kennzeichen für alle Zweiräder, und zwar vorne und hinten, so das man an Brennpunkten Blitzer aufstellen kann die Verkehrssünder zur Kasse bittet! Jeder Verkehrsteilnehmer ist durch ein Kennzeichen registriert. Ob man da jetzt gleich eine Haftpflicht mit in Verbindung bringt bei Radfahrern ist eine Überlegung wert. Wer mit seinem E-Bike in der 30 Zone 40 fährt und nur hinten ein Kennzeichen hat wird wohl kaum ermittelt werden können, wenn es blitzt.
    Einen Rückspiegel würde ich jeden Radfahrer empfehlen, da hat man den Verkehr im Blick und kann sich lange bevor ein LKW auf gleicher Höhe ist überlegen wie man sich verhält.

  8. 2.

    Wir haben in Deutschland in allen Lebensbereichen Gesetze. Diese Gesetze müssen endlich durchgesetzt werden. Ungenügende Durchsetzung von Gesetzen ermuntert ja offensichtlich zur Gesetzlosigkeit und fördert somit Unfälle. Abstand ist Abstand, seitlich sowie vorne und hinten. Halteverbot ist Halteverbot. Rot ist Rot. Bußgelder und Ordnungsamtmitarbeiter verdoppeln. Die Ordnungsamtmitarbeiter bringen doch ihre Kosten doppelt wieder rein. Endlich die wachsende Gesetzlosigkeit in Berlin beenden.

  9. 1.

    Ach, ein wirklich schönes Interview. Viele der Aussagen kann ich so unterstreichen. Ich finde es wirklich schade, wie sehr sich die verschiedenen Verkehrsteilnehner das Leben schwer machen. Manches ist einfach total unnötig. Radfahrer, die über rot fahren, Rechtsabbieger, die nicht aufpassen, zu enges Überholen etc. Ich wünsche mir mehr Kontrollen, höhere Bußgelder, und vor allem auch schon in der Fahrschule einen größeren Schwerpunkt auf Radfahrern. Gegen ein Kennzeichen und einen Fahrradführerschein hätte ich nichts, da ich mir auch jetzt schon viel Mühe gebe, mich an die Regeln zu halten und partnerschaftlich fahre und auch mal einen Lkw Fahrer an der Ampel vor lasse, wenn ich weiß, er kann mich auf den nächsten hunderten Metern nicht überholen...

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