Nachfalter umschwirren eine Glühbirne (Quelle: Ardea/Adrian Warren)
Audio: Kulturradio | 20.06.2018 | Interview mit Frank Hölker | Bild: Ardea/Adrian Warren

Interview | Ökologe Franz Hölker - "Sie fliegen wie vom Staubsauger angezogen zum Licht"

Es gibt immer weniger Insekten - das belegen mittlerweile auch Studien. Ihr Lebensraum schwindet, Insektizide setzen ihnen zu - aber auch, dass die Menschen die Nacht zum Tag machen. Der Berliner Ökologe Franz Hölker erklärt, wo das Problem liegt.

Ökologen schlagen Alarm: Der Insektenbestand ist in den letzten Jahren massiv zurückgegangen. Ursachen sind die Zerstörung von Lebensräumen, Giftstoffe in der Landwirtschaft, der Klimawandel - aber auch die Lichtverschmutzung. Warum zu viel künstliches Licht Insekten schaden kann, erklärt Franz Hölker, Leiter einer Forschungsgruppe am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin.

rbb: Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, dass beim Insektensterben auch das viele Licht in der großen Stadt ein Faktor sein könnte?

Franz Hölker: Einmal natürlich durch die tägliche Beobachtung, dass beispielsweise Straßenleuchten Insekten anziehen wie ein Staubsauger. Man redet in der Ökologie bereits vom Staubsauger-Effekt, wenn Licht Insekten aus benachbarten Habitaten anzieht, wo sie in größeren Dichten vorkommen.

Auslöser für unsere Untersuchungen war aber auch eine Studie aus dem letzten Jahr, die auch durch die Medien ging, wo festgestellt wurde, dass in verschiedenen Gebieten in Deutschland - das waren Schutzgebiete meistens in einem landwirtschaftlichen Kontext - die Insekten-Biomasse um 75 Prozent abgenommen hat. Biomasse bedeutet: das Gewicht an gefangenen Insekten. Die Forscher haben über 27 Jahre, also über einen extrem langen Zeitraum - und solche Daten sind selten - die Entwicklung von verschiedenen Insektenarten verfolgt.

Wie kann denn das Insektensterben auf dem Land durch Städte beeinflusst werden, in denen das Licht brennt?

Nicht nur durch die Städte, sondern auch durch Straßen oder beleuchtete Flächen auch auf dem Lande. Was wir sehen sind ist eine Ausbreitung von Licht in der Nacht: Insgesamt erleben wir weltweit gerade eine Zunahme der Intensität von mindestens zwei bis sechs Prozent und noch mehr pro Jahr - also eine exponentielle Zunahme. Aber wir sehen auch eine Ausbreitung an beleuchteten Flächen. Das kann jeder selbst feststellen, dass Fahrradwege zum Beispiel mehr und mehr beleuchtet werden. Es wird immer mehr Licht in der Nacht benutzt, weil die Ansprüche von uns Menschen an unsere Lichtumgebung immer mehr steigen.

Was genau sind die Folgen davon in der Insektenwelt oder überhaupt in der Ökologie?

Ungefähr die Hälfte der Insekten ist nachtaktiv. Sie haben extrem sensitive Schwachlicht-Sensoren entwickelt. Sie orientieren sich mit Hilfe des Lichtes des Mondes und der Sterne. Und wenn dann so eine starke Lichtquelle auf ihrem Weg von Punkt A nach B liegt, dann desorientiert sie das. Viele reagieren zum Beispiel mit einer sogenannten positiven Fototaxis [Orientierungsbewegung zu einem Reiz hin, Anm. d. Red.]: Sie fliegen wie von einem Staubsauger angezogen zum Licht.

Was ist die Folge? Werden die Insekten müde, wenn sie um das Licht herumfliegen? Oder sind sie ein leichtes Futter für Feinde?

Die Tiere können ihrer natürlichen Aktivität nicht mehr nachkommen. Das ist natürlich die Nahrungssuche, das Aufsuchen von Nahrungsplätzen, aber auch das Finden von Geschlechtspartnern. Sie verlieren einfach viel Zeit, in der sie für andere Aktivitäten nicht mehr zur Verfügung stehen. Und sie werden gleichzeitig zur leichten Beute von Räubern, die sich spezialisiert haben - jeder kennt die hohe Dichte an Spinnen an Straßenlampen. Es gibt Fledermäuse, am Boden sind es Weberknechte, andere Spinnenarten, Käfer. Das sind alles Profiteure von diesen hohen Dichten desorientierter, erschöpfter Insekten.

Haben Sie denn eigentlich in der Umgebung, in Brandenburg, überhaupt noch Orte gefunden Ecke, wo es richtig dunkel ist?

Die Situation in Berlin-Brandenburg ist speziell - in Brandenburg gibt es tatsächlich noch reichlich Gegenden, die relativ dunkel sind, dünn besiedelt. Zum Beispiel im Westhavelland, wo ja vor wenigen Jahren sogar ein Sternenpark eingerichtet wurde. Oder der Stechlinsee befindet sich in einer extrem dunklen Gegend. Brandenburg ist damit sogar tatsächlich noch reich gesegnet.

Und was interessiert Sie als Gewässerökologe ausgerechnet an dieser Lichtverschmutzung?

Gewässer sind immer eingebettet in Landflächen. Und auch einige unserer Experimental-Flächen grenzen an landwirtschaftlich genutzten Flächen an - und da haben wir auch untersucht: Wie reagieren aquatische Insekten? Also Insekten, die erst als Larve im Wasser leben - wie Mücken, Köcherfliegen, Käfer - und die sich dann an Land ausbreiten. Und wenn man da anfängt, untersucht man natürlich auch Insekten in der Fläche. Daher kooperieren wir schon lange mit sogenannten terrestrischen Ökologen und untersuchen gemeinschaftlich solche Effekte. Und so kommt man dann eben auch der Tatsache auf die Spur, dass Insekten nicht nur durch Pestizide oder den Klimawandel gefährdet sind, sondern offenbar auch dadurch, dass wir die Nacht zum Tage machen durch zu viel Kunstlicht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christian Schruff, Kulturradio

Leuchtkäfer in der Nacht (Quelle: Giacomo Radi/Ardea)
| Bild: Ardea/Giacomo Radi

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2 Kommentare

  1. 2.

    @1: Mit einem bisschen Sorgfalt findet man im Artikel den gravierenden Unterschied zwischen dem natürlichem Nachtlicht von Mond und Sternen und dem künstlichen Licht aus Millionen starker Quellen: Das natürliche Licht dient den Tieren zur Orientierung. Künstliche Lichtquellen dagegen irritieren sie und können zu fataler Überaktivität führen.
    Das allerdings haben Insekten sogar mit den Menschen gemeinsam. Wäre also vielleicht doch ganz gut, das Problem nicht einfach wegzuwischen.

  2. 1.

    Welch gewaltige Erkenntnis und spezielle Studie:
    Insekten weden vom Licht angezogen------
    selbst in freier Natur vom Mondlicht werden sie angezogen

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